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Zwischen früher und vielleicht

VON ANNE BÜTTNER //


In zwanzig Minuten beginnt Deine Sendung. Ich warte noch fünf, dann rufe ich an. Beim

zweiten Klingeln nimmst Du ab. Ein bisschen mehr Hallo und ein bisschen weniger Vorwurf

zur Begrüßung wären schön gewesen, denke ich, erwidere aber irgendetwas, das Du als

Entschuldigung missverstehen darfst.


Auch wenn sich Deiner Meinung nach die paar Minuten bis Sendungsbeginn fast gar nicht

lohnen, freust Du Dich trotzdem über meinen Anruf, sagst Du. Es sei ja schön, dass ich mich

wieder öfter melde und nicht nur alle Jubeljahre. Genaugenommen, erwidere ich, alle halbe,

Geburtstag und Weihnachten nämlich. Ja, sagst Du. Ich wüsste doch, was Du meinst. Ja.

Weiß ich. Und auch, warum das so war.


Du weißt es auch noch. Eines der Dinge, die Du nicht vergessen hast, nur eben komplett

anders erinnerst. Wie immer zu Gesprächsbeginn legst Du fest, dass wir jetzt davon aber nicht

wieder anfangen wollen. Das hätten wir ja geklärt. Das wollten wir uns, um des lieben

Friedens willen, doch jetzt nicht wieder kaputtmachen. Wo ich doch endlich zur Vernunft

gekommen sei und eingesehen hätte, dass Du das nun wirklich nicht alles so gemeint hast.

Schließlich kenne ich Dich doch. Ja. Eben, denke ich und weiß, dass mein Einwand, es sei ein

Unterschied, ob „wirklich nicht alles“ oder „wirklich alles nicht“ so gemeint war, nur ein

weiteres „Dir kann man aber auch gar nichts recht machen. Du hörst sowieso nur, was Du

nicht hören willst“ nach sich zöge. Also halte ich mich, Deines lieben Friedens willen, an

Deine Order.


Wünschte, mein Denken täte es mir gleich und hätte nicht seinen eigenen Kopf, oder, in

Deinen Worten, „elenden Dickschädel“: Nur weil für Dich, wie immer, alles drei Tage später

schon wieder ewig weit weg war und für mich dieses eine Mal selbst nach drei Jahren noch

nicht ewig weit genug.


Ich fange nicht wieder davon an. Erinnere stattdessen, dass Blut dicker als Wasser ist.

Erinnere ebenfalls das „Sei doch froh“ und das „Wer weiß, wie lang noch“, das „Irgendwann

ist es zu spät “ und auch das „Dann bereust Du es vielleicht.“


Wie es Dir geht, frage ich also und ob das Päckchen angekommen sei, das ich Dir geschickt

habe. Ach. Das Päckchen. Ja. Du musst ja gestehen, gestehst Du, ohne es meinetwegen zu

müssen, dass Du für einen Moment gehofft hast, es sei von B. Quasi als Friedensangebot.

Weil Du wohl neulich mal was gesagt hast, was gar nicht so gemeint war und B. das auch

hätte wissen müssen, weil sie Dich ja kennt. Jedenfalls täte sie seither wohl dumm mit Dir,

was ja wohl total albern sei. Ach so, ach so-e ich und Du fühlst Dich bestätigt. Mein „Und?“

beantwortest Du damit, dass B. schon wieder ausschnappen und sich entschuldigen wird. Auf

Deine Entschuldigung könnte sie jedenfalls lang warten. Sei ja nicht Deine Schuld, dass sie so

sensibel ist und immer nur hört, was sie nicht hören will.


Vielleicht hätte ich statt „Und?“ fragen sollen, ob Du das Päckchen trotzdem geöffnet hast.

Vielleicht hättest Du es aber auch erwähnt, wäre dem so gewesen. Vielleicht sogar, dass Du

Dich, wäre dem so gewesen, über das Kirschkernkissen, den neuesten Chefarzt Dr. Norden-

Schmöker (inklusive großem Extra!), den Brief, in dem ich nochmal davon angefangen habe,

warum ich mich erst jetzt aber immerhin wieder öfter melde, und das gerahmte Bild von uns

gefreut hast, das entstand, als wir vor circa hundert Jahren zusammen im Urlaub waren. Nur

Du und ich und Herr Törö, mein Plüschelefant, den Du mir zur Geburt geschenkt hast.


Du erwähnst es nicht. Nichts davon. Und ich fange nicht mehr davon an. Frage stattdessen,

wie es Dir sonst so geht und Du „Wie soll es mir schon gehen?“ Bestenfalls gut, antworte ich

wahrheitsgemäß und Du dirgemaß, dass ich gut Reden hätte. Dass ich ja gar nicht wüsste, wie

das ist, immerzu so allein zu sein. Jetzt, wo der R. auch nicht mehr ist. Erst der O. und jetzt

auch noch der R. Schade sei es zwar natürlich um beide und die Trauer groß. Etwas größer

aber dann doch bei R., der ja ein Auto hatte.


Und überhaupt. Natürlich hattest Du lange schon aus Deiner alten Wohnung rausgewollt, weil

die Treppen zu viel waren und alles andere zu wenig. Und das stimmt natürlich schon, dass es

gegen die neue Wohnung wirklich nichts einzuwenden gibt. Also wohnen ließe es sich in der

wirklich gut. Das hätte ich ja auch gesagt. Aber sonst? Sonst sei ja da gar nichts. Dass ich

doch wüsste, was Du meinst, sagst Du, als ich ein „Naja, schon“ gegen Dein „gar nichts“

lehne.


Klar wäre alles noch da – nur eben nicht mehr so nah. Allein zum Rathaus sei das ja jetzt

bestimmt eine halbe Stunde länger und zur Krankenkasse auch fast. Hättest Du das gewusst,

sagst Du, hättest Du das nicht gemacht. Statt zu fragen, was Du immerzu oder auch nur

überhaupt im Rathaus zu erledigen hättest, und wie oft etwas bei der Krankenkasse, erkundige

ich mich nach Deinen zwei Nachbarinnen, von denen Du noch bis zu unserem letzten

Telefonat so geschwärmt hast. Was denn mit denen sei? „Ach, die.“ „Ja“, bestätige ich, „Du

meintest, dass ihr euch so gut verstehen und so sehr zusammenhalten würdet.“ „Ja. Mag ja

alles sein. Aber so richtig mein Fall waren sie von Anfang an nicht. Das sind eher so. Naja. Es

ist ja gut, mal jemanden zu haben, wenn mal was ist, man mal jemanden braucht. Wenn sie

wenigstens noch Auto fahren würden. Stattdessen … Moment“, unterbrichst Du Dich, „hat

geklingelt. Bleib mal dran, ja? Ich muss mal an die Tür“, sagst Du und auch, dass Du mich

solang auf die Anrichte legst. „Nein, heute mal nicht. Ach neulich? Nein. Das habe ich wohl

vergessen. Momentan ist alles ein bisschen viel Trubel. Gerade habe ich auch schon wieder

wen am Telefon. Das nehmen Sie mir nicht krumm, nicht wahr? Was? Mehrfach? Das habe

ich gar nicht gehört. Da muss was mit der Klingel gewesen sein. Wirklich schade. Naja. Wir

holen das mal nach, wenn mir mehr danach ist, ja?“, höre ich dich sagen und freundlich

lachen. Kurz darauf nimmst Du mich von der Anrichte, wo ich noch immer unaufgelegt liege.


„So. Da bin ich wieder. Hätte ich mir denken können, dass das die Müller ist, Roswitha heißt

sie, glaube ich, mit Vornamen. Seit sie mitgekriegt hat, dass ich auch alleinstehend bin, fragt

sie immerzu, ob ich nicht mal rüberkommen will. Ist ja nett gemeint. Aber was will ich denn

da? Außer, dass ich dann nicht mehr hier bei mir bin, sondern drüben bei ihr, ändert sich doch

nichts. Hab jetzt schon ein paar Mal gar nicht mehr aufgemacht, wenn sie geklingelt hat. Das

ist schon auch eine anstrengende Person. Wenn Du sie einmal lässt, erzählt sie ohne Punkt

und Komma. Da hat man Probleme, wieder wegzukommen. Und dann immer dieses

Genörgel. Dies passt nicht. Das passt nicht. Wenn ich gemein wäre, würde ich sagen, ist ja

kein Wunder, dass sie immer so allein ist. Hätte sie kein Auto …“


„Ich will Dich ja nicht unterbrechen“, unterbreche ich Dich. „Ach ja. Meine Sendung fängt

gleich an. Jetzt komme ich gar nicht mehr dazu, zu fragen, wie es Dir geht. Beim nächsten

Mal rufst Du aber eher an“, beschließt Du.

Ich beschließe, es nicht zu tun. Vielleicht irgendwann. Vielleicht ist irgendwann zu spät und

vielleicht bereue ich es dann. Vielleicht. Du wohl eher nicht. Dafür ist für Dich alles schon zu

ewig weit weg.

2 Kommentare

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