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Zwischen Scheiße und Sehnsucht

VON ZIGGY WILDFANG //


Ich bin längst betrunken und irgendwie verabscheue ich sie. Seit langer Zeit. Hier am Flughafen vielleicht noch ein bisschen mehr. Ihren Koffer hat sie vorhin aufgegeben und ich uns schon viel früher. Ich wünschte, ich wäre in diesen Koffer gestiegen und hätte meine Welt mit einem Zug am Schieber des Reißverschlusses verkleinert. Meine Welt sähe nicht viel anders aus, aber ich hätte sie endlich abgeschnitten und das wäre genug. Die Sicherheitskontrolle war kaum eine und mir fallen genügend Gründe ein, wieso Sicherheitskontrollen zwischen zwei Menschen nützlicher wären als an diesem Flughafen.


„Ich hol mir noch schnell ein Bier und rauch eine. Brauchst du was?“

Bevor ich eine Antwort bekomme, laufe ich einfach los und schütte zwei Gläser in mich hinein und mit dem dritten in der Hand stelle ich mich in eine gläserne Raucherkabine. Ich will nicht sagen, dass ich möchte, dass das Flugzeug auf hoher See vom Dunkelblau des Meeres verschluckt werden soll. Aber ich weiß auch nicht, ob ich mich dagegen wehren würde. Wie auch? Dieser Urlaub soll etwas retten, das längst verloren ist. Im Verlieren war ich schon immer gut, also was solls. Es werden drei Zigaretten und meine Flugangst wird kleiner.


„Ich hol mir noch eben ein Buch. Du liest ja nicht gerne, oder? Bin gleich wieder da.“

Mit neuen Büchern bin ich eigen. Vorsichtig fast. Bloß nichts in die Hand nehmen, das sich falsch anfühlen könnte. Ich stöbere noch etwas länger, als ich müsste, weil auch das wieder ein paar Minuten bedeutet. Bei der Auswahl an Büchern hätte ich auch bei ihr bleiben können und ich kaufe mir schon fast eines dieser beschissenen Magazine, allein um etwas zu haben, das eine Mauer bilden kann. Aber manchmal. Also manchmal. Da entdeckt man seine Helden zwischen Scheiße und Sehnsucht. Natürlich greife ich zu und schmeiße dieses beschissene Magazin irgendwohin. Panikherz. Danke dafür. Danke für alles.


„Sicherheitshinweise… Sauerstoffmasken… Schwimmwesten… Kotztüten…“

Ja, halt deine Fresse. Flieg endlich los und bring mir ein paar Dosen und am besten auch noch ein neues Leben. Oder stell den Autopiloten an und unterhalte dich mit mir, damit ich nicht mit ihr reden muss, wenn sie mal nicht schnarcht und glaubt, meine Oberschenkel wären so etwas wie ein Ablagetisch für ihre Unterschenkel. Ich frage mich, wieso ich nach all diesen Monaten noch neben ihr sitze. Wieso nicht eine von uns beiden kaputten Gestalten mindestens ein vernarbter Krüppel ist und eine sich im Gefängnis ihre Unversehrtheit mit Zigaretten erkauft. Wie wir es geschafft haben, die völlige Zerstörung nach außen hin unsichtbar zu machen.


„Das ist aber warm hier.“

Ich frage mich oft, wie sie das mit der Atmung hinbekommt, weil sie doch niemand sekündlich daran erinnert, dass sie ihre Lungen mit Luft füllen müsse. Die Hälfte eines jeden Atemzuges scheint unter ihre Schädeldecke zu strömen und dort zu bleiben. Wir befinden uns auf einer Insel im Indischen Ozean. Der Äquator liegt nicht direkt vor unseren Füßen, aber mit ein wenig Rückenwind kann ich sicherlich so weit spucken, dass mein Rotz hinter dieser gestrichelten Linie auf der Nordhalbkugel landet. Ich wette mit mir selbst, dass sie nicht weiß, welche Sprache hier hauptsächlich gesprochen wird und werde wohl auf jeden Fall gewinnen. Bonne chance.


„Hast du jemals darüber nachgedacht, ob du wirklich da bist, wo du sein sollst?“

Wo solle sie denn schon sein, fragt sie mich und ich frage mich, ob es vielleicht einfach an mir liegt. Als wir zusammenkamen war alles anders. Sie war anders. Es waren nicht bloß ihre zierlichen Gesichtszüge, die etwas verstecken wollten, die mich neugierig machten. Sie hatte diese Art an sich, die ich für mutig hielt, für unbekümmert. Sie sprang einfach drauf los, ohne vorher nachzuschauen, wie tief das Wasser wohl sein würde. Und sie lachte dabei. Damals. Ich springe auch meist drauf los, aber scheiße mir im Fall die Haut voll. Irgendwie beneidete ich sie darum. Heute nicht mehr oft, weil ich erkannt habe, dass es nicht so ist. Möglicherweise sind meine Abgründe zu tief für sie. Aber vielmehr glaube ich, dass sie nur stolperte und zufälligerweise halbwegs sicher landete und nur lachte, weil sie nicht wusste, was sie sonst hätte tun sollen. Sie war nie mutig. Nur simpel.


„Die haben sogar deutsche Sender hier.“

Früher gingen wir oft ins Theater. Heute bin ich nicht sicher, ob sie das Wort Philharmonie buchstabieren kann und ich fühle mich getäuscht. Von ihr, von mir, ganz egal. Wenigstens auf einen von uns kann ich mich nicht verlassen. Die vielen Konzerte bestehen nicht mehr aus Musik. Nur noch aus Couch und fettigem Essen, aus Limo und der Glotze. Ich bin viel zu satt an sowas und noch viel zu hungrig auf Unbekanntes und das alles passt nicht mehr. Nicht etwa so, wie ein Schuh nicht passt, der etwas drückt. Eher wie ein Schuh, der aus Stahlbeton ist und so eng, dass der Fuß darin abstirbt und verfault. Ich schnüre meine weißen Stoffsneaker, stopfe dann ein paar Kleinigkeiten in meinen Rucksack. Handtuch, Wasser, Taucherbrille, Zigaretten. Panikherz natürlich, auch wenn ich es vielleicht nicht aufschlagen werde. Ich möchte es dabei haben. Sie möchte unbedingt wissen, wie die Sendung ausgeht. Ich gehe zum Strand und atme.


„Ich würd heute gern mit dem Rad in den Norden, aber wenn du lieber zum Strand willst, ist das voll in Ordnung.“

Ich wunderte mich so oft darüber, wieso ich nie das Gefühl habe, dort zu sein, wo ich sein mag. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses Gefühl gerade habe, aber dieses andere Gefühl. Es fehlt. Ich fühle mich nicht falsch an diesem Ort und das muss in meiner Welt schon sowas wie richtig sein. Fast alles hier wirkt heruntergekommen und in manchen Ecken stinkt es so unglaublich doll, dass ich mir lieber in die Nase scheißen möchte und die Pedale am Rad sind nicht fest verschraubt und ich stürze beinahe jedes Mal, wenn sich eine von ihnen löst. Ich sehe Armut, sagt mir mein westlich anerzogener Blick, aber ich höre nicht auf diesen verlogenen Wichser. Das mache ich nicht dort, wo ich mich daheim nennen soll und das mache ich hier genauso wenig. Jeder einzelne Mensch, der mir entgegenkommt, begrüßt mich lächelnd und ich lächle zurück und begrüße sie alle und ich habe das Gefühl, dass ich die ganze Welt begrüße, sie in die Arme nehme und ich bekomme fast schon Angst, dass ich nie wieder dieses Lächeln ablegen können werde und ich fahre zurück zum Apartment und sie sitzt auf der Couch, schmatzt irgendeinen Fraß aus dem Supermarkt in sich hinein und rülpst.


„Wir könnten einen Ausflug machen, das wär doch voll toll.“

Ich sitze in einem Sportboot zwischen einem rotleuchtenden Engländer und einem deutschen Paradebeispiel für touristische Stereotype. Sie nörgelt über die Wellen, über die Wärme, über mich und über was eigentlich nicht? Ich sei ihr zu abwesend und dabei bin ich völlig bei mir. Ich fühle mich in den letzten Tagen ausgeglichener denn je und in den Nächten neben ihr treffe ich seit langer Zeit mal wieder sowas wie Träume. Wenn wir gemeinsam Zeit verbringen, am Strand, im Wasser, im Restaurant, dann streiten wir. Ich bin ihr zu leise und sie übertönt alles. Obwohl ich lieber alleine neben dem Meeresrauschen säße, an dieser durch Büsche, Sträucher und Felsen und Müll versteckten Stelle, die ich vor Tagen zufällig fand, als ich unterwegs pissen musste, also obwohl ich nun lieber allein dort säße, mich lieber allein dort besaufen würde, allein mit diesem unbezahlbaren Blick über eine Bucht im Sonnenuntergang, über die Wellen, die man in diesem tiefen Schwarz, das sich hier Nacht nennt, später nur noch hört und dennoch sehe ich darin mehr als in jedem Sonnenaufgang vor meinem Schlafzimmerfenster in meiner sogenannten Heimat. Obwohl ich lieber allein dort säße, nehme ich sie an diesem Abend mit.


„Magst du mich eigentlich gar nicht mehr?“

Ich weiß nicht, ob ich noch irgendwas mag, aber ich mag das hier. Ich sage ihr nicht, was ich von ihr halte, aber ich belüge sie auch nicht. Wir haben es versaut und wir verschlimmern alles nur noch weiter, indem wir nicht loslassen. Was auch immer es ist, das uns noch aneinanderfesselt, es ist nicht echt. Wir teilen keine Gemeinsamkeiten mehr, wir teilen keine Unterschiede. Wir teilen fast nichts mehr. Außer einer Wohnung und eines Bettes und wir teilen den Wunsch, uns gegenseitig zu verletzen. Ich bin mir sicher, dass sie mich mit ihrem Arbeitskollegen betrügt und seitdem ich mich wieder endlos zersaufe, bin ich mir nicht ganz sicher, mit wem ich sie alles betrogen habe in den letzten Monaten. Und dennoch gehen wir gemeinsam zurück zum Apartment und wir verstehen uns in Momenten wie diesen, wenn wir uns gegenseitig fast liebevoll wegficken und nicht miteinander reden und ich denke, vielleicht ist das doch etwas wie Liebe, weil in diesen Momenten der Hass fehlt. Aber dann ist das Leben auch nichts anderes als die Abwesenheit von Tod.


„Ich hoffe, du bekommst hier Hautkrebs und stirbst daran.“

Ich versuchs. Ich versuche, ihr diesen Gefallen zu tun. Ich strenge mich an, ich strenge mich so sehr an, genau in diesem Augenblick todbringende Geschwüre zu entwickeln, so sehr, dass ich vor Anspannung beinahe platze, aber ich schaffs nicht. Ich schaffe es nicht, weil der nötige Raum dafür mit ihr besetzt ist, weil sie sich darin breit gemacht hat, damals sehr schleichend, unauffällig und irgendwann nur noch rücksichtslos und wie selbstverständlich. Sie ist mein Tumor, meine metastasierende Wucherung. Und ich muss sie herausreißen, bevor ich diesen Raum wieder füllen kann. Vielleicht sogar mit Heilung und nicht mit Krankheit. Diese Insel ist ein Paradies. All die Menschen, die hier leben, die sie bei uns nur zu gern bettelarm nennen, sie sind so viel reicher als ich und sie sind so viel reicher als diese Leute dort drüben, die denken, die Menschen hier seien bettelarm. Sie sind so viel reicher als wir alle, das sehe ich ihren Gesichtern an.


„Ich wünsch es dir wirklich.“

Der Tag unserer Abreise. Ich überlegte vergangene Nacht, ob ein Drama wirklich immer ein dramatisches Ende finden muss. Ob Theatralik zum Ausdruck bringen muss, dass sich hinter dem Vorhang unbemerkt ein Feuer durch jedes Molekül frisst. Ein leeres Bett, ein Zettel, vielleicht sogar ein kurzer Brief, irgendwelche Erklärungen, echte oder unechte Lügen. Nichts davon macht es besser und nichts davon macht einen Unterschied und am Ende bleiben wieder nur Wunden. Ich möchte sogar gerne denken, all dies hätte genauso kommen müssen. Nichts daran hätte anders sein dürfen und sie habe ihre Rolle so gespielt, wie es sein musste. Genauso. Wie ich meine. Ich wünsche mir wirklich, dass sie etwas findet, das zu ihrem Leben passt und es ihr nicht nimmt. Und ich hoffe, dass ich endlich herausfinde, ob ich überhaupt etwas suche. Das Taxi wird in der Ferne zu einem dunklen Punkt, der Richtung Gewohnheit rollt. Und ich. Ich zahle das Apartment für weitere zwei Wochen, packe meinen Rucksack, laufe zu dieser Stelle, an der ich mich heute allein betrinken werde. Und dann lese ich endlich dieses Buch.

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