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ÜBERGEHEN

[Versuch 1 Bestimmung der Sorptionskapazität der Wand]

VON JULIA KNASS //


(1)


Wenn T auf mir liegt, berühre ich mit der linken Hand leicht die Wand der ungesagten Worte zwischen uns. Heute fühlt sie sich porös an. T und ich bewegen uns gegeneinander, ich denke an S, an seine letzte Nachricht (Darf ich dich etwas Persönliches fragen, du musst nicht darauf antworten, wenn du nicht willst) und meine Hand gleitet in die Wand, obwohl ich sie nicht bewege, aber die Wand kommt auf mich zu. Ich schließe die Augen, bis es vorbei ist.



Danach trinke ich Ingwertee, während T und ich eine Einkaufsliste schreiben. Ihm ist nicht aufgefallen, dass meine linke Hand feststeckt, also tue ich auch so, als würde es nicht so sein. Dort, wo sie in der Wand verschwindet, leuchtet sie grün-fluoreszierend. Vielleicht sind auch andere Teile von mir bereits in der Wand, ohne dass ich es selbst bemerkt hätte. Was stimmt von dem, was ich über mich denken will? Mein Herz, mein Gehirn könnten auch in der Wand sein, vielleicht existiere ich für T ohne beides, wie eine Qualle.


Später schreibe ich S, Ja, und, Ich habe heute an dich gedacht.


(2)


Ich muss das Bett neu überziehen, am Leintuch meine Tage, im Internet suche ich nach Anleitungen zur Entfernung von Blutflecken, aber es hilft nichts, T sagt, ist doch egal, wir sehen es ja eh nicht, während wir schlafen. Ich antworte, ja, eh, aber ich weiß doch, dass die Flecken da sind, auch wenn ich nicht hinschaue. Er zuckt die Schultern, auf meinem Bildschirm leuchtet eine Nachricht von S (Geht es dir schon besser?).


Als ich mit dem Bus in die Stadt zu L fahre, denke ich darüber nach, ob es einen Monat gibt, in dem niemand Geburtstag hat, der mich liebt. Nicht T, nicht L, nicht- Ich male diesen Kalender auf die Wand. Mein Atem stockt, weil sie beginnt, Blasen zu werfen. L fragt, ob alles in Ordnung wäre, ich wirke so traurig. Ich erzähle von der stressigen Arbeit und kleinen Beziehungsproblemen und verschweige meinen verschwindenden Körper, die Flecken und den Kalender auf der Wand.


Später schreibe ich S, Ja, und, Ich habe heute an dich gedacht.


(3)


Nie fühle ich mich T ferner, als wenn ich ihn in Sachen begreife, die ein Leben vermeintlich beinhaltet. Ein Kind im Arm. Die Begeisterung für einen Hund. Eine Rede auf der Hochzeit eines Freundes haltend. Das Essen zubereiten. In Gedanken an unsere Zukunft. An ein gemeinsam alt werden. Ich kann mich zwar in vielen Dingen sehen, zb in der Spiegelung meines Handys, aber sie bleiben leblos, S schreibt (Sehen wir uns bald?)


Als ich die Nachricht lese, verschwindet mein Kopf hinter der Wand, ich glaube an ihre Struktur, die sich um mich legt, schwammig und organisch; ich verstehe, meine Anziehung für das Ungesagte. Was ich höre, ist ein dumpfes Rauschen, das alles bricht, ich schlucke Wasser und fluoreszierende Fäden, die sich durch mich ziehen, ein Muster aus Verbrennungen in meinem Kopf sichtbar werden lassen.


Später schreibe ich S, Ich denke, wir sollten uns nicht- und gebe ihm einen Mondnamen zum Abschied: Hyperion


(4)


Wenn ich mit der rechten Hand über die Wand streiche, weiß ich, wo sie Flecken hat, wo ich in sie übergehe, aber sie bleibt stets dunkel genug, um so zu tun, als ob es anders wäre. Mein Mond leuchtet nicht. Unser Alltag, wie immer, sie zwischen uns.


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