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Alles hat seine Zeit

VON ANNE BÜTTNER //



Kurz bevor das mechanische Rasseln des Weckers die Nacht beendet, entsteigt Dieter Strabalowsky seinem Bett. Anders als der noch schläfrige Tag, der sich morgenmüde über die Stadt räkelt, könnte Strabalowsky ausgeruhter nicht sein. Solang nur die Schlafqualität stimmt, ist er, was dessen Quantität anbelangt, sehr genügsam.


Nacht ist Nacht und Tag ist Tag. Und auf genau den freut er sich. Heute umso mehr. Obwohl das Wochenende kein schlechtes war. Die Stadt gab sich alle Mühe, ihm die Freizeit mit eintrittsermäßigten Angeboten angenehm zu gestalten. Erst hatte er dem kaum wiederzuerkennenden Tierpark einen ausgiebigen Besuch abgestattet. Eher zufällig verschlug es ihn später in eine Kakteenausstellung, durch die er länger schlenderte, als er dachte, dass dort zu schlendern möglich oder gar wünschenswert wäre. Statt noch ins Naturkundemuseum zu gehen, wie er es zuerst überlegt hatte, gönnte er sich ein Abendessen im Biergarten: Weil das Wetter so schön war und er das lang nicht mehr gemacht hatte.


So sehr er Zeiten des Müßigganges mitunter zu schätzen weiß, ist Strabalowsky doch ein Montags- bis Freitagsmensch und froh, wenn Wochenenden oder Feiertage vorüber sind, oder noch besser: zusammenfielen. Die beste Woche ist noch immer die, die feiertagsfrei und freitagsfern vor ihm liegt. So wie heute.


Bis zum Dienstbeginn bleibt reichlich Zeit für keine Eile, sodass er wie jeden Morgen bei einer Tasse Tee und einer Scheibe Marmeladenbrot in aller Ruhe die Zeitung studieren kann. Bisher hat er sich nicht ein einziges Mal verspätet, all die Jahre nicht. Und auch heute wäre er wieder pünktlich. Würde seine Schicht um exakt sechs Uhr beginnen und sie drei Tassen milchgepulverten Kaffees, zwei Doppelschnitten, ein gekochtes Ei, einen Apfel und einen Karamellpudding später beenden. Ei gibt es, des Cholesterinspiegels wegen, nur zweimal wöchentlich, den Apfel, des Volksmundes wegen, täglich. Während Strabalowsky liest, tropft die Kaffeemaschine ehrgeizig die vorgegebene Füllmenge in die Kanne. Erst kurz bevor er losgeht, wird er deren Inhalt in den dürstenden Schlund der Thermosflasche gießen. Die, von der er dachte, sie würde die Temperatur halten und er dafür ihr die Treue, bis er sich zur Ruhe setzte. So, wie es aussah, würde er sich aber doch eine neue zulegen müssen. Strabalowsky ist nun mal keiner von denen, die ihren Kaffee auch kalt trinken. Und er ist auch keiner, der seine Verpflegung am Vorabend zubereitet, sie vielleicht sogar schon in der Tasche verstaut. Auf die Zeit, die er eher aufstehen muss, um Brote zu schmieren, kommt es ihm nicht an. Er hat genug davon. Auch im Bad drängt ihn nichts zur Hast. Prüfend streicht er sich das Kinn. Trotz der zwei freien Tage, wird der Rasierer nicht viel zu tun haben. Auf dessen Einsatz verzichten will Strabalowsky dennoch nicht. Wissend, dass es seiner Haut besser bekommt, spült er die Klinge nach jeder Bahn gründlich im wassergefüllten Becken aus, bis sie sauber und bereit ist, schneeschiebergleich die nächste Schaumbahn von seinen nahezu stoppellosen Wangen aufzunehmen. Er weiß, wie er es anstellen muss, damit sein Gesicht frei von Schnitten und damit von Toilettenpapierschnipseln bleibt, unter deren blutgetränkter Oberfläche sie brannten. Umso mehr, wenn sie mit seinem Rasierwasser in Berührung kommen, das er nicht eben zaghaft aufträgt. Und auch am Deodorant und an der guten Handcreme spart er nicht, ebenso wenig an der noch besseren Gesichtscreme. Lediglich bei der Pomade ist er zurückhaltender. Die Haare sollen nur ein wenig glänzen, keinesfalls fettig wirken. Er betrachtet sich im Spiegel. Dass er älter geworden ist, lässt sich nicht leugnen. Dennoch wirkt er, wie er zufrieden feststellt, keineswegs zu alt für seine Dienstuniform, die gereinigt und gebügelt am Kleiderschrank hängt und gemeinsam mit ihm auf ihren Einsatz wartet. Sicherlich saß sie besser, als er sich noch mehr bewegte. Damals, als der Gürtel noch eine Funktion hatte und die Ärmel selbst dann noch lang genug waren, wenn er sich streckte. Er würde ein bisschen aufpassen müssen, wollte er sich nicht von ihr trennen. Und das will er keinesfalls. Abgesehen davon, dass Maßanfertigungen längst mehr kosteten, als er sich leisten konnte, waren wohl auch Stoff und Schnitt aus der Mode gekommen. Und eine andere Uniform kommt für ihn nun mal nicht in Betracht. Er mag ihre schlichte Eleganz. Vor allem die des Sakkos, die mit einem Hemd oder einem Pullover allein nie zu erreichen wäre. In Strick sieht Strabalowsky eher schlicht als elegant aus. Dabei ist es ungemein wichtig, dass gerade er etwas hermacht, wie das Schild am Revers beweist. „D. Strabalowsky – Empfang“ steht darauf geschrieben.


Mit Bindestrich, als führte er einen Doppelnamen. Und tatsächlich ist D. Strabalowsky ohne Empfang für ihn nicht vorstellbar. Genau dort hatte er immer sein, genau das hatte er immer machen wollen. Menschen empfangen, sie willkommen heißen und ihnen bedeuten, es auch zu sein. Jeder braucht ein solches Gefühl. Eine bessere Lobby als die des Bürokomplexes, kann sich Strabalowsky dafür nicht denken. Vielleicht, weil zuhause niemand ist, nicht einmal mehr der Kater, dem er die Tür öffnen oder anderweitig eine Freude machen kann. Etwas, das ihm dort, am Fuße des modernen Funktionsbaus, möglich ist. Üblicherweise bietet die zumeist ortsunkundige Kundschaft hierzu häufiger Gelegenheit, als jene, die auf dem Weg in ihr Büro an seinem Tresen vorbeihetzen und dabei selten mehr als ein Lächeln oder ein grußähnliches Nuscheln hervorbringen. Manche nicht einmal das. Der Juniorchef war so einer. Nur, wenn er mit dem Senior, einem durch und durch höflichen Mann, die Empfangshalle betrat, grüßte er Strabalowsky. Dann allerdings derart überschwänglich, dass es Strabalowsky fast genauso unangenehm war, als beachtete er ihn einfach gar nicht. Also so, wie er es sonst machte. Freundliche Distanz. Das ist es. Mehr erwartet Strabalowsky nicht. Weder mag er es, wenn sein Tresen grußlos passiert wird, noch, wenn Ellenbogen, Unterarme oder Oberkörper ihn zu einer Abstützgelegenheit degradieren. Wenn halbe oder ganze Hintern sich wie selbstverständlich neben seinem Frühstück platzieren, während deren Besitzende auf ihn herabblicken und über Dinge sprechen, die nicht zum darüber sprechen gedacht sind.


Strabalowsky wüsste auch manches zu erzählen. Aber er erzählt es nicht. Verbreiten oder werten gehört weder zu seinen Interessen noch zu seinen Aufgaben. Stattdessen hört er zu. Dass er das gut kann, wurde ihm oftmals gesagt. Ihn freut es, wenn er dazu beitragen kann, dass andere sich besser fühlen. Denn nur darum geht es. Um dieses Gefühl, das sie ihm mit einem Lächeln, einem vertrauten Nicken oder einem ermutigenden Klopfen auf den Tresen danken, bevor der Aufzug sie ins Gebäudeinnere saugt. Auf Strabalowsky ist Verlass. Er spürt, wann ein kurzer Plausch erwünscht, eine flapsige Bemerkung erlaubt oder ein Spielergebnis gefragt ist, bei wem er ein Kompliment besser unterlassen und wem stattdessen machen sollte. Er weiß, wer sich über eine bereitliegende Zeitung freut und wer über einen bereitstehenden Aufzug. Ebenso, dass er sich der Dankbarkeit des immer gehetzten Kurierfahrers sicher sein kann, wenn er ihm die Post schon vor dem Gebäude abnimmt. Strabalowsky unterscheidet nicht nach der Person, die, sondern nach der Art, wie er empfängt.

Es hat eine Weile gedauert, bevor er mit der Telefonanlage, die dem Foyer den Eindruck einer größeren Einsatzzentrale verleiht, umzugehen wusste und nicht mehr auf die Bildchen mit den zielführenden Tastenkombinationen schauen musste. Zuhause hat er ein ganz einfaches Telefon. Zwar nicht mehr mit Wählscheibe, dafür aber auch mit kaum etwas anderem. Ihn stört es nicht. Wichtig ist nur, dass er erreichbar ist. Er, Dieter Strabalowsky-Empfang, der trotz mangelnder Übungsmöglichkeit zuhause nach wie vor tadellos empfängt. Eine solche Quote hat bisher niemand der anderen erzielt, mit denen er sich von Zeit zu Zeit den Arbeitsplatz und den Tag teilte. Deren Namen er allesamt vergessen würde, wenn er könnte. Aber im Vergessen ist er einfach nicht gut. Zumindest nicht so gut wie jene, auf deren Anruf er wartet. Nur ein Wort von ihnen, er könnte sofort los, wäre sofort da. Noch einmal prüft er den Stecker des Telefons und die Zeiger der Uhr. Genau Sechs. Pünktlich zum Schichtbeginn nimmt er in der Diele Platz. Hoffnungsvoll, wie jeden Tag seit seiner Pensionierung.


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