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Lügen ist eine Frage der Perspektive

VON LENA MECKENSTOCK //


Lügen ist ein hässliches Wort. In meiner Erinnerung sitze ich sehr oft vor Menschen und sage Dinge, die so nicht so wirklich wahr sind oder aber, ich lasse einfach das ein oder andere weg. Ich sitze vor meiner Therapeutin und sage, dass ich mich bei meiner Kinderärztin habe wiegen lassen. Ich sage ihr nicht, dass das bereits drei Wochen her ist. Ich sitze vor der Ärztin in der Klinik und sage, dass ich mich bereit fühle, entlassen zu werden. Dass ich mir bereits auf dem Heimweg meine Kalorien-App neu installiere, sage ich ihr nicht. Ich sitze vor meinen Eltern und sage, dass ich gesund werden will. Dass ich aber noch viel lieber krank bleiben will, als gesund zu werden, das sage ich lieber nicht.


Ich meine es ist ja nicht so, dass ich niemals gesund werden will. Nur jetzt noch nicht, jetzt wo es noch Ana gibt. Ich erzähle niemandem von meinem Geheimnis. Aber ist das denn schon lügen? Nur, weil man etwas nicht erzählt?


Ist das Lügen, dass ich meine Mädchen in meinem Handy habe, überall in diesem Land verteilt und wir gemeinsam das Leben führen, das wir uns wünschen? Es ist ja nicht so, dass mich bisher jemand gefragt hätte, oder uns. Keine von uns wurde bisher danach gefragt.


Das ist Anas Schutz. Ana, das ist die Inkarnation von Perfektion. Ana ist die Personifikation von Magersucht und unser aller Vorbild. Sie hat tausende Gesichter, aber alle sind wunderschön. Und dünn. So dünn, wie wir es vermutlich nie sein werden. Auch, weil unsere Familien es nicht zulassen. Und deswegen müssen wir manchmal einen Teil der Wahrheit weglassen. Für Ana. Für uns.


Wenn sie uns so leben lassen würden, wie wir wollen, dann müssten wir nicht lügen. Das ist, was Ana uns beigebracht hat in ihren Briefen. „Sie werden versuchen mich dir wegzunehmen!“ schreibt sie. „Sie werden dich einsperren und dich zwingen zu essen,“ höre ich in meinem Ohr, wann immer ich überlege es vielleicht irgendwann beiläufig zu erzählen.


Lügen ist wirklich anstrengend und zeitintensiv. Aber es gibt mir einen Sinn für meinen Tag. Wenn ich morgens wach werde, dann haben die Mädchen meist schon geschrieben. Wir haben uns online kennen gelernt und mittlerweile sind wir über zehn und wie eine echte Familie. Der Morgen ist durchgetaktet. Ich muss so früh aufstehen und duschen, dass ich es schaffe vor meiner Familie in der Küche zu sein. Was würden die anderen Mädchen nur denken, wenn ich tatsächlich schon vor acht Uhr etwas essen würde? Wir schicken alle Fotos unseres präparierten Frühstücks in unsere Gruppe, es darf ja bloß niemand in der Familie denken, dass wir nichts gegessen hätten. Aber Mama fragt nicht. Sie sieht den Teller mit den Brotkrumen drauf und das Glas Marmelade daneben, am Messer ist noch ein kleiner Rest zu erkennen. Alles sieht so aus, dass sie keine Fragen stellen muss und ich komme umhin, ihr ins Gesicht zu lügen.


Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich niemandem mehr trauen kann. Niemandem außer Ana und meinen Mädchen. Dass alle mich anlügen, wenn sie sagen, dass sie sich Sorgen machen, dass sie mich lieben, dass sie nur mein Bestes wollen. Warum zwingt ihr mich dann zum Essen, warum kontrolliert ihr mich dann, warum sperrt ihr mich dann ein? Ich vertraue niemandem außer Ana. Wir Mädchen, wir sind ein Team und gegen uns kommt niemand an. Wir lügen nicht, wir schützen einander. Und vor allem schützen wir Ana.


Lügen ist ein hässliches Wort. Wir haben viele hässliche Dinge gemacht damals. Wir haben unsere Freunde, unsere Freundinnen und unsere Familien belogen, wir haben uns den Finger in den Hals gesteckt und uns die Arme aufgeritzt. Wir haben mehr Zeit mit vermeintlich Fremden im Internet verbracht als mit den Menschen, die uns lieben. Wir haben den Sportunterricht geschwänzt nur, um uns nicht vor anderen ausziehen zu müssen und dann sind wir den halben Heimweg gerannt, um die Faulheit auszugleichen. Wir haben Essen verschwinden lassen, während andere Kinder hungern müssen. Wir haben eine Krankheit geliebt, die zu einem Monster wurde und uns zu Monstern gemacht hat. Wir haben vielleicht nicht immer aktiv gelogen, aber das gesamte Leben, das wir führten, war eine einzige Lüge.


Der Absprung ist dreieinhalb Jahre her, als ich mit Kathi das erste Mal über unsere Lügen spreche. Allein der Begriff „Absprung“ ist schon wieder gelogen. Es ist kein Absprung mehr, wenn nur noch ein Haufen Scherben über ist. Aber wir waren schon immer gut darin vor allem uns selbst zu belügen. Ich habe nie in Frage gestellt, dass auch nur ein Wort dieser Mädchen nicht wahr gewesen sein könnte, wäre nie auf die Idee gekommen, dass sie im Stande wären uns alle anzulügen. Absurd dieser Glaube, wenn man bedenkt, dass unser gesamtes Leben daraus bestand, unsere Lüge aufrecht zu halten.


„Glaubst du, dass wir absichtlich gelogen haben?“ frage ich Kathi und sie lächelt. Ein bisschen wehmütig, ein bisschen gequält, aber ehrlich. „Ich glaube, dass wir alle unsere eigenen Lügen geglaubt haben. Wir wollten so sehr, dass es wahr ist, dass wir es einfach irgendwann geglaubt haben. Das war der einzige Weg, es wahr werden zu lassen.“


„Hast du mich jemals belogen?“ frage ich und sie lacht. „Du etwa nicht?“ Dann lache auch ich. Natürlich habe ich gelogen und das weiß sie. Das wissen wir alle. Alle vier, die neben mir übrig geblieben sind und von denen ich heute zumindest ungefähr weiß, was sie machen, wo sie leben und wie es ihnen geht. Den Großteil davon findet man auf Instagram und so weiß ich zumindest dabei, dass es nicht gelogen sein kann, aber die Frage nach dem „Wie geht es dir?“ habe ich schon lange nicht mehr gestellt aus Angst, keine ehrliche Antwort zu bekommen.



Wir haben November 2020 und all das ist nun fünf Jahre her. „Hast du auch mich belogen?“, fragst du mich mit ein wenig zu viel naiver Hoffnung, dass es anders hätte sein können. „Gerade dich.“ sage ich tonlos. „Wen, wenn nicht dich?“ Du streichst mir eine Strähne aus dem Gesicht und ich schaue weg, wie schon hunderte Male, um dich nicht auch noch ansehen zu müssen. „Stell dir einfach vor, dass es keine Lügen waren. Es war meine Form der Wahrheit. Jedes Mal, wenn ich den Kopf gedreht und nur gelacht habe, war es meine Wahrheit, die aus all den Lügen gewachsen ist. Aber genau in diesem Moment, war es nichts, als die Wahrheit. Lügen ist immer eine Frage der Perspektive.“ Du schaust mich fest an „Das war gelogen, oder?“ fragst du. „Natürlich,“ sage ich. „Aber das ist die Wahrheit.“







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