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DER ABGRUND LIEGT NICHT AM RAND

VON ZIGGY WILDFANG //


Du kennst das vielleicht nicht, weil du weit genug entfernt vom Rand stehst. Doch du fragst dich, wie du dich fühlst, aber du gibst dir keine Antwort. Weil du dir keine Antwort geben kannst. Weil du es nicht weißt. Du weißt, dass du dich fühlst. Viel zu viel sogar. Viel zu oft. Viel zu intensiv und mehr vermutlich als jedes einzelne dieser Gesichter, die deinen Weg heute bereits kreuzten. Oder irgendwann in deinem Leben. Aber wie du dich fühlst, du weißt es nicht.


Du sagst, du fühlest dich gut, weil es der einfachere Weg ist. Und irgendwie glaubst du dir das auch, obwohl du auch sagen könntest, du fühlest dich schlecht, aber das zieht doch wirklich immer zu viele Fragen nach sich, die du noch weniger beantworten kannst. Du weißt nicht, ob es Trauer ist oder Wut, ob du enttäuscht bist, oder ob du die Enttäuschung bloß falsch deutest und dich vielmehr darüber freust, dass du dich frei oder unabhängig fühlen kannst, oder ob das sogar sowas wie Glück ist, oder vielleicht bist du doch eher zufrieden, aber dann bist du dir ziemlich sicher, dass du ein Gefühl wie Zufriedenheit nur aus Erzählungen kennst.


Und während du darüber nachdenkst, dass du wie immer zu viel nachdenkst, wobei doch eigentlich niemand mehr nachdenkt, verschlingt dich diese Zerrissenheit, die du besser kennst als jede Erzählung. Sie stülpt ihren Schlund über dich, zermalmt dich, zerreibt dich zwischen ihren Kiefern und saugt dich ein oder vielmehr das, was in diesem Moment noch von dir übrig ist und du schmeckst ihre bitteren Säfte, die dich langsam auflösen, also du schmeckst sie oder der Rest von dir, diese Säfte, die dich dabei noch fühlen lassen, dass du dich nicht fühlst, weil kaum mehr etwas von dir übrig ist. Und du fragst dich, wieso du zu feige bist, um Schluss zu machen.


Wieso du nicht diesen letzten Schritt machst, der den Rand zum Abgrund wandelt. Und du sagst dir, dass du diesem Haufen Scheiße dafür doch einfach zu viel abgewinnen kannst. Und doch betäubst du dich jeden Tag so sehr in der Hoffnung, dass die nächste Betäubung keinen neuen Tag begrüßt und deine Beine nicht mehr auf das hören, was du sagst, oder was irgendwer sagt. Und bevor du dich diesem Gedanken wieder zu sehr hingibst, scheißt sie dich aus, diese Zerrissenheit.


Sie scheißt dich dir selbst vor die Füße und sie hilft dir dabei, dich zu greifen und dich aufzurichten und sie flüstert dir ins Ohr, dass es besser wird und sie weiß, dass du ihr dies auch diesmal glaubst, obwohl du weißt, dass sie lügt. Und plötzlich sitzt du in einem Auto. Du hast geparkt und du stellst die Parkscheibe ein auf eine unbedeutende Uhrzeit, weil dir die Uhrzeit nichts bedeutet und die Zeit doch alles und kurz bevor du den Motor abstellst, laufen die ersten Töne des falschen Liedes zur falschen Zeit am falschen Ort. Und du überlegst, ob du abwartest, ob du es aushältst, ganz allein für dich, ganz allein mit dir, oder ob du standhältst, aussteigst, dich unter sie mischst, wie du es schon so oft tun musstest und es schaffst.


Und natürlich bist du schon groß genug und du steigst aus dem Auto, weil du gerne auch unbesiegbar bist und vor allem längst nicht mehr dieses kleine Kind, dem es wichtig war, wie es aufgenommen wird. Zerbrechlich bist du vielleicht, aber du puzzelst gerne und du setzt das immer wieder zusammen, was ausgeschissen wird von dieser Zerrissenheit, auch wenn die Teile nicht immer ineinanderpassen, aber irgendwie setzt du sie zusammen und das macht dich unbesiegbar, auch wenn du das Gewinnen nicht kennst. Du läufst und du denkst, nichts kann dir jetzt etwas anhaben.


Niemand kann das, nicht das Draußen, nicht dieses Lied und nicht du und vor allem nicht sie. Also gibst du einen Fick auf all das und du fragst dich, wieso du nicht hättest aussteigen sollen und plötzlich bekommst du die Antwort darauf, die Antwort genau darauf, weil faustgroße Tränen von innen gegen deine Augenwände hämmern und du machst das, was du dann immer machst. Du schaust in dieses endlose Blau über dir. Vielleicht willst du fremden Blicken ausweichen und natürlich willst du das, du willst nicht Teil dessen sein, was du in ihnen siehst, aber vielleicht suchst du dort auch etwas in diesem Blau. Erinnerungen suchst du, sagst du dir und natürlich suchst du schöne Erinnerungen, weil sie diesem Blau über dir die Dunkelheit nehmen können und sobald es heller wird, wird dir bewusst, dass die schönsten Erinnerungen heute noch viel dunkler sind als die Dunkelheit, weil sie dieses leuchtende Damals streicheln, das du hier nicht mehr spürst und auf einmal ist alles schwarz.


Du kannst nicht ewig den Kopf oben halten, das ist dir bewusst und so trifft dein Blick doch diese Blicke und du versuchst, zu entscheiden, ob du sie anschreist, so leise wie du nur kannst, oder ob du sie mit dem lautesten Schweigen bezwingst. Du willst sie nicht beleidigen und doch hoffst du darauf, dass du es tust, dass deine Kehle es hält wie deine Beine am Rand vor diesem Abgrund. Aber so wenig wie deine Beine sich entscheiden, entscheidet sich deine Kehle und so lässt du diesen Raum frei und gehst weiter. Du gehst weiter, denn deine Oma klagte darüber, dass ihr Haustelefon nicht mehr richtig funktioniert und als der missratene Enkel, der du bist, möchtest du sie mit einem neuen Telefon überraschen, obwohl du weißt, dass sie sich erst in ein paar Tagen darüber freuen wird, weil sie sich übergangen fühlen wird und egal wie klein die Tasten sein werden, sie wird es für ein Telefon halten, das für die schlechten Augen einer verstaubten Seniorin gemacht wurde, obwohl sie noch nach einem neuen Turnschuh duftet und doch hat sie inzwischen Schwierigkeiten dabei, die Buchstaben ihrer Bücher aneinanderzureihen, ohne ihre Augen zusammenzukneifen und ihre Brille trägt sie so ungern, wie sie diesen Rollator vor sich herschiebt, den sie nicht braucht, weil er sie bloß am Stürzen hindert.


Und irgendwie schaffst du es, vor diesem Mann in einem blauen Hemd zu stehen und dich beraten zu lassen, obwohl du längst weißt, was du kaufen wirst, aber so kannst du zur Not noch sagen, du konntest nicht anders wählen, weil seine Empfehlung die Schuld an dem Kauf dieses furchtbaren Gerätes trägt. Und er erläutert die Vorteile der Funktionen und du hörst natürlich auch zu, aber viel lauter hörst du seine ungestellte Frage nach deinen verquollenen Augenlidern und dem vielen Rot auf dieser weißen Kugel mit diesem schwarzbraunen Loch in der Mitte. Und du hoffst so sehr, du wünschst dir, dass er es auf deine letzte Nacht schiebt, auf deinen letzten Kokainrausch, weil du dann wach bist, wenn alle anderen schlafen, weil du es unter dir viel besser aushältst als unter ihnen, obwohl du dich selbst kaum aushalten kannst, auf die letzten Mengen Ketamin, weil du irgendwann zumindest zwei Stunden schlafen musst, um nicht noch mehr aufzufallen, wenn du wieder versuchst, unter ihnen zu funktionieren.


Du wünschst dir, dass er denkt, dass du noch immer drauf bist, damit nicht der geringste seiner Gedanken deine emotionale Verfassung infrage stellt. Dich entlarvt. Dich nicht als ein Wrack ausmacht, das neben ihm nichts zu suchen hat, weil er natürlich oben schwimmt und nichts vom Sinken versteht. Und du wünschst es vor allem aber deshalb, weil du das nicht mit ihm teilen willst. Weil du das mit niemandem teilen willst, nicht einmal mit dir selbst. Und eigentlich fühlst du dich gerade viel zu gut dafür, diesem für ewig unbekannten Gesicht zu gestehen, wie schlecht du dich fühlst. Und so denkst du nur, du musst dich nun zusammenreißen und du kaufst irgendeinen dieser Apparate, weil sie alle gleich sind.


Über dir ist wieder dieses Blau aus hellen Tropfen, die dunkel auf dich herabregnen und du stellst das Radio nicht an, weil du dieses Lied summst, das du dadurch vergessen willst und es klingt wie ein Wald, wie eine Nordseeinsel, aber du weißt nicht mehr, wo diese Orte begraben sind. Und deine Oma beschwert sich über zu große Tasten, obwohl sie viel kleiner sind als die meisten Tasten der Telefone, die du nicht gekauft hast. Aber als du gehst, sagt sie dir, sobald du den nächsten Spaziergang mit deiner Fellnase machen würdest, würde sie sich heimlich darüber freuen, weil sie sich keinen anderen Enkel wünschen würde. Und du kennst das vielleicht nicht. Aber vielleicht kannst du dich darüber freuen, dir Antworten auf deine Fragen geben zu können, mit denen du zufrieden bist.


Vielleicht kannst du dich darüber freuen, dass du Teil von etwas bist, das dich nicht zerfrisst, nur weil es da ist, weil es um dich herum existiert. Weil du nicht mittendrin stehst und doch außen vor bist.


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