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CIStopie oder eher die Dystopie des Patriarchats

VON MARINA //


Lesen auf eigene Gefahr, kann Spuren von Ironie und Übertreibungen enthalten. No hate gegen Germanistik Studierende.


„Stark, dass die mittlerweile in den Nachrichten jetzt auch gendern.“ Ich nippe an meinem Bier und möchte mir direkt auf die Zunge beißen. Diese Euphorie hätte ich besser für mich behalten. 3…2…1. „Scheiß Gender-Gaga“, flüstert er leise und wirft seiner Freundin einen verschwörerischen Blick zu. Wann immer ich von Studierenden oder Schüler:innen spreche, ernte ich mindestens diesen verdammten, abschätzigen Blick. Im schlimmsten Fall starten wir eine Debatte; rationale Argumente helfen schon lange nicht mehr. Ihres Zeichens Germanistik-Student und -Studentin schmettern sie Parolen von der „Verstümmelung der deutschen Sprache“. In ihrem Augenkontakt liegt ein Hauch von Überlegenheit, doch zum ersten Mal sehe ich auch Angst in ihren Blicken. Wenn ich die beiden so betrachte, frage ich mich wovor sie eigentlich so eine Panik haben. Was für sie wohl ihre persönliche gendergerechte Dystopie sein mag, die ihnen einen solchen Schrecken einjagt.


In ihrer persönlichen gendergerechten Dystopie, wie ich sie mir vorstelle, sind die beiden ein Teil der Untergrundbewegung GGG. „Gender-Gaga-Gegner“, das hat er sich einfallen lassen. Die Gruppe teilt sich in zwei Abteilungen: die Straßenkämpfer und die IT-Beauftragten. Letztere sitzen grimmig vor ihren Laptops und haben es sich zur Aufgabe gemacht unter jedem Beitrag mit gendergerechter Sprache ihre Slogans einzufügen. Inhalte spielen schon lange keine Rolle mehr. Einzig und allein die Welt zu warnen vor dem „Untergang der deutschen Sprache“, das ist ihre Aufgabe. Am Rande ihrer Kräfte erklären sie, dass es keine „Ärzt“ gibt und „Ärzt:innen“ deshalb kein richtiges Wort ist. Einsame Tränen rollen ihre Wangen runter, doch dann wenden sie sich wieder dem Bildschirm zu, die Arbeit hat kein Ende. Mindestens zehnmal täglich korrigieren sie die Unwissenden, dass englische Nomen nicht gegendert werden müssen. Die Straßenkämpfer der gendergerechten Dystopie der beiden haben auf der anderen Seite der Front die Aufgabe, alle Printprodukte von Büchern über Plakate bis hin zu Zeitungen von der gendergerechten Sprache zu befreien. Wie Guerilla-Kämpfer streifen sie durch die Nacht und machen alle Missetaten der Genderbewegung zunichte, wenn auch nur für ein paar Stunden. Bei Tag sind sie alle die missverstandenen Außenseiter in einer gendergerechten Welt, die Helden nach denen niemand gefragt hat oder jemals fragen wird. Um sich nicht in der Öffentlichkeit zu outen, haben einige von ihnen ein Schweigegelübde abgelegt. Zu schwer ist es Worte wie User:innen in den Mund zu nehmen. Wie abgelaufene Milch zu trinken, so fühlt es sich jedes einzelne Mal an.

„Es geht doch nicht nur um zwei Geschlechter, es geht darum alle Geschlechter zu repräsentieren“, werfe ich ein. Zurück aus meiner Vorstellung und rein in die Gegenwart, in der ich wieder unfreiwillig in dieselbe Diskussion abgerutscht bin. Der Ablauf ist immer derselbe. Zuerst geht es um das Gendern, dann um Pronomen und schließlich eskaliert es in einer kampfähnlichen Debatte um inklusive Kommunikation. Hierbei gibt es nie Gewinner:innen sondern nur zermürbte Gemüter. „Aber wer soll sich denn diese ganzen Pronomen merken?“ entgegnet sie mir und ihre Stimme überschlägt sich beinahe. Die Panik der beiden ist greifbar.


In der persönlichen inklusiven Dystopie der beiden sind Geschlechter und Pronomen Gegenstand der alltäglichen Allgemeinbildung. Wer kein umfassendes Wissen vorzuweisen hat, wird direkt als amtlich ungebildet und auch als Menschenfeind abgestempelt. Jedes Gespräch mit neuen Bekanntschaften wird zum Horrortrip für die beiden, weil sie sich jedes Mal mit ihren Pronomen vorstellen müssen. Sie stolpert immer wieder über jede einzelne Silbe. Doch es führt kein Weg daran vorbei, genauso wenig wie an den anderen Floskeln des Alltags. Ihre größte Angst ist wahr geworden. Sie sind die inkognito Außenseiter, abgehängt von dem Fortschritts-Zug, der in ihren Augen direkt auf einen Abgrund zusteuert. In seiner persönlichen gendergerechten Dystopie geht es ihm zusätzlich an den Kragen, wenn auch nur den modischen. Um jahrelange Zwänge stereotypischer Modetrends auszugleichen, ist es die neue Norm, dass Männer Kleider und Röcke tragen. Wenn er sich in Hosen auf die Straße traut, dauert es keine fünf Minuten, bis er sich am liebsten Zuhause vor den Blicken und Sprüchen verstecken möchte. Zu offensichtlich ist es, dass er den Aufsprung auf den Zug in Richtung Gaga-Land verpasst hat. Seine Lippen zittern allein bei der Vorstellung.


Zurück aus meinen Überlegungen habe ich die beiden am Tisch sitzen lassen und bin zur Bar, um mir Nachschub zu besorgen. Mein Blick wandert zu einer Gruppe, die sich den Tisch direkt neben der Theke ausgesucht hat. Ein Typ der Marke Chauvi taxiert die Barbesitzerin. 3…2….1. „Die ist doch viel zu heiß, um Barbesitzerin zu sein. Die sollte sich lieber daran halten, was sie am besten kann: gut aussehen. Bestimmt verdient sie dann mit dem Trinkgeld auch mehr, Gleichstellung und so.“ Am liebsten würde ich ein paar Untersetzer wie Bumerangs an seinen Kopf zimmern und so seinen zusammenhangslosen Sexismus-Wortschwall unterbrechen. Der Prolet-Poet grinst und blickt erwartungsvoll in die Gesichter seiner Freund:innen. Irgendwo in seinem Grinsen sehe ich dabei Angst aufflackern. Die Angst vor seiner ganz persönlichen Dystopie. Eine Welt ohne Sexismus, mein Traum - seine größte Furcht.


In seiner ganz persönlichen antisexistischen Dystopie, so wie ich sie mir vorstelle, fing es alles ganz schleichend an. Zuerst hatten sie aufgehört über seine Witze zu lachen, dann hatten sie ihn konfrontiert, gemieden, manche sogar mit einer Anzeige gedroht. Doch nicht nur in seinem Privatleben hatte sich Veränderung breit gemacht. Seitdem es in allen Berufen und den Chefetagen eine Gleichverteilung der Geschlechter gab, bangte er jeden Tag um seinen Job. Checkte die Statistiken und befürchtete bei jedem Prozent, um das die Männeranteile sanken, dass er urplötzlich gekündigt werden würde. Bei Aussagen wie „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ oder „gar nichts darf man mehr sagen“, war es zudem mittlerweile Alltag geworden, dass Political-Correctness-Beauftragte wie aus dem Nichts auftauchten und mit einer Wassersprühflasche Sanktionen im Büro verteilten. Zu allem Überfluss hatte ihn auch noch seine Frau verlassen, nachdem er sie für das Wort „geteilte Elternzeit“ eine volle Stunde lang ausgelacht hatte. Was sie dabei nicht verstand war, dass sein Lachen lediglich ein Symptom seiner Angst war. Forscher arbeiteten nämlich seit Jahren an einer Möglichkeit, Schwangerschaften auf Menschen ohne Uterus übertragen zu können. Die Vorstellung ein Kind auf die Welt bringen zu müssen und dabei jemand anderem die Bestimmung über seinen Körper zu überlassen, war erschreckend für ihn. In Folge dessen hatte er nun seit Jahren keine Dates mehr gehabt. Er wusste einfach nicht mehr, wie er Frauen ansprechen und wohin das alles führen sollte. Kurz war er so verzweifelt, dass er an einer Schulung teilnehmen wollte (100 Wege aus der toxischen Männlichkeit), doch die Idee hatte er direkt wieder verworfen. Wenn er dann dennoch in den seltenen Genuss von einer Nacht mit wildem Sex kam, war er dabei nie gekommen. Seitdem die Orgasm-Gap geschlossen war, hatte sich etwas in seinem Kopf blockiert. In seiner Vorstellung könnte seine Bettpartnerin möglicherweise gleich kommen und ihn danach einfach liegen lassen. Vorgekommen war das noch nicht, doch die Angst vor der Möglichkeit trieb ihn in den Wahnsinn.

Mit einem Krachen werden sechs Bier auf dem Tisch neben der Bar abgestellt. Verzweifelt sucht Mr. Chauvi Augenkontakt mit seinem Umfeld. Einige schütteln den Kopf, andere weichen seinen Blicken

peinlich berührt aus. Panik bahnt sich ihren Weg und Schweißtropfen fließen seine breite Stirn herunter. In diesem Moment überkommt ihn die unkontrollierte Furcht, dass seine persönliche Dystopie sich bereits in der Gegenwart abzeichnet. Seine Ängste multiplizieren sich und werden zu dem Monster gegen das er mit seiner sexistischen Fassade ankämpft. Die Veränderung, die ihn in eine solche Panik versetzt, verstärkt sein Verhalten nur noch mehr. Ein Teufelskreis den er nicht aufhalten kann, gefangen in einer ewigen Schleife von schlechten Witzen und Leugnen.


In der Zukunft, in seiner persönlichen antisexistischen Dystopie, wird jeder nächtliche Spaziergang zum Slalomlauf. Es ist Standard, Frauen nachts auszuweichen. Doch die Strecken, die er durch seine Ausweichmanöver zurücklegt, sind genauso beachtlich wie seine stahlharte Wadenmuskulatur. „Not all men“, flüstert er immer wieder leise auf seinem Nachhauseweg. Ein Mantra, sein geheimer Schlachtruf. Catcalls und das was er unter Anmachsprüchen versteht, sind nun strafbar. Ein paar seiner Freunde hat es in den Ruin getrieben, weil sie einfach nicht aufhören konnten. Viele von ihnen sitzen nun bei den Anonymen Catcall-Süchtigen, um ihre internalisierten Sexismen loszuwerden. Eine Maßnahme der Regierung, spätestens ab dem zweiten gemeldeten Vorfall. Es ist einsam auf seiner Insel mit so vielen Anmachsprüchen, die er sich nur noch allein vor dem Spiegel erzählen kann. Dabei will er doch nur, dass die Frauen endlich mehr lächeln, die wären doch alle viel glücklicher, wenn er nur wieder balzen dürfte. Aber weinen würde er deshalb niemals. Seinen geballten Frust lässt er an dem Thema kostenlose Periodenprodukte aus. Darüber könnte er sich nämlich stundenlang aufregen. Manchmal hält er sich länger als nötig vor den öffentlichen Toiletten auf, nur um Witze zu reißen wie: „Gratis Tampons und wo ist unser gratis Bier, hab ich Recht? Hab ich Recht?“ Doch die Leute starren ihn nur an, wie einen armen Irren.


Schön ist, zu sehen, dass die Leute den Typen jetzt schon anstarren wie einen armen Irren. Dass der realistische und unübertriebene Teil seiner antisexistischen Dystopie schon in der Gegenwart, meiner Gegenwart angekommen ist. Manchmal frage ich mich echt, wieso manche Menschen so viel Angst vor Feminismus haben. So als sei Feminismus ein Monster, dass seine Krallen ausfährt und jede Unvollkommenheit gleich mit einer Tracht Prügel ahndet. So als wäre das Patriarchat ein abgewetztes Kuscheltuch, dass man mit allen Mitteln verteidigen müsste. Und in diesem Moment möchte ich die ganze Bande einfach in den Arm nehmen und ihnen sagen, dass sie nicht gezwungen sind irgendetwas zu tun, dass es aber trotzdem eine so viel schönere Zukunft für uns alle wird, wenn jede:r einen Teil zu mehr Gerechtigkeit beiträgt. An den kleinen und großen Strängen zieht, aber eben alle auf derselben Seite. Das mit der Gruppenumarmung lass ich vorerst aber mal lieber, auf einen dezenten und absolut unbeabsichtigten Po-Grabscher kann ich heute echt verzichten.


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