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Ein Portrait der Künstlerin als mittelalte Thekenkraft

VON KATRIN KRAUSE //


Die Barfrau Edda Schwerdtfeder ist ein schwieriges Weibsbild. Das finden jedenfalls die Nachmittagstrinker, die sich nach Feierabend dringend irgendwo festhalten gehen müssen. Mit der linken Hand halten sie ihre Betonköpfe über dem gemaserten Tresen. Sie wollen den Aufprall verhindern. Mit der anderen Hand klammern sie sich an gläserne Tulpen und Stangen und beschweren sich über zu viel und zu wenig Schaum. Eigentlich würden sie sich viel lieber an Edda klammern.


Bringschnecke und Schankmoped rufen die Alfreds und Bodos nach ihr, lachen ihr deftigstes Altherrenlachen und klopfen nach Zustimmung heischend auf den Tresen. Aber das bringt Eddas Welt schon lange nicht mehr zum Erzittern. Stoisch bringt sie mit Absicht zu viel oder zu wenig Schaum und kritzelt eine kleine Welt in das

Kellnerblockuniversum von Bitburger oder Heineken.


Früher hat sie einmal Kunst studiert, in Düsseldorf.

Keiner hat es bezahlt, deswegen hat sie es gelassen. Sie sollte sich einen richtigen Job suchen, sagte ihr Vater und starb. Dann hat sie sich einmal kurz schrecklich verliebt und ist in dieser Kleinstadt gelandet, von der niemand spricht. Deswegen soll ihr Name auch nicht genannt werden. Es sei nur so viel gesagt: Es gibt hier einen historischen Marktplatz mit Kopfsteinpflastern. So richtig wackelig und locker. Wie die Köpfe der Tresenhocker.


Manchmal kann man hier allzu Eilige stolpern sehen. Es gibt außerdem Gewässer auf der Durchreise und ein paar im Sommer katholisch-transpirierende Gemäuer. Man kann sich hier gemütlich auf eine Parkbank setzen. Gemütlich wird hier generell großgeschrieben. Nur mit dem wieder Aufstehen wird es schwierig. Die Sitzfläche ist niedrig. Die Kneipen schließen hier alle früh. Die Leute sollen zuhause saufen gehen.

Das Coupé hat unter der Woche immerhin bis drei Uhr auf. Am Wochenende durchgehend.

Für Edda ist das Coupé der zweitschlimmste Platz der Welt. Der Schlimmste ist das Dorf, in dem sie ihre Mutter zurückgelassen hat. An beiden Orten wird die Einsamkeit manchmal so laut, dass es in den Ohren knirscht.

Heute ist so ein knirschender Nachmittag. Zäh, wie der Baileys, der zu lange im zu kalten Kühlschrank stand. Den billigen SPD-Werbegeschenks-Kugelschreiber hält Edda in ihren langen Fingern. Heimlich ist sie ein bisschen in Kevin Kühnert verliebt.

Ihre Hände sind irgendwie transzendenter als ihr restlicher Körper.

Der anthrazitfarbene Nagellack ist vom Spülwasser abgeblättert aber die Haare stehen unter dem Band in züngelnden Flammen. Sie hat die Ruhe eines Renaissance-Gemäldes. Ein Portrait der Künstlerin als mittelalte Thekenkraft.


"Machsmanochsuahns!"

Der Mann mit der absonderlichen Frisur klopft mit seinem leeren Weizenglas an und hält Edda die Öffnung hin. Man könnte denken, er hätte eine Glatze, aber im Profil kann man seinen kleinen Jedi-Zopf im Nacken sehen. Jürgen, heißt er.

Edda bewegt sich nicht.

"Äh! Träumse?"

"Ich glaube schon", sagt Edda viel zu leise und schleicht auf Jürgen zu.

"Wovon denn? Von hübsche Kerls?"

"Ja, auch", ergibt sich Edda, der Einfachheit halber.

"Na die wirsse hier net finden."

"Ich weiß."

"Na dann is ja jut. Et is immer besser, sich von Anfang an keine Hoffnung zu

machen. De wirsja donnur enttäuscht. Machs mir en schönes Krönsche?"

"Ja, so ein schönes Krönchen wie immer."

"De bis mein Schatz."

Sie schlufft an den Zapfhahn und drückt den Hebel durch. Aggressiv befüllt sich das Glas mit Schaum.

"Na na na, nit su vel Krönsche."

"War ein Versehen."


Edda wartet ab, bis sich das Krönchenproblem von alleine löst und sucht nach einer Playlist auf Spotify.

Sie findet eine mit vielen Hildegard Knef Songs. Das ist gut, findet sie. Man hört die schmatzenden und schnalzenden Suffgeräusche nicht mehr so und eine Frau sagt hier endlich mal laut was sie zu sagen hat. Vielleicht sind die Männer dann genervt und verschwinden schneller.

"Hasse nix von de Stones?"

Ein Honecker in Lederjacke meldet sich zu Wort.

"Leider gibt es die nicht im Internet."

"Asu, ja dann net."


Edda schmunzelt in sich rein, stellt das frisch gezapfte Weizenbier bei seinem Besitzer ab und stellt sich wieder vor ihre Zettel, die mittlerweile liebevoll und detailreich von floralen Ornamenten umrankt sind. Der Mittelpunkt ihrer Zeichnungen bleibt leer. Immer von Außen nach Innen. Und dann doch wieder nur Leere.


Wie auf der Leinwand, in ihrer Wohnung, über dem Coupé. Als Mahnmal hängt sie dort, genauso weiß, wie sie beim Einzug war. Na ja, vielleicht nicht ganz so weiß, denkt Edda. Vielleicht hat das Nikotin sie mittlerweile ein bisschen eingefärbt.

Eigentlich ein interessanter Versuch. So lange mit der Leinwand leben, bis sich Teile deines Lebens darauf abzeichnen. Edda überlegt, was sich in einem ganzen Menschenleben noch so alles auf Leinwand drücken ließe und kommt nur bis zur Nabelschnur.


Sie wird unterbrochen von einem überschwänglichen Lachen. Von wildem Quatschen und Prahlemanns Tönen. Die Schwingtüren des Coupés platzen auf wie in einem Saloon. Die lila Ufo-Lampen, die von der Decke baumeln, pendeln und ein Schwall junger Leute erbricht sich in den Eingangsbereich.

Eine klebrige Masse aus Underdogs.

Da ist zum Beispiel ein Boy, der einen Ohrring trägt wie ein anderer Boy, der George heißt. Mit seinem Culture Club schlendert er lässig zum Tresen. Er wird flankiert von einem zierlichen Girl mit massiven Dreadlocks und einer sehr schönen Frau mit atemberaubender Stirnschlucht und Rosentattoo. Dem Girl ist er zugeneigter, die Frau ist ihm zugeneigter. Die drei sind Truffauts Catherine, Jules und Jim - aber in andersrum.

Das kann man sehen.

Hinter der Ménage-à-trois stolpert der Pöbel zu seinen Plätzen. Ein Shorty mit Longboard, Super Mario und Luigi mit dunklen Pilotenbrillen, ein Slim Shady in ausgeblichenem Slayer-Shirt und ein jugendlicher Yoga-Lehrer mit zerwuseltem Kopf- und Brusthaar. Sie setzen sich an die Theke. Das haben die Jungen von den Alten gelernt. Wer was gelten will, muss einen Tresenplatz haben. In der Kneipe und im Leben.


"Hey Edda. Machst du uns bitte eine Runde Berliner Luft? Dankeschön."

Der Ton von Boy George ist der, den höhere Söhne bei Bewerbungsgesprächen haben, die ihre Väter für sie klargemacht haben. Wie schmierig, denkt Edda. Und: "War ja klar, dass die sich direkt mit Berliner Luft

besaufen. Unsere Luft hier reicht denen wohl nicht." Lächelnd stellt sie den ungefähr Gleichaltrigen ein klebriges Tablett mit acht ungleich befüllten Shot-Gläsern hin.

"Mach uns direkt noch so eins."

Slim Shady hält Höflichkeit für ein outdated concept.

"Und Pils für alle."

"Ich nehme ein Radler"

"Ich auch."

Die Mädchen wollen sich hydrieren und sprechen dann wild gestikulierend von Brunnenbau in Afrika und Coca-Cola. Jedenfalls so lange bis sie ihr mit Sprite gemischtes Bitburger bekommen. Dann halten sie sich genauso an ihren Gläsern fest, wie die alten Männer, auf der anderen Seite des Tresens. Von dort aus haben

diese die Mädchen längst scheu im Blick.

"Wie war's denn eigentlich auf deinem Trip, Seb?"

"Schon cool. Also man merkt, dass die spanische Regierung alles dafür getan hat den Weg wieder sicherer zu machen. Alles ist voll Holzplanken, Sicherheitsleinen und Maschendraht. Aber Schiss hatte ich schon."


Der gibt das nicht zu, der gibt an, denkt Edda.


"Wo warst du denn eigentlich den ganzen Sommer über?"

Seb und das Dreadlock-Girl scheinen sich nicht besonders gut zu kennen.

"Auf dem Caminito del Rey."

"Oh cool, davon habe ich schon mal gehört. In irgendeiner Top100-Show. Ist das nicht der gefährlichste Wanderweg Europas?"

"Jip."

"Ich war vor zwei Jahren bei den Elephant Falls in Vietnam wandern. Das war auch schon heavy."

"Boah, dieses Wandern ist ja nichts für mich."

Boy George unterbricht seine Liebste.

"Wisst ihr, was ihr mal unbedingt machen müsst?"

Alle schweigen und gucken den von sich selbst faszinierten Redner mit leicht geöffneten Mündern an.

"In Swapokmund in Namibia kann man einen Fallschirmsprung aus 3000 Metern Höhe machen. Da rauschen dir die Ohren, so pumpt das Adrenalin und dann auch noch diese tolle Aussicht über die Namib-Wüste, you won't forget, I promise."

"Hast du das denn schon gemacht?"


Sägt Slim Shady da gerade an dem Thron des Königs?

"Nein, leider nicht. Aber es steht ganz oben auf meiner To-Do Liste."


Edda kichert in den Schrank, in den sie die Gläser einräumt. Ja, sie sind intensive Menschen, Boy George und Slim Shady, denkt sie. Das Leben als To-Do-Liste. So geht es dann weiter. Einer hat etwas gemacht, ein anderer hat etwas "krasseres", oder "heftigeres" gemacht. Pausenlos werden mit lauter vor Stolz platzenden Herzen

Alltags-Intensitäten besprochen. Ein Kick jagt den nächsten. Ein Kick gleicht dem nächsten. Es ist wie bei Scientology, sie schreiten immer weiter vor in den Ebenen des Erlebens. In Eddas Brustkorb wird es vor Übersättigung immer schwerer und sie beschließt die Kinder auf stumm zu schalten. Edda war noch nie im Urlaub. Eddas Eltern waren auch nie im Urlaub. Sie denkt an ihre Mutter.

Agnes Schwerdtfeder ist eine niedergedrückte Frau mit Buckel, die immer viel mehr für die nächste Welt

gelebt hat, als für diese. Diese jungen Menschen leben ausschließlich für diese, denkt Edda und weiß nicht was sie schlimmer findet.

Vor der Tür scheppert's. Die Underdogs und die Altherrenfraktion drehen sich zum Fenster. Da kommt ein merkwürdiger Typ mit einer rumpeligen Fahrradkarawane. Es ist ein Lastenrad mit Anhänger. Also Stauraum vorne und hinten. Und alles ist voll mit Lasten und Anhang. Der Fahrer ist ein anämischer, mittelalter Typ mit Bogart-Hut – ephemer irgendwie. Edda hofft, dass er reinkommt, damit sie besser gucken kann und sie hat Glück. Der bleiche Schatten schleicht durch die Saloontür, die diesmal kaum schwingt.

Er setzt sich auch an die Theke – auf den letzten freien Platz.

Wenn man alleine ist, ist das nämlich der beste Platz.


"Einen Kaffee bitte – schwarz."

Edda ist enttäuscht. Normalerweise reden solche Nomaden mehr.

"Wo kommst du denn gerade her?"

Vielleicht ist er das Sprechen nur nicht mehr gewohnt, oder er ist schüchtern, denkt sie.

"Ich bin Künstler", sagt er.

Plötzlich schämt sie sich.

"Was machst du denn für Kunst?"

"Skulpturen."

"Oh."

"Ja."

"Aus was für Materialien?"

"Alles was ich auf den Straßen und Feldwegen in Deutschland finde. Siehst du mein

Fahrrad da draußen?"

"Ja."

"Damit sammle ich alles ein. Die Inspiration liegt oft auf der Straße. Kennst du Marios Escobar?"

"Ja."

Er guckt sie erst erstaunt, dann ungläubig an. Das hätte er von einer Kellnerin nicht erwartet.

"Na ja, sowas ähnliches mache ich halt. Und du? Interessierst du dich für Kunst?"

"Manchmal."

"Aber wenn du Escobar kennst, musst du ja schon tief in die Materie eingedrungen sein."

"Ich lese manchmal gern was über Künstler."

"Soso. Wer ist denn dein Lieblingskünstler?"

Edda fühlt sich getestet und das wird sie auch. Der Mann mit den bläulichschimmernden Bartstoppeln lächelt sie herausfordernd an.

"Ich mag Rosemarie Trockel", sagt Edda kleinlauter als sie das geplant hatte.

Weniger trotzig als noch in ihren Gedanken.

"Ah, Frauenzimmerkunst aus der Düsseldorfer Fraktion", sagt der Blaubart.

Edda schämt sich und wird gleichzeitig wütend.

"Du weißt aber schon, dass die Malerei tot ist."

"Wie oft war die Malerei schon tot?"


Der Künstler lacht.


"Du gefällst mir. Hast du nicht Lust nach Feierabend noch was mit mir trinken zu gehen? Ich habe mich auf meinen Reisen lange nicht mehr gut unterhalten können. Auf diese eine bestimmte Art. Du weißt schon. Mit Funkeln in den Augen und hitzigen Gemütern."

Wie lange hat Edda Schwerdtfeder darauf gewartet. Dass jemand kommt und sie genau das fragt. Sie hat sich vorgestellt bös' zu lächeln während ein Kneipenkopf auf den Tresen kracht. Und wie dann das Schiff mit acht Segeln und fünfzig Kanonen mit ihr entschwindet. Nachmittag für Nachmittag hat sie ihre Fluchtpläne geschmiedet. Bier um Bier hat sie geplant ihr Herz noch einmal zu verschenken.


"Na, was ist? Hast du Lust?"

Jetzt ist es aber der Blaubart, der bös' lächelt.

"Leider kann ich heute nicht."

"Wieso nicht?"

"Weil ich nicht will", sagt sie und das ist die Wahrheit.

Sie möchte einfach nicht das Schiff mit den fünfzig Kanonen besteigen und auch nicht den Künstler mit

brennendem Herzen die Dinge in Brand stecken lassen, die ihr schon lange heimlich heilig sind. Es ist das mutigste, was die Barfrau seit langer Zeit getan hat. Die Absage streichelt ihre tiefe und geschundene, halbverätzte Magengrube mehr, als die Flucht es je gekonnt hätte.


"Kein Problem", sagt der Bogart-Hut-Träger, aber die gekränkten Augen im Schatten unter der Krempe sagen etwas anderes. Er trinkt den Kaffee schnell und geht. Er ist nicht gut darin die Stille auszuhalten.

Edda ist darin die Beste.


Sie bringt Jürgen noch ein Weizen und geht zurück zu ihren Kritzeleien. Endlich füllt sie die Mitte.

Sie denkt an ihre Leinwand, in ihrer Wohnung, über dem Coupé, wie sie darauf wartet, dass die Thekenkraft unten endlich Feierabend hat. Ab heute ist es lauwarm in Edda Schwerdtfeder.

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