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Eine Lüge wert

VON TAYPHOON //



1


Ich laufe durch den Flur in Richtung der Toiletten. Meine Arme habe ich in beide Richtungen ausgestreckt und meine Wangen aufgeblasen, sodass ich Motorgeräusche machen kann. Aber ziemlich leise, nur für mich, denn es wäre mir peinlich, so gesehen zu werden. Auch mit den Armbewegungen bin ich recht verhalten, aber von außen müsste schon zu erkennen sein, dass ich ein Flugzeug darstellen soll.

Das nächste Bild ist Laura, die ihre beiden Hände auf ihrem Bauch vereint hat. Sie hat ihr Becken ziemlich weit zurückgezogen und ihre Lippen haben sich zu einem kreisrunden O geformt. Ihre geflochtenen Zöpfe hängen links und rechts runter. Sie schaut mich entsetzt an. Ihre Freundin neben ihr beobachtet uns teilnahmslos, aber auch sichtlich erschrocken. „Was machst du!?“, brüllt Laura mich an und bricht in Tränen aus. Die beiden laufen an mir vorbei und sind weg.


Habe ich sie wirklich so stark am Bauch getroffen? Schon klar, meine Flughöhe muss beachtlich gewesen sein, wenn man bedenkt, dass ich eine Art Filmriss habe. Aber war ich echt so schnell? Wow!

Zeitsprung. Es ist Sitzkreis, das heißt, alle sitzen im Kreis und gucken sich an. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich zwischenzeitlich noch auf der Toilette war. Niemand redet, nur die Erzieherin schreit. Und zwar mich an. Die Tränen fließen mir über das Gesicht, während ich still da sitze und die Schimpftirade über mich ergehen lasse. Meinen Blick kann ich dabei nicht von ihr nehmen, dieses hasserfüllte Gesicht. Das kenne ich nur von wenn Erwachsene untereinander streiten. Aber ich muss voll drauf halten, sonst müsste ich in die Augen der anderen Kinder sehen. Diese Szene erscheint mir so gar nicht Kindergarten. Ich werde nie mit jemandem darüber sprechen. Auch von der Anstalt wird sich niemand dazu bei meiner Familie äußern. Es wird nie wieder irgendwo Thema werden. Nicht einmal beim Elternsprechtag, als diesmal lauter Erwachsene im Stuhlkreis sitzen.


„Hallo, ich bin die Mutter von Max.“

„Hallo, ich bin die Mutter von Nadja.“

„Hallo, ich bin die Mutter von Alican.“

„Hallo, ich bin die Mutter von Laura.“

„Hallo, ich bin die Tante von...“ mir. Die Tante von mir erfährt nie, was in diesem Kreis vorgefallen ist.


Auf Spielplätzen, Bolzplätzen und auch anderswo, wo Kinder zusammenkommen, schaue ich ständig die anderen Kinder an, die herumlaufen, sich gegenseitig raufen, doofe Reime schreien und Dinge umhauen. Ich mag was sie tun, und stelle mir vor, wie ich diese Dinge tue. Ich gehe aber nie zu ihnen hin.

Meine Familie lobt mich andauernd dafür, dass ich so artig bin. Ein Vorzeigekind, das seinen Gleichaltrigen vieles voraus hat. Sitzt immer still da, macht nichts kaputt, kommt den ganzen Tag mit zwei Actionfiguren und einer Hand voll Murmeln aus. In Wahrheit reicht mir sogar nur eine dieser Murmeln. Die stelle ich mir als einen Fußball vor und lasse meine Figuren damit tolle Tricks vorführen, während ich in meinem Zimmer auf dem Bauch liege und sie gegeneinander antreten lasse. Die beiden führen dabei andauernd Gespräche. Viel zu viel Gerede für ein Fußballspiel eigentlich.


Sparsam bin ich auch. Ein Kind, das an seine Ersparnisse denkt. Mein Vater erzählt den Leuten andauernd diese Anekdote, wie wir gemeinsam in ein Kaufhaus gegangen sind, weil ich mir von meinem Geld ein Spiel für den Gameboy kaufen wollte. Als ich das Spiel in der Hand hielt und den Preis sah, hatte ich es mir anders überlegt und wollte darauf verzichten. An sein stolzes Lachen, nachdem ich sagte, wir können gehen, kann ich mich gut erinnern. Er kaufte mir das Spiel dann selber.


Im Laufe der Jahre werde ich zwei Generationen von Playstation-Konsolen zu Geburtstagen geschenkt bekommen, die meine Gehaltsklasse als Schüler deutlich übersteigen werden, indem ich Wochen vorher anfange davon zu sprechen, dass ich mir bald eine zulegen würde.





2


Vor den Sommerferien vor meiner Einschulung in die erste Klasse findet in der Schule ein Kennenlerntag statt, bei dem sich die künftige Eins C kennenlernen soll. Wir Kindergartenabsolventen bekommen jeweils einen Viertklässler als Betreuer für den Tag zugeteilt. Weil mein Bruder bis zu den Ferien noch bei Frau Becker, meiner neuen Lehrerin, in die Klasse geht, kriege ich praktischerweise ihn zugeteilt.

Das Event beginnt mit lauter Namensschilder, die mit kleinen Magneten an die Tafel befestigt wurden. Wir sollen nach der Reihe aufstehen und uns das mit unserem eigenen Namen holen. Das ist offensichtlich ein Test.


Ich erinnere mich daran zurück, wie mein Bruder mich zu Hause mal total aufgeregt mit einem Fußball-Sammelsticker-Heft aufgesucht und die Seiten mit der türkischen Nationalmannschaft aufgeschlagen hat.

„Guck mal!“, foderte er mich auf und zeigte auf einen aufgeklebten Sticker. Ich guckte.

„Was ist denn damit?“

„Ja, guck doch!“

„Ich gucke doch. Was ist da?“

„Der heißt so wie du!“

„Achso. Hahaha, cool!“ Woher sollte ich das wissen? Ich konnte doch nicht lesen.


Zurück in der Klasse, haben jetzt die Hälfte der Kinder bereits ihr Namensschild vor sich stehen. Bald bin ich dran und ich kann weiterhin nicht lesen. Ich kann mich auch nicht erinnern, wie mein Name in dem Stickerheft ausgesehen hat. Warum gibt mein Bruder mir keinen Tipp? Er sollte doch wissen, dass mir seitdem niemand das Lesen beigebracht hat? Jetzt bin ich an der Reihe und stehe auf, um zur Tafel zu gehen. Mein Auftreten ist souverän, ich komme ohne jegliche Peinlichkeit vor der Tafel an und schnappe mir das Namensschild. Aber das eines anderen. Frau Becker und die älteren Schüler lachen plötzlich alle. Auch einige der anderen neuen Kinder. Mir wird das richtige Schild dann in die Hand gedrückt und ich setze mich zurück zu meinem Bruder, wo er und seine Freunde nochmal persönlich lachen.


Bei der Einschulung stellen wir uns mit den anderen Kindern in einer Reihe vor unserem neuen Klassenzimmer auf und gehen dann gemeinsam in einer Linie rein, sodass Frau Becker uns nochmal einzeln begrüßen kann. Ich mache meine Schritte irgendwo im letzten Drittel und kann die Situation sehr gut überschauen, als Frau Becker einen anderen Jungen mit meinem Namen begrüßt. „Nein, ich bin Semih!“, korrigiert er sie darauf. Wir sehen uns nicht einmal ähnlich. Semih trägt zwar auch eine Brille, ist aber viel schlanker als ich.


In der großen Pause spricht mich einer meiner Mitschüler an: „Hi, ich bin Tobias. Wollen wir Freunde sein?“ Ich habe noch nie blonde Locken so nah erlebt. Die Szene kommt mir aber vertraut vor. Aus Cartoons. Wir werden Freunde.


Mein bester Freund allerdings, seit dem Kindergarten übrigens, ist Kerim und wir sind auch hier zum Glück in der gleichen Klasse gelandet. Kerim wohnt quasi bei mir in der Straße und wir sind ständig zusammen. Entweder spielen wir Fußball vor seiner Haustür, oder wir spielen Videospiele in seinem Zimmer. Seine Mutter lässt mich nie wieder nach Hause gehen, ohne zumindest einen Teller Reis gegessen zu haben. Ich nehme Kerim sogar einmal nach der Schule mit auf den Bordstein gegenüber unseres Wohnhauses und zeige ihm unser Küchenfenster, das meine Stiefmutter am Vortag mit einem Küchengerät zerschmettert hat. „Boah, krass!“


Als kleiner Bruder eines Ehemaligen besitze ich unter allen Schülern ein Alleinstellungsmerkmal. Frau Becker erzählt eine Anekdote immer besonders gerne: „Dein Bruder war genau so wie du, immer still und zurückhaltend. Dann, einmal, hat ihn ein Klassenkamerad geärgert und nachdem dein Bruder bestimmt fünfmal gesagt hat, er soll aufhören, da hat er ihm eine verpasst!“ Ich höre jedes Mal zu und wundere mich darüber, dass sich diese Geschichte gar nicht mit denen meines Bruders deckt, der mir zu Hause immer ganz stolz erzählt, wenn er jemanden verprügelt hat. Sie deckt sich aber auch nicht mit meinen Wutausbrüchen, die ich zu Hause ständig gegen meinen Bruder und in der Schule gegen die anderen Kinder habe. Gott bewahre den, den ich in die Hände kriege. Aber ich bin ziemlich dick und zu langsam, deshalb kriege ich nie jemanden in die Hände.


Die Pausen bedeuten in der Regel Fußball. Dem Spiel geht immer das Gebrüll „Türken gegen Deutsche!“ voraus. Ich weiß nicht, was mich mehr verwundert. Dass alle anderen Nationalitäten nicht beachtet werden, oder dass sie immer bei den Deutschen im Team sind.


In einem Match treibt es Tobias zu weit mit mir, indem er mir eine Schwalbe vorwirft. Als er dann den Ball am Fuß hat, ziehe ich voll durch und trete ihm mit einer überwältigenden Wut beide Beine weg. Gefühlt verbringt er fünf Sekunden in der Luft, ohne dass ein Körperteil den Boden berührt, und klatscht dann mit beiden Handflächen voraus auf dem Boden auf. Er beginnt unheimlich zu weinen und ich bekomme Angst.

„Das hast du mit Absicht gemacht! Das war Absicht!“ Er hört sich dabei überhaupt nicht wütend an; sein Ton klingt nicht mal nach Vorwurf, obwohl eindeutig einer formuliert wird. Tobias klingt wirklich einfach nur sehr verletzt.

„Nein, ich wollte den Ball treffen. Wirklich!“


In der dritten Klasse, nachdem man jetzt schon ein wenig von der englischen Sprache mitbekommen hat, veranstaltet die Schule einen Flohmarkt, auf dem wir Schüler unseren alten Kram verkaufen sollen. Die Regel: Es wird Englisch gesprochen!


Kerim erscheint an diesem Tag völlig unvorbereitet und ohne jegliches Zeug, also stehen wir gemeinsam an meinem kleinen Stand. Ich bin nervös und überlege mir ständig, was ich sagen soll, wenn jemand vorbeikommt. Lange Zeit wirkt es, als wäre meine Sorge unberechtigt, aber dann stellt sich eine Lehrerin vor uns, schaut sich mein Sortiment an und es beginnt die erste Verhandlung.


„Oh hey, what do you have here?“ Ich verstehe kein Wort, aber ich will nicht auffallen. Wenn sie mich auf Englisch anspricht, dann wird es schon etwas sein, worauf ich antworten können sollte.

„A dinosaur, a ball...“

„And what else?“

„Ehmm... A ball...“


Der Flohmarkt bringt mir insgesamt drei Euro ein, die ich auf dem Heimweg in meine Faust einschließe. Kurz bevor er nach Hause abbiegt, stellt Kerim fest, dass es nur fair ist, den Gewinn zu teilen. Schließlich standen wir ja gemeinsam da. Ich finde seine Argumentation nicht sinnvoll, das muss er ja aber nicht wissen. Ich schaue ihm zu, während er das Geld jetzt in seiner Hand aufteilt und mir meinen Anteil überreicht. Ich bin froh, dass ich mich der Situation nicht alleine stellen musste, er hat sich das Geld schon verdient. Und ohnehin ist man nicht verarscht worden, wenn man eine Begründung findet, warum man nicht verarscht worden ist.


Während der Grundschuljahre werde ich sehr oft von einigen Mitschülern zu ihren Geburtstagen eingeladen. Tobias, Tim, Timo, Sebastian, Robin und ich. Immer die üblichen Verdächtigen. Robin ist aber eine einfache Feier nicht genug, also heißt es in der Einladung auch Übernachtung. Ich komme ins Schwitzen und überlege mir eine Ausrede, wieso ich nicht bei Fremden zu Hause übernachten kann.

Dem normalen Teil der Feier wohne ich bei, auch sehr gerne. Und das, obwohl mich Robins kleiner Bruder „Mr. Fettsack“ tauft und ich mir den ganzen Tag denken muss: „Was seid ihr für Eltern? Stoppt den kleinen Wichser!“


Am Abend kommt mich mein Vater wie abgesprochen abholen und begründet mein vorzeitiges Verlassen vor dem Vater von Robin an der Tür damit, dass ja nach dem Wochenende Urlaub in der Heimat ansteht, und dass ich noch meinen Koffer packen müsse. Genau so habe ich es ihm aufgetragen. Sehr gut, Baba! Die beiden lächeln, ich höre aufmerksam zu und hoffe, dass wir bald weg sind. Robins Vater und alle hinter dieser Türschwelle wissen, es ist eine Lüge. Ein Drittklässler packt nicht alleine seinen Koffer und wenn doch, dann kein ganzes Wochenende lang. Aber ist mir recht. Lieber lüge ich sie alle ganz offensichtlich an, als dass ich auf Risiko spiele, die Nacht hier verbringe und mich dann in der Nacht bepisse.


Einmal in der Woche werden für ein- oder zwei Schulstunden verschiedenste Spiele mit Lehrcharakter aus dem Schrank gepackt und Stationen gebildet. Ich gerate in ein Spiel, bei dem es darum geht, sich für verschiedene Sätze zwischen das und dass zu entscheiden. Ich gucke einmal drüber und kann nichts damit anfangen, es erscheint mir zu schwierig. Also lege ich es weg. Frau Becker findet, dass das viel zu schnell ging und nimmt mir das Spiel aus der Hand, um zu sehen, worum es sich dabei handelt. Sie bemerkt, dass ich das aus dem Unterricht heraus noch gar nicht können dürfte, also setzt sie sich zu mir und will, dass ich das Ding nochmal für sie löse. Ich bekomme eine Mordsangst, will die Bloßstellung aber so weit hinauszögern, wie ich kann. Meine Augen kullern wie wild über die Sätze und ich erkenne plötzlich ein Muster. Immer ist ein Komma vor der Lücke und bei der Hälfte der Sätze steht vor dem Komma ein Wort, das ich eigentlich mit das kenne. Wie beim Diktat. Das muss es sein! Ich stelle meine Lehrerin nicht nur zufrieden, sondern beeindrucke sie richtig. Ich bin aber einfach nur froh, dass meine Lüge nicht aufgeflogen ist.


In der vierten Klasse nehme ich mir vor, wie die ganzen anderen Kinder, einige meiner Mitschüler nach Hause zu meinem Geburtstag einzuladen. Mein Vater ist alleinerziehend und arbeitet in der Nachtschicht. Deshalb lasse ich absolut nichts auf ihn zukommen, ich will alles alleine vorbereiten. Mache mir Gedanken darüber, welche Spiele gespielt werden sollen und lege mich auf einige fest, die ich von anderen Geburtstagspartys oder aus dem Fernsehen kenne.


Kurz vor knapp erreicht die Nachricht über mein Vorhaben dann die höchste Etage der Familie: „Was haben so viele fremde Kinder in der Wohnung verloren?! Soll sich dein Baba auch noch damit rumschlagen?!“, schimpft meine Oma mit mir. „Naja, ich mische mich nicht ein. Mach, was du willst!“ Dabei hatte mein Vater keinerlei Einwände.


Am Morgen der Party setze ich mich an das Telefon und rufe alle eingeladenen Gäste nacheinander wieder aus. Der Grund: „Familiäre Angelegenheit.“ Lüge. Mir fehlen einfach noch die Eier, es durchzuziehen.

Am nächsten Schultag hat Tobias eine kleine Tragetasche in der Hand. Aus dieser packt er das Geschenk aus, das er mir an meinem geplanten Geburtstag schenken wollte. In der großen Pause, während alle anderen draußen spielen, bleiben wir beide im Klassenraum und spielen mit den Actionfiguren, die er seine Eltern für mich hat kaufen lassen.


Die vier Jahre Grundschule enden mit den gleichen Bemerkungen auf dem Zeugnis, wie in jedem Jahr: „Immer aufmerksam und interessiert. Aber sehr zurückhaltend.“ Aufmerksam? Natürlich, hier läuft man ja jeden Moment Gefahr, zur Schau gestellt zu werden. Interessiert? Kann ich nicht bestätigen. Und zurückhaltend? Das kann ich so akzeptieren. Ich frage mich aber, ob bei einigen anderen auch drinsteht: „Mischt sich in jeden Scheiß ein.“






3


Das Bild, dass die Leute von mir haben, bleibt auch auf der weiterführenden Schule ähnlich. Still, zurückhaltend, unkompliziert. Schreibt immer gute Noten und ist fleißig.


In Wahrheit hasse ich die Schule und hasse es, dort zu sein. Natürlich bin ich zurückhaltend in jeder Hinsicht, denn die Spiele und den Quatsch der anderen finde ich ebenso uninteressant wie den Unterricht. Den ganzen Tag bin ich in diesen Klassenräumen und höre irgendwie zu, weil es in dem Moment sonst auch nichts gibt, das meine Aufmerksamkeit erregt. So komme ich auch ohne zu lernen auf gute Zweiernoten, während ich andauernd daran denke, schnell nach Hause zu laufen nach der letzten Stunde und mich an die Playstation zu setzen oder im Fernsehen Full House zu gucken.


In diesen Jahren lerne ich vor allem Folgendes: Wenn man aus ausländischem Haushalt kommt, dann feiert die Schule die Zweien wie Einsen. Und wenn man aus einer reinen Arbeiterfamilie kommt und es auf die Realschule schafft, wo man dann eine durchschnittliche Leistung zeigt, ist man der Hoffnungsträger einer gesamten Sippschaft. Vielleicht trifft es auch nur mich so, keine Ahnung. So aber das Gefühl. Der Gedanke, dagegen anzukämpfen, erscheint mir zu mühselig. Ich lasse alle glauben, was sie glauben wollen. Nur meinen Vater weise ich hin und wieder unter vier Augen zurecht, dass er aufhören soll, meinen Bruder ständig runterzumachen und mich ihm als Musterbeispiel unter die Nase zu reiben.


In der Klasse wird mir nachgesagt, ich sei der Adoptivsohn unserer Deutschlehrerin, Frau Kerstin. Ich mag sie tatsächlich auch sehr. Auch, wenn mir peinlich ist, dass sie meine korrigierte Klausur vor allen hochhält und in die Runde fragt: „Seht ihr, wie wenig ich rot anstreichen musste?“ Ich umgehe schwierige Wörter in Klassenarbeiten immer mit lächerlich langen Umschreibungen.


In einer anderen Stunde läuft Frau Kerstin während einer Stillarbeitsphase an meinem Tisch vorbei und bemerkt die unsaubere Schrift und die vielen Kritzeleien in meinem Arbeitsheft: „Och, das ist aber schlampig!“ merkt sie an, mit einem eigentlich doch sehr liebevollen Unterton. Aber während einer Stillarbeitsphase! Sie ist sehr alt. Daran wird es liegen, dass sie das Wort „schlampig“ in seiner wohl ursprünglichen Bedeutung verwendet. Der Spitzname „Schlampe“ hält sich in der Klasse zum Glück nur für wenige Schulwochen.


Und wieder eine Deutschstunde, da passiert immer so viel. Frau Kerstin kontrolliert die Hausaufgaben auf ihre Anwesenheit. „Es tut mir leid, ich habe sie vergessen.“, beichte ich, als sie neben mir steht. „Na gut, das ist bei dir ja eine absolute Seltenheit. Ich werde es nicht notieren.“ Ich habe einen Spielfehler gefunden! Ein wenig Zufriedenheit hier und da schaffen, dann kann man unbemerkt seine teuflischen Pläne umsetzen. Von jetzt an verzichte ich systematisch jedes Halbjahr ein- bis zweimal auf die Hausaufgaben in Deutsch. Ich werde schon mal leichte Gewissensbisse haben. Aber aufhalten wird mich das nicht.


Schule gehört für mich ausschließlich in die Schule. Zu Hause will ich nichts davon wissen, so mache ich meine Hausaufgaben stets nach dem Minimalprinzip. Ich weiß genau, welcher Lehrkraft welches Maß an Qualität genügt. Meinen Kopf kann ich optimal auf meiner Hand platzieren, sodass ich vom Lehrerpult aus interessiert wirke. In Mathe schreibe ich manchmal ganz schnell wirre Rechenwege auf und breche einfach mittendrin ab. Im Unterricht kann ich dann sagen, ich hätte es versucht, wäre aber nicht weitergekommen. Der Wille wird hier gelobt. Weil er nicht flächendeckend vorhanden ist, nehme ich an. Auch bei mir nicht. Ich weiß aber, ihn vorzuspielen. Wenn ich mal eine drei oder vier schreibe, gebe ich sie meinem Vater immer erst dann zum Unterschreiben, wenn er getrunken hat und in seinem Kopf anderweitig beschäftigt ist.


Ich sehe mir zu Hause den ganzen Tag etwas im Fernsehen an, alles von Familien-Sitcoms über Tyrannen, die die Welt zerstören wollen; streame Filme oder spiele Videospiele und bin absolut nicht produktiv. Bis in die Oberstufe werde ich nie ein Buch aus freien Stücken gelesen haben. In meinem Regal treffen sich nur Schullektüren, die man nicht einmal durchgelesen haben muss, um die jeweilige Klassenarbeit zu bestehen. Manchmal bin ich so vertieft in meine Bildschirme, dass ich mich gar nicht erst an die Hausaufgaben setzen mag. Selbst das Minimalprinzip ist mir zu viel und alleine die Vorstellung daran, wie ich meinen Rucksack hole und ein Heft aufschlage, sorgt für Übelkeit. Dann stelle ich meinen Wecker für den nächsten Tag auf vier Uhr, um schnell noch vor dem Unterricht etwas hinzurotzen. Um diese Zeit steht mein Vater auch auf, um zur Arbeit zu gehen.


Irgendwann wirft mir Oma vor versammelter Familie vor: „Du machst mit Absicht morgens so früh deine Hausaufgaben, damit dein Bruder bei deinem Vater schlechter dasteht! Du bist ein hinterhältiges Kind!“ In dem Moment mime ich den Eiskalten. Am gleichen Abend dann zu Hause, als alle schlafen und ich alleine im Wohnzimmer sitze, heule ich mir das ganze Gesicht wund. Ich akzeptiere vielleicht das Ansehen, das ich unrechtmäßig genieße und nehme es kommentarlos hin. Schon so lange. Aber ich fahre keinen Ellenbogen aus, so viel gestehe ich mir ein.


Auf der Abschlussfahrt in der zehnten Klasse komme ich einer Mitschülerin ziemlich nahe. Wir verbringen die Abende immer zusammen und unterhalten uns viel. Bis hierhin haben wir kaum etwas miteinander zu tun gehabt. Ich denke wirklich, sie mag mich. Und ich habe zum zweiten Mal so ein angenehmes Gefühl in der Brust, während ich mit einem Mädchen rede. Vorher hatte ich das schon bei einer anderen Mitschülerin, sie hat aber schon in der sechsten Klasse die Schule gewechselt und war weg.


Die Klassenfahrt ist zu Ende und wir stehen alle Schlange, um für die Heimfahrt in den Bus zu steigen. Das Mädchen ist neben mir und wir gehen gemeinsam winzige Schritte in Richtung der Tür. Sie schaut mich an und sagt: „Weißt du was, ich liebe dich! Hihihi“, dann verschwindet sie mit ihrer Freundin durch die andere Tür. Schade eigentlich, ich hatte mich echt auf meine erste Freundin gefreut. „Das ist voll kindisch“, beschließe ich alleine für mich und spreche sie ab der Rückfahrt nie wieder an. Es ist, als wäre zwischen uns nichts gewesen auf dieser Klassenfahrt. Die Geschichte verstaubt.







4


Nach der Realschule wechsele ich auf ein Gymnasium, um das Abitur zu machen. Aus schulischer Sicht werden diese drei Jahre keinen großen Unterschied zu dem machen, was vorher schon da war. Das Abitur werde ich mit wenig Aufwand schaffen, ohne je Zweifel aufkommen zu lassen. Zum Abschluss werde ich jemandem ins Jahrbuch schreiben: „Mein größter Gewinn aus dreizehn Jahren Schule.“


Bereits an meinem allerersten Tag an der neuen Schule sehe ich sie und sie ist anders. Voldemort. Sie hat pechschwarzes langes Haar und dieses auffällige Muttermal auf der linken Wange. Sie ist sehr schlank, so schlank wie es vielen schon wieder nicht gefällt. Weil lange Zeit niemand etwas von meinen Gefühlen für sie weiß, reden die Jungs hin und wieder auch in meiner Gegenwart davon. Aber nicht nur darüber, wie „dünn“ sie ist, sondern auch wie sie sonst so ist. Ihnen gefällt nicht, dass sie oft laut widerspricht und sich an allem beteiligt, was in der Stufe und über die Stufe besprochen und beschlossen wird. Abgesehen von drei oder vier Leuten habe ich ohnehin keinen wirklichen Draht zu irgendwem, also nehme ich das ganze Gerede nicht ernst. Ich werde im Gegenteil immer neugieriger. Ich mag es, wenn ihr Name in meiner Nähe fällt, ob nun positiv oder negativ. Es soll am liebsten immer um sie gehen. Mein Kopf trennt Voldemort von allen anderen Reizen an diesem Ort. Alle anderen sind eine breite Masse, sie steht für sich allein. Auch ich gehöre nur zur Masse. Anderthalb Jahre haben Voldemort und ich nichts miteinander zu tun. In den zwei Kursen, die wir gemeinsam haben, sitzen wir weit auseinander und ich habe keinen Grund zur Annahme, dass sie von meiner Existenz weiß. Immer wenn sie in der Nähe ist, spüre ich den Zwang, zu ihr hinzusehen. Aber ich widersetze mich dem; nicht hinsehen ist für mich eine Vollzeitbeschäftigung. Mit ihr zu sprechen und ihr meine Gefühle mitzuteilen, ist überhaupt keine Option. Mittlerweile bringe ich hundert Kilo auf die Waage und wenn ich in den Spiegel sehe, empfinde ich die Phantasie von uns beiden nebeneinander als eine Zumutung für sie.


Als einer unserer Vertrauenslehrer gegen Ende des ersten Schuljahres die Namen der Schüler vorliest, die ihre Zettel mit den Wahlfächern für die nächsten zwei Jahre rechtzeitig abgegeben haben, ist mein Name nicht dabei. Ich habe ihm den Zettel aber am Vortag noch auf dem Gang gegeben, weil ich wegen eines Termins früher weg musste und nicht bis zum Unterricht warten konnte. Er hat ihn vor meinen Augen in seine Mappe gelegt. Also folge ich ihm in sein Büro und spreche das Thema an. Vertrauenslehrer Nummer zwei ist auch da und guckt ungläubig, da sagt Nummer eins über mich: „Wenn er das sagt, dann stimmt das. Ich glaube ihm.“ Das macht mich für einen Moment sehr stolz.


Der Gedanke an Voldemort macht mich mittlerweile verrückt. Wohin ich gehe, ich nehme sie mit. Meine Freunde müssen sich ständig meine Schwärmerei antun. Ich träume von ihr, spreche von ihr, denke an sie. Ununterbrochen! Bei aller Angst und Unsicherheit, ich muss endlich in ihrer Welt existieren. Ich schreibe ihr im Suff die erste Nachricht auf Facebook. Schäbig. Aber es klappt. Wir kommen erstaunlich schnell und gut ins Gespräch, verstehen uns wunderbar. Bald darauf treffen wir uns auch außerhalb der Schule und nach knapp einem Monat Freundschaft...


Nachdem ich anderthalb Jahre zu ängstlich war, um in ihre Richtung zu sehen, finde ich mich nun ihr gegenüber und besitze die Frechheit, mich einfach zu ihr zu beugen und sie auf den Mund zu küssen. Sie macht einen Sprung zurück, wischt ihren Mund ab. Voldemort sieht mich jetzt schockiert an. Ich kann es verstehen. Ich nähere mich aber nochmal, küsse sie noch einmal. Nicht so, als würde ich sichergehen wollen, sondern völlig überzeugt, dass sie überzeugt werden muss. Dieser Kuss dauert. In meiner Brust herrscht ein Waldbrand. Mir fällt nicht ein, die Feuerwehr zu rufen.


Die folgenden drei Monate sind die bis dahin schönste Zeit, die ich je hatte. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, meinem Leben eine eigene Richtung gegeben zu haben. Als wäre es erst jetzt meins geworden. Das erste Mal etwas gewollt, das erste Mal etwas Bedeutendes geleistet.


Dann gehe ich eines Morgens in die Schule. Sie ist nicht da. Hat sich bei mir auch nicht gemeldet, ich kann sie nicht erreichen. Das ist sehr untypisch. Am Nachmittag habe ich immer noch keine Nachricht von ihr erhalten, also gehe ich nun vom Schlimmsten aus. Ihre Mutter sollte in diesen Tagen ihre Untersuchungsergebnisse bekommen. Der Verdacht: Krebs.


Gegen abends kommt dann endlich eine kurze Nachricht und ich laufe gleich zur Bahn. An einer Haltestelle in ihrer Nähe warte ich darauf, dass ihre Bahn auch einfährt. Sie tut es. Ich sehe Voldemort, wie sie mit klitschnassem Gesicht aussteigt. Sie läuft mir in die Arme und versteckt ihr Gesicht in meiner Brust. Wir verbringen Minuten in dieser Situation, bis wir die Haltestelle verlassen und in einen ruhigen Park gehen. Ich gebe mein Bestes, um sie zu trösten, mache ihr Mut und verspreche ihr, immer da zu sein. Als sie sich etwas beruhigt hat, möchte sie wieder zu ihrer Mutter und wir verabschieden uns für den Tag.

Zu Hause setze ich mich ins Wohnzimmer und mache die Tür zu. Nur ich bin noch wach in der Wohnung. Ich denke an Voldemort und daran, wie sie geweint hat. Jetzt lasse ich meinen Tränen auch freien Lauf.

Von jetzt an bin ich immer auf Abruf bereit. Sie ist für ihre Mutter da und ich für sie. Ich nehme mir selten etwas vor und sage Einladungen ab, für den Fall, dass sie etwas unternehmen möchte oder mich wieder braucht.






5


Im Sommer darauf verbringe ich die Ferien wie jedes Jahr in der Türkei im Sommerhaus meiner Großeltern. Der Strand, das Meer, ein Pool und Sportplätze; hier habe ich alles praktisch vor der Tür. Ich langweile mich aber sehr, da meine Freunde nicht da sind. Sie müssen sich alle in ihren Heimatstädten um ihre Einschreibungen für die Uni kümmern und das ganze Zeug. Hier ist das alles ein großer Aufwand.

Voldemort ist mit ihrer Familie in Istanbul, das bedeutet von mir aus anderthalb Stunden Busfahrt. Wir verabreden uns, um einen Tag gemeinsam zu verbringen, und ich werde mit dem Bus dorthin fahren. Meiner Oma gefällt diese Idee nicht und sie möchte mich davon abhalten.


„Bist du bescheuert?! Siehst du nie die Nachrichten? Weißt du eigentlich, wie gefährlich es in dieser Stadt ist? Und du kennst dich da nicht aus. Da kann überall jeden Moment etwas passieren! Du hast doch hier alles, was fehlt dir denn? Wieso bist du seit Tagen so. Nur wegen diesem Mädchen!“