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Because the night

VON TAYPHOON //


„Eine Woche Ultra-All-Inclusive“, damit hatte Sebastian zuversichtlich versucht mich zu Ködern, rechnete in dem Moment allerdings nicht damit, dass ich erstmal dumm nachfragen musste, was denn das „Ultra“ zu bedeuten hatte. „24 Stunden unbegrenzter Zugang zu Alkohol.“

Hier bin ich also, eine Woche später um sechs Uhr in der Frühe am Flughafen von Antalya und belohne die Zuversicht meines Kumpels. Seine zunächst ultraschwache Argumentation, ich müsse mal einige Nächte auf unterschiedlichen Kissen verbringen, um meine in die Brüche gegangene Beziehung zu verarbeiten, sehe ich ihm nach. Okay, er sagte weder auf, noch Kissen oder verarbeiten. Das Reiseziel war aber meine Wahl, ich fühle mich nicht in der Verfassung, Interesse für Neues aufzubringen, der Aufenthalt in einem mir ganz fremden Land wäre reine Verschwendung und ich könnte neuem Input nicht gerecht werden. Deshalb überredete ich Sebastian zu einem Flug in meine Heimat. Dieser Begriff macht zwar ein komplett neues Fass auf, verwende ihn an dieser Stelle dennoch. Aus dem selben Grund wollte ich auch nur einen Hotelurlaub, wollte einfach mal nichts tun mit Luxus, welcher den wesentlichen Unterschied zu dem macht, was ich die letzten Wochen zu Hause getrieben habe: Nichts, mit viel erbärmlich. Hotelurlaub habe ich vorher nie gemacht, dann gleich ganz frech fünf Sterne Ultra-All-Inclusive.

Tagesschau-Sebastian zierte sich zunächst bei dem Gedanken an die Türkei, „Die nehmen da doch ständig Deutsche fest!“

„Dich nicht Sebastian, ich leg' ein gutes Wort für dich ein.“ Vermutlich lebe ich dort mit meiner politischen und wirklich sachlich-kritischen Haltung gegenüber der Regierung, schließlich habe ich einen besseren Einblick in die Lebensumstände der Menschen dort, gefährlicher als mein naiver deutscher Freund, will ihn mit diesem Gedanken aber nicht beunruhigen. Und dieses Denken wird mir allmählich albern, „Da kann man nicht hin, da ist xy an der Macht und die machen dies und das.“ So wird aus der Erdkugel schnell eine Erdmurmel.

Wir verlassen den Flughafen und schauen uns nach den Bussen um. Seit der Buchung muss ich mir anhören, wieso wir den Transfer nicht direkt mitgebucht haben. Auch in diesem Moment. Sebastian schaut mir nun dabei zu, wie ich mich einem Busfahrer nähere, kurz ein Wort mit ihm wechsele und einen Zehner in seine Hand drücke.

„Komm“, winke ich meinen Buddy ganz selbstverständlich in den Bus. Als ich die drei Stufen zu den Sitzen antrete, höre ich hinter mir Sebastian zum Fahrer sagen „Thank you, Bruder.“

„Alter, Bruder ist ein deutsches Wort, wir sagen das hier nicht.“, kann ich mir mein Grinsen nicht verkneifen.

Der Bus ist nun voll und ich beobachte den Fahrer dabei, wie er es sich auf seinem Sitz gemütlich macht, um in Kürze loszufahren. Sein Assistent (Hierzulande nennt man sie „Muavin“ und in der Regel sind es ganz junge Kerle, oft auch noch Schüler, aus der Tourismusbranche, die hier die Gelegenheit haben ihre Deutschkenntnisse anzuwenden für einen mickrigen Lohn und die Erfahrung. Großer Vorzug sind natürlich die kurzen platonischen Begegnungen mit blonden Touristinnen) läuft einmal nach hinten durch und zurück mit einem Tablett in der Hand, auf dem er selbstgemachtes Gebäck von seiner Mutter anbietet. Aus seiner Laune heraus.

Ich komme nicht drumrum, an den Tag zu denken, an dem ich in Dortmund bei Eiseskälte vier Stunden auf einen Flixbus gewartet habe, der nie kam. Als ich gegen Mitternacht dann einen anderen Flixbus mit lauter leeren Sitzen erwischte, der auch über Köln fahren würde, bat ich den Fahrer mich doch bitte auch unter Berücksichtigung meines Tickets für den anderen Bus mitzunehmen. Nö, nicht der Bus, kann er nicht machen. Fick deinen Bus. „Menschliches Ermessen“, denke ich mir und lehne mich an das Fenster.

Das Einchecken dauerte etwas länger, war aber halb so wild. Hier wird man in einer schönen Lobby mit offenen Armen empfangen, einer der Hotelmanager höchstpersönlich nahm unsere Bestellung von zwei Bier auf und gesellte sich mit den auszufüllenden Papieren zu uns. Das macht er wohl nicht immer so aber er war gerade dort, als wir ankamen, also übernahm er es.

Sebastian und ich sind genau so verschiedenähnlich wie es produktiv für eine Freundschaft ist. Wir haben in den zwölf Jahren, die man sich nun kennt, tatsächlich noch nie ein Zimmer geteilt oder ähnliches. Noch in den ersten Minuten fiel mir ganz nebensächlich auf, dass das ganz gut klappt. Sofort steht fest, Koffer auspacken, einräumen und der ganze Kram ist Zeitverschwendung, wir werden aus unseren Koffern leben. Umso schneller finden wir uns geduscht und umgezogen auf den Liegen unmittelbar vor dem Meer wieder, lassen unsere Sachen ab und verbringen den Tag bis zum Abend in Bewegung. Vom Schwimmen im Meer zu einem Drink an der Pool-Bar und zurück, dann ein kleiner Snack, eine Runde Strandfußball, wieder auf das Zimmer, duschen, fertigmachen, wieder raus für das Abendprogramm.

Während wir der mäßig interessanten Tanzshow auf der Bühne beiwohnen, nutze ich die Zeit, um nochmal alle meine Eindrücke vom ersten Hoteltag durchzugehen.

Mir ist den ganzen Tag keine Familie mit Kleinkindern aufgefallen, eigentlich sind hier nur Paare oder größere Freundesgruppen unterwegs. Kombiniert mit der Tatsache, dass das Hotel über einen eigenen Nachtclub verfügt, schließe ich daraus, dass dieses Hotel wohl eher etwas für partywütige Menschen ist. Aber ich lasse mich nicht abschrecken, bisher habe ich den Tag genossen und muss zugeben, dass ich mich wirklich abgelenkt fühle von meinem post-apokalyptischen Alltag daheim.

Hier sind Menschen unterschiedlicher Herkunft unterwegs, wenn auch nicht auf Eurovision Niveau.

Beim Fußball haben wir zwei Gruppen von Jungs kennengelernt, die einen waren ein Mix aus zwei Türken, einem Italiener, einem Serben und einem Deutschen, die alle aus Düsseldorf kamen. Die anderen waren zu dritt und kamen aus einer kleineren Stadt in der Türkei. Als ich das erfuhr, stellte ich mir gleich die Frage, wie sie sich als junge Studenten in der Türkei dieses Hotel leisten konnten (Wie gesagt, ich habe einen relativ guten Einblick in die Lebensumstände dort), traute mich aber nicht so etwas anzusprechen. Im Laufe eines Gesprächs offenbarten sie dann von alleine, dass sie etwa zwei Jahre lang mit Absprache für diesen Urlaub gespart haben. Ein kleines Taschengeld der Eltern, je ein dauerhafter Job neben ihrem Studium, zahlreiche Gelegenheitsjobs wie etwa das Helfen bei einem Umzug oder Autos waschen, Verzicht auf so vieles, worauf junge Menschen mal Lust haben und die Jungs konnten sich am Ende vier Tage in diesem Hotel innerhalb der eigenen Landesgrenzen leisten. Ja, dieser Satz steckt voller Wertung. Ebenso wie Sebastians Kommentar dazu, den er sich aufsparte, bis wir wieder unter uns waren: „Fuck man, von solchen Umständen kriegt man natürlich nichts mit, wenn man von diesem Land nur im Bezug auf eingebuchtete Deutsche hört. Und das einzige Bild, das wir präsentiert bekommen, ist das Gesicht des Präsidenten, während er mal wieder ein Ultimatum ausspricht.“

„Wenn du die Jungs wieder siehst, kannst du ja mal fragen, was sie von ihm halten. Ich weiß es schon.“, beendete ich das Thema, auch wenn es nicht zwingend klingt wie ein Schlusssatz.

Besonders aufgefallen war mir auch ein russisches Pärchen, vermutlich um die 40-45 Jahre alt. Der Kerl war eine absolute Kante, breite kugelrunde Schultern, integriertes Nackenkissen, Oberarme wie Oberschenkel, großer dicker Bauch, augenscheinlich aber auch fest wie sonst was. Die Frau lag den ganzen Tag auf einer Liege, mit großer Sonnenbrille auf den Augen. Sie war die mit dem knappsten Bikini im gesamten Komplex, hat sich aus jedem Winkel fotografieren lassen. Sie gehörten zu einer größeren russischen Truppe, deren Männern ich eine Weile beim Wasserball zusah, genau wie der weibliche Anteil jener russischen Gesamtheit auf ihren Handtüchern, und mir fest in den Kopf setzte, am nächsten Tag mitzumischen. Es sah nach verdammt viel guter Laune aus.

Die Show ist vorbei und wir sitzen etwa seit einer viertel Stunde im Club an der Bar. In einem Club bin ich noch nie gewesen, jetzt kann ich die Gründe dafür, die ich ohnehin immer nannte, auch empirisch belegen. Vor mir selbst rechtfertige ich mich in diesem Moment damit, das dies nicht zählen würde, da es ja nur ein Hotelclub ist. Sebastian ist das scheißegal, er versucht mich schon lange an diese Orte zu schleppen. Ohne mich würde es weniger Bock machen. Er wusste doch nicht mal, wie es mit mir wäre. Das Lustige an diesem Moment ist aber, dass er tatsächlich den Spaß seines Lebens zu haben scheint, obwohl ich mich auf dem Hocker neben ihm mehr dem Barkeeper zuwende als ihm. Sebastian ist schwer in Ordnung.

So wie der Barkeeper, dem ich gleich zu Beginn einen Zehner in sein Trinkgeldglas steckte, in einem Moment, in dem er nicht her sah. Aber er weiß davon, ganz sicher. Doch das ist nicht mehr als eine Geste von mir, schon gar nicht der Grund dafür, dass immer schon ein volles Glas Whiskey vor mir und meinem Kumpel steht, bevor wir ausgetrunken haben. Ich sehe ihm an, dass er sich freut, dass da zwei Jungs sind, die ihn nicht als Teil des Ultra-All-Inclusive Pakets sehen. Der Andrang ist hoch, die Leute stürmen ständig die Theke, sodass er, Fatih übrigens sein Name, immer nur kurz mit uns plaudern kann. Es ist laut, viel zu laut für eine anständige Unterhaltung aber wir geben uns Mühe. Fatih erzählt mir in Begleitung von amerikanischen Pop-Songs (Hier läuft weniger Tarkan als auf RTL) davon, dass er ein Studium in Kunst und Literatur absolviert hat und mit dem Tourismus eigentlich nie etwas am Hut hatte. Nur hat er nach jahrelangem Suchen nie etwas in seiner Branche finden können, musste sich aber seine Existenz sichern und kam über einen Freund an diesen Job, den er tatsächlich leicht bekam, weil er sehr gut mit der englischen Sprache war. Aus reinem Interesse.

Einen Schritt zu unserer Rechten stellt sich ein Mädchen an die Bar, stützt sich auf ihren Ellenbogen und klatscht mit ihrer Handfläche zweimal vor sich, ihr Blick starr und erwartungsvoll in Richtung unseres Barkeepers. Dieser dreht sich beim ersten Klatschen schon zu ihr, kriegt das zweite Mal voll mit. Bevor Fatih sie bedient, wirft er mir noch einen Blick zu, mit einer Schulterbewegung die mir sagen soll „Was soll ich bei solchen Leuten machen?“, als würden außerhalb des Hotels lauter würdigere Jobs warten.

„Muss kurz pissen“, lasse ich Sebastian wissen und verabschiede mich für einige Minuten. Auf Klo gebe ich mir Mühe, möglichst in das Toilettenwasser zu treffen. Eigentlich hasse ich Kerle, die das tun, dazu sage ich immer „Wem wollen die mit dem Lärm was zum Teufel beweisen?!“ Aber ich muss diese alberne Partymusik übertönen, die auch jetzt noch in meinem Kopf läuft.

Auf dem Rückweg überlege ich bereits mit welcher Methode ich meine Begleitung aus dem Club holen und von einigen Drinks am Strand überzeugen kann. Dann wird mir klar, wie dumm das Überlegen ist. Frauen. Am Strand sind schöne Frauen, das lockt ihn raus, ob der Strand überhaupt auf dem Weg zum Klo liegt, hinterfragt er sicher gar nicht erst. In diesem Fall sogar völlig uneigensinnig, er würde es für mich sofort wollen. Er ist fest davon überzeugt, ich bräuchte eine Romanze. Er würde nie Romanze sagen.

Aber mein Plan erübrigt sich, als ich ihn vor dem Club mit zwei Mädchen an einem der brusthohen Stehtische bemerke. Ich begebe mich mit vermutlich fragendem Gesichtsausdruck zu ihnen.

Maria und Clara sind zwei Lehramtsstudentinnen aus Frankfurt, Maria wird mal Deutsch, Englisch und Philosophie unterrichten, bei Clara sind es Geschichte und Sport. Die Freundinnen sind bereits seit sieben Tagen vor Ort und beklagen, noch nicht wirklich ihren sozialen Umgang hier gefunden zu haben. Das Tanzen finden sie auf Dauer zu zweit auch eher langweilig und Schwimmen und das ganze Zeug habe sich auch ziemlich schnell ausgekaspert.

Nach einem angenehmen wer bist du? und wer bin ich? beschließen wir, gemeinsam runter an den Strand zu gehen.

Wir sitzen alle nah beieinander aber mit der Zeit ergeben sich zwei kleine Gesprächseinheiten, Maria und ich scheinen viele Gemeinsamkeiten zu haben und ich höre ihr gerne dabei zu, wie sie von zahlreichen Gedankenexperimenten in der Philosophie erzählt. Wir haben beide den Eindruck, dass unsere Freunde gefühlt mehr lachen, als sie sprechen, das führt dazu, dass wir beide auch immer mal mit ihnen auflachen. Sebastian und Clara stehen nach einer gemeinsamen Stunde auf und wollen gemeinsam durch die Hotelanlage spazieren. Es ist mittlerweile fast Mitternacht. Ich begleite die beiden kurz bis zur nächsten Bar und kehre mit zwei Whiskey, pur für mich und mit Cola für Maria, zurück. Unterwegs kann ich meine Begeisterung für das zweite Glas in meiner Hand nicht vor mir verbergen. Ich kenne kein anderes Mädchen, das Whiskey trinkt.

Ihr Drink wirkt schnell, trotz Cola. Sie erzählt mir, dass sie dieser Reise für Clara zugestimmt hat, welche sich nach einer Trennung eine Auszeit genehmigen wollte. „Wenn sie bei mir mit einem Vorschlag antanzt, bereue ich immer, wenn ich nicht sofort einschlage. Denn sie setzt ihn früher oder später ohnehin durch. Zugegeben, am Ende habe ich dann auch meinen Spaß dran. Naja, meistens. Diesmal war es halt echt zäh. Hier sieht ja alles wunderschön aus und so, es hat seine Vorzüge. Ich liebe ja die kurzweilige Unbeschwertheit, aber es wirkt sehr fremd auf mich. Ich denke, es gibt ganz klar unterschiedliche Urlaubstypen für unterschiedliche Persönlichkeiten.“

Maria ist eine Persönlichkeit, die mir diese erste Nacht im Hotel bereichert. Über den Tag kriege ich mich schon, das ist kein Problem, bin gerne aktiv. Aber zu späten Zeiten werde ich ihre Gesellschaft wohl wirklich suchen.

Ich bringe sie noch bis auf ihr Zimmer, wünsche ihr eine gute Nacht und mache mich auf dem Weg in unser Zimmer mit Sebastian. Da vibriert mein Handy und ich öffne eine Nachricht von meinem Mitbewohner auf Zeit: „Ich werde wohl diese Nacht das Zimmer brauchen, bin mit Clara hier, sorry, Alter!“

Kann das Lachen alleine im Flur nicht zurückhalten, soll er sich austoben, hat er sich verdient. Irgendwie freue ich mich sogar, einen guten Grund zu haben, die Nacht alleine draußen zu verbringen. Ich überprüfe nur kurz meinen Akkustand, um sicherzugehen, dass ich mich mit Musik versorgen kann, dann suche ich mir einen schönen Platz zum Hinlegen und Einschlafen, wo das Rauschen des Wassers am angenehmsten zu hören ist.

Mittlerweile ist es drei Uhr und ich genieße es hier mit meiner Lieblingsplaylist. Noch wenige Minuten, dann nicke ich weg. Den Wecker habe ich auf sechs Uhr gestellt, um nicht noch hier zu liegen, wenn die ersten Gäste in ihren Badehosen rauskommen. In dem Moment nehme ich eine Bewegung hinter mir wahr und im nächsten Moment sitzt die großbusige Frau oder Freundin, was auch immer, des breiten Schranks von vor einigen Stunden schon neben mir. Die Frau, die den ganzen Tag durch Posieren und Abschlecken ihrer Begleitung auffällig wurde, saß jetzt mitten in der Nacht neben mir und schaute mich mit verführerischem Blick fast schon fordernd an. Als hätte das freizügige Verhalten der Leute beim Tanzen nicht ausgereicht, muss ich mich jetzt mit dieser Situation auseinandersetzen, die den Frauentausch-Charakter dieses Ortes nur noch bestärkt.

„I see you today. At pool. You want to drink?“, das sah ich ja kommen. Wäre ich wenige Jahre jünger, würde sie sich jetzt echt strafbar machen.

„I've had enough drinks, thanks.“

„But why you alone here?“

„Ich habe auf dich gewartet.“, warte was? Wieso sage ich das? Dann auch noch auf Deutsch. Das kam gerade total überraschend für mich. Sie schaut mich fragend an, hat natürlich nichts verstanden, ich mache aber in diesem Moment ein sehr einladendes Gesicht, sie erwidert meine Mimik, ich scheine echt bejahend zu wirken. Hier bahnt sich was an, was tue ich nur?

Irgendwie fange ich mich jetzt in meinen Gedanken, ich durchschaue mein Vorhaben. Unglaublich, was sich alles in Bruchteilen einer Sekunde tut. „Du hast gerade mit mir das Humorlos gezogen, Tante.“, ich halte meine positive Erscheinung ihr gegenüber noch aufrecht, während ich das sage.

„What? Not understand.“, sie lacht dabei laut, hält es nur noch für eine Frage der Zeit, bis hier Careless Whisper läuft. Aber I care.

Jetzt kommt es, ich senke meine Augenbrauen und lasse sie meine Verachtung spüren. „Leave me the fuck alone!“, mit meiner Hand zeige ich willkürlich in eine Richtung, Hauptsache nur weg von mir. Dann bemerke ich, dass der Weg auf den ich meinen Finger gerichtet habe, direkt ins Meer führt. Sie steht sofort auf und geht weg, in Richtung des Gebäudes, und wirkt dabei erschrocken, hat sie etwa geglaubt, ich hätte ihr damit gedroht, sie zu ertränken? Bestärkt dadurch, dass mein Aufenthaltsort gerade sehr abgelegen ist? Hoppla, egal, sie ist endlich weg. Und wem will sie das erzählen, ihrem Kerl? Wohl kaum.

Ich lege mich hin, um zumindest ein wenig Energie für den kommenden Tag, der rein rechnerisch eigentlich schon da ist, zu tanken. Da nähern sich lautstark mehrere Jungs und gesellen sich unaufgefordert zu mir. Es sind die Jungs, die so hart geschuftet haben für diesen viertägigen Urlaub .

„Wie hast du das gemacht, Mann? Wie schaffst du das?“, greift mich der Extrovertierteste unter ihnen an. Nein, nein, das ist kein Angriff. Sie sehen wohl eher erstaunt aus. Fast so, als würden sie mich bewundern. Wieso? Was habe ich getan?

„Wieso? Was habe ich getan?“

„Wir haben dich erst mit diesem jungen Mädel gesehen, dann gerade eben mit diesem alten Weib. Wir sind seit zwei Tagen hier und nichts.“ Mädel? Weib? Mir wird klar, warum sie sich nicht in weiblicher Gesellschaft befinden können.

„Antilopen laufen auch vor Schreck weg, sobald der Löwe aus seinem Versteck springt. Niemand mag das Gefühl, gejagt zu werden.“ Schon gar nicht aufgelauert zu werden. Diese Analogie fällt mir leicht, denn ich empfinde ähnlich bei dem Gedanken, dass ich davon ausging, hier völlig für mich zu sein und dann diese allem Anschein nach Dauerpubertären auftauchten, die mich mehr als registriert zu haben schienen. Ganz zu schweigen von der Tante vorhin.

„Es ist nichts los hier, haben uns das viel besser vorgestellt.“, meldet sich ein ganz schmaler unter ihnen zu Wort.

„Beim Fußball wart ihr doch echt motiviert heute? Und am offenen Buffet erst!“, erinnere ich mich und sie zugleich.

„Ja aber Frauen!“ Ich kann den Frust in dem Ton des Extropervertierten kaum fassen. Er fühlt sich echt intensiv an. Völlig irrational. Für diese Gruppe hatte ich echt Zuneigung empfunden aufgrund allem, was sie auf sich nahmen, für wenige Tage Luxus. Es nähert sich nun eine Mischung aus Abscheu und Mitleid. Mehr Mitleid, denn ich kann es ihnen nicht wirklich übel nehmen, schließlich scheinen diese Hotels eine Art Parallelwelt zu sein. Ein Eurovision Seitensprung Contest, bei dem das Übelste vieler Nationen zusammenkommt. Oder wo alle einen Freifahrtschein zu sehen scheinen, ihren Trieben nachzugeben, ohne Konsequenzen. Ich werde aus meinen Gedanken geholt:

„Wie hast du das hingekriegt mit den beiden?“, will es der Schmale wieder wissen. In der Gruppe scheinen nur zwei nach außen zu kommunizieren.

„Kumpel, ich habe nichts getan. Ich habe hier nur die Absicht, mich zu entspannen. Tut euch den gefallen, macht das Beste aus euren verbleibenden Tagen hier, kümmert euch um eine gute Zeit, der Rest kommt von alleine, wenn er will. Und wenn ihr es unbedingt wissen wollt, dann sprecht einfach mal jemanden an, auf einer Stufe zwischen menschlich und animalisch. Schaut euch die Jungs aus Düsseldorf an, ich bin auch fasziniert von ihrem Erfolgskonzept.

„Wir können aber leider kein Englisch.“ Sie können kein Englisch...

„Warum habt ihr dann bitte diese Erwartungshaltung hier?“ Ab diesem Punkt wird mir das Gespräch zu lächerlich, ich wimmel die Jungs ab und verschaffe mir zwei Stunden mit geschlossenen Augen.

Gegen sieben Uhr kommt eine Nachricht von Sebastian, ich kann ins Zimmer und mich frischmachen. Er erzählt mir, dass Maria und Clara wohl ihren Abreisetag verwechselt hätten und Clara ganz früh aus dem Zimmer gestürmt sei. Die beiden haben wohl ganz schnell zusammengepackt und sind ab zum Flughafen. Es wurden keine Nummern ausgetauscht, kein Instagram, nichts. Im ersten Moment finde ich es einfach schade aber ich versuche mich nicht allzu lange daran aufzuhalten.

Der zweite Tag verläuft bis zum Abend nahezu identisch. Meer, Drinks, Wasserball, Pool-Games, Essen. Einige neue Menschen haben wir auch schon kennengelernt. Die Gäste ganz flüchtig, das Personal ist eher unser Bezug. In der Pool-Bar wechseln sich Selcuk und Kerem ab, in der Strandbar sind es Ali und Furkan. Pelin, die das Animations-Team anführt, scheint ein sehr interessanter Mensch zu sein, sie muss aber viel hin und her, damit alle Gäste auch glücklich sind. Es wird wohl zu keiner tieferen Bekanntschaft kommen.

Am Abend finden wir uns wieder bei Fatih. Sebastian hat sich damit abgefunden, dass ich nicht zum Tanzen gemacht bin, hat mich aber gerne im Club dabei. Er hat sich mal eben mit den Düsseldorfern angefreundet, ich bin zwar irgendwie dabei, beteilige mich aber kaum aktiv an Gesprächen. Die Jungs haben sich einer größeren Gruppe aus der Ukraine angeschlossen, tanzen und trinken viel zusammen. Mir gefällt es, sie zu beobachten. Ein Mädchen aus der Truppe, ich vergesse ständig ihren Namen, hat es meinem Freund besonders angetan. Ich merke ihm an, dass er mich aber nicht noch eine Nacht alleine lassen möchte für eine kurzzeitige Bekanntschaft. Ich mache früh genug klar, dass ich es sogar möchte. Als er kurz das Tanzen unterbricht und sich zu mir gesellt, sage ich: „Ich verbringe die Nacht wieder draußen, ich finde es geil (vorausgesetzt ich bin diesmal ungestört).“

„Nein das kann ich nicht machen, Mann. Nicht mit dir und schon gar nicht ein zweites Mal.“ Dieser Junge ist schwer in Ordnung, ich wiederhole mich an dieser Stelle gerne, und er denkt mehr als genug an mich.

„Das ist keine Diskussion, ich will das so. Du bist auch nicht immer so frei wie hier, koste das aus. Hier bist du nicht Sebastian, sondern Sebästschn, schnapp sie dir, Tiger.“ Mir fällt in diesem Moment auf, dass das mein erstes Filmzitat seit langem ist.

Sebastian geht wieder tanzen und ich begebe mich nach einigen Wortwechseln mit Fatih und drei Drinks an den Strand.

Es ist gut so. Es ist genau richtig. Wie sagen Patti Smith und Bruce Springsteen? „Because the night belongs to lovers.“ Mir geht das Lied jetzt nicht mehr aus dem Kopf, also spiele ich es über mein Handy ab, während ich mein letztes Glas für den Tag mit Blick auf das Meer austrinke.

Rückblende: „Fatih, noch einen to go, bitte!“

Ohne jeden Schmerz in mir, ohne diesen häufigen bitteren Beigeschmack der Nostalgie, lasse ich mir die Mädchen durch den Kopf gehen, die ich schon geliebt hatte und frage mich am Rande, wieso ich immer noch nicht so leicht Frau sagen kann bei Gleichaltrigen. An das Gefühl zu lieben erinnere ich mich sehr gut, das bleibt immer frisch. Aber wie war es, geliebt zu werden? Ich weiß nicht so recht, ob das bei mir jemals der Fall war. Es kam mir immer so vor, als hätten sie sich bei mir geborgen gefühlt, wie in den Seitenstraßen einer von Touristen überströmten Stadt, die nur wenige Einheimische kannten und besuchten. Da wo es die Geheimtipps gab, die familiären kleinen Cafés, Restaurants mit Essen wie von der eigenen Mutter oder der Laden für gebrauchte, nein, gerettete Gitarren. Jene Straßen läuft man in aller Romantik ab, bis sie einen in die dunklen Gassen führen, die Touristen auf keiner Karte gezeigt bekommen und von Einheimischen gemieden werden.

Ich sehe mich nochmal um. Antalya. Schönes weites Meer, klarer Sternenhimmel. Die Musik des Clubs dringt durch seine Eingangstüren viele Meter weit an den Strand und in meine Ohren, während meine Playlist weiterläuft. Was für ein scheiß Remix.

„Ich wäre jetzt viel lieber in Istanbul.“, spreche ich laut vor mich hin.

Because the night...

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