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DELILA

VON PIERRE STOLTENFELDT //




Eigentlich ist es ganz simpel. Zwischen den Rippen ziehen sich, Hau-Ruck, ein paar Muskeln zusammen und das Zwerchfell packt weiter unten mit an. So schaffen sie Platz im Brustkorb, okay? Dadurch erzeugen sie Unterdruck, verstehst du? Unterdruck. Das Prinzip kennst du doch. Denk mal nach, von einem Pömpel für verstopfte Abflussrohre, vielleicht, oder von einem dieser altmodischen Staubsauger mit Haltegriff kennst du das Prinzip doch. Wegen des Unterdrucks füllen die Lungen sich dann mit Luft und dabei dehnen sie sich aus. Einatmen, verstehst du? Anschließend quetschen die Muskeln die Luft einfach wieder heraus, wie Cremereste aus einer Tube. Ausatmen - genau! Danach geht das alles wieder von vorne los. Dabei brauchen die Lungen keine Hilfe, weißt du? Das machen die ja nicht erst seit gestern. Das machten die schon, als wir noch in den Bäumen saßen, Läuse fraßen und einander mit Scheiße bewarfen. Von ganz alleine machen die das. Die hören auch nicht einfach auf damit. Verstehst du das? Ob du das verstehst? Gut. Warum säuselt die Stimme aus deinem Kopfhörer dann immer noch “Einatmen” und “Halten” und “Ausatmen”? Mach dich nicht lächerlich. Du brauchst diese Stimme nicht. Deine Lungen brauchen sie nicht. Du bist ja nicht der Pionier der Lurche, der vor einer viertel Stunde als erster aller Arten aus dem Wasser gekrochen kam. Der musste die Luft noch mit viel Mühe runterschlucken, weißt du? Wenn der das mal vergessen hat: Gute Nacht. Damals waren der Evolution das Zwerchfell und die Rippen noch nicht eingefallen. Jetzt aber schon. Also atme einfach. Atme, Nik. Du kannst das.


In Zimmer 209 des Kranken- und Pflegehauses Maintal liegt das Surren von Elektrizität in der Luft. Ein medizinischer Apparat röchelt und piept und es riecht nach dem sauren Aufstoßen von Desinfektionsmittel. Im Beutel eines Tropfes, auf dem ein Etikett mit dem Namen “Sam<*> Weber” klebt, verringern sich flüssige Schlaf- und Schmerzmittel sekündlich. Du sitzt auf der Bettkante, krumm und erschöpft. Schweiß tränkt dein Hemd von den Achseln bis zum Hüftspeck, in den der Hosenbund ein Rautenmuster stempelt. Deine Augen hast du trocken geheult, du stinkst nach Furcht und Erschöpfung. An den Wänden werfen Kacheln das Licht der Leinwände zurück. Leinwände. Was glaubst du? Hat man den Namen aus demselben Grund behalten, aus dem man auch Liebesbriefe auf Papier oder das zerkaute Plüschtier aus Kindertagen aufbewahrt? Leinwände. Die wurden mal aus Leinen gewebt, wusstest du das? Weißt du noch, wie die sich anfühlten, bevor sie alle aus Kunststoff gemacht wurden? Leinwände. Ist doch komisch, oder? Früher sah man die nicht überall hängen, in öffentlichen und privaten Räumen, drinnen und draußen. Früher war das anders, erinnerst du dich? Früher waren da Glühbirnen, wo sie nun zu Zylindern gerollte Leinwände auf die Masten der Laternen gesetzt haben. Auch in den Fenstern verlassener Wohnungen und in Windschutzscheiben klebten die früher nicht. Weißt du nicht mehr, wie dunkel es einmal war ohne das ständige Flimmern? Weißt du das nicht mehr? Ist vielleicht auch nicht so wichtig, jetzt.


In der Ecke des Krankenzimmers hat man nicht eine, sondern gleich acht Leinwände unter der Decke aufgehängt. Du überschlägst im Kopf die Anschaffungskosten, verrechnest dich drei Mal und denkst dir, dass der Nutzen die Kosten schon rechtfertigen wird. Die Geräte verbrauchen kaum Strom, denkst du, und ohne das Flimmern würden die Patienten nervös werden, denkst du, und das würde die Heilung behindern, denkst du. Die formbaren Folien der Leinwände sind hier wie die Rispen der Weintraube arrangiert und von allen drei Betten im Zimmer einsehbar. Da nur ein Bett belegt ist, sind die meisten gerade ausgeschaltet und beinahe durchsichtig. Einzig ein rotes Leuchten im Kunststoff signalisiert ihre Bereitschaft. Zwei der größten Leinwände jedoch schlafen nicht. Die eine zeigt dir Gischt auf weißem Sand, Abendrot und Delfine im Wasser. Sie überträgt auch ihren Ton in deinen Kopfhörer: “Einatmen”, “Halten”, “Ausatmen”. Eine zweite zeigt Konsumvorschläge. Delila hat Güter ausgewählt, die du gebrauchen und bezahlen könntest: Strahlende Zähne beißen in einen Hamburger aus Algenprotein, balgende Kinder treten einen Welpen wie einen Fußball, Chrom glänzt staubfrei auf einem Massageroboter. Die Tonübertragung brauchst du hier schon lange nicht mehr. Dann und wann bewegst du die Lippen lautlos zu den Bildern und sprichst einen der Slogans auswendig mit. “Wauzi Wuff - der beste Freund des Menschen”, formen deine Lippen zum Beispiel. “Jetzt mit 72 Stunden Akkulaufzeit.”


Eine der kleineren Leinwände flimmert ebenfalls. Sie zeigt wieder und wieder dasselbe verwackelte Video. Ein Sondereinsatzkommando der Metropolpolizei stürmt gepanzert und bewaffnet in eine Elementarschule. Man sieht das Geschehen durch die engen Maschen des elektrischen Drahtzauns, der das Schulgelände vor Eindringlingen beschützen soll. Am Himmel kreisen Helikopter, im Erdgeschoss des Gebäudes zerplatzt ein Panoramafenster, auf dessen Scheibe die Kinder mit Farbe ihre Handabdrücke gepresst haben. Die winzigen Finger regnen als grüne, blaue und gelbe Scherben auf den Kunstrasen im Hof. Das Video ist nur vierzig Sekunden lang und die Kamera bebt in ungeübten Händen. Jemand hat den Vorfall durch Zufall beobachtet, im Streben nach Ruhm aufgezeichnet und ins Netz geladen, obwohl dafür ein hohes Bußgeld fällig wird. Obwohl jeder weiß, dass sowas die Ermittlungen behindert. Obwohl Fin Kreuzer von der Metropolpolizei dir videotelefonisch versprochen hat, die Medien würden euch bis zum Wochenende in Ruhe lassen. Nun summt es schon wieder an deinem Handgelenk und wieder leuchtet auf der Leinwand, die du dort wie einen Armreif trägst, eine fremde Rufnummer auf. “Delila, Nummer blockieren”, keuchst du, und der Kunststoff an deinem Arm wird wieder durchsichtig. Wieder überholt dein Atem die Ansage in deinen Ohren, wieder hörst du deinen Herzschlag trommeln. “Einatmen”. “Halten”. Und “Ausatmen”, erinnert dich die Säuselstimme. Es dauert diesmal Minuten, bis dir das Gehorchen gelingt.


Hinter der Krümmung deines Rückens wimmert im Schlaf nun das Kind. Du drehst den Hals zu hastig und ein heißer Schmerz glüht zur Strafe in deinen steifen Wirbeln. Das Kind hat im Fieber seine Decke aus dem Bett getreten. Das hast du bei deinen Atemübungen überhaupt nicht mitbekommen, nicht wahr? Nun flattern seine Lider im Flimmerlicht der Leinwände und der Mund murmelt Silben ohne Verwandtschaft. Trocken bröselt ihm dabei die Haut von den Lippen. Dem Kind hat der Schweiß die Salbe von den Schrammen gewaschen und wo eine Kugel ihm die Haut vom Fleisch gerissen hat, breitet sich rosarot Wundwasser auf dem Verband aus. ”Delila, Video 3 beenden”, sagst du der Leinwand an deinem Handgelenk und es wird augenblicklich dunkler im Zimmer. “Dan!”, wird das Träumen des Kindes da plötzlich zu Sprache. “Nein. Dan!”, wird da die Sprache plötzlich zu einem Brüllen. “Dan, Dan, Dan!”, brüllt sich das Kind jetzt im Schlaf die Stimme kaputt, wie die Kugeln ihm das Fleisch kaputt gebrüllt haben. Seine Finger greifen etwas im Traum, sie verkrampfen und wühlen sich spitz durch das Laken an der Auflage aus Naturgummi vorbei, zerren Brocken von Schaumstoff aus der Matratze heraus. Das Kind schreit und es tritt, bis das Bettgestell klappert, und reißt sich beinahe die Kanüle mit dem Schlafmittel aus dem Arm.


Was tust nun du, vom Wackeln einmal abgesehen? Was tust du gegen das Rasen und die Angst? Wirklich nichts? Dein Körper wird hart wie die Wirbel in deinem Nacken, alles an dir wird noch krummer und kleiner, allein die Augen bleiben beweglich. Sie pressen die letzten Reste von Flüssigkeit aus ihren Säcken und schwimmen darauf davon. Unter der Tür entdecken sie das Licht der Leinwände im Flur einen Spalt breit blau flimmern. Sie finden den Streifen wie einen Schimmer Hoffnung am Horizont. Du weißt, dass eine dieser Leinwände da draußen den Herzrhythmus des Kindes anzeigt, den Sauerstoffgehalt in seinem Blut, seine Atemfrequenz. Jemand wird auf die Leinwand schauen und kommen, vielleicht wird Delila auch jemanden rufen. Doch niemand öffnet die Tür und auch das Flimmern verrät dir nicht, wie ausgerechnet du einem neunjährigen Kind helfen kannst, auf das man mit einem Maschinengewehr geschossen hat. Ob du ihm einfach die Stirn küssen oder seine harte Hand weich streicheln kannst, ein feuchtes Tuch oder eine Ärztin holen musst, ob du ein Videotutorial anschauen oder ihm einfach deinen Kopfhörer ins Ohr stecken sollst - du weißt es einfach nicht. Darum glotzt du bloß heulend in das Flimmern und atmest ein und hältst die Luft in den Lungen und atmest aus, bis das Kind von ganz alleine nicht mehr brüllt. "Einatmen", sagt Delila in deinem Ohr, "Halten", sagt sie und: "Ausatmen". Du wischst mit dem Ärmel den Rotz von deinem Mund und drehst dich langsam zu dem Kind. Sein Gesicht ist noch immer ganz Faust, der Körper liegt verbogen, doch ruhig. Mit dem Daumen und dem Zeigefinger nimmst du eine der feuchten Strähnen so vorsichtig von seiner Stirn, wie du einen Fussel vom Mantel eines Unbekannten nehmen würdest. “Es tut mir leid, dass ich nicht bei dir war”, sagst du und meinst nicht bloß den Morgen. “Es tut mir so leid.”


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Manchmal, wenn der Krampf deiner Augen sich löst und sie erschöpft in die Dunkelheit ihrer Höhlen rollen, schauen sie darin die Vergangenheit an. In manchen Nächten halten die Mantras und Tabletten, das Flimmern und Delilas Säuselstimmen sie nicht davon ab. Im Schlaf finden deine Augen Diskolicht und Tortenschlachten, die ersten Schritte des Kindes und Schwimmen ohne Schwimmflügel, seltener noch das Gesicht seiner Mutter. Tin. Häufig haben die Augen Mühe, alle ihre Einzelteile in der Finsternis zu finden. Ihren Namen aber buchstabieren sie immer noch richtig. Tin. “Sollen wir es nicht noch einmal ohne versuchen?”, fragte sie in einer Nacht, als eure Körper im purpurnen Widerschein eines Sexfilms flimmerten. Tin saß hinter dir, ihre Brüste lagen weich auf der Krümmung deiner Wirbelsäule und ihre nackten Arme und Beine umschlangen deinen Torso. “Sollen wir es nicht noch einmal ohne versuchen?” Ihre Frage war warmer Atem in deinem Nacken. “Warum nicht?”, sagtest du und dein Penis blieb schlaff auf deinem Schenkel liegen. “Heute?”, setzte Tin nach. “Nicht heute”, sagtest du, entkamst der Umarmung und nahmst den Helm vom Nachtschrank herab. ”Ein anderes Mal. Versprochen.” Du stülptest den engen Schaumstoff über deine Schläfen und klapptest die Leinwand vor deine Augen. Treu und gefolgsam erhob sich der Schwellkörper. “Dann ein anderes Mal”, sagte Tin leise, legte sich auf der Matratze zurück und schob ein Kissen unter ihr Becken.


So kam es, dass Tin die Mutter deines Kindes wurde, während Delila ihren Körper und ihr Gesicht durch Versatzstücke anderer ersetzte. Die Täuschung war beinahe vollkommen. Deine Hand berührte Tin, dein Schweiß tropfte auf Tins Brüste herunter, dein Glied steckte zwischen Tins Schenkeln. Doch zeigte Delila deine Hand auf fremden Wangen, deinen Schweiß auf fremden Brüsten, dein Glied zwischen dem synthetischen Rosa fremder Schamlippen. Einzig an den Kanten, wo das Fremde endete und das Bekannte begann, erahnte man den Schwindel. Einen feinen Streifen Licht, wie eine unsauber geschlossene Naht, konnte ein geübtes Auge dort bemerken. Deine Augen aber waren anders beschäftigt. Bevor deine Samen- und Tins Eizelle verschmolzen, schmolz zuerst ihr Gesicht, wurde sie schöner und berühmter. Als dein Glied trotzdem wieder erschlaffen wollte, formte Delila sie vor deinen Augen maskuliner, femininer, kindlicher, viel, viel älter, außerirdischer und zu vollkommen grotesken Gestalten. Das hätte dich wundern müssen, denn bei den letzten Malen hatte es genügt, wenn der Helm Tins Kopf durch den einer Schauspielerin ersetzte. Nun aber zuckte dein Glied erst, als ihr Brustwarzen aus den Pupillen und der graue Phallus einer Ziege aus dem Mund wuchsen, und er zuckte erneut, als ihre Brüste sich zu den Köpfen von Zwillingen verformten, die einander Urin in den Mund spuckten. Tin entstand für deine Augen immer neu und immer wieder und immer grenzenloser, bis dein Penis sich endlich entleert aus ihr und dein Schädel sich ebenso leer aus dem Helm zurückzog.

“Vielleicht würde es helfen, wenn du ihn auch wieder aufsetzt?”, sagtest du nach langem Schweigen. Ihr lagt nackt nebeneinander, zwischen euch trockneten Körpersäfte auf Papiertaschentüchern. Langsam kam dir die Scham aus dem Magen in die Kehle gekrochen. “Dachte, du findest das auch spaßig."

“Ja, zwischendurch mal zur Abwechslung, aber doch nicht immer”, sagte sie und fischte ihren Slip mit den Zehen vom Bettrahmen.

"Ich dachte, dir gefällt, was Delila für dich auswählt".

“Ich will aber nicht, dass Delila auswählt!", sagte sie und alle Leinwände im Zimmer erloschen. Seit Jahren war es nirgendwo mehr so dunkel gewesen.

“Was war das jetzt?”, fragte sie in der Finsternis. “Du hast ‘Delila, Aus’ gesagt”. Dein Grinsen konnte sie in der Dunkelheit nicht sehen. Ob das Beben auf ihrer Seite der Matratze ein Lachen oder ein tiefes Schluchzen zur Ursache hatte, war auch für deine Augen unsichtbar. Rote Punkte glühten wie unerreichbare Sterne unter der Decke, ein einziger glühte hell auf dem Nachtschrank. Ohne das Flimmern war die Realität bloß Finsternis.

"Ich kann selbst auswählen, weißt du?", sprach sie endlich, als die Matratze wieder ruhig lag. "Ich scheiße auf Delila. Ich wähle selbst. Ich. Meine Entscheidung. Das ist ein Geschenk, Nik. Ich begreife nicht, wieso du dir das wegnehmen lässt.”


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Als du hart und verdreht zwischen zwei Stühlen erwachst, fällt Tageslicht grau durch das Fenster. Das Bett, in dem das Kind gelegen hat, ist leer. Jemand hat die zerstörte Matratze geholt und das zerstörte Kind mitgenommen. Der Lattenrost liegt verlassen und nackt auf dem Metallgestell. Eine der Leinwände zeigt kurze Animationsfilme für Kinder. Ein Känguru leert einen Benzinkanister über einem schnarchenden Dingo und kramt in seinem Beutel nach Zündhölzern. Eine weitere Leinwand zeigt Nachrichten in Text und Bild. Hastig überfliegst du die Schlagzeilen und atmest auf, als keine davon ein Schulattentat meldet und auch das verwackelte Video nicht wieder auftaucht. Fin Kreuzer scheint sein Versprechen zu halten. Eine dritte Leinwand präsentiert Delilas Auswahl von Mantren und beliebten Kurzvideos für den Tag. Du hängst dich über die Armlehne und tastest am Boden nach deinem Kopfhörer, der dir in der Nacht aus dem Ohr gerutscht sein muss. Du betest, dass der Wischroboter noch nicht da war, sonst wird Delila schon wieder einen neuen Stecker bestellen müssen. Schließlich werden deine Fingerspitzen fündig. Du pustest ein Haar von deinem Kopfhörer und stöpselst ihn wieder ins Ohr.


Delila hat heute eine kräftige Frauenstimme. "Guten Morgen, Nik", grüßt sie. "Wie geht es dir heute?" Auf deinem Handgelenk wählt dein Finger den roten Smiley aus. "Deine Wunden werden nicht heilen, wenn du nicht zugibst, verletzt zu sein", rät Delila. "Delila, zeig mir Bestärkungen”. Sofort fährt ein neuer Text über die flimmernde Leinwand. "Du bist robust. Du bist fähig. Du bist geliebt", liest die Frauenstimme vor. In dem Animationsfilm hebelt inzwischen ein Biber einem Bären das Auge mit einem Zahnstocher aus der Höhle und schmückt damit ein Cocktailglas. "Du bist schön. Du bist geliebt", fährt Delila in deinem Ohr fort. “Du bist genug.” Du schiebst dein Nachtlager aus Stühlen mit der Schuhsohle auseinander und stehst auf. Dein Körper knarzt wie morsches Holz und du ächzt, als du deine Glieder von dir streckst. Auf der Leinwand lässt eine Gruppe gehässiger Gänse Napalm über einem Fuchsbau fallen.


Die Tür, die gegenüber des Fensters zur Nasszelle führt, steht offen. Du hörst dahinter eine Stimme, die Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt. Vom Türrahmen aus siehst du das Kind nackt und gewaschen auf mintgrünen Kacheln stehen. Das bunte Flackerlicht der Leinwand kann nicht verbergen, dass es an Stellen blau, grün und rot ist, an denen Kinder im schlimmsten Fall dreckig sein sollten. Es starrt ausdruckslos auf eine Leinwand über dem Waschbecken, auf der gerade lichterloh brennende Füchse aus einem Erdloch türmen. Eine Pflegekraft kniet am Boden neben dem Kind und versteckt routiniert eine gesalbte Wunde unter Bandagenlagen. Die Pflegekraft sieht harmlos aus, trägt wenig Schminke und auf dem Kopf leiert ein riesiger Haarknoten eine medizinische Netzhaube aus. Nun verklebt sie das Ende des Verbands mit einer Sprühflasche. “Delila, Aufgabe erledigt”, sagt sie ruhig in ihr Handgelenk. Auf einer zweiten Leinwand in der gekachelten Zimmerecke können die Krankenakte des Kindes und eine Liste mit Aufgaben nachgelesen werden. Der Eintrag “Bandagen erneuern” verschwindet und eine neue Aufgabe rückt auf: “Vater über Anruf Fin Kreuzer (Metropolpolizei) informieren”.

An deinem Handgelenk summt es und Delila meldet schriftlich "Stef<an> / m / du”. In deinem Ohr klärt ihre Stimme die Aussprache: “Sch-teff”. “Guten Morgen, Stef”, sagst du zu der Pflegekraft, “Hey, Sammy”, sagst du zu dem Kind. Es starrt weiter teilnahmslos auf die Füchse, die sich gerade das verkohlte Fell von den Knochen reißen. Stef hingegen schaut von seinem Verband auf und lächelt. “Guten Morgen -”. Er wirft einen routinierten Blick auf seinen Armreif und sein Lächeln sinkt in den Winkeln ein Stückchen herunter. “Ach, stimmt ja!”, sagst du. Du schämst dich für dein Versäumnis. Natürlich wird in öffentlichen Einrichtungen erwartet, beim Betreten den internen Zugriff auf Anrededaten zu genehmigen. Delila hat die Freigabe gestern bei deiner Ankunft vorgeschlagen, doch warst du zu aufgelöst, um dich auch noch darum zu kümmern. Was soll’s. Dann eben nochmal so wie früher, was? “Nikolas Weber”, holst du dein Versäumnis nach und bietest Stef eine Hand an, die er aus Gründen der Sterilität nicht berühren wird. “Quatsch. Verzeihung. Nik. Nik reicht völlig. Männlich”, überholst du dich selbst.

Stef wartet geduldig. "Achso. Du. Du ist in Ordnung". Du ziehst die Hand wieder zurück und wischst den Schweiß an deiner Hose ab.

“Wie geht es dir, Nik?”, will Stef wissen und weil du die Frage diesmal nicht mit einem traurigen Smiley beantworten kannst, guckst du an ihm vorbei auf das Kind, das bloß da steht und starrt. Du zuckst mit den Schultern. “Hat Sammy mit dir gesprochen?”, fragst du. Stef schüttelt den Kopf. “Nein. Mit der Metropolpolizei vorhin auch nicht. Posttraumatischer Mutismus ist nicht unüb- Entschuldige, blödes Medizindeutsch. Will heißen: Es kommt vor, dass es jemandem die Sprache verschlägt, wenn so etwas Furchtbares passiert. Ich hoffe, dass eine psychiatrische Fachkraft-” “Was ist mit den anderen Kindern?”, unterbrichst du ihn und Stef gibt dir ein Handzeichen, das du nicht deuten kannst. “Ich bin gleich wieder bei dir, Sam”, sagt er sanft, nimmt einen Morgenmantel aus Frottee von einem Haken neben der Tür und legt ihn über die Schultern des Kindes. Dann verlässt er mit dir den Nassraum und zieht die Tür mit dem Ellenbogen hinter sich zu. “Die meisten waren tot, als unsere Einsatzkräfte an der Schule eingetroffen sind. Außer Sam haben wir drei Kinder hergeholt. Leider hat keines die Nacht auf der Intensivstation überstanden”, sagt er leise. “Die Kleinen waren völlig zerfetzt. Ein Schulattentat, mein Gott. Man kommt sich vor wie zur Jahrtausendwende. Es ist ein Riesenglück, dass Sam da lebend rausgekommen ist.”


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"Hallo?" Orangefarbene Fahnen hingen schlapp von Regalkanten. Zwischen den starren Falten in ihrem Stoff grinsten Biber in Arbeitskleidung auf dich herab. Noch höher über deinem Kopf fielen dicke Balken von Tageslicht durch Oberlichter. Staubflocken schneiten träge herab und trockneten auf dem Schleim deiner Atemwege fest. "Hallo?" Ein Hilfsroboter mit ausfahrbarem Greifarm erschrak und rollte hinter ein Lagerregal. Dahinter schepperte es und irgendetwas Schweres fiel zu Boden. "Ich schwöre, ich mache abstrakte Kunst aus dir, wenn du nicht aufpasst!", schimpfte jemand und der Roboter trillerte hysterisch. Eine junge Person, dem Anschein nach weiblich, trat in den Flur zwischen den Regalen. Sie hielt eine Bohrmaschine in der Hand. Am Handgelenk darunter konntest du keinen Armreif entdecken. Du merktest einen Schauer in deinem Magen, als du einen Augenblick zu lange auf die nackte Stelle schautest. "Entschuldigung", sagtest du. "Ich bin gerade nebenan eingezogen. Ich benötige handwerkliche Hilfe bei der Renovierung." Die Person mit der Bohrmaschine starrte dich groß an. "Sieht das hier für dich nach einem Dienstleistungsparadies aus? Wir verkaufen hier nix. Sag dem Ding an deinem Arm, was du brauchst, den Rest regeln die Postdrohnen. Handwerkliches Fachpersonal kostet extra. Bei Fragen rufst du in unserem Servicezentrum an." Du musstest grinsen. "Wie gesagt: Ich wohne hier gleich nebenan. Dachte, ich komme einfach mal rein. Also soll ich jetzt wieder rausgehen und von draußen hier anrufen?"

"Ja", sagte die Person mit der Bohrmaschine und dem nackten Handgelenk und musterte dich von Kopf bis Fuß. An deinem Grinsen blieb ihr Blick lange kleben. "Obwohl. Was brauchst du denn? Mach das doch selbst, da kannst du richtig Schotter sparen."

“Da hab ich zu viel Angst, mich aus Versehen umzubringen.”

“Unsinn!” Die Person kramte in der Bauchtasche ihres Overalls, friemelte an etwas herum und es schnurrte an deinem Handgelenk. “Kaiserin von China / w / Ihr, Euch” zeigte Delila an und dein Grinsen wurde ein Lachen. “Ich bin übrigens Tina, falls du danach gerade suchst”, sagte die Kaiserin von China, als sie einen transparenten Armreif aus ihrer Bauchtasche zog und Sägespäne vom Kunststoff pustete. “Kannst Tin sagen.”

“Ich bin Nik”, sagtest du. “Freut mich, Nik”, erwiderte sie, drückte sich den Bohrer auf das Herz und betätigte den Schaltknopf.

“Scheiße, bist du ir-”, riefst du aus, aber die Maschine durchlöcherte nicht ihre Brust. Sie gab bloß ein Störsignal von sich und zog den Bohrer in sein Inneres ein. Jetzt grinste Tin.

“Es ist so gut wie unmöglich, sich versehentlich das Licht auszuknipsen, Nik”, sagte sie. “Für den Fall, dass du hinterm Mond lebst, erklär ich’s dir gerne im Schnelldurchlauf. Abflussgranulat, Rattengift und Schneckenkorn werden seit ein paar Jahren mit Brechmittel versetzt, falls die mal einer mit den Cornflakes verwechselt. Früher gab es Einkaufstüten aus Plastik, heute ist sowas undenkbar. Die verpesten nämlich nicht nur die Umwelt. Damals hat die sich ab und an auch mal jemand über den Kopf gezogen, wenn er Langeweile hatte, weißt du? Außer in der Armee oder bei der Polizei hat niemand mehr Zugang zu Schusswaffen, die ohne Fingerabdruck-Scan oder Gesichtserkennung benutzt werden könnten. Fenster, aus denen man in den Tod stürzen könnte, lassen sich nicht mehr öffnen, Dächer und Brücken sind mehrfach gesichert. Selbst Küchenmesser verbinden sich inzwischen aus Sicherheitsgründen mit dem Netz. Wusstest du das? Küchenmesser. In Psychiatrien haben sie die Teile schon im Einsatz. Da wird die Klinge stumpf, wenn dein Armreif bemerkt, dass du sie auf den eigenen Körper richtest. Ach, und natürlich überwacht das Teil an deinem Handgelenk auch deine Schlaf- und Essgewohnheiten und schlägt sofort bei der Krankenkasse Alarm, wenn es eine Depression wittert. Glaubst du wirklich, da kannst du dich aus Versehen ausgerechnet mit einer Haushaltsbohrmaschine umlegen? Nicht einmal, wenn du wolltest, Nik. Glaub mir, die geben sich echt Mühe, dass finanziell flüssige Leute wie du und ich ihnen nicht hops gehen.”

“So dick hab ich’s jetzt auch nicht”, sagtest du.

“Du wohnst mitten im Speckgürtel”, sagte sie. “Höchstes Durchschnittseinkommen und niedrigste Rate von sogenannten selbstverschuldeten Unfällen in der Bundesrepublik. Guck mal nach Gelsenkirchen oder nach Dessau. Da hörst du ganz andere Geschichten. Offene Pulsadern, ein Familienvater, der sich mit einem Schnürsenkel am Dachbalken aufhängt, ein Toaster in der Badewanne. Solche Sachen, andauernd. In mehr als der Hälfte der Billigwohnklötze in Duisburg kann man auch im zehnten Stock noch problemlos die Fenster aufreißen. Kein Witz. Da gab's unabhängige Studien, kann man alles nachlesen.”

“Du bist ja richtig tief drin im Thema."

“Ich mach mir über sowas Gedanken”, sagte Tin. “Das sind doch alles strahlende Beweise dafür, wie wir als Gesellschaft ticken.” In ihren Augen funkelte eine Freiheit, die dir wahnsinnig aufregend vorkam. “Da geht's nicht um Menschen. Das einzige, was da wirklich zählt, ist die der Erhalt unserer Kaufkraft.” Sie hielt den Armreif vor sich und richtete die Maschine darauf. Als sie den Schalter betätigte, gab der Apparat wieder das Störsignal von sich und zog den Bohrer in sein Inneres. “Und der Erhalt unserer Götter.”


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Von den hohen Sichtbetonklötzen des Kranken- und Pflegehauses versteckt, erstreckt sich eingezäunt und videoüberwacht eine zugehörige Parkanlage mit Minigolfplatz, Freiluft-Spielcasino und See, auf dem man im Sommer Tretboot und im Winter Schlittschuh fahren kann. Bei gutem Wetter lohnt sich die Fernrohrfunktion der Leinwände, denn am Horizont kann man an solchen Tagen die beeindruckenden Turmbauten des Bankenviertels erspähen. Aus Lautsprechern, die man zwischen den Leinwänden verbirgt, tönen rund um die Uhr klassische Musik und Vogelgesänge. “Gerade die Alten, die man zum Sterben herbringt, profitieren von den attraktiven Freizeitangeboten. Die Angehörigen dürfen die nämlich kostenlos nutzen”, sagt Stef, doch du hörst ihm nicht richtig zu. Du hast eine Sitzbank gefunden und endlich eine Gelegenheit, deine Benachrichtigungen abzurufen. Stef nimmt das Kind an der Hand, dessen Kleidung man vom Blut bereinigt und an den Einschusslöchern gestopft hat. “Freedom” steht in bunten Buchstaben auf seinem grünen Pullover. “Komm, ich zeig dir die Enten. Die sehen aus wie echte!”, sagt er sanft und zieht das Kind hinter sich her zum See.


Delila setzt dich in Kenntnis, dass du in der Nacht neun Anrufe von unbekannten Rufnummern verpasst hast. Außerdem hat deine Schwester eine Videobotschaft hinterlassen. Du bist erleichtert, als du sie abrufst, denn Gab scheint von dem Vorfall in Sams Schule nichts gehört zu haben. Sie bereitet ein Gender Reveal-Fest für ihr ältestes Kind vor und fragt sich, ob Sechzehnjährige Rohkost spießig oder angesagt finden. “Schon Delila gefragt?”, antwortest du und verschweigst, wo du bist und warum. Die Sorge deiner Schwester würdest du nicht ertragen, nicht jetzt. Delila informiert weiterhin, dass die Postsendung mit erntefrischen Lebensmitteln in Bioqualität wie jeden Tag um 7.30 Uhr eingetroffen ist. Sie teilt dir mit, dass sie dich um 8.00 Uhr, um 8.30 Uhr und um 9.00 Uhr vergeblich erinnerte, die Lebensmittel ins Haus zu holen und zu verräumen. Sie teilt dir außerdem mit, dass sie zwei Lupinenkoteletts und eine Flasche Agavenlimonade, deren Haltbarkeit von der Kühlkette abhängig sind, um 9.30 Uhr zur Abholung durch die Obdachlosenhilfe Rhein-Main freigegeben hat. Sie informiert dich in dieser Angelegenheit abschließend, dass die Lebensmittelspende um 9.42 eingesammelt wurde und ein Video der Abholung bislang 62 deiner Abonnenten in den sozialen Medien begeistert. “Weiter so!”, sagt Delila. Auch dein Vorgesetzter hat dir eine Videobotschaft hinterlassen. Er trägt einen Anzug, doch über dem Schlips erkennst du am Hals eine feine, leuchtende Naht. Vermutlich hat er in Wahrheit ein fleckiges T-Shirt an und verzichtet auf die Hose. Auch er scheint nichts von dem Attentat zu wissen: “Grüß dich, Nik. Weiß, ist jetzt schlecht, wegen deinem Kind und so, gute Besserung, übrigens, musst mal erzählen, was es hat, hoffentlich kein Krebs, jedenfalls tut’s mir echt leid, uns allen tut’s echt leid, wie gesagt, hoffentlich kein Krebs, klopf auf Holz, aber Nik, hier brennt echt die Hütte, weißt du, deshalb, wenn’s passt, nur wenn’s passt, ich schick dir einfach mal ein paar Piktogramme für Phase 3 in dem Sternberg-Projekt zu, vielleicht passt’s ja, Nik, vielleicht passt’s ja und du kannst ein bisschen was wegarbeiten.” Delila teilt dir mit, dass sie die Dateien heruntergeladen hat. Sie teilt dir außerdem mit, dass das Kind zwischen 13 und 15 Uhr therapeutisch betreut wird und schlägt vor, die Arbeit dann zu erledigen. Deinen Vorgesetzten hat sie bereits informiert.


In der Ferne steht das Kind neben der Pflegekraft am Ufer und starrt ausdruckslos an einer Entenfamilie vorbei. Stef nimmt einen der Vögel aus dem Wasser. Er quakt und strampelt rührig mit seinen Flossen. Das Kind starrt bloß weiter auf die Wasseroberfläche. Du möchtest schreien, bis deine Stimme aufgebraucht ist. Zu allem Überfluss summt es da schon wieder an deinem Handgelenk. Delila zeigt eine fremde Rufnummer an. “Delila, Nummer blockieren”, sagst du und stehst von der Sitzbank auf. Vielleicht ist es keine schlechte Idee, sich ein wenig die Beine zu vertreten. Doch der Armreif vibriert unbeeindruckt weiter. “Blockieren von Anruf abgelehnt”, sagt Delila. Dein Atem beschleunigt sich, du glotzt die unbekannte Nummer an wie einen abwegigen Steuerbescheid, die rechte Braue bremst eine Schweißperle. Schließlich setzt du dich wieder hin. “Na gut. Delila, na gut.”, sagst du und dein Herz hämmert wild in deinen Ohren. "Anruf annehmen."


“Fin<n> Kreuzer / m / Sie” erscheint nun als leuchtender Schriftzug auf deinem Kunststoffarmreif, “Finn Kreut-ser”, sagt Delila in dein Ohr. Die Anrededaten verschwinden von der Leinwand, als ein bartloses Gesicht darauf sichtbar wird. Wie gestern trägt Kreuzer die graublaue Uniform der Metropolpolizei. Wo gestern jedoch eine Mütze saß, klebt heute rotbraunes Haar plattgedrückt am Schädel. An der Wand hinter ihm hängen Urkunden auf Papier und eine stolze Sammlung von antiquierten Schusswaffen. “Wie geht es Ihnen, Herr Weber?”, fragt er und wartet die Antwort nicht ab. "Hab gehört, dass Sam wieder auf den Beinen ist. Das ist gut. Das ist gut. Ich möchte Ihnen eines versichern, Herr Weber: Bei der Metropolpolizei werden wir nicht ruhen, bis die schuldige Person hinter Gittern ist. Das verspreche ich Ihnen, Herr Weber. Das verspreche ich. Wenn wir doch nur schneller dort gewesen wären...” Kreuzer blickt fern an der Kamera vorbei, sein Kiefer mahlt und unter den Schläfen treten Knochen spitz hervor. “Ich möchte Ihnen ein Angebot machen, Herr Weber. Eine Wiedergutmachung, wenn Sie so wollen”. Er blickt zurück in die Kamera. Ganz genau kannst du es auf der kompakten Leinwand nicht erkennen, glaubst aber, dass seine Augen so gerötet und geschwollen sind wie deine. “Was wäre, wenn ich Ihnen sagen würde, dass Sam uns helfen kann, die schuldige Person zu finden? Was, wenn ich im Gegenzug Sam helfen könnte, diesen schrecklichen Tag für immer zu vergessen? Wie wäre das, Herr Weber? Würde Ihnen das helfen?”


Seit dein Vorgesetzter Miete einspart und sein Team geschlossen daheim an der Leinwand arbeiten lässt, ist das Kind meist ohne dich mit dem Auto unterwegs. Nur gelegentlich fahrt ihr gemeinsam. Wenn ihr einen seltenen Ausflug in den Opel-Robozoo macht oder noch seltener Verwandte besucht, spielt ihr auf der Fahrt ein Spiel, um euch die Zeit zu vertreiben: Ihr nehmt die Kopfhörer aus den Ohren und sprecht die Slogans lokaler Unternehmen auf den Werbeleinwänden am Fahrbahnrand auswendig nach. Das Kind gewinnt immer. Es liebt eure gemeinsamen Ausflüge mit dem Auto. Seine Augen strahlen, wenn es dir zeigen darf, wie man das Reiseziel bestimmt, mit welchem Befehl man die Fußlehne ausfährt und wie man bei viel Verkehr den Sicherheitsgurt anlegt. Heute aber schweigt das Kind und starrt bloß aus dem Fenster, darum übernimmt Delila die Erklärungen. Sie informiert, dass die Fahrt zum kriminaltechnologischen Institut über die Stadtautobahn fünfundzwanzig Minuten dauern wird. Sie informiert, dass die Außentemperatur in der Innenstadt bei 14 Grad Celsius liegt und empfiehlt eine leichte Übergangsjacke. Delila wählt außerdem Unterhaltungsangebote aus, die auf der kurzen Fahrt betrachtet werden können. Auf deiner Fahrgastseite zeigt sie dir spaßige Videos von Unfällen mit Haushaltsrobotern. Du jedoch schaust nicht hin, sondern liest etwas auf deinem Handgelenk.


Auf der Leinwand der rechten Fahrgastseite zeigt Delila ein Bildungsprogramm für Kinder: Eine animierte Lehrkraft mit lustiger Halbglatze singt ein Lied über die finanzstärksten Unternehmen der westlichen Welt. Beim Refrain steigen die Schulkinder auf ihre Stühle und stimmen mit hohen Stimmchen ein. Das Kind stößt einen kehligen Laut aus wie ein verletztes Tier. Es schlägt den Hinterkopf gegen die Lehne, sodass ihm der Kopfhörer aus dem Ohr fällt und im Fußraum verloren geht. Diesmal handelst du schneller, als die Furcht dich lähmen kann. “Delila, Video 2 beenden”. Augenblicklich verschwinden Lehrer, Schüler und Klassenzimmer. Rechts wird die Windschutzscheibe klar und offenbart die asphaltgraue Straße dahinter. Du greifst nach der verkrampften Hand des Kindes, das immer noch keuchend vor- und zurückwippt. Mit der anderen Hand zeigst du nach draußen auf die riesigen Leinwände hinter den Leitplanken und sagst so ruhig du kannst: “Nur einmal täglich Dentodur - spart Zaster, Zeit und Zahnersatz!”, “Flink in Form mit Fitfux - jetzt fünfzig Filialen allein in Frankfurt”, “Wir blubbern nicht bloß - E-Fischbedarf Bonames, direkt an der Abfahrt B23”. Das Kind spricht die Slogans nicht mit und es berichtigt auch nicht deine Fehler. Doch langsam wird seine Hand weich in deiner, sein Körper schwankt nicht länger und nach einiger Zeit legt es seine Stirn an die Fensterscheibe und bewegt tonlos die Lippen.


Vom Nacken her schreitet Kopfschmerz voran, jeder Herzschlag schallt wie ein Hammer auf Metall in deinen Ohren. “Reiß dich zusammen, Nik”, sagst du durch gepresste Zähne und reibst dir die Augen mit dem Handrücken. “Reiß dich zusammen.” Das Kind starrt weiter aus dem Fenster, also wagst du wieder einen Blick auf deinen Armreif. Sams Hand behältst du in deiner. Fin Kreuzer hat dir nach eurem Videotelefonat ein Formular zugesandt. Du sollst es sorgfältig sichten und noch vor eurer Ankunft unterschrieben zurückschicken. “Delila, 0 auf 1 spiegeln”, sagst du und das Dokument erscheint auf deiner Hälfte der Windschutzscheibe. Du siehst Paragraphen, Belehrungen und Kleingedrucktes, doch auch vergrößert verschwimmen die Wörter vor deinen Augen und der Sinn versickert irgendwo im Dröhnen deines Schädels. “Ich, Nik<olas> Weber”, steht da, “dass bei dem Kind, Sam<*> Weber”, steht da, “nach Rasur des Schädels”, steht da, “auf Wunsch ohne Kopfklemme”, steht da, “zertifiziertes neurotechnologisches Personal”, steht da, “Routineverfahren”, steht da, “0,013 Prozent Komplikationsrisiko”, steht da, “Schluckbeschwerden, Sehstörungen, Hirnblutungen”, steht da, “Epilepsie, Lähmungen, Schlaganfall”, steht da. Eine Textstelle hat Fin Kreuzer neongelb hervorgehoben: “Ich bestätige, dass alle Erinnerungen an den Zeitraum zwischen 9:48 Uhr und 10:24 Uhr am genannten Datum restlos aus dem Gedächtnis von Sam<*> Weber entfernt werden dürfen. Ich bestätige weiterhin, dass ich die entnommenen Erinnerungen unwiderruflich an die Metropolverwaltung Rhein-Main übereigne. Ich bin einverstanden, dass die entnommenen Erinnerungen für metropolpolizeiliche Ermittlungen, sowie im Falle einer juristischen Aufarbeitung des Tathergangs vor Gericht uneingeschränkte Verwendung finden dürfen.” Zwischen deinen Fingern wird die Hand des Kindes ganz leicht, du drehst das Gesicht zu ihm und siehst, dass es mit der Schläfe am Fenster eingeschlafen ist. Für einen Augenblick entspannen sich seine Züge wieder zu denen eines Kindes, für einen Augenblick ist Gestern nicht gewesen, für einen Augenblick hast du dein Kind zurück. “Dan, nein”, murmelt es da plötzlich wieder im Schlaf. “Nein, Dan.”

“Delila, Dokument unterzeichnen”, sagst du und drückst die kleine Hand in deiner.


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Als das Kind aus dem Wasser im Leib seiner Mutter gekrochen kam, als es trotzig zu atmen begann und zu schreien, fiel der erste Schnee seit fünfzehn Jahren. Es waren bloß ein paar ausgefranste Flocken, die in Sekunden auf den Fensterscheiben zu braunen Tropfen schmolzen und die Wischroboter auf Trab hielten. Sie waren schon fort, bevor man den staunenden Mund wieder schließen konnte. Trotzdem nannte man den Schnee ein Wunder, genau wie man die Geburt des Kindes ein Wunder nannte. Die Mutter war nach dem Unfall hirntot erklärt worden. Fortan versorgten Schläuche sie mit Atem, Flüssigkeit und Nährstoffen. Pflegekräfte wuschen ihr zwei Mal in der Woche das Genital und trugen ihre Ausscheidungen davon. Man hielt den Körper am Leben, damit er dem wachsenden Menschen darin ein Biotop bleiben konnte. “Wir können nicht versprechen, dass das Kind durchkommt”, erklärte dir die juristische Fachkraft der Klinik. Sie ließ dich schriftlich versichern, im Falle einer Fehlgeburt auf einen Rechtsstreit zu verzichten. “Die Mutter ist schließlich ganz schön ramponiert”. Trotzdem: Am selben Tag, an dem der Himmel sich erinnerte, was Winter einmal bedeutet hatte, erinnerte sich auch der ramponierte Körper an die alten Gesetze der Natur. Auf einem Tisch welkten Blumenpräsente von deiner Schwester, Tins Vater und der Belegschaft des Baumarkts. Du saßt krumm und erschöpft auf der Bettkante, als es plötzlich schrill aus den Lautsprechern im Flur jaulte. Auf der Leinwand mit den Vitaldaten der Patientin hatte der Wert für den Durchmesser des Muttermunds die Acht-Zentimeter-Marke überschritten. Zwei Pflegekräfte verscheuchten dich vom Bett, rissen der Frau das Nachthemd über gebrochene Rippen und zerrten ihre Beine in unterschiedliche Richtungen. Eine Ärztin sagte "Dann wollen wir mal!" und brachte sich zwischen den Schenkeln in Position. Kurz darauf plätscherte Blut, später auch Kot und Urin. Ein Wischroboter kroch herbei und kümmerte sich gemächlich, aber beflissen. Draußen wirbelte der Januarwind die Schneeflocken durcheinander. “Es ist ein Wunder”, sagte eine der Pflegekräfte und starrte mit einem geschwollenen Bein in der Hand wie ein Kind aus dem Fenster heraus.


“Ein richtiges Wunder”, sagte auch die Ärztin, als sie dir eine halbe Stunde später das schreiende Kind in den Arm legte. Es hatte kaum Gewicht, aber wenn es seine kurzen verschmierten Glieder streckte, hattest du Mühe, es zu halten. Du schlucktest schwer. Am liebsten wolltest du das Kind zurückgeben, es der Ärztin oder einer der Pflegekräfte überlassen, die schließlich an einer Hochschule gelernt hatten, wie man Kinder versorgt. Du wolltest Delila um Hilfe bitten, aber das Kind lag auf deinem Handgelenk und Delila konnte dich nicht hören. “Ich hab Angst, dass ich es kaputt mache”, sagtest du, aber die Ärztin lachte nur und wiederholte: “Ein Wunder”. Dann wandte sich ab und murmelte “Delila, 32 bei Patientin 48c”. Alle Maschinen, deren Schläuche in den Körperöffnungen der Frau steckten, hörten augenblicklich auf zu röcheln und zu blinken. Auf der Leinwand unter der Decke wechselte das Programm. Sie zeigte nun keine Vitaldaten mehr an, sondern eine Produktwerbung für Stoffwindeln. Unter dem Bett verschluckte sich der Wischroboter an einem Brocken Plazenta und blubberte rote Blasen aus. Die Ärztin stöhnte. “Bringt die Frau fort und schickt jemanden vom Technikteam für die Putze hier rein”. Nun wandte sie sich wieder an dich. “Wenn Sie trauern möchten”, sagte sie, “kann Delila im Krankenhausnetz über den Befehl ‘Seelsorge’ ein Videogespräch mit einem christlichen, muslimischen oder konfessionslosen Zuständigen aufbauen. 'Seelsorge'. Versuchen Sie's mal, die machen gute Arbeit.” Dann verließ sie das Krankenzimmer. Die Pflegekräfte schoben das Bett mit dem leblosen Körper hinterher, damit man das Fleisch aufschneiden und die Organe in andere Leiber stecken konnte. “Ihr Name war Tin”, sagtest du leise zu dem Kind, das auf deinem Arm zu strampeln aufgehört hatte. Ganz heimlich stieg etwas in deinen Eingeweiden auf, das wärmer war als die Angst und nahe der Lungen nistete. “Und sie wollte, dass du Sam heißt.”


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Das kriminaltechnologische Institut ist ein graublauer Rundbau aus Stahl und Glas. In einem Springbrunnen auf dem Vorplatz planschen zwei nackte Kinder, deren Eltern zu geizig für die städtischen Bäder sind. Um den Brunnen herum zeigen meterhohe Leinwände teuer produzierte Imagefilme der Metropolpolizei. Nicht nur deshalb wird der Bereich um das Institut von den meisten Menschen gemieden. Auch ist das Glas an seiner Außenfassade verspiegelt und niemand erblickt sich selbst gerne ohne Filter. Beim Eintritt gibt Delila deine Anrededaten im hausinternen Netzwerk frei, auch weitere personenbezogene Angaben macht sie verfügbar. Sie informiert, dass einige Leinwände im Gebäude mit Überwachungsfunktion ausgestattet sind und Aufnahmen von dir gespeichert werden. Sie erinnert dich, dass dein Einverständnis dafür in Einrichtungen der Metropolpolizei nicht erforderlich ist und verliest den zugehörigen Gesetzestext. Ferner teilt sie mit, dass folgende ihrer Funktionen im hausinternen Netzwerk nicht verfügbar sind: Kamera, Mikrofon. Eine Beamtin (Mel<is> Taş / w / Sie, “Mel Tasch”) nimmt euch in Empfang. Sie hat Falten vom Lachen, einen breiten Dialekt und immer einen flotten Spruch auf den Lippen. Als sie das Kind sieht, fällt ihr keiner ein.


Beim Betreten des gläsernen Lifts überquert ihr eine Lichtschranke. Sofort ertönt ein Warnton. Mel Taş blickt auf ihr Handgelenk und fordert dich freundlich auf, ihr deinen Gürtel mit der Metallschnalle zu übergeben. Sie murmelt etwas in die Leinwand an ihrem Handgelenk und der Lift setzt sich gemächlich in Bewegung. Auf der Fahrt in die Höhe kannst du das gesamte Foyer und die Galerien der oberen Etagen überschauen. Die Grauschattierungen der Stadt recken sich vor der Glasfront zum Zentrum hin immer höher und höher dem Himmel entgegen. Draußen im Springbrunnen hören die Kinder plötzlich auf, einander mit Wasser zu bespritzen. Auf den meterhohen Leinwänden sind unvermittelt unruhige Bilder von zornigen jungen Menschen erschienen. Sie halten bemalte Transparente in die Kamera, zeigen ihre Mittelfinger und entblößen ihre Hintern. Ein Elternteil springt über den Steinrand des Brunnens und bedeckt die Augen seines Kindes mit beiden Händen. “Was ist da los?”, fragst du Mel Taş, während ihr aus dem Fahrstuhl aussteigt. “Ei, des sin Studente”, sagt sie. “Die däffe hier onmal die Wuuch fernmündlisch geesche Polizeigewalt demonstrie’re.” Sie verdreht die Augen und du lächelst so schief, wie du immer lächelst, wenn du einen Witz nicht verstanden hast. Du siehst die wütenden Gesichter auf den Leinwänden an und fragst dich, ob du seit Tins Unfall überhaupt noch einmal über Politik nachgedacht hast. Bei Metropol-, Land- und Bundeswahlen entscheidet Delila inzwischen auf Grundlage deines Einkommens für dich, wo du dein Kreuz setzen solltest. Sie stimmt auch per Digitalwahl für dich ab, sodass du am Wahlsonntag ohne schlechtes Gewissen ausschlafen kannst. Mel Taş brummt nun etwas Unverständliches in ihr Handgelenk. Sofort werden vor allen Fenstern elektronische Jalousien heruntergefahren und die Sicht auf die Demonstrierenden versperrt. “So en Bleedzin tät ja konar boam Schaffe aushalte”, sagt sie.

Die Laboratorien und technologischen Arbeitsräume des Instituts liegen versteckt im fensterlosen Kern des Gebäudes. Mel Taş führt euch durch ein Labyrinth identischer Korridore aus Stahl, Beton und faserverstärktem Kunststoff. Ohne Gürtel musst du beim Gehen die Hose festhalten, schließlich hast du seit gestern nicht mehr gegessen. Unter euren Schuhen quietscht das Linoleum, die Luft sirrt, Leinwände strahlen grellweiß aus allen Winkeln. Im Vorbeigehen bemerkst du, dass in ihren Kunststoffherzen nicht eines, sondern zwei Signallichter grün blinken. Diese Kunststoffzuschnitte beleuchten nicht bloß, sie zeichnen auch ein Kamerabild auf. Viel gibt es in den Korridoren jedoch nicht zu überwachen. Hier und da steht ein verwaister Stuhl an der Wand, dann und wann begegnet euch ein Desinfektionsmittelspender, ab und zu seht ihr einen Wischroboter über den Boden kriechen wie eine silberne Nacktschnecke. Durch alle Flure geistert der Geruch von alten Kühlschränken. In die schweren Türen, die gelegentlich links und rechts auftauchen, hat man rechteckige Sichtfenster geschnitten. Im Vorbeigehen siehst du dahinter müde Menschen in weißen Kitteln, Naturgummihandschuhen und Mundschutz an Apparaten und Reagenzgläsern, hinter Leinwänden und vor Matcha-Automaten. Das Kind protestiert nicht, als du seine Hand nimmst, und schlurft abwesend neben dir her. Einmal niest es und du fährst zusammen, weitere Regungen bleiben aus.


"Gleich kons losgeh’e", sagt Mel Taş, als sie schließlich in einem Korridor stehen bleibt, der sich in keiner Weise von den anderen unterscheidet. "Aan Moment, gell, ich hol omal de Scheff", sagt sie, zieht die Tür zu eurer Rechten einen Spalt weit auf und zwängt sich hindurch. Aus der Öffnung dringen Geräusche, als würde man zwölf Filme gleichzeitig schauen: Gebrüll, das Dudeln von Videospielen, lachende Kinder, das Maunzen einer Katze, klapperndes Besteck, Weinen und Wimmern. Dann kratzt der schwere Stahl über das Linoleum, quietscht lange und unerträglich und poltert schließlich zurück ins Schloss.


Das Kind lässt deine Hand los, starrt einen Moment lang an die Decke und setzt sich schließlich ausdruckslos auf den Boden. Du wartest, gehst auf dem Flur auf, wartest, gehst auf dem Flur ab, wartest. Doch Mel Taş kommt nicht zurück. Die Zeit wird Kaugummi. Du blickst dich um, du wartest, du schaust auf dein Handgelenk. Du bemerkst, dass Delila kein Signal empfängt, wartest weiter, wirst unruhig. Du blickst auf deinen Armreif, wartest, blickst auf deinen Armreif, wartest. Dein Augenlid zuckt. Du ziehst mit der Kante deiner Schuhsohle einen schwarzen Streifen auf das Linoleum. Du wartest, hältst deinen Armreif in der Hoffnung auf Empfang in die Höhe, scheiterst, fluchst. Ein Wischroboter kommt träge angekrochen und fährt mehrmals feucht über dem schwarzen Streifen vor und zurück. Der Streifen verschwindet. Der Wischroboter verschwindet auch wieder. Du wartest, schaust wieder auf dein Handgelenk, fluchst erneut und guckst schließlich durch das verglaste Rechteck der Stahltür in den Raum dahinter.


Das Labor ist in keim- und schattenfreiem Weiß ausgeleuchtet. Du siehst Mel Taş und eine zweite uniformierte Person mit Matchatassen in der Hand. Sie stehen mit dem Rücken zu dir an einem schmucklosen höhenverstellbaren Arbeitstisch. Zwei Laborkräfte in steriler Kleidung und mit Leinwänden auf Klemmbrettern in den Händen rollen auf Drehstühlen hin und her. Links und rechts des Tisches ragen gigantische Rechenterminals zur Zimmerdecke empor. Zahlencodes flackern über Leinwände zwischen Lüftungsschlitzen und Bedienfeldern. Durch eine riesige Glasscheibe können die vier Personen das Geschehen im benachbarten Raum überblicken. Der Anblick erinnert dich an die Dekorationen der Weltraumabenteuer aus der Zeit um die Jahrtausendwende. In den alten Filmen bestehen solche Scheiben stets aus Panzerglas und man kann den Raum dahinter bloß durch eine Luftschleuse betreten. In den alten Filmen werden darin außerirdische Lebensformen erforscht. Laborkräfte mit schwerem texanischen Dialekt nennen diese Räume zum Beispiel “Kontaminationskammer”. In den alten Filmen geht darin immer irgendetwas schief und alle sterben.


Einen Außerirdischen siehst du hinter dieser Scheibe aber nicht. Nur in Unterwäsche liegt im kalten Licht ein blasses Kind mit geschlossenen Augen auf einer Art Zahnarztstuhl. Du fragst dich, ob das Kind auch ein Opfer des Attentats ist, doch erscheint es dir körperlich vollkommen unversehrt. Außerdem fällt dir ein, was Stef im Kranken- und Pflegehaus gesagt hat: Sam hat als einziges Kind überlebt. Das kurzgeschorene Haar des Kindes im Zahnarztstuhl schimmert kupfern unter einem zähflüssigen Gel, das man großzügig auf seinem Schädel aufgetragen hat. Wie die Saugnäpfe unsichtbarer Tintenfische bewegen sich runde Noppen aus Metall und weichem Kunststoff mit gemächlicher Präzision über seinen Kopf. Gurte fixieren seine Hand- und Fußgelenke an dem Metallgestell des Stuhls. Du schätzt, dass es in Sams Alter sein müsste.


Die halbrunde, hohe Wand hinter dem Kind ist über und über mit Leinwänden bedeckt. Die meisten zeigen ein rauschendes Störbild und du brauchst einen Moment, bis du die Regeln des bizarren Schauspiels vor deinen Augen begreifst. Immer, wenn die Signalleuchte auf einem der Saugnäpfe am Schädel des Kindes zu blinken beginnt, klärt sich das Bild auf einer der Leinwände. Was du darauf zu sehen bekommst, passt so wenig zusammen wie die Teile verschiedener Puzzles. Die Leinwände zeigen Wackelpudding und bunte Tapeten, Füllwatte, die aus aufgeplatzten Plüschtieren quillt, Sprechkäse in den brüllenden Mundwinkeln Erwachsener, eine graue Katze, die schreit, als eine kleine Hand ihr fest am Schwanz reißt. Deine Augen bleiben auf dieser Szene haften. Du erwartest, dass die unsachgemäße Behandlung der Katze einen Kurzschluss verursachen wird und Funken aus ihrem zerbrochenen Schwanz sprühen. Als das Tier jedoch im Affekt türmen will, bleiben Fell und Haut des geschälten Schwanzes zwischen den kleinen Fingern zurück. Funken siehst du nicht, nur Blut. Die uniformierte Person neben Mel Taş stellt ihre Matchatasse ab, nickt und dreht sich um. Du erkennst Fin Kreuzer und als er sich der Tür zuwendet, bist du schon längst aus dem Sichtfeld verschwunden.


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Deine Erleichterung wirst du niemals verstehen, deine Erleichterung wirst du niemals verzeihen. Sie kam und sie ging so schnell wie ein Schreck. Sie nahm der Sorge, dem Schmerz und der Wut nicht lange den Raum. Sie dauerte nicht an. Und trotzdem: Als Delila an deinem Handgelenk summte und dich über den selbstverschuldeten Unfall unterrichtete, war himmelblaue Erleichterung deine erste Erwiderung. Selbstverschuldeter Unfall. So nennen sie, was passiert ist, weil die Wahrheit nicht mehr Teil der Wirklichkeit sein sollte. “Selbstmord haben die aus ihrem Wortschatz gestrichen”, hätte Tin vermutlich dazu gesagt und du hättest vermutlich die Augen verdreht. “Weil Selbstmord bedeutet, dass der freie Wille manchmal doch mächtiger ist als ihr scheiß Algorithmus.”


Es war reiner Zufall, dass die Fenster im Wartezimmer ausgetauscht wurden, als Tin in Begleitung einer psychiatrischen Fachkraft eine viertel Stunde zu früh zum Geburtsvorbereitungskurs in der gynäkologischen Praxis erschien. Der leitende Arzt beteuerte vor Gericht, die Glaserei habe den Aus- und Einbau ausdrücklich außerhalb der Öffnungszeiten erledigen sollen. Seine Verteidigerin legte den unmissverständlichen Schriftverkehr zwischen Glaserei und Praxis zum Beweis auf einer Leinwand vor. Der Glasermeister beteuerte vor Gericht, der Handwerkeralltag sei nicht immer so minutiös planbar, wie ein Frauenarzt sich das vielleicht vorstelle. Di