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3,82 Milliarden

VON HANNA //


Auf den blauen Zettel schreiben wir „Kopfweh“. Vielleicht „Rückenschmerzen“, „Bauchweh“. Aber nie „Periodenkrämpfe“ oder „Zusammenbruch vor der Schule wegen Stimmungsschwankungen“. Wir nehmen lieber eine Schmerztablette als eine Wärmflasche mit und überhaupt geh zumindest ich lieber in die Schule als zuhause zu bleiben, um der Welt zu beweisen, dass Menschen mit Menstruationshintergrund trotz ihrer Blutung zurechnungsfähig und genauso gut zu gebrauchen sind wie Menschen ohne.


Als du fragst, ob alles gut ist, sage ich ja, alles gut.

Du machst frauenfeindliche Witze, und wir tun so, als ob es uns nichts ausmacht. Wir sind ja tolerant, und du meinst es sicher auch nicht ernst, und wir sind auch keine verbissenen Feministinnen, die keinen Spaß verstehen.


Ich lache mit, setze noch eins drauf, denn alles ist gut.

Als unsre Brüste wachsen, haben wir bei jedem weißen T-Shirt und jedem Badeanzug Angst, dass jemand die Nippel sehen könnte. In jeder vollen Straßenbahn die Angst, dass jemand unsere Brüste berührt, oder uns in den Schritt greift. Vielleicht beginnen wir, gebeugt zu laufen, benutzen unbedingt Bügel-BHs, damit nichts wackelt, oder Push-Ups, damit man nicht sieht, dass sie eigentlich noch nicht so groß sind wie bei den anderen.

Als du mir zu schnell den BH öffnest, nur ein paar Momente zu früh, sage ich nichts. Alles ist gut, es ist ja nur eine klitzekleine, peinliche Unannehmlichkeit.

Beim ersten Mal Sex haben wir Angst, dass wir verletzt werden könnten. Dass es zu früh ist, zu spät ist. Dass wir Erwartungen nicht erfüllen können. Dass du irgendjemandem erzählst, wie es war mit uns. Wir sind verspannt und es tut weh, aber wir müssen da durch. Wir wurden nur schlecht aufgeklärt, wir wissen vielleicht nicht, wie wir aussehen da unten und wie es uns gefällt. Wir müssen erst lernen, dass es ganz normal ist, mit Freund:innen über Haare zu reden, die nicht Kopfhaare sind, oder über Orgasmen und deren Ausbleiben, oder über unsaubere Unterhosen.


Alles ist gut, als du und ich mittendrin sind und ich auf einmal keine Lust mehr habe und nichts sage.

Wenn wir nachts am liebsten noch einen ausgedehnten Spaziergang machen würden, oder einfach unkompliziert von der Party heimgehen würden, mit Kopfhörern auf den Ohren und ohne Schlüssel in der Hand oder Handy am Ohr. Keine Angst vor Situationen zu haben, die wir alle fürchten, erscheint so unwahrscheinlich. Wir dürfen nicht naiv sein. Frauen werden schneller erwachsen als Männer.


Ich frage dich, ob du mich noch heimbringst, und tue dann so, als ob es mir nichts ausmacht - wenn du ja sagst, dass es nötig ist, wenn du nein sagst, dass du nicht verstehst, dass ich denke, dass es nötig ist. Oft bin ich überhaupt wütend auf dich, weil du nicht die gleichen Schmerzen hast, weil der Sex für dich so viel einfacher ist, weil ich ein Kind bekommen würde und nicht du, wenn die Verhütung nicht funktioniert, um die ich mich kümmere.

Wenn wir Stimmungsschwankungen und schlechte Laune und Krämpfe haben und nicht ernst genommen werden damit, oder wenn wir sauer sind und uns beschweren sind und gefragt werden, ob wir unsere Tage haben oder warum wir so rumzicken, dann werden wir wütend. Aber wir sagen nichts. Wir lächeln und machen weiter, auch wenn es ein doppelter Kampf ist.


Manchmal habe ich Momente, in denen ich mich fühle, als wäre ich alle Frauen der Welt auf einmal. In denen ich denke, jetzt gerade, da fühle ich allen Schmerz, alle Ungerechtigkeit, alle Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Und das ist ein klein wenig dumm, denn ich bin privilegiert, auf meine Binden wird nicht mal mehr eine Luxussteuer erhoben, ich hab überhaupt fließendes Wasser und Schmerztabletten und ich kann selbst bestimmen, wann und ob ich ein Kind bekomme. Politisch werde ich nicht so gut repräsentiert wie beispielsweise in Spanien, aber auch nicht so schlecht wie in Japan. Ich denke, es ist gut, dass ich die Gemeinschaft fühle, aber trotzdem ist doch alles gut, ich bin in Deutschland und es geht doch ganz gut, und schon in hundert Jahren werden wir vielleicht gleichberechtigt sein, wir alle.


Es ist alles gut, sage ich und merke, wie sich immer mehr Wut aufstaut, wie ich schlecht gelaunt, unzufrieden werde. Ich denke erst, es ist, weil mir, weil uns Unrecht getan wird, denke auch, wie sich wohl Schwarze und indigene Menschen und People of Color fühlen, den ganzen Tag. Aber dann merke ich, dass es auch daran liegt, wie oft ich mich selbst belüge. Wie oft ich Männer belüge. Wie oft ich nicht die Wahrheit ausspreche, und wie oft ich sie nicht schreie, dass sie jeder hören soll. Ich google die Zahl und ich weiß einmal mehr: Ich bin nicht allein. 3,82 Milliarden.


Jeder Aktivismus ist nur ein Ende einiger kleiner, bequemlicher Lügen. Ein kleines, menschliches Ehrlichkeitsgelübde, schwierig einzuhalten und nicht immer durchzusetzen.

Aktivismus ist Hoffnung und der Mut, die Ehrlichkeit nicht länger still im Kopf, sondern aus sich heraus und vor sich her zu tragen und Seite an Seite mit ihr zu kämpfen.



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