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Morgen, vielleicht

VON T. S. //


Manchmal zählen wir die Pulsschläge, von Tag zu Tag, in den Lungen kalten Rauch der letzten Stunden, warten auf bessere Zeiten – doch nichts ist mehr da, wo es sein sollte.


Fein säuberlich sortierst du die Halbwahrheiten, rechnest nach, wiegst ab, und am Ende kommt es ohnehin auf‘s selbe raus. Wir halten einander hin und tun ahnungslos, als ob nicht bereits alles gesagt wurde, doch die Dinge sind schon vor langer Zeit aus dem Ruder gelaufen, und ein gebrochenes Herz war schon immer eine schlechte Metapher hierfür. Zu viele falsche Gründe, eine beiläufige Verschwiegenheit, ein schwarzes Haar am Rand der Badewanne. Der Graphit auf deinen Fingerkuppen, nachdem sie gegangen war: Man hätte es besser wissen müssen. Aber im Nachhinein lässt sich ohnehin schwer sagen, wann alles angefangen hat, oder wann es bereits zu spät gewesen ist.


Unter der Zunge wälzt man das Offensichtliche, und doch wiegt man einander noch eine Weile in Sicherheit: Morgen, morgen vielleicht. Man rückt die Knochen zurecht wie Bausätze für ein Leben, das längst nicht mehr reicht für uns beide, stapelt Erinnerung auf Erinnerung, verwaschen und kaum mehr zu unterscheiden von dem, was nie geschehen ist. Man stellt Worte in den Raum, die ihre Substanz längst eingebüßt haben, und sagt dennoch: Sieh, es ist doch alles noch an seinem Platz.


Doch bald gehen auch dir die Vorwände aus, und die Leerstellen zwischen den Rippen sind das Einzige, was noch zu fassen ist. Irgendwann hört man auf, einander hinzuhalten, und ich frage mich, wie du hier noch stehen kannst, nach diesem Jahr, nach all den Lügen, die dich zu Fall brachten.


Manchmal zählten wir die Pulsschläge, und von Tag zu Tag wurden es weniger.


Einen Augenblick noch hält man fest, an nichts und niemandem mehr im Besonderen, bevor die Finger sich widerwillig lösen, einer nach dem anderen, bevor man ein letztes Mal tief Luft holt. Man hätte es besser wissen müssen.


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