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Das Orchester des Allesgleichzeitigen

VON JEREMIAS HEPPELER //



Vor einigen Jahren bin ich mit sechs Freunden nach Island gereist. Im Juli. Die Flüge über Oslo hatten wir sechs Monate zuvor geschossen. Am Flughafen von Reykjavik fehlte eines unserer Gepäckstücke, es wurde einfach nicht aufs Band gespuckt. Wir verbrachten einige Tage in der Hauptstadt und ernährten uns von überteuerten Sandwiches, die wir allesamt mit unseren frisch beantragen Kreditkarten bezahlten. Mein Kumpel, dem der verschollene Koffer gehörte, trug drei Tage dieselben Klamotten. In einem Bekleidungsgeschäft kaufte er sich einen Pack Boxershorts. Wir blickten Dosenbier sippend auf das mit einen tieforangenen Sonnenuntergang gestrichene Konzerthaus, streiften durch die geometrisch korrekt zulaufenden Gassen und kauften Gras bei einem isländischen Dealer, der zufälligerweise auf der Terrasse unseres Hostels herumlungerte. In der Nacht vor der Abfahrt zogen wir einer App folgend, die uns die Happy Hour-Angebote in den Bars anzeigte, um die Häuser. Am anderen Morgen fehlte einer von uns. Das kam öfters vor. Wir warteten und warteten und wollten bereits genervt unsere Mietwagen-Abholung verschieben, als er plötzlich wieder vor uns stand. Wie ein Geist. Seine Haare standen in alle Richtungen, von seiner in Island dringend benötigten Winterjacke fehlte jede Spur. Wo er gewesen war, wusste er nicht mehr. Filmriss, dachten wir damals. Heute weiß ich es besser. Während wir das vierrädrige Raumschiff kaperten, das uns in der Folge durch das wilde isländische Hochland tragen sollte, fing es in meinem Ohr an zu pfeifen. Ich bin seit jeher anfällig für jede Form von Ohren- und Halsschmerzen, mindestens einmal im Jahr entzünden sich die Zugänge in meinem Schädel. Das ist eine Tradition, nach der du die Uhr stellen kannst und aus der ich leider nicht lerne. Auch dieses Mal war ich im T-Shirt und ohne Kopfbedeckung ins Flugzeug gestiegen und die elende Klimaanlage hatte mir kalt klinische Ekelluft in die Ohren geblasen und jetzt erntete ich diese Aussaht meines eigenen Leichtsinns in Form einer in den kommenden Tagen immer schlimmer werdenden Mittelohrentzündung. Perfektes Timing, einmal mehr. Vielleicht hätte ich es an dieser Stelle merken müssen, vielleicht hätte ich den verschollenen Koffer, den verschollenen Menschen und die aufbrandende Krankheit als Vorwarnungen verstehen müssen. Hab ich aber nicht. Und überhaupt: Wie hätte es auch ausgesehen, wenn ich mich für drei Wochen in Reykjavik verschanzt hätte, bis der Rest der Truppe die Insel vollends umrundet hatte.


Wir setzten uns gemeinsam in die Karre und fuhren los. Gen Osten, durch den goldenen Ring, wo die Touristenbusse die mit Fotoapparaten und iPads beladenen Chinesen und Amerikaner ausspucken, wie die Geysire, die es dort zu betrachten gilt.

Aber: Die isländische Landschaft raubt dir den Atem, sie schnürt dir den Hals zu. Weil sie so aussieht, als würde es sie gar nicht geben. Als hätte man sie am Computer als Filmkulisse entworfen. Wie eine zweite, alternative Erde. Schwarze Strände. Aschespucker. Gletscherspalten. Dazwischen: Wir. Die Astronauten. Im Raumschiff. Zusammengepfercht in unsere Funktionskleidung. Eindringlinge. Fremdkörper. Drohnenpiloten. Selfiemacher. Nie habe ich mich gleichzeitig so fremd und so zu Hause gefühlt. Ein beeindruckendes und bedrückendes Gefühl. Wir schlugen unser Lager am Fuße des Eyjafjallajöküll auf, und weil der Vulkan auch eine Zeitmaschine ist, wechseln wir kurzerhand in die Gegenwart. Wir kochen Eintopf aus zwei riesigen Süßkartoffeln auf zwei klitzekleinen Gaskochern. Es ist saukalt. Wir dürfen kein Feuer machen. Spürt ihr es auch? Ein Schaf betrachtet mich wütend. Mein Ohr brennt. Der Vulkan dreht die Zeit zurück. Ich ließ mich auf ein Wölbung strohiges Gras fallen, schreckte auf, schob es zur Seite. Darunter fand ich drei Steine, konsequent zum Dreieck angeordnet. Einen schwarz durchlöcherter Klumpen, schwammgleich und federleicht, eine rot leuchtende Geometrie und ein länglicher, bleischwerer Grünschwung. Alle drei hatte jemand hier absichtlich platziert, ganz klar. Irgendjemand formte aus ihnen ein steinernes Triptychon. Irgendwann, vor vielen Jahren, denn da war längst Gras drüber gewachsen. Und irgendwas in mir schrie nun danach, die Steine anzupacken, einzupacken, loszueisen, gewaltsam herauszuschneiden, aus ihrer verwachsenen Existenz. Eine pochende Stimme, so aufdringlich, dass ich ihr nicht widerstehen konnte, obwohl ich eigentlich wusste, wie falsch es war, diese fehlerlose Dreifaltigkeit mutwillig zu zerstören. Ich nahm den schwarzen Stein, dessen Form zunächst klobig verbeult anmutete, der sich in meiner Hand aber merkwürdig formvollendet anfühlte. Überhaupt schien er direkt in meinen Körper zu strahlen, durch die Finger, durch die Hand, durch den Arm bis ins Herz und ins Hirn. Ich fühlte mich wie Frodo, wenn ihn der eine Ring mal wieder komplett vereinnahmt und ihn dazu zwingt, alle Filmeschauer zu Tode nerven muss mit seinem weinerlichen Wahnsinn. Ich schob den schwarzen Stein in meine Jackentasche, und während ich diese Zeilen schreibe, liegt er neben mir, tief verstaut in mehrere Verpackungsschichten von Plastik bis Beton. Sicher ist sicher.

Am nächsten Tag versuchten wir einen kleinen Fluss zu überqueren, aber sahen rechtzeitig ein, dass das mit unserem Gefährt keinen Sinn machte. Wir warteten auf einen massiven Allrad-Bus, der uns einer unromantischen Fähre gleich überführte und schlugen unsere Zelte auf einem Campingplatz in der Einöde auf. Abends rauchten wir das isländische Dope und tranken unsere letzte Flasche Duty Free Gin. Eine Gruppe erschien am Horizont. Sie hatten eine Pferdetour gebucht, die sich alsbald zur Pferdetortur gewandelt haben musste. Allesamt stolperten sie in Zeitlupe wie eine Horde Zombies an unseren Zelten vorbei, die Oberschenkel aufgefurcht und von Krämpfen durchzogen. Ihre Blicke leer, geradeaus starrend, am Ende aller Kräfte und Freiheits- und Cowboyträume. Als sie ausser Reichweite waren, begannen wir loszuprusten.

Mein Ohr wurde indes schlimmer. Jedes Schlucken reifte zur Aufgabe und Selbstgeißelung, aber ich konnte nicht aufhören und schluckte und schluckte und schluckte. Einfach um zu sehen, ob der Schmerz noch da war.

Wir hatten nicht besonders viele Schmerztabletten dabei und ab dem dritten Tag begann ich mit der Rationierung. Scheiße. Bald hörte ich kaum mehr was auf dem linken Ohr, das rechte zog bald nach. Ich fühlte mich isoliert, in der Gruppe, in der Welt. Hier, an deren Ende. Ich wollte nicht mehr sprechen. Ich konnte nicht mehr hören. Erst Abends, wenn sich die wundersam pharmazeutische Wirkung der Tabletten lindernd über mich legte.



Als die anderen zu einer Gletscherwanderung aufbrachen, entschied ich mich dazu, bei den Zelten zu bleiben und mich auszukurieren. Mittlerweile lief mir von Zeit zu Zeit der Eiter aus dem Ohr. Scheiße. Nach wenigen Stunden Herumgelungere am Zelt, wurde mir unerträglich langweilig und entschied mich dazu, selbst aufzubrechen. Ich lief ins von unzählige Flussärmchen durchzogene Tal. Ich folgte einer langgezogenen Biegung und war plötzlich so alleine, wie nie zuvor. Dieses andere Alleine, ihr wisst schon. Ich marschierte einige Meter nach oben, über mir thronend der Vulkan, und legte mich auf den Boden und starrte solange in den Himmel, bis ich merkte, dass ich das auch zu Hause machen könnte. Himmel ist Himmel, immer der gleiche. In meiner Erinnerung höre ich in dieser Sequenz den isländischen Komponisten Jóann Jóhansen, aber das ist eine Verklärung, weil er so tragisch viel zu früh zu Tode kam. Damals kannte ich ihn und seine Musik noch gar nicht.


In meinem nunmehr komplett verstopften Ohr hörte ich einzig meinen eigenen Herzschlag wummern und das Blut rauschen, wenn ich den Mund öffnete, etwa um zu Gähnen, dann fühlte sich das an, als würde man mir ein brennendes Streichholz in den Gehörgang schieben. Scheiße. Ich holte den Stein aus der Tasche, der sich sofort wieder in meine Hand kribbelte und legte ihn auf das Ohr. Der Druck fiel sofort ab, der Schmerz verschwand und wich einem Geräusch, wie ich es noch nie zuvor gehört hatte. Eine Kreischen und Sägen, ein Jaulen, panisch, dystopisch, aber halt in schön, in harmonisch. Ein lieblicher Anschlag, ein zärtlich streichelnder Akt von Terror und Gewalt. Wie in Trance presste ich mir den Stein auf das Ohr und es durchzuckte mich immer und immer wieder. So muss es sich anfühlen, wenn man vom Blitz getroffen wird, zumindest, wenn er dir als Miniatur durch die Gehörgänge jagt. In einem Moment der Klarheit riss ich mir den Stein vom Ohr und stopfte ihn in die Tasche. Dort pulsierte er vor sich hin, als hätte er sich an meinem Leid und meinem Leib gelabt. Mein Ohr jedenfalls fühlte sich nun an, als könnte mich nur noch Van Gogh von diesem Martyrium befreien. Panisch schüttelte ich den Kopf und wie der so hin und her flog, sah ich, dass ich beobachtet wurde. Damals traute ich meinen Augen kaum und heute traue ich mich kaum, zu erzählen, was da stolpernd von mir weg huschte.


Es war Fuchsmensch. Nicht mehr. Nicht weniger. Halb Fuchs. Halb Mensch. Ein von Fell überzogener Menschenkörper mit Fuchskopf, weniger als eineinhalb Meter hoch. Ich schreckte sofort auf, der Schmerz, das Geräusch, all das war vergessen. Ich bin kein gläubiger Mensch und abergläubisch bin ich auch nicht. Ich denke rational und glaube an die Wissenschaft. Aber mein Blick hatte mich nicht getäuscht, auf keinen Fall. Hand ins Feuer dafür. Der Fuchsmensch hatte mich betrachtet, während ich in Trance in den Stein hinein hörte. Keine Ahnung wie lange. Alle Zeit war mir zerronnen. Mein Handyakku hatte den Geist aufgegeben. Ich entschloss mich zurück zu den Zelten zu gehen. Den Anderen sagte ich nichts von meiner Begegnung. Bis heute nicht.



In den kommenden Tagen glaubte ich manchmal, dass meine Ohren besser wurden. Zumindest nicht schlimmer. Das reichte aus. Wir durchquerten das Hochland und staunten Bauklötze. Die karge Schönheit kroch uns in alle Glieder und lieferte sich einen unerbitterlichen Kampf mit der dort bereits eingenisteten Kälte. Wir tranken Light-Beer, weil der ganze andere Alkohol für uns schlicht unbezahlbar war. Wir kochten Nudeln mit Pesto. Als unser Fahrer übermütig das Tempo anzog, schepperten wir in ein Schlagloch und eine Fensterscheibe des Raumschiffes rieselte zu Boden. Wir verklebten das Loch mit einem schwarzen Müllsack, der durch den Fahrtwind hin und her wuppte. Derjenige, der sich auf den Platz hinten rechts drängen musste, sah nichts von Island als wobendes Schwarz. Der Wahnsinn griff langsam um sich. Wir fuhren mit einem Boot zu den Walen und kotzten seekrank ins Wasser. Wir badeten in heißen Quellen und rannten nackt durch das Regengrau des Küstenwetters. Wir verfuhren uns mehrfach. Wir schrieen in die verrosteten Tanks einer alten Fischfabrik. Wir fotografierten kleine Papageientaucher. Der Schmerz im Ohr wurde ein Teil von mir. Den Fuchsmenschen und den Stein hatte ich schon fast verdrängt, oder eher: Abgetan, als fiebriges Hirngespenst, ins Hirn gemalt von Schnaps und Gras und Schmerztabletten. Tief drin aber, da wusste ich, dass ich ihn gesehen hatte. In Echt. Aus Fleisch. Und Blut. Aus Fuchs. Und Mensch. Den Stein aber fasste ich nicht mehr an, und auch wenn es mich eine gehörige Portion Überwindungskraft kostete, verschloss ich den Reißverschluss meiner linken Jackentasche. Ihn wegzuwerfen erschien mir als Ding der Unmöglichkeit. Die Zeit rannte davon in geschwungenen Kreisen, bald war es nicht mehr weit nach Reykjavik.


Doch dann passierte es. Am letzten Abend. Wir aßen Tortellini mit Tomatensoße, die hatten wir uns aufgespart, genau so, wie eine kleine Falsche Brennivin, schwarzer Tod, Islandschnaps. Dazu Trockenfisch. Die Reste des Reykjavik Gras. Wir ließen es uns gut gehen und resümierten über die vergangenen Tage. Entbehrungsreich und unvergesslich. Vielleicht die schönsten überhaupt. Ihr wisst schon. Neben uns gluckerte ein kleiner Wasserfall unter den wir später erst unsere Campingteller und dann unsere verfilzten Haare hielten. Wir fühlten uns wie Abenteurer, wussten aber, dass wir nur Touristen waren. Aber wen interessiert das schon. Aufgeheitert und angetrunken wie ich war, schien ich mehrmals kurz davor, den Anderen von dem Fuchsmensch zu erzählen, wurde aber im launigen Sog der Gruppe immer wieder unterbrochen, und ein wenig fehlte mir die Lust, diese wirre Geschichte jetzt partout durchzusetzen und dann zum Spinner erklärt zu werden.



Irgendwann schlugen wir uns in die Zelte. Ich fühlte mich gut. Frei? Vielleicht. Befreit? Schon eher. Ich legte mich in einem speziellen Winkel auf das vereiterte Ohr, eine Technik, die ich mir in den vergangenen Woche antrainiert hatte. Eigentlich hatte ich mir auch angewöhnt, vorm ins Zelt schlüpfen taktisch pinkeln zu gehen. Doch an diesem Abend versagte dieser Plan und ich wachte wenig später unter massiven Harndrang auf. Scheiße. Ich schälte mich aus dem Schlafsack, zog das Zelt auf, quälte mich unter durchgehender Wadenkrampfgefahr in meine Stiefel und lief durchs hohe nasse Gras, als ich es plötzlich hörte. Der Geräuschteppich, der sich vor mir ausbreitete, erinnerte mich an jenes Geklirre, das ich dem Stein entnommen hatte. Durchdringend schön und markerschütternd, markausschabend zugleich. Jetzt aber schien es, als hätte man dieses Geräusch genommen und zigfach übereinander gestrichen, aufgetürmt zu einem dreidimensionalen Gebilde aus Sound, ja mehr noch, aus Musik, das mir nun stumpf und gedämpft entgegen wehte. Ein ins doppelt-unendliche gelooptes Möbiusbands wehte durch die karge Weite. Ich folgte meinen halbtauben Ohren durch die hellleuchtende isländische Sommernacht. Ich hörte nach links und hörte nach rechts und bald gab es keinen Zweifel mehr: Die Geräuschkulisse strömte aus dem Wasserfall. Warum ich mich nicht einfach wieder ins Zelt legte, das kann ich heute nicht mehr sagen. Wie magnetisch angezogen, marschierte ich vor den abfallenden Wasserstrom, wo es mir nun wellenartig entgegen schwappte. Musik aus einer Parallelwelt, abseits aller bekannten Instrumente und Geräuschemacher, eine neue, zunächst traumhafte, später traumatische Erfahrung überschwemmte mich, wie ich da debil auf das kurzzeitig schwerelos eingefrorene Wasser blickte. Musik aus dem Erdkern, geschmolzen in Lavaströmen, den Urknall gesamplet, gepresst vom Gewicht der gesamten planetarischen Geschichte, Musik, die die Milchstraße zu Sahne schlägt, so als ließe man alle Instrumente der Welt gleichzeitig spielen, verstärkt durch Ewigkeit und Sterblichkeit, hinein ins weiße Rauschen, ins schwarze Rauschen, ins rosé Rauschen, ins längst unsichtbare Rauschen. Ich wollte mehr. Ich musste da rein. In dieses Stück. Ich musste ein Teil davon werden. Also lief ich durch den eiskalten Wasserstrom, rutschte aus, schlug mir das Knie blutig und das Bnie Klutig und alles gleichzeitig und dahinter war ein schmaler Eingang, durch den ich mich in eine Höhle presste und für eine Sekunde dachte ich, dass diese mein eigener Gehörgang sei, dass ich selbst in mich hinein kletterte, über die Entzündungen tanzte, bis hin zum Trommelfell, um dieses mit Händen zu schlagen, ins Schwingen zu bringen, im Rhythmus dieses fiebrigen Moments der verlorenen Erkenntnis. Herrgott, ich weiß doch auch nicht. Die Musik wehte mir nun Orkan gleich entgegen, sie war körperlich spürbar, lieferte mit anhaltenden Widerstand, doch ich tat den Teufel, mich zu ergeben und schob mich Meter für Meter voran, bis der Gang in einer kleinen Halle mündete. Und jetzt sah ich es, das Orchester der Fuchsmenschen, wie sie da standen, zu Dutzenden, mit Instrumenten, wie ich sie nicht beschreiben kann. Klangkörper aus Flüssigkeiten, aus Gefühlen, aus konkreten Abstraktionen, Instrumente aus Musik. Einer von ihnen spielte Angst, furios, wild, aggressiv, drauf einschlagend, einwirkend, als wäre das Instrument ihm Todfeind. Eine junge Fuchsmenschenfrau strich beinahe zärtlich über den Verlust ihrer Kindheit, tröstend, in kaum erkennbaren, aber virtuosen Gesten. Ein weiter Musiker rang einen tödlichen Kampf mit seinen eigenen Dämonen, der alsbald zum verbitterten Drahtseilakt verkam. Kein einziges Instrument glich dem nächsten, jede Bewegung erschien von Grund auf unterschiedlich und assoziativ, total individuell, als hätte jeder Musiker es selbst geschnitzt, für sich, aus sich heraus, und doch ergab sich ein wirbelndes Ganzes, eine immer schneller drehende, tonnenschwere, alles zerdrückend Sinfonie der Liebe und des Hasses und des Anfangs und des Endes und des Alles und des Nichts. Steinzeit, Kreidezeit, Jura, Mittelalter, die frühe Neuzeit, alle Weltkriege. Wagner, Chopin, Mozart, Schubert, Cage, Pusha T, Lady Gaga, Nick Cave, Kanye West, Einstürzende Neubauten, die frühen Pink Floyd, Spice Girls, Björk, Falco, Die Hunde, Nine Inch Nails. Allehimmelschreiendensündenlive. Der größte Fuchsmensch aber, der mir in meiner Erinnerung als Dirigent und Frontmann erscheint, bleckte mir seine gelben Zähne entgegen, schwang eine kapitale Dissonanz über seinen Schädel und rammte sie mit aller Wucht in den Boden, der sofort auseinander brach und tiefe Risse schlug. Der Dirigent legte sich darauf wie ein Betender, während das Orchester des Allesgleichzeitigen nun ohne Rücksicht auf ihren Anführer über ihn hinüber schwoll, immer größer werdend, hypnotisch kreisend, übersteuernd, überlagernd und überquellend in alle Himmelsrichtungen auseinander stob und auch direkt in mein Ohr, das nun einfach zu explodieren drohte, das mir zu zerreißen schien in einer körperlichen Kernschmelze. Es zwang knitternd in die Knie, während ich nun schrie, als würde ich bei lebendigen Leib verbrennen, im Feuer ertrinken. Dann verlor ich das Bewusstsein.


Meine Freunde fanden mich am anderen Morgen. Angespült im Bachbeet unter dem Wasserfall. Vollkommen verdreckt. Entkräftet. Sie machten mir Tee und päppelten mich auf. Ich bekam kaum den Mund auf. Erfand einen Schwächeanfall. Zu Hause würde ich sofort einen Arzt aufsuchen, so konnte es ja nicht weiter gehen mit der Mittelohrentzündung. Ich verschwieg ihnen, das sich die Schmerzen in Luft aufgelöst hatten.



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