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Eine Lüge wert

VON TAYPHOON //



1


Ich laufe durch den Flur in Richtung der Toiletten. Meine Arme habe ich in beide Richtungen ausgestreckt und meine Wangen aufgeblasen, sodass ich Motorgeräusche machen kann. Aber ziemlich leise, nur für mich, denn es wäre mir peinlich, so gesehen zu werden. Auch mit den Armbewegungen bin ich recht verhalten, aber von außen müsste schon zu erkennen sein, dass ich ein Flugzeug darstellen soll.

Das nächste Bild ist Laura, die ihre beiden Hände auf ihrem Bauch vereint hat. Sie hat ihr Becken ziemlich weit zurückgezogen und ihre Lippen haben sich zu einem kreisrunden O geformt. Ihre geflochtenen Zöpfe hängen links und rechts runter. Sie schaut mich entsetzt an. Ihre Freundin neben ihr beobachtet uns teilnahmslos, aber auch sichtlich erschrocken. „Was machst du!?“, brüllt Laura mich an und bricht in Tränen aus. Die beiden laufen an mir vorbei und sind weg.


Habe ich sie wirklich so stark am Bauch getroffen? Schon klar, meine Flughöhe muss beachtlich gewesen sein, wenn man bedenkt, dass ich eine Art Filmriss habe. Aber war ich echt so schnell? Wow!

Zeitsprung. Es ist Sitzkreis, das heißt, alle sitzen im Kreis und gucken sich an. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich zwischenzeitlich noch auf der Toilette war. Niemand redet, nur die Erzieherin schreit. Und zwar mich an. Die Tränen fließen mir über das Gesicht, während ich still da sitze und die Schimpftirade über mich ergehen lasse. Meinen Blick kann ich dabei nicht von ihr nehmen, dieses hasserfüllte Gesicht. Das kenne ich nur von wenn Erwachsene untereinander streiten. Aber ich muss voll drauf halten, sonst müsste ich in die Augen der anderen Kinder sehen. Diese Szene erscheint mir so gar nicht Kindergarten. Ich werde nie mit jemandem darüber sprechen. Auch von der Anstalt wird sich niemand dazu bei meiner Familie äußern. Es wird nie wieder irgendwo Thema werden. Nicht einmal beim Elternsprechtag, als diesmal lauter Erwachsene im Stuhlkreis sitzen.


„Hallo, ich bin die Mutter von Max.“

„Hallo, ich bin die Mutter von Nadja.“

„Hallo, ich bin die Mutter von Alican.“

„Hallo, ich bin die Mutter von Laura.“

„Hallo, ich bin die Tante von...“ mir. Die Tante von mir erfährt nie, was in diesem Kreis vorgefallen ist.


Auf Spielplätzen, Bolzplätzen und auch anderswo, wo Kinder zusammenkommen, schaue ich ständig die anderen Kinder an, die herumlaufen, sich gegenseitig raufen, doofe Reime schreien und Dinge umhauen. Ich mag was sie tun, und stelle mir vor, wie ich diese Dinge tue. Ich gehe aber nie zu ihnen hin.

Meine Familie lobt mich andauernd dafür, dass ich so artig bin. Ein Vorzeigekind, das seinen Gleichaltrigen vieles voraus hat. Sitzt immer still da, macht nichts kaputt, kommt den ganzen Tag mit zwei Actionfiguren und einer Hand voll Murmeln aus. In Wahrheit reicht mir sogar nur eine dieser Murmeln. Die stelle ich mir als einen Fußball vor und lasse meine Figuren damit tolle Tricks vorführen, während ich in meinem Zimmer auf dem Bauch liege und sie gegeneinander antreten lasse. Die beiden führen dabei andauernd Gespräche. Viel zu viel Gerede für ein Fußballspiel eigentlich.


Sparsam bin ich auch. Ein Kind, das an seine Ersparnisse denkt. Mein Vater erzählt den Leuten andauernd diese Anekdote, wie wir gemeinsam in ein Kaufhaus gegangen sind, weil ich mir von meinem Geld ein Spiel für den Gameboy kaufen wollte. Als ich das Spiel in der Hand hielt und den Preis sah, hatte ich es mir anders überlegt und wollte darauf verzichten. An sein stolzes Lachen, nachdem ich sagte, wir können gehen, kann ich mich gut erinnern. Er kaufte mir das Spiel dann selber.


Im Laufe der Jahre werde ich zwei Generationen von Playstation-Konsolen zu Geburtstagen geschenkt bekommen, die meine Gehaltsklasse als Schüler deutlich übersteigen werden, indem ich Wochen vorher anfange davon zu sprechen, dass ich mir bald eine zulegen würde.





2


Vor den Sommerferien vor meiner Einschulung in die erste Klasse findet in der Schule ein Kennenlerntag statt, bei dem sich die künftige Eins C kennenlernen soll. Wir Kindergartenabsolventen bekommen jeweils einen Viertklässler als Betreuer für den Tag zugeteilt. Weil mein Bruder bis zu den Ferien noch bei Frau Becker, meiner neuen Lehrerin, in die Klasse geht, kriege ich praktischerweise ihn zugeteilt.

Das Event beginnt mit lauter Namensschilder, die mit kleinen Magneten an die Tafel befestigt wurden. Wir sollen nach der Reihe aufstehen und uns das mit unserem eigenen Namen holen. Das ist offensichtlich ein Test.


Ich erinnere mich daran zurück, wie mein Bruder mich zu Hause mal total aufgeregt mit einem Fußball-Sammelsticker-Heft aufgesucht und die Seiten mit der türkischen Nationalmannschaft aufgeschlagen hat.

„Guck mal!“, foderte er mich auf und zeigte auf einen aufgeklebten Sticker. Ich guckte.

„Was ist denn damit?“

„Ja, guck doch!“

„Ich gucke doch. Was ist da?“

„Der heißt so wie du!“

„Achso. Hahaha, cool!“ Woher sollte ich das wissen? Ich konnte doch nicht lesen.


Zurück in der Klasse, haben jetzt die Hälfte der Kinder bereits ihr Namensschild vor sich stehen. Bald bin ich dran und ich kann weiterhin nicht lesen. Ich kann mich auch nicht erinnern, wie mein Name in dem Stickerheft ausgesehen hat. Warum gibt mein Bruder mir keinen Tipp? Er sollte doch wissen, dass mir seitdem niemand das Lesen beigebracht hat? Jetzt bin ich an der Reihe und stehe auf, um zur Tafel zu gehen. Mein Auftreten ist souverän, ich komme ohne jegliche Peinlichkeit vor der Tafel an und schnappe mir das Namensschild. Aber das eines anderen. Frau Becker und die älteren Schüler lachen plötzlich alle. Auch einige der anderen neuen Kinder. Mir wird das richtige Schild dann in die Hand gedrückt und ich setze mich zurück zu meinem Bruder, wo er und seine Freunde nochmal persönlich lachen.


Bei der Einschulung stellen wir uns mit den anderen Kindern in einer Reihe vor unserem neuen Klassenzimmer auf und gehen dann gemeinsam in einer Linie rein, sodass Frau Becker uns nochmal einzeln begrüßen kann. Ich mache meine Schritte irgendwo im letzten Drittel und kann die Situation sehr gut überschauen, als Frau Becker einen anderen Jungen mit meinem Namen begrüßt. „Nein, ich bin Semih!“, korrigiert er sie darauf. Wir sehen uns nicht einmal ähnlich. Semih trägt zwar auch eine Brille, ist aber viel schlanker als ich.


In der großen Pause spricht mich einer meiner Mitschüler an: „Hi, ich bin Tobias. Wollen wir Freunde sein?“ Ich habe noch nie blonde Locken so nah erlebt. Die Szene kommt mir aber vertraut vor. Aus Cartoons. Wir werden Freunde.


Mein bester Freund allerdings, seit dem Kindergarten übrigens, ist Kerim und wir sind auch hier zum Glück in der gleichen Klasse gelandet. Kerim wohnt quasi bei mir in der Straße und wir sind ständig zusammen. Entweder spielen wir Fußball vor seiner Haustür, oder wir spielen Videospiele in seinem Zimmer. Seine Mutter lässt mich nie wieder nach Hause gehen, ohne zumindest einen Teller Reis gegessen zu haben. Ich nehme Kerim sogar einmal nach der Schule mit auf den Bordstein gegenüber unseres Wohnhauses und zeige ihm unser Küchenfenster, das meine Stiefmutter am Vortag mit einem Küchengerät zerschmettert hat. „Boah, krass!“


Als kleiner Bruder eines Ehemaligen besitze ich unter allen Schülern ein Alleinstellungsmerkmal. Frau Becker erzählt eine Anekdote immer besonders gerne: „Dein Bruder war genau so wie du, immer still und zurückhaltend. Dann, einmal, hat ihn ein Klassenkamerad geärgert und nachdem dein Bruder bestimmt fünfmal gesagt hat, er soll aufhören, da hat er ihm eine verpasst!“ Ich höre jedes Mal zu und wundere mich darüber, dass sich diese Geschichte gar nicht mit denen meines Bruders deckt, der mir zu Hause immer ganz stolz erzählt, wenn er jemanden verprügelt hat. Sie deckt sich aber auch nicht mit meinen Wutausbrüchen, die ich zu Hause ständig gegen meinen Bruder und in der Schule gegen die anderen Kinder habe. Gott bewahre den, den ich in die Hände kriege. Aber ich bin ziemlich dick und zu langsam, deshalb kriege ich nie jemanden in die Hände.


Die Pausen bedeuten in der Regel Fußball. Dem Spiel geht immer das Gebrüll „Türken gegen Deutsche!“ voraus. Ich weiß nicht, was mich mehr verwundert. Dass alle anderen Nationalitäten nicht beachtet werden, oder dass sie immer bei den Deutschen im Team sind.


In einem Match treibt es Tobias zu weit mit mir, indem er mir eine Schwalbe vorwirft. Als er dann den Ball am Fuß hat, ziehe ich voll durch und trete ihm mit einer überwältigenden Wut beide Beine weg. Gefühlt verbringt er fünf Sekunden in der Luft, ohne dass ein Körperteil den Boden berührt, und klatscht dann mit beiden Handflächen voraus auf dem Boden auf. Er beginnt unheimlich zu weinen und ich bekomme Angst.

„Das hast du mit Absicht gemacht! Das war Absicht!“ Er hört sich dabei überhaupt nicht wütend an; sein Ton klingt nicht mal nach Vorwurf, obwohl eindeutig einer formuliert wird. Tobias klingt wirklich einfach nur sehr verletzt.

„Nein, ich wollte den Ball treffen. Wirklich!“


In der dritten Klasse, nachdem man jetzt schon ein wenig von der englischen Sprache mitbekommen hat, veranstaltet die Schule einen Flohmarkt, auf dem wir Schüler unseren alten Kram verkaufen sollen. Die Regel: Es wird Englisch gesprochen!


Kerim erscheint an diesem Tag völlig unvorbereitet und ohne jegliches Zeug, also stehen wir gemeinsam an meinem kleinen Stand. Ich bin nervös und überlege mir ständig, was ich sagen soll, wenn jemand vorbeikommt. Lange Zeit wirkt es, als wäre meine Sorge unberechtigt, aber dann stellt sich eine Lehrerin vor uns, schaut sich mein Sortiment an und es beginnt die erste Verhandlung.


„Oh hey, what do you have here?“ Ich verstehe kein Wort, aber ich will nicht auffallen. Wenn sie mich auf Englisch anspricht, dann wird es schon etwas sein, worauf ich antworten können sollte.

„A dinosaur, a ball...“

„And what else?“

„Ehmm... A ball...“


Der Flohmarkt bringt mir insgesamt drei Euro ein, die ich auf dem Heimweg in meine Faust einschließe. Kurz bevor er nach Hause abbiegt, stellt Kerim fest, dass es nur fair ist, den Gewinn zu teilen. Schließlich standen wir ja gemeinsam da. Ich finde seine Argumentation nicht sinnvoll, das muss er ja aber nicht wissen. Ich schaue ihm zu, während er das Geld jetzt in seiner Hand aufteilt und mir meinen Anteil überreicht. Ich bin froh, dass ich mich der Situation nicht alleine stellen musste, er hat sich das Geld schon verdient. Und ohnehin ist man nicht verarscht worden, wenn man eine Begründung findet, warum man nicht verarscht worden ist.


Während der Grundschuljahre werde ich sehr oft von einigen Mitschülern zu ihren Geburtstagen eingeladen. Tobias, Tim, Timo, Sebastian, Robin und ich. Immer die üblichen Verdächtigen. Robin ist aber eine einfache Feier nicht genug, also heißt es in der Einladung auch Übernachtung. Ich komme ins Schwitzen und überlege mir eine Ausrede, wieso ich nicht bei Fremden zu Hause übernachten kann.

Dem normalen Teil der Feier wohne ich bei, auch sehr gerne. Und das, obwohl mich Robins kleiner Bruder „Mr. Fettsack“ tauft und ich mir den ganzen Tag denken muss: „Was seid ihr für Eltern? Stoppt den kleinen Wichser!“


Am Abend kommt mich mein Vater wie abgesprochen abholen und begründet mein vorzeitiges Verlassen vor dem Vater von Robin an der Tür damit, dass ja nach dem Wochenende Urlaub in der Heimat ansteht, und dass ich noch meinen Koffer packen müsse. Genau so habe ich es ihm aufgetragen. Sehr gut, Baba! Die beiden lächeln, ich höre aufmerksam zu und hoffe, dass wir bald weg sind. Robins Vater und alle hinter dieser Türschwelle wissen, es ist eine Lüge. Ein Drittklässler packt nicht alleine seinen Koffer und wenn doch, dann kein ganzes Wochenende lang. Aber ist mir recht. Lieber lüge ich sie alle ganz offensichtlich an, als dass ich auf Risiko spiele, die Nacht hier verbringe und mich dann in der Nacht bepisse.


Einmal in der Woche werden für ein- oder zwei Schulstunden verschiedenste Spiele mit Lehrcharakter aus dem Schrank gepackt und Stationen gebildet. Ich gerate in ein Spiel, bei dem es darum geht, sich für verschiedene Sätze zwischen das und dass zu entscheiden. Ich gucke einmal drüber und kann nichts damit anfangen, es erscheint mir zu schwierig. Also lege ich es weg. Frau Becker findet, dass das viel zu schnell ging und nimmt mir das Spiel aus der Hand, um zu sehen, worum es sich dabei handelt. Sie bemerkt, dass ich das aus dem Unterricht heraus noch gar nicht können dürfte, also setzt sie sich zu mir und will, dass ich das Ding nochmal für sie löse. Ich bekomme eine Mordsangst, will die Bloßstellung aber so weit hinauszögern, wie ich kann. Meine Augen kullern wie wild über die Sätze und ich erkenne plötzlich ein Muster. Immer ist ein Komma vor der Lücke und bei der Hälfte der Sätze steht vor dem Komma ein Wort, das ich eigentlich mit das kenne. Wie beim Diktat. Das muss es sein! Ich stelle meine Lehrerin nicht nur zufrieden, sondern beeindrucke sie richtig. Ich bin aber einfach nur froh, dass meine Lüge nicht aufgeflogen ist.


In der vierten Klasse nehme ich mir vor, wie die ganzen anderen Kinder, einige meiner Mitschüler nach Hause zu meinem Geburtstag einzuladen. Mein Vater ist alleinerziehend und arbeitet in der Nachtschicht. Deshalb lasse ich absolut nichts auf ihn zukommen, ich will alles alleine vorbereiten. Mache mir Gedanken darüber, welche Spiele gespielt werden sollen und lege mich auf einige fest, die ich von anderen Geburtstagspartys oder aus dem Fernsehen kenne.


Kurz vor knapp erreicht die Nachricht über mein Vorhaben dann die höchste Etage der Familie: „Was haben so viele fremde Kinder in der Wohnung verloren?! Soll sich dein Baba auch noch damit rumschlagen?!“, schimpft meine Oma mit mir. „Naja, ich mische mich nicht ein. Mach, was du willst!“ Dabei hatte mein Vater keinerlei Einwände.


Am Morgen der Party setze ich mich an das Telefon und rufe alle eingeladenen Gäste nacheinander wieder aus. Der Grund: „Familiäre Angelegenheit.“ Lüge. Mir fehlen einfach noch die Eier, es durchzuziehen.

Am nächsten Schultag hat Tobias eine kleine Tragetasche in der Hand. Aus dieser packt er das Geschenk aus, das er mir an meinem geplanten Geburtstag schenken wollte. In der großen Pause, während alle anderen draußen spielen, bleiben wir beide im Klassenraum und spielen mit den Actionfiguren, die er seine Eltern für mich hat kaufen lassen.


Die vier Jahre Grundschule enden mit den gleichen Bemerkungen auf dem Zeugnis, wie in jedem Jahr: „Immer aufmerksam und interessiert. Aber sehr zurückhaltend.“ Aufmerksam? Natürlich, hier läuft man ja jeden Moment Gefahr, zur Schau gestellt zu werden. Interessiert? Kann ich nicht bestätigen. Und zurückhaltend? Das kann ich so akzeptieren. Ich frage mich aber, ob bei einigen anderen auch drinsteht: „Mischt sich in jeden Scheiß ein.“






3


Das Bild, dass die Leute von mir haben, bleibt auch auf der weiterführenden Schule ähnlich. Still, zurückhaltend, unkompliziert. Schreibt immer gute Noten und ist fleißig.


In Wahrheit hasse ich die Schule und hasse es, dort zu sein. Natürlich bin ich zurückhaltend in jeder Hinsicht, denn die Spiele und den Quatsch der anderen finde ich ebenso uninteressant wie den Unterricht. Den ganzen Tag bin ich in diesen Klassenräumen und höre irgendwie zu, weil es in dem Moment sonst auch nichts gibt, das meine Aufmerksamkeit erregt. So komme ich auch ohne zu lernen auf gute Zweiernoten, während ich andauernd daran denke, schnell nach Hause zu laufen nach der letzten Stunde und mich an die Playstation zu setzen oder im Fernsehen Full House zu gucken.


In diesen Jahren lerne ich vor allem Folgendes: Wenn man aus ausländischem Haushalt kommt, dann feiert die Schule die Zweien wie Einsen. Und wenn man aus einer reinen Arbeiterfamilie kommt und es auf die Realschule schafft, wo man dann eine durchschnittliche Leistung zeigt, ist man der Hoffnungsträger einer gesamten Sippschaft. Vielleicht trifft es auch nur mich so, keine Ahnung. So aber das Gefühl. Der Gedanke, dagegen anzukämpfen, erscheint mir zu mühselig. Ich lasse alle glauben, was sie glauben wollen. Nur meinen Vater weise ich hin und wieder unter vier Augen zurecht, dass er aufhören soll, meinen Bruder ständig runterzumachen und mich ihm als Musterbeispiel unter die Nase zu reiben.


In der Klasse wird mir nachgesagt, ich sei der Adoptivsohn unserer Deutschlehrerin, Frau Kerstin. Ich mag sie tatsächlich auch sehr. Auch, wenn mir peinlich ist, dass sie meine korrigierte Klausur vor allen hochhält und in die Runde fragt: „Seht ihr, wie wenig ich rot anstreichen musste?“ Ich umgehe schwierige Wörter in Klassenarbeiten immer mit lächerlich langen Umschreibungen.


In einer anderen Stunde läuft Frau Kerstin während einer Stillarbeitsphase an meinem Tisch vorbei und bemerkt die unsaubere Schrift und die vielen Kritzeleien in meinem Arbeitsheft: „Och, das ist aber schlampig!“ merkt sie an, mit einem eigentlich doch sehr liebevollen Unterton. Aber während einer Stillarbeitsphase! Sie ist sehr alt. Daran wird es liegen, dass sie das Wort „schlampig“ in seiner wohl ursprünglichen Bedeutung verwendet. Der Spitzname „Schlampe“ hält sich in der Klasse zum Glück nur für wenige Schulwochen.


Und wieder eine Deutschstunde, da passiert immer so viel. Frau Kerstin kontrolliert die Hausaufgaben auf ihre Anwesenheit. „Es tut mir leid, ich habe sie vergessen.“, beichte ich, als sie neben mir steht. „Na gut, das ist bei dir ja eine absolute Seltenheit. Ich werde es nicht notieren.“ Ich habe einen Spielfehler gefunden! Ein wenig Zufriedenheit hier und da schaffen, dann kann man unbemerkt seine teuflischen Pläne umsetzen. Von jetzt an verzichte ich systematisch jedes Halbjahr ein- bis zweimal auf die Hausaufgaben in Deutsch. Ich werde schon mal leichte Gewissensbisse haben. Aber aufhalten wird mich das nicht.


Schule gehört für mich ausschließlich in die Schule. Zu Hause will ich nichts davon wissen, so mache ich meine Hausaufgaben stets nach dem Minimalprinzip. Ich weiß genau, welcher Lehrkraft welches Maß an Qualität genügt. Meinen Kopf kann ich optimal auf meiner Hand platzieren, sodass ich vom Lehrerpult aus interessiert wirke. In Mathe schreibe ich manchmal ganz schnell wirre Rechenwege auf und breche einfach mittendrin ab. Im Unterricht kann ich dann sagen, ich hätte es versucht, wäre aber nicht weitergekommen. Der Wille wird hier gelobt. Weil er nicht flächendeckend vorhanden ist, nehme ich an. Auch bei mir nicht. Ich weiß aber, ihn vorzuspielen. Wenn ich mal eine drei oder vier schreibe, gebe ich sie meinem Vater immer erst dann zum Unterschreiben, wenn er getrunken hat und in seinem Kopf anderweitig beschäftigt ist.


Ich sehe mir zu Hause den ganzen Tag etwas im Fernsehen an, alles von Familien-Sitcoms über Tyrannen, die die Welt zerstören wollen; streame Filme oder spiele Videospiele und bin absolut nicht produktiv. Bis in die Oberstufe werde ich nie ein Buch aus freien Stücken gelesen haben. In meinem Regal treffen sich nur Schullektüren, die man nicht einmal durchgelesen haben muss, um die jeweilige Klassenarbeit zu bestehen. Manchmal bin ich so vertieft in meine Bildschirme, dass ich mich gar nicht erst an die Hausaufgaben setzen mag. Selbst das Minimalprinzip ist mir zu viel und alleine die Vorstellung daran, wie ich meinen Rucksack hole und ein Heft aufschlage, sorgt für Übelkeit. Dann stelle ich meinen Wecker für den nächsten Tag auf vier Uhr, um schnell noch vor dem Unterricht etwas hinzurotzen. Um diese Zeit steht mein Vater auch auf, um zur Arbeit zu gehen.


Irgendwann wirft mir Oma vor versammelter Familie vor: „Du machst mit Absicht morgens so früh deine Hausaufgaben, damit dein Bruder bei deinem Vater schlechter dasteht! Du bist ein hinterhältiges Kind!“ In dem Moment mime ich den Eiskalten. Am gleichen Abend dann zu Hause, als alle schlafen und ich alleine im Wohnzimmer sitze, heule ich mir das ganze Gesicht wund. Ich akzeptiere vielleicht das Ansehen, das ich unrechtmäßig genieße und nehme es kommentarlos hin. Schon so lange. Aber ich fahre keinen Ellenbogen aus, so viel gestehe ich mir ein.


Auf der Abschlussfahrt in der zehnten Klasse komme ich einer Mitschülerin ziemlich nahe. Wir verbringen die Abende immer zusammen und unterhalten uns viel. Bis hierhin haben wir kaum etwas miteinander zu tun gehabt. Ich denke wirklich, sie mag mich. Und ich habe zum zweiten Mal so ein angenehmes Gefühl in der Brust, während ich mit einem Mädchen rede. Vorher hatte ich das schon bei einer anderen Mitschülerin, sie hat aber schon in der sechsten Klasse die Schule gewechselt und war weg.


Die Klassenfahrt ist zu Ende und wir stehen alle Schlange, um für die Heimfahrt in den Bus zu steigen. Das Mädchen ist neben mir und wir gehen gemeinsam winzige Schritte in Richtung der Tür. Sie schaut mich an und sagt: „Weißt du was, ich liebe dich! Hihihi“, dann verschwindet sie mit ihrer Freundin durch die andere Tür. Schade eigentlich, ich hatte mich echt auf meine erste Freundin gefreut. „Das ist voll kindisch“, beschließe ich alleine für mich und spreche sie ab der Rückfahrt nie wieder an. Es ist, als wäre zwischen uns nichts gewesen auf dieser Klassenfahrt. Die Geschichte verstaubt.







4


Nach der Realschule wechsele ich auf ein Gymnasium, um das Abitur zu machen. Aus schulischer Sicht werden diese drei Jahre keinen großen Unterschied zu dem machen, was vorher schon da war. Das Abitur werde ich mit wenig Aufwand schaffen, ohne je Zweifel aufkommen zu lassen. Zum Abschluss werde ich jemandem ins Jahrbuch schreiben: „Mein größter Gewinn aus dreizehn Jahren Schule.“


Bereits an meinem allerersten Tag an der neuen Schule sehe ich sie und sie ist anders. Voldemort. Sie hat pechschwarzes langes Haar und dieses auffällige Muttermal auf der linken Wange. Sie ist sehr schlank, so schlank wie es vielen schon wieder nicht gefällt. Weil lange Zeit niemand etwas von meinen Gefühlen für sie weiß, reden die Jungs hin und wieder auch in meiner Gegenwart davon. Aber nicht nur darüber, wie „dünn“ sie ist, sondern auch wie sie sonst so ist. Ihnen gefällt nicht, dass sie oft laut widerspricht und sich an allem beteiligt, was in der Stufe und über die Stufe besprochen und beschlossen wird. Abgesehen von drei oder vier Leuten habe ich ohnehin keinen wirklichen Draht zu irgendwem, also nehme ich das ganze Gerede nicht ernst. Ich werde im Gegenteil immer neugieriger. Ich mag es, wenn ihr Name in meiner Nähe fällt, ob nun positiv oder negativ. Es soll am liebsten immer um sie gehen. Mein Kopf trennt Voldemort von allen anderen Reizen an diesem Ort. Alle anderen sind eine breite Masse, sie steht für sich allein. Auch ich gehöre nur zur Masse. Anderthalb Jahre haben Voldemort und ich nichts miteinander zu tun. In den zwei Kursen, die wir gemeinsam haben, sitzen wir weit auseinander und ich habe keinen Grund zur Annahme, dass sie von meiner Existenz weiß. Immer wenn sie in der Nähe ist, spüre ich den Zwang, zu ihr hinzusehen. Aber ich widersetze mich dem; nicht hinsehen ist für mich eine Vollzeitbeschäftigung. Mit ihr zu sprechen und ihr meine Gefühle mitzuteilen, ist überhaupt keine Option. Mittlerweile bringe ich hundert Kilo auf die Waage und wenn ich in den Spiegel sehe, empfinde ich die Phantasie von uns beiden nebeneinander als eine Zumutung für sie.


Als einer unserer Vertrauenslehrer gegen Ende des ersten Schuljahres die Namen der Schüler vorliest, die ihre Zettel mit den Wahlfächern für die nächsten zwei Jahre rechtzeitig abgegeben haben, ist mein Name nicht dabei. Ich habe ihm den Zettel aber am Vortag noch auf dem Gang gegeben, weil ich wegen eines Termins früher weg musste und nicht bis zum Unterricht warten konnte. Er hat ihn vor meinen Augen in seine Mappe gelegt. Also folge ich ihm in sein Büro und spreche das Thema an. Vertrauenslehrer Nummer zwei ist auch da und guckt ungläubig, da sagt Nummer eins über mich: „Wenn er das sagt, dann stimmt das. Ich glaube ihm.“ Das macht mich für einen Moment sehr stolz.


Der Gedanke an Voldemort macht mich mittlerweile verrückt. Wohin ich gehe, ich nehme sie mit. Meine Freunde müssen sich ständig meine Schwärmerei antun. Ich träume von ihr, spreche von ihr, denke an sie. Ununterbrochen! Bei aller Angst und Unsicherheit, ich muss endlich in ihrer Welt existieren. Ich schreibe ihr im Suff die erste Nachricht auf Facebook. Schäbig. Aber es klappt. Wir kommen erstaunlich schnell und gut ins Gespräch, verstehen uns wunderbar. Bald darauf treffen wir uns auch außerhalb der Schule und nach knapp einem Monat Freundschaft...


Nachdem ich anderthalb Jahre zu ängstlich war, um in ihre Richtung zu sehen, finde ich mich nun ihr gegenüber und besitze die Frechheit, mich einfach zu ihr zu beugen und sie auf den Mund zu küssen. Sie macht einen Sprung zurück, wischt ihren Mund ab. Voldemort sieht mich jetzt schockiert an. Ich kann es verstehen. Ich nähere mich aber nochmal, küsse sie noch einmal. Nicht so, als würde ich sichergehen wollen, sondern völlig überzeugt, dass sie überzeugt werden muss. Dieser Kuss dauert. In meiner Brust herrscht ein Waldbrand. Mir fällt nicht ein, die Feuerwehr zu rufen.


Die folgenden drei Monate sind die bis dahin schönste Zeit, die ich je hatte. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, meinem Leben eine eigene Richtung gegeben zu haben. Als wäre es erst jetzt meins geworden. Das erste Mal etwas gewollt, das erste Mal etwas Bedeutendes geleistet.


Dann gehe ich eines Morgens in die Schule. Sie ist nicht da. Hat sich bei mir auch nicht gemeldet, ich kann sie nicht erreichen. Das ist sehr untypisch. Am Nachmittag habe ich immer noch keine Nachricht von ihr erhalten, also gehe ich nun vom Schlimmsten aus. Ihre Mutter sollte in diesen Tagen ihre Untersuchungsergebnisse bekommen. Der Verdacht: Krebs.


Gegen abends kommt dann endlich eine kurze Nachricht und ich laufe gleich zur Bahn. An einer Haltestelle in ihrer Nähe warte ich darauf, dass ihre Bahn auch einfährt. Sie tut es. Ich sehe Voldemort, wie sie mit klitschnassem Gesicht aussteigt. Sie läuft mir in die Arme und versteckt ihr Gesicht in meiner Brust. Wir verbringen Minuten in dieser Situation, bis wir die Haltestelle verlassen und in einen ruhigen Park gehen. Ich gebe mein Bestes, um sie zu trösten, mache ihr Mut und verspreche ihr, immer da zu sein. Als sie sich etwas beruhigt hat, möchte sie wieder zu ihrer Mutter und wir verabschieden uns für den Tag.

Zu Hause setze ich mich ins Wohnzimmer und mache die Tür zu. Nur ich bin noch wach in der Wohnung. Ich denke an Voldemort und daran, wie sie geweint hat. Jetzt lasse ich meinen Tränen auch freien Lauf.

Von jetzt an bin ich immer auf Abruf bereit. Sie ist für ihre Mutter da und ich für sie. Ich nehme mir selten etwas vor und sage Einladungen ab, für den Fall, dass sie etwas unternehmen möchte oder mich wieder braucht.






5


Im Sommer darauf verbringe ich die Ferien wie jedes Jahr in der Türkei im Sommerhaus meiner Großeltern. Der Strand, das Meer, ein Pool und Sportplätze; hier habe ich alles praktisch vor der Tür. Ich langweile mich aber sehr, da meine Freunde nicht da sind. Sie müssen sich alle in ihren Heimatstädten um ihre Einschreibungen für die Uni kümmern und das ganze Zeug. Hier ist das alles ein großer Aufwand.

Voldemort ist mit ihrer Familie in Istanbul, das bedeutet von mir aus anderthalb Stunden Busfahrt. Wir verabreden uns, um einen Tag gemeinsam zu verbringen, und ich werde mit dem Bus dorthin fahren. Meiner Oma gefällt diese Idee nicht und sie möchte mich davon abhalten.


„Bist du bescheuert?! Siehst du nie die Nachrichten? Weißt du eigentlich, wie gefährlich es in dieser Stadt ist? Und du kennst dich da nicht aus. Da kann überall jeden Moment etwas passieren! Du hast doch hier alles, was fehlt dir denn? Wieso bist du seit Tagen so. Nur wegen diesem Mädchen!“


„Es passiert schon nichts. Ich fahre morgens hin und bin am Abend wieder hier. Ich brauche etwas Abwechslung.“ Aber wenn Oma eine Meinung hat, dann nimmt sie mit jeder Sekunde, in der man ihr nicht zustimmt, nur noch mehr Fahrt auf. Mein Opa ist nicht so streng, wie er von draußen aussieht. Er legt sich zwar gerne selber immer mit Oma an, aber in der Außenpolitik ist er nur das bekräftigende Kopfschütteln zu den Worten meiner Oma. Diese ist übrigens noch lange nicht am Ende. Sie bezieht jetzt auch meinen Vater, ihren Erstgeborenen und einzigen Sohn, mit ein.


„Wieso tut ihr uns das nur immer an?! Immer das gleiche! Nur für irgendwelche Huren!“

Ich werde meine Meinung nicht ändern und während ich ihr zuhöre, wächst in mir das Bedürfnis, endlich gleichwertig zu antworten. Aber ich habe mich noch nie gegen die Erwachsenen gestellt, mich nie widersetzt und bin schon gar nicht laut geworden. Also gehe ich die Treppen hoch, in mein Zimmer und mache die Tür hinter mir zu. Ich höre Oma unten noch fluchen. Sie wechselt zwischen den zweiten Personen Singular und Plural hin und her. Dann höre ich sie die Treppen hochkommen und schon steht sie in meinem Zimmer und schreit mir ins Gesicht. Ich fühle mich, als hätte ich Fieber.


„Du weißt noch nichts, du hast keine Lebenserfahrung! Wenn wir etwas sagen, dann musst du gehorchen!“

„Oma... Du hast fünf Kinder zur Welt gebracht. Dein Sohn ist Alkoholiker und zwei deiner Töchter haben den Kontakt zur gesamten Familie abgebrochen. Erzähl mir nicht, ihr wisst alles besser oder macht alles richtig!“ Ich bin unglaublich laut. Sie verstummt auf der Stelle und schaut mich fassungslos an.


„Ich habe viel gehört in meinem Leben. Das ist aber neu. Ist ja toll.“ Sie geht aus dem Zimmer und ich höre den ganzen Tag nichts mehr von ihr. Am Abend kommt mein Opa in mein Zimmer und steckt mir einen Hunderter zu. Ich will ablehnen, denn ich habe mehr als genug Geld für den Urlaub bei mir. Aber Opa mit einem Schein in der Hand geht unmöglich mit dem Schein wieder weg.


„Nimm. Zur Sicherheit.“ Er ist kein Mann vieler Worte.

Am nächsten Tag stehe ich früh auf und fahre nach Istanbul. Verbringe dort einen wunderschönen Tag und bin um ein Uhr in der Nacht wieder zurück. Mein Opa sitzt im Garten auf einem Stuhl. Er hat auf mich gewartet.

„Bist du zurück?“

„Ja.“ Ich gehe ins Haus und laufe die Treppen hoch. Die Tür des Schlafzimmers der beiden steht weit offen, meine Oma liegt im Bett mit dem Gesicht zur Tür. Sie sieht mich und dreht sich laut ein- und ausatmend um. Ich gehe ins Bett und höre meinen Opa noch die Türen abschließen, bevor ich einschlafe.

Die nächsten fünf Tage wechseln Oma und ich kein Wort miteinander. Am sechsten Tag breche ich diese Eiseskälte.

„Was gibt’s heute zu essen?“

„Was willst du essen?“

Es ist nie etwas vorgefallen.


Die Zeit vergeht schnell; Voldemort und ich beenden das Abitur und beginnen beide ein Betriebswirtschaftslehre-Studium. Sie in Aachen, ich hier in Köln. Ich, weil ich mir noch nie Gedanken gemacht habe, was ich wirklich will und einfach keine Zeit verlieren möchte. Die Frage „Zeit wofür?“ kommt mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Sie wählt Betriebswirtschaftslehre, weil sie von sich im Business-Anzug träumt. Mein bester Kumpel studiert mittlerweile in Trier. Ich melde mich irgendwann einfach nicht mehr und er gibt mich irgendwann auf. Ich denke, ich hätte Gründe; er hat welche.

Denn mein immer da sein für Voldemort ist maximal so halb heldenhaft. Mit meinen Lügen halte ich das Bild von mir bei anderen aufrecht; Halbwahrheiten versorgen mein Selbstverständnis. Das begreife ich erst später im Nachgang.


Es ist wahr, dass ich ihr in ihrer schweren Zeit beistehen will, allerdings verpasse ich dabei, dass mit der Zeit aus der Liebe ein reines Pflichtgefühl wird. Neben diesem reinen Pflichtgefühl habe ich auch noch große Angst. Angst, dass in jeder Sekunde, in der ich nicht bei ihr bin, sie sich dazu entscheiden könnte, mich zu verlassen.


Voldemort hat diese komische Menschensicht. Sie findet mich nicht besonders schön und macht sich auch gerne mal lustig. „Aber das ist nicht schlimm, es gibt nur sehr wenige hübsche Menschen. Die meisten sind hässlich.“ Sie selbst und ich gehören ihrer Meinung nach auch zu den meisten. Ich stimme ihr zu fünfzig Prozent zu.


Es ergeben sich hin und wieder Situationen, in denen ich mich mit Voldemorts Mutter unter vier Augen unterhalten kann. Es geht dabei mehrmals um die Unreife ihre Tochter. Sie sagt von sich selbst, dass sie Voldemort als Einzelkind sehr verwöhnt und Fehler gemacht habe. „Naja, wenn ich Menschen ohne Fehler suchen würde, wäre ich ganz schnell alleine. Die haben wir alle.“, behaupte ich einmal darauf. Ich weiß genau, wie Eltern über mich denken, dass sie mich für reifer halten, als andere junge Menschen. Tue ich auch. Eine leise Stimme in meinem Kopf findet es aber schon unangenehm, mit der Mutter meiner Freundin über ihre Makel zu sprechen.


Wir streiten mittlerweile sehr viel, Voldemort schlägt gerne mal Schranktüren zu und beleidigt mich, wird sehr laut. Ich traue mich nicht, ihr gegenüber laut zu werden. „Ich gehe jetzt, ruf mich an, wenn du dich beruhigt hast und man wieder mit dir sprechen kann, dann können wir gerne bis in den Morgen diskutieren.“, sage ich. Es entwickelt sich in eine total verkorkste Beziehung, in der mal sie weg möchte und mal ich es bin, der es nicht mehr aushält. Sie wird unausstehlich, wenn sie sauer ist und ich bin einfach armselig, wenn ich meine Eifersuchtsanfälle kriege. In der Regel bin ich es, der die Argumente findet, die uns wieder zusammenführen. Immerzu denke ich an die Gefühle vom Anfang zurück und kann nicht wahrhaben, dass so etwas zu Ende gehen kann. Es ist sicherlich noch da, nur machen wir etwas falsch, weil wir beide noch sehr unerfahren sind. Also versuchen wir es nochmal. Oder weiter. Oder schon wieder. Unter dem Einfluss von Liebe lässt es sich schlechter argumentieren als unter dem Einfluss von Blödheit. Entweder ist es das, oder ich muss mir eingestehen, dass Liebe nichts anderes ist als Blödheit. Ich stelle mir ständig vor, wie das Leben wieder ohne sie wäre und das jetzige Leben gewinnt den Vergleich trotz allem.


Irgendwann hat Voldemorts Mutter den Krebs besiegt und irgendwann kurz danach ist es mit uns auch schon aus. Dieses Mal endgültig. „Wie kannst du nur so erbärmlich sein?“ will sie wissen, als sie geht. So klingt für mich eine gescheiterte Argumentation.


In der folgenden Nachkriegszeit lerne ich den Gegenspieler dieses hitzigen Gefühls in der Brust kennen. Es ist Druck. Druck in der Brust und ein Unwohlsein im Magen, das Seinesgleichen sucht. Liebe beansprucht einen Bereich in meinem Körper, Trennung gleich zwei. Ich bin rundum unglücklich und verliere jegliche Lust an allem, was in meinem Leben stattfindet. Ich bin in der Klausurphase im zweiten Semester und beschließe: „Ich dulde nichts mehr, was mich unglücklich macht!“ und entschließe mich, das todlangweilige Studium abzubrechen. Ich bleibe allerdings während der gesamten Regelstudienzeit eingeschrieben und jobbe als Werkstudent, bis ich weiß, was ich wirklich für mich möchte. In anderen Worten: Bis ich den Mut finde, meinem Vater zu beichten, dass ich das Studium abbreche.






6


Über zwei Jahre sind nun vergangen, seitdem Voldemort nicht mehr ist. In dieser Zeit war ich zunächst viel für mich, bin die meistenst mit einem Buch und Kopfhörern im Gepäck durch die Stadt gezogen. Ein Kaffee hier, ein bisschen lesen dort. Vielleicht ist dieses Gefühl üblich nach einer stressigen Beziehung, aber in mir ist der Gedanke gereift, dass ich ein besserer Mensch bin, wenn ich keine Beziehung führe. Ich kann selbstloser handeln, fühle mich unglaublich gut, wenn ich zwei Stunden alleine in einem Café verbringe, einige nette Wortwechsel mit Fremden habe oder eine Tasse schwarzen Kaffee voll wahrnehme. Ironisch erzähle ich den Leuten, dass ich kein Milch und Zucker brauche, um den Kaffee zu lieben. Ich tue es allein schon seinetwegen.

Ich habe Gefallen gefunden daran, alles mit einer Symbolik zu versehen. So auch meinen ersten Joint. Während ich ihn geraucht habe, habe ich an alle Menschen aus meiner Vergangenheit und Gegenwart gedacht und mich gefragt, was sie davon halten würden. Mein erster Joint hat nicht mal gewirkt, ich musste anscheinend erst das Rauchen lernen. Aber in einem Rausch habe ich mich trotzdem gefühlt, als ich mir dabei sagte: „Du bist nicht besser als irgendjemand und niemandem überlegen! Du bist zu dem gleichen Scheiß fähig, wie alle anderen auch.“ Sachen wie diese sagte ich mir ständig, wenn ich Gras geraucht oder mich so sehr betrunken habe, dass ich die Bude vollgekotzt oder mich im Urlaub sogar am Strand übergeben habe.


Mein bester Freund aus Trier, Merih, hat sich irgendwann wieder bei mir gemeldet. Als er dann von mir erfahren hat, dass ich die Trennung von Voldemort hinter mir und mich von allem und jedem abgeschottet hatte, war er enttäuscht von mir. Enttäuscht, dass ich mich nicht an ihn gewandt hatte und alles alleine überstehen wollte. Wie hätte ich das aber tun können? Ich war schuld an unserem Kontaktabbruch. Ich musste es alleine ertragen.


Inzwischen bin ich körperlich in Topform, bin vier bis sechs mal die Woche im Gym und alles an meinem Körper ist fest. Ich habe zudem ein Fernstudium in Psychologie angefangen, das mir echt Spaß macht. Nebenbei arbeite ich weiterhin als Werkstudent bei einer Versicherung. Ich habe etwas entwickelt, das diesem Selbstvertrauen ähnelt, das andere Menschen besitzen.






7


Nach mehr als zwei Jahren lerne ich schließlich Sorbas kennen. Sie ist seit drei Jahren in Deutschland; hat ihre Heimatinsel in Griechenland mit achtzehn Jahren ganz alleine verlassen. Aus Gründen, aus denen ich meine Heimatstadt wohl auch verlassen würde, wenn ich es würde. Wenn sich ein Ort nicht so verhält wie Heimat, geht man vielleicht besser an einen Ort, an den man diesen Anspruch nicht stellt.


Wir haben ein sehr schönes erstes Date, bei dem wir uns stundenlang bei einigen Bier in einer Kneipe unterhalten und uns dabei in die Augen sehen. Es funkt offensichtlich, da gibt es keine zwei Meinungen. Ich bin der Ruhigere von uns beiden und beobachte beeindruckt, wie sie keine Sekunde Stille zulässt und immer irgendeinen Quatsch findet, mit dem sie reden imitieren kann, bis wir wirklich wieder reden. Ich mache es ihr auch echt nicht leicht. Ich schweige gerne und gucke und lausche einfach, wenn mir jemand gefällt. Ein nie dagewesenes Selbstvertrauen kommt über mich, während ich mit ihr bin; zeige mich wortgewandt, witzig, kreativ. Alles Dinge, die ich mir selber nie zugeschrieben hätte. Oder die ich mich einfach nie getraut habe.


Im Eifer des Gefechts nehme ich mir keine Minute Zeit, um auf die Toilette zu gehen, bevor wir aufstehen. Ich begleite Sorbas bis zu ihrer Tür, sie will mich aber noch bis zur Haltestelle begleiten und mit mir auf meinen Zug warten. Es ist mitten in der Nacht; außer uns beiden steht nur ein betrunkener Mann an der Station und der ist ganz weit am anderen Ende. Meine Blase drückt zu diesem Zeitpunkt schrecklich, mein Bauch tut schon weh. Sie stellt fest, dass ich kaum noch Beteiligung zeige und aus Angst, sie glaubt vielleicht, ich hätte das Interesse verloren, beichte ich ihr, dass ich dringend mal muss. Sie lacht und schlägt vor, mir den Rücken zuzudrehen, damit ich auf die Gleise pinkeln kann. Niemals, dafür bin ich viel zu schüchtern. Wie peinlich wäre das? Aber bei dem Gedanken, dass ich gleich im Zug sitze und eine ganze Weile keine Gelegenheit mehr haben werde, bitte ich sie wenige Momente danach selber darum, sich umzudrehen. Dann lasse ich laufen. „Beim ersten Date das Ding in der Hand zu haben, war wohl noch nie so romantisch“, scherzen wir schon bald darüber.


Sorbas ist wunderschön. Und auch, wenn ich mich selbst mittlerweile nicht mehr schrecklich finde, ordne ich sie trotzdem mindestens eine Klasse zu hoch für mich ein. Absurderweise findet sie mich ähnlich attraktiv. Wir glauben beide, nicht genug füreinander zu sein und das ist nicht das einzige Anzeichen dafür, dass wir in ähnlichem Maße komisch sind.


Nichtsdestotrotz halte ich sie für den vielleicht emotional intelligentesten Menschen, der mir je begegnet ist. Noch nie habe ich jemanden getroffen, der allen gegenüber so offen ist und überwiegend frei von Vorurteilen. So frei zumindest, wie ein Mensch davon sein kann. Und manchmal hätte ich schon gerne, dass sie etwas weniger offen gegenüber einigen bestimmten Personengruppen ist. Ich sehe aber ein, dass sie mir vieles voraus hat. Sie hat schon immer mutiger gelebt, freier, impulsiver. Oft werde ich mir deshalb in die eigenen Gefühle reinreden und versuchen, mich zu überzeugen, dass sie es besser weiß.


Nach wenigen Monaten zündet Sorbas die erste große Bombe: „Du hast etwas in deinen Augen, das macht mir Angst. Ich sehe sie an und weiß nicht, was du denkst.“

Je länger sie damit wartet, von Liebe zu sprechen, desto unsicherer werde ich. Zumal ich jetzt wieder stark das Gefühl habe, dass ich etwas falsch mache. Besser gesagt, dass ich falsch sein könnte. Ich denke, dass ich verliebt bin. Ich sage, dass ich sie liebe. Ich bin sicher, dass es so ist. Drücken meine Augen vielleicht alles Böse aus, das in mir stattfindet?


Wir sind einige Zeit darauf auf dem Weg zu einem griechischen Konzert. Wir werden auf der Straße von einem alten Herren, Herr Stauf, mit Gehstock angehalten; es wirkt als wären jedes Wort und jeder Schritt eine große Herausforderung für den Mann. Er fragt uns nach der nächsten Buchhandlung, weil er auf der Suche nach einem Kondolenzbuch ist, und ich beschreibe ihm den Weg als „zweihundert Meter geradeaus“. Ich lese ihm darauf von seinem Gesicht ab, dass er das zu anstrengend findet. „Warten Sie hier, wir laufen eben hin und fragen mal nach.“, sage ich und begebe mich mit Sorbas auf den Weg. In dieser Buchhandlung führen sie aber keine Kondolenzbücher. Also kehren wir wieder zu ihm zurück und ich unterbreite ihm einen neuen Vorschlag: „Geben Sie mir doch bitte Ihren Namen und Ihre Adresse. Ich treibe so schnell es geht ein Kondolenzbuch auf und bringe es Ihnen dann zu Hause vorbei!“ Herr Stauf ist dankbar und gibt mir seine Daten. Dann erzählt er uns, wie vereinsamt er ist und dass er keinerlei Familie mehr übrig hat. Keine Frau mehr, nie Kinder gehabt, alle Freunde verstorben. Ich wundere mich auf der einen Seite darüber, dass mich diese Geschichte nicht so hart trifft, wie ich von mir annehmen würde. Eigentlich bin ich schon ziemlich nah am Wasser gebaut. Auf der anderen Seite versuche ich seiner Geschichte zu folgen und nett zu lächeln, während ich gleichzeitig versuche Sorbas beizustehen und zu trösten, die bereits in Tränen ausgebrochen ist. Zum Abschied bekommen wir dann noch eine kleine Packung Himbeeren von ihm geschenkt und können nichts dagegen tun. Dabei legt der alte Mann seine rechte Hand an meine Wange und spricht zu meiner Freundin: „Sie haben da einen sehr lieben Mann gefunden!“


Sorbas und ich gehen einige Schritte Hand in Hand weiter die Straße lang und reden erst mal nicht. Plötzlich stoppt sie und zieht mich zu sich. Sie schaut mit nassen Augen zu mir hoch. „Ich liebe dich!“ Wir küssen uns. So lange habe ich darauf gewartet, es mir gewünscht. Und verdammt, ich genieße diesen Kuss. Aber während wir uns küssen, fühle ich eine Enttäuschung. Sie hat sich anscheinend von meiner halben Bekümmertheit vorhin beeinflussen lassen, ist gerührt von der ganzen Situation. Ich genieße den Kuss und bin zur selben Zeit angewidert von mir selbst, weil ich ihn nicht unterbinde.


Es ist schwer festzuhalten, was das für eine Kombination mit uns beiden ist. Ihre verspielte Art reißt mich des öfteren mit und lässt mich ab und an meine Schüchternheit vergessen. Auf der anderen Seite genießt sie auch gerne mal die Ruhe mit mir, wenn ihr die Welt zu viel wird. Ich kann sie gut ablenken. Unsere Weltsicht überschneidet sich in so vielen Punkten und obwohl Sorbas erst seit wenigen Jahren Deutsch spricht, können wir miteinander Gespräche führen, die ich mit sonst niemandem in meinem Umfeld führen kann. Und da sind teilweise Menschen dabei, mit denen ich drei gemeinsame Sprachen spreche. Unser Humor ist auch ziemlich kompatibel; an guten Tagen lachen wir bis uns der Bauch weh tut und ich das Gefühl habe, diese Einzimmerwohnung meiner Freundin niemals verlassen zu wollen.


An meinem vierundzwanzigsten Geburtstag ist mein Vater betrunken, als ich nach Hause komme. Er hat mir Sportschuhe als Geschenk gekauft und als er sie mir überreicht, umarmt er mich dazu. Ich kann mich nicht erinnern, dass er das jemals vorher getan hat. Offensichtlich weiß er nicht mal, wie das geht. Ich bin angewidert und meine Arme hängen weiterhin nach unten. Er überschaut die Komik dieses Momentes mit Sicherheit nicht.


Im Laufe der nächsten Stunden sitzen wir zu dritt im Wohnzimmer. Mein Vater, mein Bruder und ich. Trunkenheit und der Satz meines Vaters, „Wir müssen reden.“, haben uns drei schon immer in einem Raum zusammengeführt. Er erzählt, wie immer, von seiner Unzufriedenheit mit seinem Leben und den Traumata, die ihm seine Erziehung und seine Beziehungen zugefügt haben. Er beginnt damit bei seiner Kindheit in einem kleinen Dorf in der Türkei und arbeitet sich chronologisch bis heute vor. Und landet bei mir. Mit knallrotem Kopf und träger Aussprache stellt er mir die Frage: „Wieso enttäuschst du mich?!“ Ich erreiche den höchsten Wutpegel, den ich je erreicht habe und schreie ihn an. Er soll „die Fresse“ halten und nie wieder auf die Idee kommen, so mit mir zu reden. „Ich habe keine Pflichten dir gegenüber und 'nen Scheiß tue ich für dich! Hast du mich verstanden?!“ Ich schlage meine Faust auf den Tisch und schaue ihm dabei mitten ins Gesicht. Für mich bebt gerade gefühlt das ganze Hochhaus. Mein Vater guckt mich an, ich kann gerade keine Gefühle mehr deuten. „Ich habe verstanden, mein Sohn.“ Das kann ich dann wieder deuten. Es ist die Opferrolle. Mein Bruder schreitet ein und beschimpft mich, ich solle gefälligst Respekt haben vor dem Mann, der uns beide alleine großgezogen hat. Mein Bruder hatte schon immer diese auswendiggelernte Loyalität zum Nachnamen.


Mein Vater steht auf und geht geknickt schlafen. In solchen Momenten habe ich das Gefühl, ich könnte Menschen mit wenigen Worten in den Selbstmord treiben. Mein Entschluss steht fest: Ich muss raus aus dieser Wohnung.


Ich breche mein Fernstudium ab, weil ich mir aktuell keine Wohnung leisten kann. Ich muss in Vollzeit arbeiten, verkaufe mich dazu an eine Leihfirma und nehme den erstbesten Scheißjob im Hauptlager einer Kaufhauskette an, wo ich zwei- bis dreihundert Kilo schwere mit Waren bepackte Wagen in LKW-Anhänger schiebe.


Die Einzimmerwohnung von Sorbas schützt uns eben nicht vor allem, was sich außerhalb abspielt. Ich bin gerade in einer Leere und habe keine Ahnung, was ich mit meinem Leben anstellen soll. Ich finde nichts interessant, nichts macht mir Spaß, außer wenn sie mal wieder Schwierigkeiten mit der Sprache hat und Hartbock statt Steinbock oder Lollipupen statt Pupillen sagt, sodass ich sie damit aufziehen kann. Sorbas beherrscht die Landessprache jetzt schon sehr gut und ist so weit, dass sie sich auch auf ein Studium oder eine Ausbildung festlegen muss. Ihr geht es aber sehr ähnlich wie mir und sie tut sich sehr schwer damit, eine Entscheidung zu treffen. Außerdem diagnostiziere ich ihr bereits relativ früh, dass sie hier nicht glücklich ist oder wird. Ich weiß es. Es kommt zu ernsten, dramatischen Gesprächen. Sie erwägt auch nach Kanada weiterzuziehen, nach Hause will sie nicht wirklich. Ich fasse meinen Mut zusammen und widersetze mich meinem eigenen Wunsch, als ich sage: „In Kanada wirst du auch nicht glücklich. Du solltest zurück nach Griechenland, zu deiner Familie. Solange du hier bleibst, bin ich aber bei dir.“ Was für eine Drohung.


Zeit vergeht und wir bleiben zusammen, haben eine bescheuerte Beziehungskrise nach der anderen. Das Problem sind nicht mehr nur die äußeren Faktoren. Wir beide sind es, die ständig einen Weg finden, sich gegenseitig in den Wahnsinn zu treiben. Mal nimmt sie mich für zehn Tage mit in ihre Heimat, zu ihrer Familie, mal streiten wir a la Hollywood und sie will mich tagelang nicht mehr sehen. Ich drehe dann durch, weil ich bei Konflikten nie zur Ruhe komme, wenn ich sie nicht auf der Stelle auskommunizieren kann. An einem Tag meldet sie sich weder bei mir, noch bei ihrer besten Freundin, schaltet ihr Handy aus und ich fahre mitten in der Nacht rüber, um nach ihr zu sehen. „Ich glaube, ich will nicht mehr leben.“ An diesen Satz erinnere ich mich zurück, den sie vor einer Weile weinend aussprach. Sie öffnet die Tür und hat Angst vor mir, dabei habe ich den Streit mittlerweile völlig ausgeblendet und bin einfach in Sorge. Sie hat gar keinen Grund, Gewalt von mir zu erwarten, dazu habe ich niemals Anlass gegeben. Das verletzt mich schon ziemlich. Aber das macht sie nicht zum ersten Mal, mich für das Männerbild zu bestrafen, dass sie sich angeeignet hat. Ich kann es ihr nicht mal übel nehmen, da ich einiges über ihre Vergangenheit weiß. „Alle Männer betrügen.“, sagt sie einmal zu mir, „Wieso führen wir dann überhaupt diese Beziehung?“, will ich darauf wissen. Sie hat keine Antwort. Ich bleibe auch ohne bei ihr. Und als wäre das alles nichts, liegen wir uns nach solchen Momenten wieder tagelang in den Armen, bevor die nächste Katastrophe kommt. Es herrscht eine lächerliche Leidenschaft zwischen uns. Bei einer von vielen kurzzeitigen Trennungen stimmen wir bei dem Gedanken überein, dass wir besser von Anfang an nur Freunde hätten werden sollen. Dann wären wir vermutlich ein perfektes Team geworden. Nur dafür ist es längst zu spät, wir sind bereits auf den Geschmack gekommen.






8


Während unserer vorletzten Trennung, so albern das klingt, fliegt Sorbas für eine Weile in die Heimat. Ich fühle mich alleine, kann mit niemandem über das Geschehene sprechen. Ich fühle mich erbärmlich, schäme mich für meine Schwäche. Ich spüre keine wirkliche Nähe zu niemandem, fühle mich niemandem verbunden. Wochenlang kann ich nicht essen, ohne dem Kotzen nah zu sein, auf der Arbeit verziehe ich mich ständig auf die Toilette und lasse ein paar Tränen laufen, damit der Dauerkrampf in Brust und Magen zumindest kurzweilig nachlässt. Ich ziehe eine Hose viel zu viele Tage hintereinander an, weil mir beim Aufwachen die Vorstellung davon, wie ich meinen Gürtel aus ihr raus ziehe und mühselig in eine andere einarbeite, zu anstrengend ist. Aber ist schon okay, ich werde ohnehin keinem Menschen begegnen und wieder nur durch die Stadt irren. Zunächst habe ich Probleme mit dem Einschlafen, dann höre ich auf schlafen zu wollen, weil ich bei dem Versuch nicht enttäuscht werden möchte. Irgendwann bin ich ein Wrack, bringe zehn Kilo weniger auf die Waage und der einzige Gedanke, den ich seit Wochen habe, ist zu sterben.


Konkrete Pläne, mir das Leben zu nehmen, mache ich nicht. Ich wünsche mir aber ständig, dass mich jemand in den Tod würgt. Ich würde mich nicht verteidigen, nicht um Luft ringen. Vermutlich würde ich dabei lächeln.


Ich sitze zu Hause auf der Couch und habe vor Augen genau dieses Bild, wie ich gerade auf der Couch sitze. Aus der Außenperspektive. In der Vorstellung mache ich genau das gleiche wie in Wirklichkeit. Das dauert eine Weile an. Ich bin wie betäubt. Irgendwann nehme ich in meiner Vorstellung ein Messer zur Hand und halte es an meine Pulsader. Es vergehen Minuten. Bis völlig außerhalb meiner Kontrolle mein vorgestelltes Ich in die Pulsader schneidet und ich in der Realität auf der Couch mit Herzklopfen zusammenzucke.


Therapien kenne ich nur aus dem Fernsehen. Ich will es versuchen, glaube aber, das wäre für mich nicht bezahlbar. Also gehe ich zu meinem Hausarzt, der mir eine Überweisung für eine Klinik schreibt. „Die Krankenkasse übernimmt das.“ Depression ist etwas, das man riechen kann, und unsere Wohnung duftet schon immer danach. Deshalb gehe ich zu meinen Großeltern, weil ich glaube, mich da geborgen zu fühlen. Ihre Wohnung ist der einzige Ort, an dem ich den Duft meiner Kindheit noch wahrnehme. Ich beichte ihnen meine Situation und bitte sie, nicht darüber zu sprechen. Ich will hier einfach ein bisschen sitzen und Ruhe spüren. Die Ruhe hält fünf Minuten. Meine Tante und ihr Mann sind mittlerweile auch da.


„Bist du bescheuert?! Wie kannst du an so etwas denken?! Dir geht es doch gut! Was fehlt dir denn? Sei kein Idiot! Willst du dir etwas antun?! Wo kommt das jetzt plötzlich her?! Mein Gott, warum müssen wir uns immer mit so etwas rumschlagen?!“ Ein Familienchor.


Nach vielleicht fünfzehn Minuten stehe ich einfach auf, ziehe mir ohne ein Wort die Schuhe an und gehe raus. Der Mann meiner Tante läuft mir nach. Zerrt mich am Arm, fragt mich, was mit mir los ist, was meine Sorgen sind. Ich antworte nicht, laufe einfach weiter. Wir kommen an einem Kiosk vorbei und er schlägt vor: „Komm, ich hole uns zwei Bier und wir reden.“ Ich stimme zu und warte, dass er in den Laden geht. In dem Moment gehe ich weg, Richtung nach Hause. Nach fünf Minuten Ruhe holt er mich wieder ein. Und alles geht von vorne los. Er erzählt mir, dass es mir doch gut geht und dass ich lauter Menschen in meinem Umfeld habe, die mich lieben. Ich laufe weiter.


„Wenn du nicht mit mir redest, komme ich bis zu euch nach Hause mit und wir reden auch mit deinem Vater.“

„Wenn du in diesem Zustand auch noch meinen Vater auf mich aufmerksam machst, dann werde ich euch beiden in die Fresse schlagen müssen.“ Ich fühle, ich würde es tun.


In der Woche darauf finde ich mich nach Feierabend mit nur einem Kaffee und einem Bier intus im Wartezimmer der psychiatrischen Ambulanz wieder. Die Klinik hat mich nicht angenommen und dorthin verwiesen. Ich zittere pausenlos, mir ist eiskalt und mein Körper fühlt sich zerbrechlich an. Neben mir sitzt ein etwa achtzehnjähriges Mädchen mit ihrer Mutter. Die Mutter ist sichtlich überfordert und alles, was ich von ihr höre, sind Dinge wie „Sei still jetzt!“. Was die Tochter zu sagen hat, ist dafür umso spannender: „Mama, du bist wunderschön! Ich liebe dich so sehr, Mama... Mama, was hast du da an deiner Hand? Hast du dich verletzt? Mama, du arbeitest zu viel. Das machen die mit Absicht! Die wollen, dass du so viel arbeitest, um uns zu trennen. Wie in Düsseldorf auch schon. Die Polizisten, die Feuerwehr, die Schwestern. Sie wollen uns trennen, Mama! Ich liebe dich, Mama!“


Ihre Worte versetzen mich in eine Mischung aus Mitgefühl und enormer Scham. „Was mache ich hier?“, schießt es mir in den Kopf. Fast schon durch den Kopf. Ich werde aufgerufen und nach einem kurzen Gespräch kriege ich bereits Tabletten zur Beruhigung angeboten. Nein, danke, ab hier übernehme ich wieder.


In dieser Zeit des Selbsthasses, in der ich Merih beichte, „Ich kann mich nicht mehr ertragen“, strengt sich mein Freund an, mir aufzuzeigen, dass ich gar nicht so ein schlechter Kerl bin. Ich glaube ihm kein Wort, aber ich glaube an seine Aufrichtigkeit.


Nach dieser ganzen Sache finden wir tatsächlich nochmal mit Sorbas zueinander. Als nach insgesamt anderthalb Jahren dann aber endgültig Schluss ist, haben wir es eindeutig viel zu weit getrieben. Wir haben uns wissentlich Dinge gesagt und angetan, um uns gegenseitig weh zu tun. Vielleicht haben wir auch genau das gebraucht; eine Schlacht, die irreparable Schäden hinterlässt.


Diese Beziehung hat das Schlimmste in mir hervorgebracht. Das ist mir total bewusst. Irgendwie ist es auch eine Errungenschaft, zu wissen, zu welch hässlichem Wesen ich werden kann. Ich frage mich, was das für meine Zukunft bedeutet. Ich verfalle diesmal nicht wieder in so eine akute Depression. Stattdessen trauere ich eine Weile, wie es sich gehört, und versuche mich währenddessen zu bessern. Wenn man mich nah genug an sich ran lässt, kann ich zu einem gefährlichen Manipulator werden. Das macht mir Angst, aber es endlich eingesehen zu haben, gibt mir die Macht, dagegen anzugehen. Und außerdem, jeder Mensch scheint seine Lügen mit in eine Beziehung zu bringen. Unter der Voraussetzung, dass ich mich wirklich anstrenge, es besser zu machen, gehe ich sogar so weit und verzeihe mir.


Monate später ruft mich der alte Herr Stauf wieder an und möchte mich und meine „Frau“, wie er glaubt, als Dankeschön zum Essen einladen. Ich bin aber nicht in der Stadt und sage ihm, dass es nicht möglich ist. Ich verfalle wieder völlig meinem Symboldenken. Er erinnert mich zu sehr an das Vergangene. Auch als ich zurück in der Stadt bin, traue ich mich nicht, ihn anzurufen. Ihn zu treffen würde heißen, ihm zu erklären, dass Sorbas nicht mehr ist. Wie ich erst ein Jahr später herausfinden werde, ist sie ohnehin nur zwei Monate nach unserer Trennung nach Griechenland zurückgekehrt. Ich muss gestehen, so ganz kurz habe ich schon an ein kleines Schauspiel wie in einer romantischen Komödie gedacht, in dem wir uns nochmal treffen, um einen alten Mann glücklich zu machen.






9


Mit fünfundzwanzig Jahren noch eine Ausbildung anzufangen und die Schulbank zu drücken, war sicher kein Ideal, das ich von Anfang an verfolgt habe. Das stört mich, um ehrlich zu sein. Aber auf der anderen Seite habe ich endlich einen Plan. Das fühlt sich gut an. „Wie finden Sie denn, was wir hier machen? Was halten Sie von unseren Produkten?“, hieß es bei meinem Bewerbungsgespräch. „Wenn ich ehrlich sein soll, ist das nicht meine Welt. Ich finde die Inhalte eher langweilig.“ Aber das ist okay, denn der Plan ist, erstmal im Verlagswesen anzukommen. Den Verlag zu wechseln ist der nächste Schritt. Dann womöglich ein berufsbegleitendes Studium. Und mein erstes Buch schreibe ich auch endlich bald. Ich glaube, das ist, was die Leute zielstrebig nennen. „Wow, das ist ehrlich!“ Und ich habe die Stelle.


Ich höre mir ständig diese türkische Newcomerin auf Youtube an und bin begeistert. Sie ist eine absolute Senkrechtstarterin, da heißt es umso schneller erste Europa-Tour und ich habe die Möglichkeit, sie in Köln live zu erleben. Wir verabreden uns mit einer kleinen Gruppe aus fünf Personen für das Konzert, darunter eine langjährige Freundin von mir, Bahar.


Bahar taucht am Treffpunkt mit ihrer besten Freundin seit Kindheitstagen auf. Ich sehe diese zum ersten Mal; sie hat die letzten Jahre in Trier verbracht und ist vor kurzem wieder hergezogen. Ihr Name ist Zeynep.


Zeynep trägt eine schwarze Hose, dazu schwarze Schuhe und oben einen schneeweißen Blazer. „Irgendwie overdressed“, will ich sie im ersten Moment schon nerven. Aber wir kennen uns noch nicht. Sie hat hellbraune Haare, absurdschön wie in einer Shampoo-Werbung. Große Dreiecke, die an ihren Ohrläppchen herum wackeln. „Wow“ ist ein zu besonnener Ausruf. Eine Schablone, die großzügig in verschiedensten Fällen gebraucht wird. In meinem Kopf ertönt in dem Moment ein „Woahh“. Ich strecke den beiden zur Begrüßung meine Faust zum Einschlagen entgegen und begründe das damit, dass ich die letzten Tage erkältet war und zur Sicherheit niemandem allzu nah kommen will. Die Erkältung ist nicht gelogen, aber sie ist nicht der Grund hierfür. Ich bin völlig aus der Fassung und habe keine Ahnung, was ich tue. Zeynep sieht erst meine geballte, ihr entgegen gestreckte Faust und dann mich an. Ich erkenne an ihrem Gesicht unschwer, dass sie das eigenartig findet. Aber sie schlägt ein. In dem Moment ist mir klar, dass ich die ganze Nacht damit verbringen werde, darüber nachzudenken, wie ich mich ihr gegenüber am besten verhalte. Ich hoffe, genau richtig.


Wir sind drin und es ist noch eine ganze Weile, bis die Künstlerin auftritt. Wir unterhalten uns währenddessen und ich habe das Gefühl, ununterbrochen zu sprechen. Zeynep wirkt sehr aufmerksam, sie hört wirklich zu. Während wir noch in der Schlange standen, hat sie offen gestanden, dass ihr mein Tattoo nicht gefällt. „Aber wenn du es magst...“, sagte sie dazu abschließend. Jetzt stehen wir hier als Gruppe und unterhalten uns über verschiedenste Themen. Mein Redeanteil ist der größte. Ich sehe Zeynep oft lachen nach meinen Aussagen. Sie lacht aber nicht nur, sondern stimmt mir auch immer wieder mal zu. Und ich weiß in diesen Momenten aus Erfahrung, wie souverän ich auf sie wirken muss. Das kenne ich zum Beispiel aus der Schule, wo ich eigentlich nach jedem Referat nervös und verschwitzt auf meinen Platz zurückging, aber stets für mein Auftreten gelobt wurde. Es vergeht so viel Zeit und ich frage mich, ob in der Gruppe wirklich nur ich mir dessen bewusst bin, dass ich noch kein einziges Wort direkt an Zeynep gerichtet habe. Weil ich dafür einfach viel zu nervös bin. Ich rede und rede und rede und hoffe nach jedem Wort, dass sie auf mich reagiert und bin jedes mal außer mir, wenn es passiert. Aber nur in mir drin, für mich alleine. Niemand merkt, wie aufgeregt ich eigentlich gerade bin. Zwischenzeitlich werden die Mädchen vom ganzen Stehen und Warten müde und setzen sich einfach auf den Boden. So entstehen zwei unabhängige Gesprächsebenen, eine oben und eine unten. Während ich zu den Jungs spreche, fühle ich den permanenten Drang, nach unten zu sehen. Ich reiße mich allerdings zusammen. Kurz vor dem Auftritt wollen die beiden wieder aufstehen. Ich reagiere schnell, reiche Zeynep sofort meine Hand. Sie greift zu und steht mir einen Augenblick später wieder gegenüber. Zeynep ist ziemlich klein und in diesem Moment wünsche ich mir fast, sie wäre es nicht, weil ich mir einbilde, dass ihr Weg nach oben dann etwas länger gedauert hätte. Ihre Hand in meiner fühlte sich schön an und ich hätte das gerne noch länger gehabt.


Das Konzert ist für mich mittlerweile totale Nebensache. Die Sängerin gefällt mir auf Youtube mit ihren Akustik-Songs ungemein, auf der Bühne kriegt man allerdings nur die üblichen Pop-Sounds zu hören. Aber selbst dieser Grund ist nur nebensächlich. Denn eigentlich vergeht das Konzert für mich mit dem Gedanken an Zeynep, die nur einen Schritt entfernt ist.


Nach dem Konzert steigen wir alle in ein Auto. Ich bin mittlerweile so weit, dass ich Zeynep ständig ärgere. Ich nutze jede Gelegenheit, um ihr einen Spruch reinzudrücken. Das passiert allerdings so intuitiv und unüberlegt, dass ich mich fast schon selbst davor fürchte. Und dann passiert es auch schon. „Was will der von mir?“, will sie von unserer gemeinsamen Freundin wissen, so, dass ich es höre. Ich muss das sofort geradebiegen. Sie muss wissen, dass ich einfach nur auf Interaktion mit ihr aus bin. Ich mache das, weil ich sie mag. Wenn ich jemanden nicht mag, dann mache ich mir nicht die Mühe, ihn zu ärgern. Also sage ich in bei aller Unsicherheit, die natürlich wieder nur ich wahrnehme: „Das hat nichts mit dir zu tun. Das mache ich immer so!“


Es wird noch eine lange gemeinsame Nacht. Zum Glück. Erst fahren wir in eine Bar, wo ich eine ganze Weile mit Zeynep alleine sprechen kann. Sie greift irgendwann zum Handy und ich habe den Mut, sie aufzufordern, das Handy wegzupacken. Gehört sich ja nicht. Eigentlich ist mir egal, was sich gehört. Sie soll sich mit mir beschäftigen. Und sie tut es, steckt ihr Handy weg. Während wir uns beide unterhalten, schießt Bahar unbemerkt ein Foto von uns beiden. Ich frage mich, wie das Foto geworden ist und hätte es auch gerne, ich lasse es mir aber nicht anmerken.


Nachdem wir etwas getrunken haben, fahren wir auch noch etwas essen und ich möchte, dass diese Nacht einfach nicht endet. Sie tut es.


Gleich am nächsten Morgen möchte ich am liebsten eine Nachricht schreiben: „Ich finde deine Freundin super! Ich will ihre Nummer haben! Ach, und schick mir bitte dieses Foto, das du von uns beiden gemacht hast!“ Aber ich erkenne ein altbekanntes Muster bei mir. Ich bekomme eine Scheißangst vor dem, was sich gerade wieder in mir auftut. Ich will mich nicht wieder zu schnell in etwas reinsteigern. Ich finde dieses Mädchen wirklich toll und möchte nicht, dass daraus wieder so eine Enttäuschung wird. Also verzichte ich. Ich denke mir, dass wir uns zwangsläufig bestimmt wiedersehen werden, da wir ja eine gemeinsame Freundin haben und Zeynep jetzt auch in der Stadt wohnt. Und dann will ich, dass es wieder so ein schöner Tag wird. Und, dass das zu noch einem weiteren schönen Tag führt. Und dann eventuell noch einer und noch einer. Und wenn aus uns beiden etwas entstehen soll, dass auf so einem natürlichen Weg. Schön langsam. Langsam, dafür aber gut.


Es vergehen Tage, Wochen und Monate, in denen sich kein Wiedersehen ergibt. Es bricht eine fucking Pandemie aus, das erschwert es nochmal zusätzlich. Dann erfahre ich, dass Zeyneps Vater an Corona erkrankt ist und auch sehr schwere Symptome hat. Ich will ihr schreiben und sie fragen, wie es ihm geht. Und ihr. Aber ich tue es nicht. Ich will nicht den Eindruck erwecken, dass ich diese Chance nutze, um Interesse vorzutäuschen und sie zu beeindrucken. Stattdessen warte ich ab und erkundige mich bei Bahar über den Zustand ihres Vaters.


Neun Monate sind nach dem Konzert vergangen und es hat keinen Kontakt zwischen Zeynep und mir gegeben. Ich habe sehr oft an sie gedacht und mir gewünscht, dass es passiert. Aber um ehrlich zu sein, habe ich mich damit abgefunden, dass die Sache gegessen ist. Dass ich den Gedanken verwerfen muss.


Dann eine Benachrichtigung auf Instagram. Sie folgt mir. Nicht lange danach reagiert sie auf eine meiner Stories. Es ist ein Ausschnitt aus dem Buch von Richard David Precht, das ich gerade lese. „Welches Buch ist das?“ Es geht hier eindeutig nicht um das Buch. Ich nenne ihr den Titel. Ich empfehle ihr weiteres vom Autor. Und wir unterhalten uns die Tage darauf gefühlt nur über Bücher. Aber um Bücher geht es hier nicht.

Plötzlich stehen wir den ganzen Tag über im Kontakt, erzählen uns wie unser Tag war und das alles. Dann beginnen unsere Gespräche am Telefon, von abends bis fünf Uhr in der Frühe. Wir lernen uns nach und nach kennen.


Sie liest lauter Sachbücher; ich verliere mich dagegen am liebsten in Romanen. Sie kann mir sagen, welches Areal in meinem Hirn was genau veranstaltet; ich vergesse gerne mal, wo mein Hirn als Ganzes sitzt. Das trifft sich also prima. Ich erzähle ihr von meinen Ideen und meinen Meinungen über Gott und die Welt und sie will es immer genauer, immer präziser wissen. Sie hakt nach, sie bohrt richtig in meinen Sätzen herum, aber nie, bevor ich sie beendet habe. Einerseits wünschte ich, sie würde einfach fühlen, was ich meine. Worte sind nunmal nur Produkte dieser Welt, nicht ihre Erklärung. Andererseits bin ich begeistert davon, dass sie mich andauernd fordert, nochmal darüber nachzudenken und meine Standpunkte besser darzustellen. Sie hält mich wach, wortwörtlich und auch im übertragenden Sinn. Jeden Moment könnte eine weitere überraschende Frage oder ein Widerspruch von ihr kommen, für deren Antwort ich mich anstrengen möchte.


Wir sind uns in vielerlei Hinsicht auch sehr ähnlich. Wir verkörpern zum Beispiel die gleiche Rebellion gegen die Erwartungen, die Familie und Kultur an uns richten. Heiraten erfüllt für uns keinen Lebenszweck, nein, und das Leben hat auch keinen Zeitplan, den es einzuhalten gilt.


Von Tag zu Tag gehen wir mehr in die Tiefe. Sie weiß jetzt so viel über meine Vergangenheit. Über meine Familie, meine Beziehungen. Sogar von meinem einstigen Wunsch zu sterben erzähle ich ihr und schildere ihr so gut ich kann das Gefühl von damals. Als mir das Leben einfach keinen Spaß gemacht hat. Gerade, als ich ihr das verbildlichen wollte, mit dem Würgen und dem Verzicht auf Gegenwehr, unterbricht sie meinen Satz: „Als würde man ertrinken, stimmt's?“


Die Momente am Telefon, in denen ich sie zum Lachen bringe, sind die besten. Ich höre immer wieder einfach auf zu sprechen, um sie zu hören und ihre Reaktion, wenn ich nicht auf ihre Worte reagiere. Ich versuche mir andauernd vorzustellen, wie ihr Gesicht nochmal aussah. Ich kann natürlich ihre Fotos auf Instagram sehen, das meine ich aber nicht. Ich versuche mich daran zu erinnern, wie es sich vor neun Monaten angefühlt hat, als sie vor mir stand.


Wir sprechen oft über den Tag, an dem wir uns zum ersten Mal gesehen haben. Ich erwähne das Foto, das von uns gemacht wurde. „Das Foto hier?“ Und schon habe ich es auf meinem Handy. Ich sehe darauf katastrophal aus. Kaum zu glauben, dass sie mich an jenem Tag so gesehen und dennoch den Kontakt zu mir aufgenommen hat. Sie dagegen ist wunderschön.


Ich sauge jedes ihrer Worte während unserer Telefonate auf und merke mir absolut alles. Jedes Detail ist von Bedeutung, denn ich will wirklich wissen, wer sie ist.

Als wir uns nach etwa zwei Wochen zum ersten Mal verabreden, ist ihre Stimme bereits fester Bestandteil meines Alltags. Ihre Worte drehen sich den ganzen Tag in meinem Kopf und sie ist mir mittlerweile sehr vertraut.


Während Zeynep auf der anderen Straßenseite an der Ampel wartet, kann ich mein Grinsen nicht verbergen. Ich bin aufgeregt. Ich habe ein nagelneues Hemd an, das ich mir hierfür vor wenigen Tagen gekauft habe. Ebenso mein Parfum, das ich schon sehr lange nicht mehr benutzt hatte.


Die Ampel schlägt auf grün um, sie kommt nun zu mir rüber. Ich habe ihr vor etwa zwanzig Minuten noch geschrieben: „Ganz wichtige Frage! Wie begrüße ich dich gleich? Kann ich dich schon umarmen? Oder machen wir wieder die Faust?“ Sie gab mir die Erlaubnis, sie zu umarmen. Also umarme ich sie.

Wir spazieren zusammen am Rhein entlang in Richtung meines Stammcafés. Es ist sehr warm und mein Hemd und meine Aufregung machen mir zu schaffen. Auch, wenn wir uns unterwegs toll unterhalten, komme ich doppelt ins Schwitzen.


Im Café beginnt eine ganz andere Zeitrechnung. Sobald wir uns gegenüber sitzen, verfliegt mein ganzer Stress und mich überkommt eine überwältigende Ruhe. Je mehr die Sonne weicht und der Himmel dunkler wird, desto selbstbewusster fühle ich mich. Als die Kerze zwischen uns auf dem Tisch zur primären Lichtquelle aufsteigt, erreicht mein Selbstbewusstsein ungeahnte Höhen.

Ich staune selber darüber, während ich ihr in die Augen sehe, wie ich ihr ununterbrochen in die Augen sehen kann, ohne auszuweichen.


Zeynep erzählt mir, wie sie sich am Tag des Konzerts von mir zurückgewiesen gefühlt hat und ich fühle mich deswegen wie das letzte Arschloch. Ich denke an meine Worte im Auto zurück und will mir am liebten mit der Handfläche auf die Stirn klatschen. Aber wir sitzen jetzt hier und ich habe die Möglichkeit, ihr diesmal unmissverständlich klarzumachen, dass ich sie vom ersten Tag an mochte.


Den Übergang kriege ich selber nicht mit, bin wie im Rausch, aber ich finde mich plötzlich mitten in einer Ansprache wieder: „Wir können uns gegen die Erwartungen an uns wehren, so viel wir wollen. Das ändert nichts daran, dass, wenn wir ehrlich sind, diese Erwartungen sich zum Teil auch mit unseren eigenen Erwartungen an uns überschneiden. Ja, wir wollen nicht heiraten, um zu heiraten; aber eigentlich wollen wir, dass endlich der Mensch auftaucht, mit dem wir das von uns aus wollen können. Und wir wünschen uns, dass der nächste Mensch, den wir treffen, dieser Mensch ist...“ Die Ansprache verunsichert sie und lässt sie glauben, ich wäre in meinen Gedanken schon viel weiter als sie. Und das bin ich möglicherweise auch, aber nicht so, wie sie es glaubt. Nicht so, wie ich es noch vor einem Jahr gewesen wäre. Das muss ich klarstellen: „Keine Angst, ich bin nicht verliebt in dich. Alles was ich weiß, ist, dass ich mich vor neun Monaten unglaublich gut gefühlt habe. Und, dass ich mich heute genau so gut fühle. Und wenn dieser Tag vorbei ist, dann will ich dich bald wiedersehen. Und dann nochmal. Und dann hoffe ich auf noch so einen Tag. Und dann nochmal. Und ich erhoffe mir, dass es sich mit der Zeit als ein für immer herausstellt.“ Sie lässt mich wissen, dass sie gerade ein wenig überfordert ist. „Das ist gerade alles so viel auf einmal“, findet sie. Ich verstehe es, aber kann mich auch nicht zurücknehmen. Alles, was in mir ist, muss raus. Alles, was ich nicht öffentlich mache, ist mein Manipulationshandwerk. Ich will dieses Spiel nicht mit Zeynep spielen, will mir keine Schritte überlegen, von denen ich denke, dass sie zum Erfolg führen. Das machen Menschen so, sie sagen und tun Dinge, von denen sie glauben, dass sie ihnen das Erwünschte einbringen. Alle menschliche Beziehung ist Manipulation, so scheint mir. Und meine Geschichte hat gezeigt, ich bin ein Naturtalent, wenn ich es zulasse. Diesmal will ich es nicht zulassen.

„Vorhin habe ich dich gefragt, ob ich dich umarmen darf. Ich werde jeden Moment auch die Frechheit in mir finden, deine Hand halten zu wollen.“


Nicht allzu lange später stehen wir auf und gehen wieder runter zum Rhein, wo wir uns auf eine Bank setzen.

Sie ist sehr nachdenklich. So sehr, dass ich mir Sorgen mache, aber nicht genug, dass ich mein Tempo drosseln kann. Nachdem wir kurze Zeit so still dasitzen, beginne ich eine zweite Ansprache: „Ich will dir etwas sagen. Ich will eine kleine Analyse wagen und ich kann mich dabei irren. Unterbrich mich bitte, wenn ich falsch liege... Du hast ein total schönes Familienleben, verbringst deine meiste Zeit mit deinen Eltern zu Hause oder bei Unternehmungen. Du hast nicht viele Freunde. Zwei, vielleicht drei. Und das sind welche, die du schon sehr lange in deinem Leben hast. Alle Menschen, die dir nahe stehen, sind schon sehr lange in deinem Leben, seit du klein bist. Du hast dich seitdem verändert. Bist erwachsen geworden, hast viele tolle Bücher gelesen, eigene Gedanken entwickelt. Du hast dich mit den Jahren eben weiterentwickelt. Davon hat aber niemand Kenntnis genommen. Eigentlich gibt es im Moment niemanden, der dich wirklich gut kennt. So wie du jetzt bist.“ Ich bin so vertieft in mein Gerede, dass ich die Tränen in ihren Augen erst spät bemerke. Ich habe sie zum Weinen gebracht und fühle mich zunächst schlecht deswegen. Aber dann denke ich an den befreienden Charakter von Tränen. Und ich sage mir, so weint man nur bei Menschen, zu denen man eine Verbindung spürt. Sie weint lautlos, sie schaut mich ab und zu an und ein Lächeln sehe ich auch noch in ihrem Gesicht.


Ich fasse mit meiner Hand in ihr Haar. Eigentlich will ich ihr damit Nähe zeigen und sie trösten, aber der Körperkontakt macht mich in dem Moment so nervös, dass ich das Gefühl habe, ich würde sie behandeln wie jemand, der gerade seine Hundephobie überwinden möchte. Ich bin überzeugt, ich gehe spätestens jetzt zu weit.


„Ist das okay für dich?“

„Ja.“

Kurz darauf liegt ihr Kopf an meiner Schulter, ich habe meinen Arm um sie gelegt. In diesem Moment fühlt sich alles meinerseits erzwungen an und ich spüre die Magie der letzten Stunden verschwinden. Sie wirkt überfordert, als wäre sie gerade zur Probe in meinem Arm und völlig unzufrieden damit. Und ich kann meine Enttäuschung über mein Verhalten nicht vor mir verbergen. Was mir sogar noch mehr zu schaffen macht, ist die Frage, ob ich mein Verhalten auch so in Frage stellen würde, wenn die Atmosphäre im Augenblick eine bessere wäre.

„Du hast mich nicht unterbrochen.“ Ich bekomme keine Antwort.


Ich begleite Zeynep bis nach Hause. Es ist bereits nach eins mitten in der Woche und es fährt keine Bahn mehr von hier weg, also steige ich in ein Taxi. Der Fahrer fragt mich, was ich um diese Zeit hier mache, so weit weg von zu Hause. Fahr einfach, Taxifahrer, fahr. Ich bin mir gerade wieder zu viel, deine Frage ist fehl am Platz. Ich bin bis hierher einem Gefühl gefolgt. Jetzt nehme ich es mit mir mit. Fahr mich nach Hause.


Was ich nach einem Tag Funkstille bekomme, ist eine lange Nachricht während der Arbeitszeit. Ich empfange sie in meinem Magen. „Von meiner Seite aus wird das nichts und ich sehe keinen Sinn darin, dich noch zehnmal zu treffen, um dir am Ende wieder das gleiche zu sagen.“ Ich war der Überzeugung, dass wir uns als zwei Menschen mit gegenseitigem Interesse getroffen haben. Jetzt lese ich diesen Text und stelle mir unseren zweiten gemeinsamen Tag vor, als hätte ich vor einem Pult auf einem scheiß Stern auf dem Boden gestanden und hätte mich beweisen müssen. Ihr als Jurorin.


Für ihre Entscheidung habe ich kein Verständnis, für mich handelt es sich hier um einen Fluchtreflex. Eine Entscheidung aus Angst will ich nicht wahrhaben. Ich habe ihr sicher Angst gemacht mit meinen bescheuerten Bemerkungen. Es ist die Tat eines Idioten, einem Menschen direkt vor das Gesicht zu halten, welche Schwächen man an ihm erkannt hat. Das sehe ich ein. Aber ich bin verletzt, weil ich möchte, dass meine guten Absichten auch etwas wiegen. Ich habe mich ihr mir meinem ganzen Ballast vorgestellt, ihr von meinen Macken erzählt und ihr offen gestanden, dass ich sogar hier und da gerne mal lüge. Mein Wunsch war es, endlich in einer Beziehung so ehrlich zu sein, wie es nur irgend möglich ist und dennoch gemocht zu werden. Ich sagte ihr, was in ihrem Leben fehlt, weil ich ihr damit zeigen wollte, dass ich es verstehe. Ich hätte vielleicht nicht erkennen können, was sie braucht, wenn es nicht auch in meinem Leben fehlen würde.


Am liebsten würde ich sie gleich wiedersehen. Aber ich gebe ihr in einer Antwortnachricht mein Wort, dass sie nie wieder von mir hören wird, wenn das ihre Entscheidung ist. Die Meinung von jemandem ändern zu wollen, hat sich bisher noch nie als gute Idee erwiesen. Sie für immer los zu sein ist für mich genau so schmerzhaft, wie einem Menschen hinterherzulaufen.


Tagelang bin ich mit mir im Gericht, weil ich bereue, wie ich mich verhalten habe. Auch, wenn ich nach wie vor kein Verständnis für sie aufbringen kann, will ich diesmal nicht einfach mit meinen Fehlern davonkommen. Also schreibe ich ihr nochmal und entschuldige mich für mein Verhalten. Dabei verliere ich als Wortbrecher wieder ein Stück Ansehen in meinen Augen. Erst Tage später kommt es zu einer Antwort von ihr und zu einigen weiteren Nachrichten hin und her, dann ist aber endgültig Schluss. Zu einem Wiedersehen kommt es nicht. Ich höre aber nicht auf, an Zeynep zu denken. Bisher habe ich es noch immer geschafft, mit den Menschen abzuschließen, die aus meinem Leben getreten sind. Aber bei ihr ist es anders. Egal was mir bis heute schon geschah, ich habe mich nie in den Waswärewenns verloren. Jetzt denke ich an alle unsere Gespräche und daran, wie sie mir an diesem Tisch im Café gegenübersaß, und frage mich andauernd, was aus uns hätte werde können. Mich lässt der Gedanke nicht los, dass wir gerade irgendwo passieren, dass wir diese Geschichte losgetreten haben und sie ohne uns existiert. Und sie ist wunderbar.


Diese Geschichte wäre mir im Nachhinein eine Lüge wert gewesen. Gehört die Wahrheit also genau dorthin? Wo sie am meisten wehtut? Wo der Wunsch zur Lüge am größten ist? Und darf ich jetzt eigentlich stolz auf mich sein?


Oder sind diese Worte auch wieder nur eine Manipulation? Denn wer misstraut schon jemandem, der beichtet, dass er bis in die vierte Klasse noch ins Bett gepisst und sich mal den Tod gewünscht hat?




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Angekommen

VON JONAS MIETH // In meinem Bett liegt ein Mann, der mir Fragen stellt, auf die ich keine Antworten habe.

Irgendwohin

VON SAMIRA SERVOS // Ezra schüttete eine weitere Ladung Allzweckreiniger auf das Sofa