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Veränderlichkeit

VON LUKAS SCHAUB //


Hitze brettert schon früh. Brettert vor Sonnenaufgang und steigt mit der Sonne. Hitze macht Tage lang und Nächte kurz. Heimwege dauern, sind hart und dann geschafft. Bei Abenddämmerung kommt Pama nach Hause. Raumluft drückend. Ein Fenster geöffnet. Ein Erhoffen von Zugwind vergebens.


Kaya: Es gibt heute wieder nicht viel.

Pama: Anders wäre auch schön.

Kaya: So ist auch schön. Schön genug.

Pama: Schon genug. Hast du gelernt?

Kaya: Von Bichtemann, Jalloh, Rose. Von Gültekin, Gürbüz, Hashemi, Kierpacz, Kurtović, Păun, Saraçoğlu, Unvar, Velkov. Von Şimşek, Özüdoğru, Taşköprü, Kılıç, Turgut, Yaşar. Von Incee, Genc, Genc, Genc und Öztürk. Von Lange und Schwarze. Von Dag, Daitzik, Kilic, Kollmann, Leyla, Rafael, Sehashi, Sulaj, Zabergaja. Von Sbrzesny, von Köhler, von Boulgarides, von Schulz, von Valger, von Schreiber, von Sarlak, von Lübbke, von Baylal, von Lüdtke, von Guendoul, von Deutschmann, von Blotzki, von Wright, von Yeboah, von Comboio, von Auch, von Kiowa, von Frątczak, von Azhar. Von Katschker, von Dutschke, von Kesim, von Lewin und Poeschke, von Maleika, von Tatarotti. Und von all den Anderen.

Pama: Warum lernst du die? Was nützt es dir?

Kaya: Hast du die nie gelernt?

Pama: Vielleicht. War einmal. Kurze Zeit. Lange her. Kaya: Ist Heutes Ursprung. Hast vergessen?

Pama: Habe Arbeit. Bleibt nicht viel im Kopf. Nur pressen und weiter und pressen und weiter und pressen und weiter und pressen und weiter und pressen und weiter und pressen und weiter und so weiter.

Kaya: Hast vergessen.

Schweigen.

Pama: Glaube Heutes Ursprung war älter.

Kaya: Glaubst?

Pama: Glaube, aber weiß nicht. Hab vergessen.


So saßen sie da. Schweigend und schwitzend. Fenster geschlossen, Bäuche halbleer. Das Rumoren und Wummern von Außen. Das Wimmern und Wabern von Innen. Knochen steif und schwer. Geruch voll Öl und Staub und Schweiß. Saßen in Dunkel und Hitze. Unterdrückung machte Strom sehr rar.


Kaya: Würd gern wieder raus.

Pama: Das ist erst nicht.

Kaya: Leider.

Pama: Morgen ist gleich. Dann wieder.

Kaya: Nacht ist kurz. Abend weilt lang.

Pama: Erzähl. Dann weilt kurz.

Kaya: Hab nicht gelernt.

Pama: Kennst nicht alt?

Kaya: Hab vergessen.

Pama: Kannst versuchen.

Kaya: Wie?

Pama: Such ein Thema.

Kaya: Thema ist Liebe.

Pama: Liebe? Das ist für Obere.

Kaya: Liebe ist veränderlich. Liebe ist für alle.

Sitzend im Dunklen und Schweiß, während Pama noch skeptisch denkt, beginnt Kaya zu erzählen:


Die drei Liebenden

Es war einmal vor langer Zeit in einer nahegelegenen Räterepublik. Da lebte ein Mensch ganz allein und doch solidarisch. Ein Mensch hatte viel und musste nicht hungern. Ein Mensch hatte nicht zu viel und ließ Andere nicht hungern. Ein Mensch hatte so viel wie er brauchte und nur ein wenig mehr davon.

Es kam ein Tag, wo Räte sich sammelten. Ein Mensch war ein Bestandteil, repräsentierte Ähnliche. Ein Mensch machte sich Tage früher los, um zeitig vor Ort zu sein. Wege waren weit, Arbeit frei und Lohn gezahlt. Ein Mensch reiste von Ort zu Ort, immer näher ans Ziel. Ein Mensch sprach mit Leuten und tauschte Meinungen und Samen. Es waren nicht alle gleich, sondern frei zu sein. Es waren nicht alle Gastliche, aber es waren viele. So wurde ein Mensch Nacht für Nacht zu einer Schlafstelle geladen. So war ein Mensch stets geborgen und kam Tag um Tag näher ans Ziel.

Zwei Städte vor Ankunft luden zwei Liebende einen Menschen zu sich. Sie saßen am Tisch und aßen und tranken und hatten Heiterkeit. Sie tauschten Meinungen und Samen, Lachen und Weinen, Singen und Wärme. Für einen Menschen war es eine neue Gastlichkeit. Auch andere Gastliche hatten einen Menschen nicht beschwert. Auch mit anderen Gastlichen hatte ein Mensch geteilt. Doch bei diesen Gastlichen war es anders und neu und aufregend.

Es wurde Hinlegzeit, zwei Liebende schauten tief in Augen und flüsterten sich zu. Dann sahen sie zu einem Menschen. Zwei Liebende luden einen Menschen zu einer gemeinsamen Schlafstelle ein. Zwei Liebende luden einen Menschen ein, ein Teil ihrer Liebe zu sein, für eine Nacht. Ein Mensch war nervös und aufgeregt. Ein Mensch hörte in sich hinein. Ein Mensch spürte eine Liebe, eine andere Liebe, ein neues Gefühl. Es war anders, neu, aufregend. Ein Mensch stimmte zu und so lagen die drei Liebenden beieinander. Im Konsens vereint. Für eine Nacht.

Nach einer Nacht ging ein Mensch weiter. Ein Mensch ging zum Rat und repräsentierte Ähnliche. Ein Mensch ging zurück und teilte die Ergebnisse und Meinungen und Samen. Ein Mensch traf zwei Liebenden nie wieder. Die Erfahrung wurde keine Wiederfahrung. Und dennoch waren drei Liebende durch Erfahrung und Erinnerung vereint. Ein Mensch liebt, ein Mensch teilt, ein Mensch mehret.


So saßen sie im Dunklen. Der Himmel vernebelt, in der Ferne hell erleuchtet durch Strom der Oberen. Erzählende Worte Kayas fanden ein Ende und so auch Pamas Lauschen.


Pama: Was du erzählst ist mir neu. Wo hast du gelernt? Kaya: Hab nicht gelernt.

Pama: Woher kamen erzählende Worte?

Kaya: Waren im Kopf oder Herz. Waren in mir. Mein Mund war frei.

Pama: Für einen Moment.

Kaya: Für einen Moment.


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