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Tote Menschen lügen nicht

VON RONJA MAD'OUK //


Wir treffen uns wieder in diesen Tagen

Und den ganzen Abend hör ich dich klagen

Und ständig wiederholend sagen:

„2020 - Ich mag nicht mehr.

2020 - Das Leben ist nicht fair.“


„Die Welt ist aus dem Gleichgewicht, hast Recht.

Und das Leben ist furchtbar ungerecht.

Doch geht es uns denn wirklich schlecht?

Andere müssen sterben, doch wir dürfen leben.

Da hilft auch kein Leugnen, kein Widerstreben.“


Die Welt ist aus dem Gleichgewicht, weil sie an Hass und Nationalstolz zerbricht.

Denn während wir im Überfluss und permanenten Selbstmitleid versinken,

Müssen Hunderte tagtäglich im Mittelmeer ertrinken.

Und während die Einen ersaufen, töten Andere für Glauben.

Ergibt das irgendeinen Sinn? Ich frag mich ernsthaft: „Wo ist all die Liebe hin?“


Eigentlich ist es doch ganz klar:

Wir dürfen niemals vergessen, was gewesen war,

Nicht vergessen, was gestern noch in Moria geschah.

Du sagst: „Mir ist egal, was gestern war.

Ist nicht mehr wichtig, ist eh nicht ganz wahr."


Und ich frag mich, wie kannst du bei all dem Blut vergießen

Immer noch die Augen verschließen?

Es ist Blut, das an unseren Händen klebt

- Warm und rot, weil ein Mensch nicht mehr lebt.

Ein Mensch, der ist, wie Du und Ich.

Ein Mensch mit Hoffnung und Zuversicht.


„2020 - Ich will das auch nicht mehr.

2020 - Das Leben ist echt nicht fair.“

Wie kann es sein, dass all die Menschlichkeit der Wut weicht.

Wie kann es sein, dass sich 1933 wieder einschleicht?

Trotz all dem Wohlstand und der wenigen Sorgen,

Geht‘s ständig nur um ein besseres Morgen.


Wir können weiterhin die Augen schließen,

Weiterhin wegschauen bei all dem Blutvergießen.

Wir können lügen, uns und die ganze Welt betrügen,

Können das Leben genießen - in vollen Zügen.

Und trotzdem ändert das die Wahrheit nicht,

Denn tote Menschen lügen nicht.

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