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Das liebe Bisschen

VON ANNE BÜTTNER //


Später geworden, als gedacht. Eigentlich hatte sie längst schon zuhause sein wollen. Aber erst kam sie auf Arbeit nicht raus, weil ihre Ablöse sich verspätet hatte, dann hatte das Rad einen Platten und als sie endlich um die Ecke bog und am Kiosk Italopop hörte, war klar, dass sie nicht ohne einen Schwatz davonkäme. Weil Guiseppe eben Guiseppe war und heute hörbar ohne Svetlana. Sonst wäre Schlager gelaufen. Wahrscheinlich Andrea Berg, weil Svetlana die so gern mag. Weil sie nicht so abgehoben sei. Weil sie immer an ihrem Glück gearbeitet und nie aufgegeben habe, obwohl das Leben es auch mit ihr nicht immer gut gemeint hatte. Und weil ihre Texte so gut seien. Verglichen mit dem, was Indizierungswürdiges aus den Boxen drüben an der ausgedienten Tischtennisplatte wütet, hat Svetlana damit vielleicht sogar recht.

Früher gab es hier nicht nur eine intakte Tischtennisplatte, sondern auch einen viel und gern genutzten Freizeittreff. Inzwischen könnte an der zerkratzten und beschmierten Eingangstür auch einfach „größerer Raum mit Sitzgelegenheiten, Spielesammlung und Wasserkocher“ stehen. Mehr als das ist es nicht mehr. Freizeit verbringt dort kaum noch jemand. Die verbringen die meisten inzwischen bei Guiseppe und Svetlana am Kiosk.

Was dort neben den beiden, Italopop und Schlager am besten geht, sind Tabak, Zigaretten, Filterkaffee für einen Euro, Boulevardzeitungen, Illustrierte, Pfötchenkekse, Lottoscheine, Rubellose, Doornkaat, Goldkrone, Flaschenbier, Salami- und Schokobrötchen, Bockwurst mit Toastbrot, Teelichter, warum weiß niemand, und milder Sekt. Anderen gibt es hier auch gar nicht. Ebenso wenig, wie es hier guten Filterkaffee für einen Euro, geschäumte Milch oder anderes Chichi gibt, oder, zum großen Bedauern Monikas, mehr Männer wie Guiseppe, nur ledig. Dafür gibt es hier ausreichend Aschenbecher, derbe Witze, Verständnis, und ein Miteinander – jedenfalls meistens. Und die Möglichkeit, hin und wieder anschreiben zu lassen, die gibt es hier auch. Was nicht nur Lothar, Jürgen und Monika zu schätzen wissen, die aber besonders. Die drei seien, so sagt Svetlana es immer mit einem Lächeln und immer laut genug, dass sie es hören können, ein bisschen wie Familie: Die suche man sich ja auch nicht aus.


Der Kiosk ist so etwas wie die Pforte zum lieben Bisschen: Einer von mehreren Vielgeschossern, der seit langem nicht mehr saniert aber nach wie vor vermietet wird. Irgendwo müssen sie ja wohnen, die, von denen man das so sagt: wenigstens vorübergehend und besser als gar nicht. Immerhin verfügt auch im lieben Bisschen jede, wirklich jede Wohnung, über einen Grundriss. Der ist Standard und bauarttypisch.

Auch Guiseppe und Svetlana wohnten mal hier. Allerdings zu einer Zeit, als das noch als Privileg galt. Dass sie kurz vor ihrem Wegzug den Kiosk übernahmen, war eher Zufall, denn langgehegter oder überhaupt Traum. Guiseppe erzählt oft von damals, aus der Anfangszeit, als weder er noch Svetlana sich vorstellen konnten, dass diese kleine Verkaufsschachtel ihnen mal so viel bedeuten würde. Eigentlich wollte Guiseppe reisen, rumkommen, später bambini. Damals fuhr er Taxi und schon mal die ein oder andere Berühmtheit, auch wenn ihr die Namen nichts sagen, die er aufzählt. Svetlana hatte als Ausstatterin in einem großen Modehaus gearbeitet, wo bis zur Rente zu bleiben, sie sich hätte vorstellen können. Kurz nachdem klar war, dass weder daraus noch aus eigenen bambini etwas würde, ergab sich der Kiosk und mit der Zeit das, was er heute ist: Guiseppes und Svetlanas Leben und der Alltag Vieler im lieben Bisschen.


Seit ein paar Jahren wohnen auch sie und Emil jetzt hier. Davor auch schon kurz, allerdings in einer 1-Zimmer-Zwischenlösung im Erdgeschoss. Danach stand sie lange Zeit leer, bis sie wieder vermietet wurde: und zwar als Wohnung, gar nicht als Zwischenlösung. Obwohl seit ihrem und Emils Auszug nichts daran gemacht wurde. Weder an den dauerzugigen Fenstern, noch am seit jeher selbst von richtigem Lüften unbeeindruckten Schimmel in Bad und Küche, nichts an den lockeren Steckdosen und auch nichts am Riss in der Decke des einzigen Wohn- und Schlafraumes, der bei ihr und Emil zusätzlich noch Arbeits- und Spielzimmer war. Nur das mit dem Rollladen zum Innenhof ist neu. Der funktionierte damals noch.


All das hat ihr Guiseppe erzählt. Und auch, an wen sie vermietet ist. Ganz arm dran, aber ein herzensguter Kerl sei das, der Theo. Nur die Zeit, die sei einfach nicht mehr seine. Könne man ja irgendwie auch verstehen, nach allem: schöne Wohnung, Arbeit, Urlaube, Familie, alles da. Dann Unfall, Frührente, Klinikaufenthalte, Schmerzen, immerzu Schmerzen, Führerschein weg, von einem Tag auf den anderen dann auch die Frau, Ersparnisse und Zukunft gleich mit. Und das mit gerade Mal Ende dreißig. Seither lebt er hier und sich so durch den Tag. Wirklich ein Herzensguter sei das, immer freundlich, immer hilfsbereit. Für Frau Elsermann gegenüber natürlich ein Segen, so jemand wie der Theo. Andere brachten ihr schon auch mal ein Schreiben weg oder was vom Supermarkt mit, das war es nicht. Aber mit Theo war da endlich wieder jemand, der auch mal mit ihr gemeinsam einkaufen geht oder einfach mal so eine kleine Runde zu Fuß, was ihr allein, trotz Rollators, häufig zu unsicher oder, noch häufiger, zu unsinnig erschien.


Dafür lädt sie ihn öfter auf Kaffee und Kuchen zu sich oder auf Kaffee und Schokobrötchen bei Guiseppe und Svetlana am Kiosk ein, wo Theo Italopop oder Andrea Berg lauscht, und den anderen, wenn sie ins Plaudern und Erinnern kommen. An eine Zeit, als Frau Elsermanns „Elfchen“ noch lebte und geht-nicht-gibt’s-nicht-Henri, ach, und Dirigenten-Fredl ja auch. Und es noch bunte Nachmittage im Freizeittreff und manchmal einen Flohmarkt gab. Und im Innenhof bepflanzte Rabatten mit Tulpen und Stiefmütterchen und dem Rhododendron, der herrliche Rhododendron. Damals, als hier noch nicht so viel Leerstand war und generell mehr Lametta.


Während Guiseppe den Refrain von ‚Insieme 1992‘ anstimmt, das Lied, mit dem Toto Cutugno im selben Jahr für Italien den Eurovision Song Contest gewann, in dem er und Svetlana den Kiosk übernahmen, wie Guiseppe nicht müde wird, zu erwähnen, ploppt auf ihrem Display Emils Bild auf. „Hallo mein Großer.“ Das Bild hatte sie neulich von ihm gemacht. Er wollte unbedingt eins in seinem neuen Hoodie, brauchte aber beide Hände für eine Pose, von der er meinte, sie solle aufhören zu lachen und endlich knipsen. Sein Grinsen könnte nicht breiter sein, nur die Qualität des Bildes deutlich besser. Die Hauptsache war, dass Emil ein Handy hatte, mit dem er sie und auf dem sie ihn jederzeit erreichen kann. Das sind ihr die Kosten für eine Prepaid-Karte allemal wert. Klar, würde Emil auch zu einem besseren Modell und höherem Guthaben nicht Nein sagen. Aber er weiß, dass sie es nicht so dicke haben; dass sie sich schon ein bisschen was leisten können, bestimmt auch mehr als andere hier, aber eben bei weitem nicht alles und erst recht nicht alles auf einmal. Bislang stört Emil das nicht. So gesehen hat er ja alles: Ein eigenes Zimmer – sogar das größere von beiden – Brett- und Kartenspiele, ein funkferngesteuertes Auto, jede Menge Bücher, seinen Bibliotheksausweis, einiges an Lego und noch mehr sowas wie Lego, eine alte Konsole mit ein paar Spielen, wovon er aber eigentlich nur noch Minecraft und FIFA zockt. Sogar ein richtiges Mikroskop hat er, Hörspiele, einen Rekorder, auf dem er sie abspielen oder eigene aufnehmen kann, ein Fahrrad hat er, Tischtenniskellen, einen Fußball und vor allem genug Freunde, von denen manchmal, meistens in den Ferien, einer bei ihm übernachten darf. Ein kleines Taschengeld bekommt er auch. Das spart er in einer kleinen Kassette, die mal seinem Vater gehörte. Ab und an bessert er sich das ein bisschen auf, indem er ein paar seiner Sammelkarten oder ein altes Videospiel verkauft, Guiseppe beim Mülleinsammeln rund um den Kiosk hilft oder wenn Sandra zu Besuch ist. Das geht am einfachsten. Neulich erst hatte er so zwei Euro dazuverdienen können. Hätte seine Mutter ihn noch später bemerkt, hätte sie sicher noch mehr zahlen müssen. Schade, dass die Schimpfwortregel nicht auch für Sandra gilt. Dann wäre seine Kassette schnell voll.


Zu seinem Glück fehlt Emil eigentlich nur ein Hund. Am liebsten mag er Labradore und Berner Sennenhunde. Oder die, von denen er weiß, wie sie aussehen und wie sie heißen, nur nicht, wie sie geschrieben werden. Die sind auch schön. Aber die gibt es hier nicht. Hier gibt es nur so kleine nervöse, kleine, die zu alt sind, um noch nervös zu sein, und solche, die weder so aussehen noch so klingen, als würden sie sich von jemand anderem außer Herrchen oder Frauchen streicheln geschweige denn ausführen lassen. Wobei man dafür ohnehin mehr Kraft bräuchte, als Emil sie hätte. Und überhaupt ist ein eigener Hund was völlig anderes. Dass er dafür sein ganzes Erspartes, immerhin fast 44 Euro, dazugeben, lebenslang auf Taschengeld verzichten und „immer, wirklich, wirklich, wirklich immer, versprochen!“ auch früh vor der Schule, ohne zu murren Gassi gehen und alle, naja, vielleicht nicht alle, aber zumindest viele seiner Spielsachen für Futter verkaufen würde, konnte Emils Mutter nicht umstimmen. Es gab einfach vieles, das wichtiger war, als ein eigener Hund – jedenfalls ihr:


Das betraf geregelte, weitestgehend abwechslungsreiche und gesunde Mahlzeiten, das betraf den Zustand der Kleidung und den der Wohnung, das betraf Emils schulische Leistungen, das betraf die Ausstattung seines Zimmers mit einem Schreibtisch, an dem er seine Hausaufgaben erledigen konnte, das betraf Geburtstage und Klassenfahrten, das betraf Reparaturen, das betraf, wenn möglich, das Sparen für einen Umzug irgendwann, das betraf Uhrzeiten, das betraf die Einhaltung von Regeln. Wie die, dass bevor die Schularbeiten nicht erledigt sind, sein Zimmer nicht aufgeräumt und noch eine Sache extra im Haushalt gemacht ist, es nicht rausgeht und auch der Fernseher nicht an. Manchmal ist er neidisch auf Patrick. Obwohl er kaum älter ist als Emil, muss Patrick überhaupt nichts zuhause machen. Interessiert bei ihm niemanden. Nicht mal zuhause sein, muss er. Manchmal soll er das auch gar nicht. Wenn der Vater nämlich sagt, dass er zusehen und Land gewinnen soll, bevor er, der Vater, sich vergisst. Seit seine Frau, Patricks Stiefmutter, weg ist, vergisst er sich noch regelmäßiger als vorher. Meist vertreibt Patrick sich die Zeit dann mit ein paar Älteren solang am Bolzer oder an der Tischtennisplatte, bis er annimmt, dass der Vater sich nicht mehr vergessen hat oder so sehr, dass er eingeschlafen ist.


„Wirklich! Das ist ja super! Da freu ich mich! Gucke ich mir gleich an, wenn ich zuhause bin, ja? Du kannst schon mal Wasser aufsetzen. Bis gleich, du Mathe-Ass“, verabschiedet sie Emil am Telefon und gleich danach mit einem „Mach's gut“ Guiseppe. „Uno momento, bellissima. Die sind für deinen ragazzo.“ Guiseppe reicht ihr eine bunte Tüte mit Schnürsenkeln, Gummischlangen und Colaschnullern. „Aber …“ „Keine Widerrede. Das ist ein Geschenk von mir an Emile. Bella donna, bravo ragazzo.“ Als sie noch immer zögert, fügt er mit einem Lächeln an: „Die gehen hier sowieso nicht so gut.“ „Danke, da wird er sich freuen. Grüß Svetlana von mir. Einen alten Gigolo hat sie da geheiratet.“ Guiseppe grinst. Es schmeichelt ihm, Gigolo genannt zu werden. Noch mehr in Svetlanas Gegenwart. Am meisten, wenn Svetlana es ist, die ihn so nennt. „Das weiß sie, bellissima. Hat sie glücklicherweise trotzdem nicht abgehalten, Sì zu sagen.“

Guiseppe schaut ihr hinterher, wie sie ihr Fahrrad am Freizeittreff vorbeischiebt und am Spielplatz, also der Schaukel, dem Wipphund und dem Rostgerüst, und es dann dort, wo mal der Rhododendron, der herrliche Rhododendron war, neben einer Reihe Radschrott anschließt, Tasche und Mantel aus dem Korb nimmt und nach wenigen Schritten im Gebäudeinneren verschwindet. Guiseppe weiß, dass dieses Bild für viele nicht zusammenpasst. Dass es künstlich wirkt. Inszeniert.


Menschen wie sie, sind nicht die, die man hier erwartet. Hier, wo Versuche, im Eingangsbereich Ordnung zu halten, an zu vielen ausrangierten Kinderwagen, Fahrradrahmen, Altelektrogeräten und anderweitig zu Entsorgendem oder Zurückgelassenem scheitern und an jenen, denen das egal ist. Hier, wo aufgebogene, böllerbeschädigte Briefkästen kaum mehr dem Gewicht nicht entnommener Inhalte und auf ihnen gestapelter Kataloge standhalten. Hier, wo das Hauslicht in manchen Stockwerken kaum und in anderen gar nicht funktioniert und von zwei Aufzügen nur noch einer. Hier, wo sich der Geruch nach Essig, kaltem Rauch, Ammoniak, Eau de Cologne und Fischstäbchen über die restfarbhaltenden, hellhörigen Flure legt.

Menschen wie sie und Emil oder wie Frau Elsermann erwartet man hier nicht. Menschen wie Sandra erwartet man schon eher, aber nicht, dass sie es leid war, auf Angebote vom Jobcenter zu warten und durch Initiativbewerbungen endlich wieder einen Job gefunden hat. Nur eben keinen gut bezahlten. Zumal mit einem Kind mit Mehrbedarf.

Hier erwartet man Menschen, die inmitten gelbstichiger Luft großporig, kurzatmig und triefhaarig auf tierhaarübersäten Bettsofas sitzen, von wo aus sie alle paar Minuten nach dem Tabakeimer oder der 2 Liter Flasche Discountercola auf dem gefliesten Couchtisch vor sich greifen, während sie, die Erwartbaren, auf riesigen Flachbildfernsehern viel zu laut Sendungen über Menschen gucken, die inmitten gelbstichiger Luft großporig, kurzatmig und triefhaarig auf tierhaarübersäten Bettsofas sitzen, von wo aus sie alle paar Minuten nach dem Tabakeimer oder der 2 Liter Flasche Discountercola auf dem gefliesten Couchtisch vor sich greifen, während auf riesigen Flachbildfernsehern viel zu laut Sendungen über Menschen wie sie laufen: Menschen, deren gehustetes Restlungenlachen der Ton einfängt und die Vorstellung den Geruch von ungelüfteten Räumen, von Tiernahrung und Tierfäkalien, Nikotin, Schweiß, Fusel, faulem Atem, Essensresten und viel zu lang nicht gewechselter Bettwäsche auf Schlafsofas, auf denen die Erwarteten sitzen und von Chancenlosigkeit erzählen, davon, dass sie allenfalls Jobs angeboten bekämen, die ganz sicher niemand machen wollte, sie also auch nicht. Dass sie dann lieber mal auf Essen verzichten. Solang Tabak da ist, die Tiere und, so vorhanden, die Kinder versorgt sind: Das sei das Wichtigste. Sonst bräuchten sie ja nicht viel - nicht mal alle Zähne, sagen sie und lächeln restbezahnt in die Kamera. Menschen, denen als höchster Bildungsabschluss allenfalls der niedrigste zugetraut wird und Initiative nur, um Dinge anzuschaffen, die sie sich nicht leisten können oder spätestens ab Monatsmitte nicht mehr. Haushaltsbücher, zumal lückenlos geführte, erwartet man von Menschen in solchen Berichten nicht; Rechtschreibung noch viel weniger. Man erwartet hier Selbstverschulden und Menschen, die Pech mit Faulheit verwechseln. Und einen Hausmeister, der sagt, dass er aufgegeben habe. Dass das ein Fass ohne Boden sei und er selbst mit dem Allernötigsten nicht mehr hinterherkäme.


Im Prinzip vieles von dem, was auch der Bericht über das liebe Bisschen zeigte. Zwei Tage wurde dafür gedreht. Raus kamen knapp fünfzehn Minuten erwartbares TV: Formatfernes wurde gar nicht erst gefilmt oder wieder rausgeschnitten. Gesehen haben sie den Bericht hier alle. Gut fanden ihn nur die, denen es nicht auffiel oder egal war, dass das liebe Bisschen dort nicht wie das liebe Bisschen aussieht, sondern wie der letzte Rest.


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