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Bloß eine Hülle

VON ZIGGY WILDFANG //


Unter deiner Haut liegt ein Ort voller Erinnerungen.


Du warst nicht mehr als ein Klumpen voller Blut und Geschrei. Zu früh dran und doch viel zu spät. Der Brutkasten gefüllt mit dir im falschen Jahrzehnt. In eine andere Zeit hättest du vielleicht gepasst, aber hineingeschissen wurdest du in diese und irgendwann wirst du dich fragen, warum du Dinosaurier nur aus Büchern kennst.


In den ersten Jahren sammelst du Narben unter deiner Haut. Sammelst blaue Flecken auf ihr, scheißt sie ein, bemalst sie mit Filzstiften. Du weißt noch gar nicht, was das um dich herum ist. Wieso es schmerzt, wenn du mit der Spitze einer Nagelschere braune Stellen aus ihr herauspulst, weil du noch nicht weißt, was Muttermale sind.


Der Arzt sagt dir, du dürfest nicht strampeln, wenn du wieder aufwachen würdest und natürlich strampelst du, vielleicht schreist du auch, nachdem du nichtmal richtig wach bist, oder du bekommst es nur nicht mit. Du schläfst wieder ein durch die Kanüle auf deinem Handrücken und sie nähen das Ende deines Kinderschwanzes erneut zusammen. Du weißt gar nicht genau warum, aber die Haut an deinem Pimmel war zu eng und deswegen schnitten sie einen Teil davon weg. In den nächsten Wochen spürst du, wie die Kälte der Salbe in deiner Unterhose in dich einzieht.


Du ärgerst eins der anderen Kinder im Freibad und es rennt hinter dir her und du vor ihm weg und du lernst, das Haut aufplatzen kann, wenn du sie nur fest genug gegen eine Stufe aus Stein schmetterst. Du heulst, du schreist und irgendwie macht dein Schreien nichts besser, weil es das noch nie gemacht hat. Aber der Bademeister trägt dich in eine Kabine, auf deren Tür ein rotes Kreuz auf dich wartet und er sagt noch, das würde nun brennen und am nächsten Tag weißt du nicht, wie du den Verband über dem Sprühflaster lösen sollst, weil er festklebt. Also ziehst und zerrst du daran und es blutet an deinem Knöchel noch viel mehr als am Tag zuvor, aber es ist dir egal.


Du bist inzwischen alt genug, um in der Pause nach dem Sachkundeunterricht Zigaretten zu rauchen und mit einem Taschenmesser schneidet ihr dabei Buchstaben in die Haut auf euren Unterarmen. Du fragst dich, wie tief du schneiden musst, damit die Buchstaben auf der Innenseite deines Pullovers bleiben und du machst es auch, aber erkennst sie später nicht mehr, weil es ein einziger Abdruck voller Rot ist. Im Sportunterricht nutzt du die Unaufmerksamkeit deines Lehrers und schwingst dich an einem der Seile durch die Luft, weil du lieber ein Clown wärst als ein Schüler. Der Lehrer packt dich, du fliegst wegen ihm zu Boden und du knallst mit dem Kinn auf dein eigenes Knie und du merkst, wie deine unteren Schneidezähne sich innen in das Fleisch deiner Lippe schieben und darin stecken bleiben. Du löst sie, hast wütende Tränen in den Augen und spuckst deinen Lehrer blutig an und spürst auch nach einigen Minuten noch seinen Handabdruck auf deiner Wange.


Du stehst auf Rollschuhen und dieses Nachbarsmädchen steht hinter dir. Vorher hast du noch die Fasern ihrer Zunge auf deiner gespürt und nun steht sie hinter dir, hält deine Hände zusammen auf deinem Rücken und ihr wisst beide nicht mehr, was Gleichgewicht bedeutet und ihr sucht den Ausweg in dem Weg nach vorne und du bremst euren Sturz mit deiner Fresse. Das Lieben und das Necken liegen in dieser Zeit noch so nah beieinander und du liegst mit dem Gesicht auf dem Asphalt, hast zwei halbe Zähne weniger und noch heute trägst du diese Narbe auf deiner Haut von der Unterlippe bis in die Barthaare deines Kinns hinein.


Irgendwann stellst du fest, dass du nicht hässlich bist und du dachtest so lang, das wärst du. Du dachtest, du müssest hässlich sein, weil du arm bist. Aber deine Haut ist eine Verkleidung und du schlüpfst in ihr in viele Rollen und du bist der liebe Enkel, der für seine Oma Wildblumen pflückt. Du bist das asoziale Schwein, das seiner Physiklehrerin Weintrauben ins Gesicht wirft und einem Mitschüler gegen den Kopf tritt, weil es in voller Wut kein Ende finden kann. Du bist ein unsterblich Verliebter, aber sie wartet erst noch ein Jahr, bis es ihr auch so geht, also fickst du wahllos einfach irgendwen und stellst dir vor, das Jahr wäre schon vorbei. Du bist der extrovertierteste Mensch, den du kennst und du bist der introvertierteste Mensch, den du kennst. Du magst deine Rollen und du hasst sie. Aber immerhin siehst du dabei gut aus in deiner Haut.


Dein Panzer wird immer dicker und sein Schutz zur Nebensache. Du hast unter ihm alles eingesperrt, alles behalten. Du bist mit ihm gewachsen, oder vielleicht bist du an ihm gewachsen, aber eines Tages bricht er auseinander und all diese Scheiße, die du ganz wunderbar unter ihm einsperren konntest, sie fließt heraus und überschwemmt dich. Du stehst also in all dieser Scheiße, du schwimmst darin, du versinkst darin, nenn es, wie du willst, aber du bekommst auch endlich Namen dafür. Für Depression, für Angststörung, für Zwang, für Trauma, für Unsicherheit, für Sucht. Du würdest die offene Stelle wieder zunähen, aber du kannst in deiner Haut kein Loch finden, das du nicht schon immer kennst. Also lernst du, damit zu leben und entweder trinkst du, oder du nimmst Drogen, oder du fickst, oder du malst, oder du schreibst, oder es macht keinen Unterschied, denn manchmal bist du dir sicher, du bist nur ein Roboter mit einer organischen Hülle, der falsch programmiert ist und deswegen glaubt, er sei ein Mensch.


Du denkst an sie, weil unter ihrer Haut ein Zuhause für dich lag. Weil ihre Haut der Ort ist, an dem du gerne sterben würdest, wenn es so weit ist, aber gestorben ist nur das mit euch. Du willst nicht mehr an sie denken und du weißt auch, dass es diesen Ort nicht mehr gibt und wenn es ihn jetzt nicht mehr gibt, sagst du dir, dann hat es ihn auch nie gegeben. Also ist es egal und du kommst schon irgendwann darüber hinweg, weil du bisher noch über alles hinweggekommen bist und dennoch schließt du jedes Mal die Augen, wenn du nackt mit irgendwem im Bett liegst und du stellst dir vor, du wärst zuhause und könntest endlich ein letztes Mal sterben.


Du würdest dich so gerne ausdrücken und dich bemerkbar machen, aber deine Haut ist wieder dieses Schutzschild. Du würdest gerne zeigen, was in dir los ist, was in dir vor sich geht, weil das zu viel ist und zu tief und zu schwer, um es zu erklären und es wäre einfacher, wenn sie es einfach sehen könnten, aber ihre Blicke schaffen es nicht hinein in dein Inneres. Und deswegen schreist du, aber du schreist schon lange nicht mehr laut, weil das doch nie etwas besser macht und du kein beschissenes Kind mehr bist, also schreist du irgendwo hinter diesem Schutzschild. Irgendwo auf der Seite dieses Schildes, wo du mit dir alleine bist und der Schall nicht existent.


Eines Tages wird dich jemand umbringen und wahrscheinlich wirst du selbst es sein. Du könntest tagelang über das Leben philosophieren, über das Für und das Wider, über Sinn und Unsinn verteilt in dieser riesigen Masse blanken Zufalls, in Straßen aus Milch und Sternenstaub. Du könntest erklären, warum du die Ordnung nur im Chaos findest und warum dein Hass und deine Liebe immer gleichzeitig sichtbar sind. Warum du den Dreck so sehr magst und die Pissrinnen dieser Welt jeder Eintrittskarte in ihre heuchlerischen Paläste vorziehst. Sie verurteilen dich und du verachtest sie und du weißt, es ist immer die schwerste Haut, in der man feststeckt und es ist die leichteste, die man beliebig abstreifen und neu auflegen kann und das wäre dir viel zu wenig. Weil deine Haut Haltung braucht. Und eines Tages, wenn es soweit ist, dann erst wird sie keine mehr haben, sagst du dir. Dann erst wird sie einfallen, wird sich öffnen, wird verfaulen.


Und mit deiner Haut verfault auch langsam dieser Ort, der unter ihr liegt. Dieser Ort voller Erinnerungen.


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Angekommen

VON JONAS MIETH // In meinem Bett liegt ein Mann, der mir Fragen stellt, auf die ich keine Antworten habe.

Irgendwohin

VON SAMIRA SERVOS // Ezra schüttete eine weitere Ladung Allzweckreiniger auf das Sofa