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Von der permanenten Erlösung.

Wie ich mich in der Stadt Goethes und der Geldspeicher in Christoph Schlingensief verliebte.


VON JAKOB ARTMANN //


Wie verbringt ihr Abende, die ihr nicht verbringt, so gar nicht? Neulich hab ich mal wieder einen Abend überhaupt nicht verbracht, besonders nichtig wurde es durch die bloße Tatsache, dass meine Freundin sich mit einer Freundin traf, und ich sie also nicht anrufen konnte. Zwischendrin rief sie mich kurz an, als ihre Freundin auf Toilette war, einfach so, nicht dass ich dazu Anlass gegeben hätte. Aber das machte natürlich Weniges besser. In einer Situation, wo die eigene Existenz einem wirklich mal mit voller Faust ihre Nichtigkeit beweisen will, zeigen sich Nutzen und Schrecken von social media erst wirklich. Stundenlang wischte ich mich durch die instagram-Timeline, bis irgendwann nur noch der absolute Abschaum an Posts zu sehen war, den die komischen Leute unter den 2000, denen ich folge, wieder gepostet und gespamt hatten, bei denen ich überhaupt nicht weiß, warum ich die abonniert habe. Vielleicht für solche Abende. Denn ich wischte mich dann natürlich mitten durch den Abschaum hindurch. Ich gehe in solchen Situationen dann auch immer dazu über, Selfies zu machen. Ich finde es interessant, wie ich aussehe, wenn ich mich kaputt fühle. Ich kann mir das immer gar nicht so genau vorstellen, und werde immer wieder überrascht von klobigen, ausdruckslosen Gesichtern, verzerrten Fratzen der Klage, gespannten Oberköpern, müden Augen, entsetzten Augen. Ich hörte natürlich auch Musik, das heißt ich versuchte es, und scheiterte irgendwann. Das ist dann immer ein schlechtes Zeichen, wenn selbst die dunklen Helden der Musikgeschichte, Johnny Cash, Epic Soundtracks, Udo Lindenberg, nicht mehr gehen. Als ich glaubte, jetzt müsse sie aber schon allein und nach Hause gefahren sein, schrieb ich auch Paula, bat sie, anzurufen, rief sie an, schickte ihr Selfies, schickte ihr Gedichte, die ich in den letzten Stunden als Zeugen meines Zustands verfasst hatte. Vielen hilft so was ja, dann was zu schreiben, mir aber war diese autotherapeutische Seite der Elendsproduktion bis dahin verschlossen geblieben. Mir half es nicht. Ich erinnere mich dann, wie ich, nach mehreren Stationen auf dem Fußboden an verschieden Orten meines Zimmers, auf dem Bett lag und mit ihr telefonierte. Eng zusammengequetscht, zumindest gefühlsmäßig, auf einen dünnen Streifen Bett, weil alles außerhalb dieses Streifens irgendwie sehr fremd war und sich wie eine sehr feindliche, ungesunde Umgebung anfühlte. Es war natürlich wunderbar mit ihr zu telefonieren, und anders wäre es mir wohl nicht möglich geworden, einzuschlafen. Am nächsten Tag fuhren wir nach Frankfurt. Paula war schon im Auto euphorisch gestimmt. Sie fuhr natürlich, ich habe keinen Führerschein. Wenn sie euphorisch ist und ich eher nicht, ist das idiotischerweise oft sehr anstrengend für mich. Aber wenn man eine Stunde neben ihr im Auto sitzt, ist irgendwann fast das ganze Auto voll von Euphorie (und natürlich Anspannung wegen des Fahrens) und man selbst dann auch. Ich begann ab und zu mal meinen Mund aufzumachen und wir unterhielten uns über irgendwas Politisches. Wir parkten, wir gingen, am Bahnhof vorbei, am Main entlang, über die Brücke, durchs Städel, erstes Stockwerk, mir gefielen Delacroix und Hodler, Paula zeigte mir Slevogts ausgezeichnete und lustige Wassermelonen, Matisse war auch da, na bitte schön, da kamen dann auch die wirklich spannenden Sachen, deutscher Expressionismus, Stirner, usw. Van Gogh haben sie auch. Zwischendrin waren wir auch kurz im Untergeschoss, Malerei nach 1945, wo uns aber nicht alles voll mitnahm. Dann Sonderausstellung impressionistische Skulptur, Pferde und Frauen von Dégas, hübsch im Bad, beim Kämmen und Trockenrubbeln. Auch viel Rodin. Es war schön im Städel. Vor einem Jahr, wir waren noch nicht zusammen, waren wir schon mal gemeinsam hier gewesen, in der großen Van-Gogh-Ausstellung, von deren Katalog ich jetzt für 5€ im Buchladen ein Mängelexemplar erstand. Damals war es eher anstrengend gewesen, nach der Zugfahrt kamen wir nicht mehr wirklich miteinander ins Gespräch und liefen abends durch kalte, dunkle, verregnete Straßen. Aber dieser Museumsbesuch jetzt hatte in dem Moment unsere schlechte Erinnerung überschrieben. Wir checkten im Hotel ein, beziehungsweise warteten ein halbe Stunde lang darauf, während eine Gruppe von der Schülerunion NRW mit teilweise merkwürdigen Adelsnamen, Ralf-Caspers-von-der-Sendung-mit-der-Maus-Auftreten und zu allem passender Kleidung inklusive Armbanduhren eincheckten. Sie hatten schließlich ein wichtiges Treffen mit einer Gruppe von der Schülerunion Berlin vor sich. Paula zog sich auf dem Zimmer ein Kleid und hohe Schuhe an, und so, für schnelle Läufe nicht gerade gut ausgestattet, hetzten wir dann in die Innenstadt, um die für uns zurückgelegten Kinokarten noch rechtzeitig kaufen zu können. Vor dem Kino war dann noch Zeit etwas zu essen, und einen Kaffee zu trinken. Dann sahen wir „Schlingensief – In das Schweigen Hineinschreien“. Ich bin Christoph Schlingensief zum ersten Mal ein paar Monate vorher durch Youtube-Videos seiner TalkshowSatire „Talk 2000“ begegnet. Seine „Aktion 18“ hatte mir entschlüsselt, wie politische Kunst wirklich funktionieren kann, nämlich direkt, indem sie sagt, was sie und nur sie meint, anders als bei Brechts epischem Theater, das mich damals umtrieb. Im Januar waren Paula und ich im „Kaukasischen Kreidekreis“ im Theater gewesen. Es war das schönste Theatererlebnis, was wir beide je gehabt hatten. Früher habe ich mit Theater immer den Versuch konzentrierten Hinschauens assoziiert, in einer Halle mit vielen fremden Menschen, die von außen betrachtet völlig kühl bleiben, und dann kommen noch ordentlich moderne Stilmittel dazu, die einem die Konzentration völlig verunmöglichen. Und dabei läuft noch nicht mal Musik. Der „Kaukasische Kreidekreis“ war anders. Die wunderschöne Geschichte einer Frau, die sich eines fremden Kindes annimmt, aus Nächstenliebe, wurde uns vorgeführt und mit allen Mitteln des epischen Theaters auch erzählt, zwischendrin gab es Scherze, immer wieder wurde man direkt angesprochen – aber politisch, sozialistisch, wie ein kommunistisches Lehrstück wirkte das dann doch eher nicht. Mit diesen Gedanken im Kopf las ich daraufhin die „Dreigroschenoper“. Als ich klein war, hatten mich die peitschenden Melodien und die aufregende Lust am Grausamen immer mitgerissen. Ja, die „Dreigroschenoper“ hat ihre Schönheiten. Sie schildert die bürgerliche Bohème der Moderne, den täglichen Kampf des modernen, zweifelnden Menschen um den Beweis der Sinnhaftigkeit seines Lebens – aus der Perspektive dieses Kampfes, dieser Moderne. Das läuft das ganze Stück über ab auf der emotionalen, auf der authentischen Ebene des Stückes. Man sagt, in den 20ern habe das Hauptstadtpublikum über diesen Lebensbegriff gejubelt. Bei Elias Canetti heißt es: „Die Leute jubelten sich selbst zu: Erst kam ihr Fressen, dann ihre Moral.“ Das ist ein reichlich düsterer Begriff vom Leben. Und man kann ihn schön finden oder nicht. Die Nächstenliebe der Mutter aus dem „Kaukasischen Kreidekreis“ ist sicher schöner. Aber der frühe Brecht hat jahrelang nach Rimbauds Bohème-Credo gelebt und gearbeitet und er kannte diese Emotionen, auch seiner Lebensweise jubelten die Leute zu. Und doch wollte er mit der „Dreigroschenoper“ mehr. Er sehnte sich nach einem höheren Sinn als dem puren Existenzkampf und wurde zum sozialistischen Stückeschreiber. Und auf einer doppelten, zweiten, rationalen Ebene wird die Bohème in der „Dreigroschenoper“ beständig verworfen. Wie im „Kaukasischen Kreidekreis“ auch, wenn man genau liest und denkt, sozialistische Lehren auftauchen, sich gruppierend um den Gedanken, dass der, der für etwas sorgt, mehr Rechte daran hat als die Eigentumsinhaber. Auf der rationalen Ebene wird die Bohème verworfen, vergeblich genannt, das Individuum – in seinem Kampf – für schwach und vergeblich erklärt: Es sind die ideologischen Grundlagen der kollektiven Organisation im Dienste des Sozialismus. Es sind perverse ideologische Grundlagen, die aus einem Pessimismus heraus das Individuum aufgeben wollen, bis hin zu Brechts Dramen, die die stalinistischen Säuberungen rechtfertigen und den Mord am Einzelnen im Dienste der gemeinsamen Sache. Individuelle Entscheidungen haben hier keinen Wert und mit meinen Taten kann ich zur besseren Welt nicht beitragen. Nur in der Summe können wir alle, am besten einheitlich zu einem Einheitswillen zusammengeschlossen etwas an der Welt ändern. Man kann froh sein, dass dem Zuschauer sich diese Lehren gar nicht eröffnen. Denn auf der authentischen Ebene des Stücks kommen sie nicht vor. Wer Brechts Dramen als Kunst konsumiert, konsumiert sie nicht als politische Dramen. Ihre ideologischen Aussagen finden außerhalb der künstlerischen Wahrheit statt. Christoph Schlingensief war ein Stückweit ein Befreiungsschlag für mich gewesen, hin zu einer echten politischen Kunst. Und es tat gut, sein Leben und damit immer auch Schaffen in so einer Dichte zu erfahren, wie in diesem Kinofilm mit Paula in Frankfurt, Aperol trinkend. Die Werke stürmten auf einen ein und viele Zusammenhänge pressten sich irgendwo auf unbewusster Ebene ein, man ahnte plötzlich manches und stieß viel tiefer in das Leben dieses Regisseurs hinein, als man es durch bloßes Anschauen eines Gesprächs, eines Werks gekonnt hätte. Es war durchaus auch anstrengend, der Film dauerte zweieinhalb Stunden, während derer die Euphorie durchaus auch einem Stück Erschöpfung wich. Immer wieder hängte ich mich an manchen Gedanken fest und dachte ihnen nach, während schon ganz anderes zu sehen war. Wir verließen das Kino durch den Seitenausgang und fanden uns, aus dem Dunkel tretend, in einer Straße wieder, die wir überhaupt nicht kannten, und zu einer Tageszeit, die wir erstmal nachschauen mussten. Wir hatten Hunger. Und machten uns auf die Suche nach etwas zu essen. Ich bin zu so etwas eigentlich völlig ungeeignet. Ich habe keinen Riecher, wo man jetzt am besten abbiegen sollte, welche Gästeschaft zu ruhig oder zu normal ist, welches Restaurant authentisch, welches touristisch, welches zu teuer, welches zu billig ist. Das heißt, ich muss mich zumindest gut konzentrieren um es herauszufinden und nicht böse Überraschungen zu erleiden. Mir alleine etwas zu essen zu suchen kriege ich noch gut hin. Aber zu zweit fällt die Konzentration schwerer, denn man muss schließlich auch an den anderen denken und daneben entspannt gar nichts denken, denn man will ja zu zweit genießen. Wir machten erst einen großen Bogen vom Römer, wo demonstriert wurde, zum Dom und wieder zurück, weil ich am Dom gute Restaurants kannte, die aber an diesem Abend deutlich zu ruhig waren. Ansonsten kamen wir nur an biergartenähnlichen Außenbetischungen von Restaurants vorbei, die blonde Familienväter und ältere Ehepaare füllten. Unsere Köpfe waren eh wie beschlagen vom Film. Ich gähnte die ganze Zeit und bruchstückhaft waren wir schon in der Lage, aus unserer Versunkenheit in ihn erste Eindrücke vom Film herauszubrechen und auszusprechen. Wir liefen nach Norden, die Zeil kam und Paula erkannte natürlich sofort, dass eine Fußgängerzone nicht der richtige Ort zum Abendessen ist. Paula besitzt alle Instinkte, die mir fehlen, sie weiß, wo man lang muss, wo man rein darf, wo nicht. Und zum perfekten Restaurant fehlte uns in dem Moment nur Paulas mangelnde Orientierungsfähigkeit in der Frankfurter Innenstadt, die ich Sohn der Stadt wesentlich besser kenne, und ihre mangelnde Bereitschaft die Führung zu übernehmen. Langsam wich die filmgebannte Erschöpfung purer Erschöpfung und am Nordausgang der Innenstadt hatte ich keine Lust mehr. Keine Lust mehr, das sind die spannenden, blöden, vielkritisierten Momente, die mich immer hineinreißen in das Sich-Treiben-Lassen in der Ohnmacht. Ich fühle mich dann wie in Embryonalstellung und sauge an Einflüssen von außen. Wenn die fehlen, wird es, wie es am Vorabend war. Wir ließen uns, da ich wie gesagt führen sollte, durch die Straßen treiben, von den Menschen treiben und es war natürlich sehr unheimlich, so ohne jeden Kompass und Sinn eine Stadt zu erleben, wer kennt das Gefühl nicht. Wir fanden dann irgendwann eine kleine Gasse mit vier fantastischen Restaurants, setzten uns in das mit den jüngsten Gästen, bestellten, kamen ins Gespräch und die Inkarnation der Krise im Alltag war überwunden. Paula ärgerte es sehr, wie leicht ich mich aufgebe, wie sie sagte. Ich würde den sehr richtigen, wenn auch mainstreamfernen Gedanken des Scheiterns als Chance, diesen Schlingensiefgedanken, der uns hilft, uns selbst nicht so ernst zu nehmen und neu zu beginnen, so sehr ästhetisieren, dass dabei die Chance gegenüber dem Scheitern auf der Strecke bliebe. Mich beschäftigte es sehr, wie wichtig Schlingensief seine Eltern waren, vor denen er sich immer beweisen wollte, und die ihn melancholischen Jungen durch seine vielen Projekte immer als lebensfroh wahrnehmen konnten. Mir ging es ähnlich – so nehmen auch meine Eltern mich wahr, der Ernst, der mich in meinem Leben auch in der größten Euphorie begleitet, bleibt ihnen verborgen. Aber ich habe nie wirklich den Wunsch gehegt, mich vor meinen Eltern zu beweisen. Im Bewusstsein, dass sich mich eh missverstehen, hab ich ihnen eher das meiste zu verschweigen versucht. Darüber sprachen Paula und ich. Überhaupt schienen die Eltern, die Dimension des Erbens eine große Bedeutung zu haben für Schlingensief. Wie er in seinen ersten Kindheitsfilmen die lehrerliche Autorität verarbeitet, indem er sie selbst besetzt, so verarbeitet er ja in „Menu Total“ seine Vorfahren, in dem der Protagonist, von Helge Schneider gespielt, seine Eltern umbringt. Eine gleichsam psychoanalytische Kunst, die die kulturelle Totalität, die hinter unserer Gesellschaft steht, sehr persönlich nimmt. Deutschland, die dunkle Vergangenheit des Landes, das Wagner und die Romantik und im Nachgang dazu Hitler hervorgebracht hat, wird bei Schlingensief in den eigenen Vorfahren ermordet und durch sie erlebt, weil man es ja doch selbst in sich trägt und bewusst machen, rauslassen muss. Er sei mit Goebbels verwandt, sagt Schlingensief in der Doku, und das bin ich ja auch – irgendwie sind die Goebbels verwandt mit der Familie meiner Großmutter, die von Rhein und Ruhr stammte, deren großbürgerlichen Namen Paula und ich am Nachmittag an der Wand des Städels auf der Spenderliste prangen gesehen hatten. Wir redeten also über unser Verhältnis zu unseren Eltern, was wir ihnen gegenüber von uns erwarten, was wir von ihnen erwarten. Wir aßen das wunderbare libanesische Essen, gingen dann woanders etwas trinken, der Abend begann ja erst. Am nächsten Morgen wachten wir nebeneinander auf und gingen, wieder in derselben Straße der Innenstadt, wo, wie wir jetzt bei Tageslicht entdeckten, das Goethe-Haus liegt, frühstücken. Das brachte uns natürlich zum Schmunzeln, denn unser Jahrestag, dessentwillen wir an diesem Freitag nach Frankfurt gefahren waren, war ja auch Goethes Geburtstag. Es war sehr schön und wir sehr glücklich. Die Gedanken über den Film hatten mich nicht losgelassen und ich fragte mich die ganze Zeit, was denn eigentlich meine Ängste seien, wo meine Autoritäten und Erblasten lägen, die ich à la Schlingensief verarbeiten könnte. In der Doku hatte es den famosen Satz gegeben, wo Schlingensief sagte, er wäre in seinem Leben oft depressiv gewesen, hätte es aber immer loswerden können, indem er es aufgeschrieben und zu Filmen gemacht hätte. Dieser ganze Gedankenkomplex war für mich wie ein neuer Keim, der den vorgestrigen Abend der Selbstaufgabe mit einem cut hinter sich ließ. Es kam mir wie ein cut vor, wie er mir schon lange nicht mehr vorgekommen war, nach diesem erschöpfenden Sommer voll scheiternder Schreibversuche und Coronaquarantäne, die keine Freiheit, keine input-Möglichkeiten ließ und sozial isolierte. Am Abend, wieder zuhause, setzte ich mich hin und notierte. Was war eigentlich meine Angst? Meine unbedingte Sucht? Die Sucht zu erlösen. Wie bei Bertolt Brecht, der sein Ich und seine Authentizität zurückstellt hinter den Mantel des sozialistischen Stückeschreibers, des Dienstleisters im Kampf für die Interessen aller, wollte ich die Menschen erlösen und verleugnete dadurch Teile meines Seins, nämlich die Teile, wo ich selbst erlösungsbedürftig, selbst Teil des Problems war. Ich gehörte zu denen, die Gott spielen wollen, die sich aus der Welt hinausnehmen und die Probleme von oben lösen wollen. Brechts Kunstbegriff hat sich bekanntlich im Laufe der 20er verändert. In seiner Jugend verstand er, von Rimbaud geprägt, Kunst als Bohème, als l’art pour l’art, als ein Genussmittel, das anderen konkreten Nutzen bringt, indem sie Stärke und Kraft des Bohème-Künstlers konsumieren. Brecht sprach von Gebrauchslyrik. Vom Genuss sprang er dann ab der Dreigroschenoper auf die Lehre über: Jetzt sollte seine Kunst Botschaften vermitteln. Aber darf man so Kunst begreifen? Wer immer nur anderen helfen will, wer seine eigene Hilfsbedürftigkeit verleugnet, wer Gott spielt, bringt der anderen wirklich so einen großen Nutzen? Ist es nicht der Reiz der authentischen Kunst, dass sie Kunst als ein Mittel der Kommunikation begreift? Ich als Künstler zeige euch, was bei mir Sache ist, wie es in mir aussieht, was meine Probleme mit mir machen und was ich mit ihnen mache? Wie Christoph Schlingensief, als er Krebs bekam und über seine Todesangst ein Tagebuch führte, eine Oper lenkte, ein Stück aufführte. Und kann die kommunikative Kunst dann im zweiten Schritt nicht eine therapeutische werden? Wir lernen das Gegenüber in der Kommunikation der Kunst kennen, lernen die Welt der Menschen kennen – und verarbeiten dann im Material der Kunst, ob von uns, ob von anderen, unsere Probleme. Indem wir sie durchleben, indem wir sie kreuzigen: Ob wir Vorfahren töten, Möllemann oder Helmut Kohl, ob wir politisches Leid thematisieren oder Erlösungs- und Erlöserseinssehnsucht. Das alles gibt es bei Schlingensief. So oft wollten Menschen Nur-Erlöser sein, nicht Erlösende, die der Erlösung auch selber bedürfen. Wie Richard Wagner, der seine Kunst überhaupt nicht aus authentischen Emotionen nahm, sondern komplett konstruierte, nichts Eigenes darin hatte, sondern nur anderen helfen wollte. So oft wurde Erlösung als Endlösung gedacht: Richard Wagner meinte, die Kunst allein, das Gesamtkunstwerk, die Oper könnte die Menschen in die Utopie für immer reißen, in wunschlose Seligkeit katapultieren. Adolf Hitler meinte, ein gewonnener Krieg und die Ausrottung der Juden könnte die Deutschen zur letzthinigen Glückseligkeit bringen. „Wie könnte nach Auschwitz noch ein Deutscher weinen?“, hätte Hitler, muss man meinen, fragen können. Die Kommunisten meinen, die eine Revolution des Brechtschen Kollektivs schaffe das Paradies auf Erden. Ich meine, man sollte, so wie Trotzki von der Permanenten Revolution sprach, von der Permanenten Erlösung sprechen anstatt von der Erlösung als Endlösung. Nicht durch eine bestimmte Erfindung, sondern durch permanentes aufgeklärtes Handeln, das sich vermittelt durch die ratio auf die Nächstenliebe bezieht, sollte man am großen Bau des Menschheitsfortschritts arbeiten. Wer an die punktuelle Erlösung glaubt, wie die deutsche Romantik von Eichendorff an, leistet dem Faschismus Vorschub. Und ich meine, ich sollte jetzt endlich meine eigene Erlöserseinssehnsucht verarbeiten.


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