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Der Fund

VON FLORIAN VEELMANN //


Sarah klappt das Buch zu. Man will sich einreden, dass es damit getan sei, aber es ist ja doch nie beschlossene Sache. Egal welche Taktik man anwendet, man kann sich nicht aussuchen, welche Worte einem bleiben. Und die Menschen in den Nachrichten hungern auch, wenn man den Fernseher ausschaltet. Man kann drauf hoffen, sie zu vergessen oder wendet den Blick vom Smartphone ab für die Dauer, die es eben braucht, nichts und niemanden zu sehen und verschont zu bleiben. Fiktives Blut, fiktive Schlachtungen, denkt Sarah, scheinen erträglicher, weil man ja doch nichts davon kennen muss und nichts muss Wahrheit sein. Sie schaut in den Garten, es wird langsam dunkel. Ben sucht hinter der Laube nach Ziegelsteinen, aber wird nicht fündig. Mit Eimer und Spachtel in der Hand steht er dann vor ihrer Verandatür.


„Wie geht’s dir?“, fragen sie einander.

„Gut soweit“, ist die gemeinsame Antwort. Das muss ihnen reichen, man nimmt sich zusammen. Jedes weitere Wort könnte mutlos machen. Ben also geht voran, Sarah folgt ihm in den Keller.

„Ich kann die Steine da nehmen?“ Ben zeigt in die Ecke des dunklen Arbeitsraumes. Sein Suchen draußen war also umsonst, denkt Sarah.

„Klar, ich brauche sie sowieso nicht.“ Wozu hatten sie die Steine nur beschafft? Eines der zuletzt geplanten und nie überstürzten Projekte? Man plant einen gemeinsamen Urlaub und fährt dann doch nicht und denkt sich, dann fährt man ein anderes Mal, und denkt, man sitzt noch einmal auf der vom Sommer erwärmten Verandastufe und hört den Grillen zu und denkt, man isst ganz bestimmt bald wieder gemeinsam und denkt, man lehnt den Kopf überm Fernsehgeschwafel, Hauptsache, denkt man, tut man es wenigstens wieder. Und tut es dann nie wieder. Man denkt das so gar nicht, man denkt einfach nur, man denkt und denkt nicht ans nächste Mal, weil das ist eigentlich Leben, das ist das eigentliche Leben. Für irgendwas hatten sie die Steine geholt, fürs Leben, irgendein dämliches Fundament, eines seiner Projekte, jetzt taugen sie zum Verschließen, da, ein dämlich dekoratives Pflaster, darunter tut es trotzdem weh, aber man muss dann, wenn sie genutzt sind, nicht mehr hinschauen, als Teil der Mauer können sie unsichtbarer werden als sie als unbrauchbarer Haufen längst schon waren.


„Besser als so ein paar Bretter“, urteilt Ben und klopft gegen die provisorisch angebrachten Balken. Keine Antwort von der anderen Seite. Sarah wünscht sich, der ganze Raum dahinter ließe sich mit Sand oder Erde füllen; wenn schon ein Grab, dann wenigstens keine Krypta.

„Hätten wir die Knochen eigentlich behalten dürfen?“

„Wieso sollten wir?“

„Ich habe aufm Flohmarkt mal wen gesehen, der hat echte Schädel verkauft. Eigentlich ganz cool.“ Sarah erinnert sich an solche Stände, zwischen alten Milchkannen und verstaubten Gittern das aufklaffende Maul irgendjemandes Schädels.

„Das sind keine echten, nur gute Repliken“, erklärt sie ihm, auch wenn sie sich nicht sicher ist. Es gibt genügend Knochen, die irgendwo ausgegraben wurden, Fundstücke und alte Sammlungen wie in ihrem Keller. Es gibt genug Knochen von australischen Ureinwohnern, von Herero und anderen Stämmen, die zwecks anthropometrischer Studien nach Deutschland gebracht wurden. Es gab genug Knochensammler im „Knochenrausch“. Da Schädel sehr beliebt waren, konnte man ihnen nicht in den Kopf schießen, und auch Erhängen war nicht ideal, und da man meist die Haut nicht brauchte, schnitt man ihnen die Kehle durch. Heutzutage gibt es Gerüchte zu chinesischen Straflagergefangenen, die man ordentlich präpariert in Wanderausstellungen betrachten kann. Leichname sind leichter anzuschauen, meint Sarah, wenn sie in einer Vitrine aufbewahrt werden, gut ausgeleuchtet und mit Infoschild versehen; bestenfalls sind es uralte Knochen, einzelne Stücke, unzählige Fragmente, sodass man sie in ihre Arten unterteilen kann, und nicht mehr einem Menschen zuordnet. Was aber haben sie mit dem Fleisch gemacht, das abgetrennt werden musste? Was haben sie gemacht, wenn sie schon genug von irgendwelchen Knochen, aber nicht genug Schädel hatten? Wenn sie ein Frauenskelett brauchten, töteten sie eine Frau, und bei Bedarf für ein männliches Skelett einen Mann, und für das Skelett eines Mädchens oder Jungen machten sie es wie bei den anderen, töteten sie, idealerweise mit einem Kehlenschnitt und trennten den wertvollen Kopf zuerst ab. Erst will man denken, wie glücklich die sich schätzen können, die schon Mumien waren und keine lebendigen Menschen, aber denkt es dann doch nicht. Sarah erinnert sich an eine Postkarte, die sie einmal sah, auf der ein paar Herren neben versandfertigen Leichen posierten. Man denkt zu keinem Zeitpunkt, wie schön, dass sie nach einem Jahrhundert zurückgegeben wurden, aber irgendwas muss man dann doch denken und hat keine Taktik parat, sich es einfacher zu machen. Was hat man mit den „Resten“ gemacht, die nicht tauglich für eine Serie waren? Was hat man mit den Menschen gemacht?


„Komisch, vielleicht kommen die Knochen gar nicht mehr in ihre Heimat.“

„Heimat?“, fragt Sarah. Sie überlegt, ob nicht die falschen Fragen gestellt werden. Knochen haben keine Heimat, Menschen haben eine.

„Australien, Afrika oder so – also wenn sie wer hierher gebracht hat.“

„Ich weiß gar nicht, ob man herausfinden kann, wo sie herkamen.“

„Vielleicht.“ Sie werden beide wieder ruhig. Man mag sich einreden, was sollen die Knochen schon? Der Fernseher ist abgeschaltet, die Apps geschlossen und man kann, das hat die Zeit gezeigt, sich einreden, der Mensch sei kein Mensch mehr, aber ein Fleisch, ein Gewebe, ein Mineral, eine Nummer, ertrinkend, geköpft, verhungernd, nur sterbend, ja nur sterbend, in irgendeinem Bildschirm, festgehalten in irgendeinem Bild oder in einer Vitrine.

„Vielleicht können wir mal nachfragen bei der Polizei.“

„Ja vielleicht.“

„Du hattest schließlich ein paar Leichen im Keller, also buchstäblich“, schmunzelt Ben.

„Achso.“ Man kann manchen Begriffen üblicherweise ausweichen. Jetzt hat Ben sie vor ihr auf den Kellerboden gelegt, Leichen und Leichname zu ihren Füßen, Verbrechen an der Menschheit, die geköpften Leiber, ihre reglosen Überreste als kleine Häufchen in einem Nebenraum im Keller, längst aufgesammelt von zwei Beamtinnen, und wiederum als Nummern in irgendeinem Dokument bei der Polizei vermerkt, fürs Archiv. All das auch bei dir, denkt Sarah, es steckt dir selbst in den Knochen. Du bist fähig; vergewaltigte Kinder, aufgestoßene, aufgebrochene Unterleiber, in den Gräbern liegen sie dir.

„Ich mach die Kammer jetzt wieder auf.“ Du bist fähig, du bist das Massaker, das Verbrechen, du bist die Menschheit unumgänglich, du kannst die Nachrichten abschalten, man ist und bleibt die Menschheit.

„Mach ruhig.“ Sie liegen da nicht mehr und in ein paar Hundert Jahren wird man die Namen der Massaker vergessen haben. Hier und heute wird nichts entlarvt werden, die Dunkelheiten sind bekannt, die ausströmende Kälte, die paar Quadratmeter Staub, sie sind bekannt.

Ben reißt das erste Brett herunter, die Nägel stechen aus dem Holz, und ein Splitter fliegt auf seine Brust. Das Holz bricht und es klingt wie ein Donner.


Ben reißt das zweite Brett von der Wand, der Putz fällt zu Boden. Ben grunzt, ja, wenn er sich anstrengt, grunzt er. Seine Exfreundin meinte, jedem erzählen zu müssen, dass er beim Sex grunzt. Keiner lachte. Du kannst einer Frau den Kopf abschlagen, wenn sie noch ihr totes Kind in den Armen hält, dazu bist du vielleicht nicht fähig, aber man ist es.

Ben schmeißt das dritte Siegel weg. Ihr wurde nur gesagt, die Knochen seien schon alt. Ihr wurde nicht gesagt, wie die Menschen gestorben waren, mit auffälligen Rissen, mit Löchern in den Schädeln etwa? Mit kleinen Schnitten im Knochen? Sie weiß es nicht. Man müsste einmal sehen, wozu der Mensch fähig ist – die Massengräber sind, wenn genug Zeit vergangen ist, nur noch archäologische Fundstellen, keine Tatorte der Menschheit.

Die vierte Planke, Ben legt sie zu den anderen. Einem kann alles passieren, man glaubt es gar nicht. Sarah juckt es überall, unter dem Pflaster hat sich noch keine Kruste gebildet. Es liegt die Pforte halb offen und kann ihre Dunkelheit ausbluten. Du bist das Tor zur Hölle, kann man sich aus der Zeit reimen, du bist das Tor zur Hölle.

Das fünfte Holz gibt erst nicht nach, dann gleitet es in Bens Arme. Du bist das Wort und das Schwert du bist Anfang und Ende du bist die Klinge, das Nichts. Und ohne dich geht es dennoch weiter. Sarah lehnt an die Wand, der Brustkorb drückt – du bist das Fleisch und der Geist, das Kreuz und der Pfad, das Grollen und der Donner, von allem kannst du dich abwenden und bist dieses Abwenden.


Vorletztes Siegel. Weißes Kleid anlegen, mit schwarzem Klebeband die Augen abdichten, die Hände hinter den Rücken stopfen, das macht der Mensch und nur der Mensch allein. Du bist allein ein Mensch und kannst nicht sagen, ich bin jetzt wann und wo und wer anders. Du kannst, du bist fähig.


„Lass mich mal.“ Sarah kniet sich hin, es fällt ihr schwer, die Kniescheiben rutschen. Als beuge man sich dem klaffenden Maul, der Schlund, der einen verschlingt. Du bist das Kind und du bist das Lied, der Segen der Fluch, das Gift und das Gegenmittel. Ihr Nacken sticht; man müsste das Innere ausspülen können, zur Suppe einkochen, zum Dünger, aber du bist als Asche oder Fleisch in der Erde zu vergehen, oder in einem Vorratsschrank des Erinnerns in der Urne zu verstauben. Sie nimmt das rohe Holz in die Hand, friss mich, denkt sie, friss mich. Du bist die Grube, du bist der Gräber. Sie reißt, sie ruckelt, der Schuhriemen frisst sich in den Fuß, Bens Blick glotzt sich sinnlos in ihren Rücken ein. Sie ist noch diesseits, noch wirkt der Bann „Aus den Augen aus dem Sinn“, noch kann man die Post noch ein paar Tage liegen lassen, noch reicht die Rente, noch steht das Haus, die aufrechten Hälse der Korbblütler; sie zieht das Brett mit einem Ruck herunter, die Haut vom Knochen, die Wunde klafft auf. Du bist die Wunde, bist die Heilung.


„Komm, mach jetzt zu.“ Ben nimmt ihr das Holz, das sie noch immer in der Hand hält, ab, rührt den Mörtel an. Jetzt beginnt es, jetzt geht es zu Ende. Solange es nicht von Neuem klopft, solange es jetzt ruhig bleibt. Und wenn sie dann, wenn sie dann die Kammer erneut öffnen sollten, streckt der gehörnte Tod seine Hände nicht aus hoffentlich. Wenn es erneut von da klopft, machen sie einfach gar nicht auf, dann fängt der Tod sie nicht ein. Was, wenn man morgens aufwacht und, Gott bewahre, man ist alt, ist krank, geschieden, ist bereit. Ben legt die erste Reihe Steine. Was, wenn man noch Zwecke hätte für die leeren Räume, und statt der Mauer setzt man einen Tür, statt Dunkelheit verlegt man ein bisschen Licht und macht es sich gemütlich. Aber es gibt Räume, die gibt es gar nicht, sinnlose starre Klötze einer drängenden Freiheit. Mach zu, mach zu jetzt, sonst kommen noch die Fliegen rein. Mach zu, mach zu, der Regen quillt über, mach zu, mach zu, die Knochen knistern wie ein Lagerfeuer, mach zu, mach zu die Äuglein, Fernseher und Smartphone aus, weißes Rausches, weiße Stirn, weißer Stein und grauer Mörtel, graue Mutter, mach zu, mach zu, psst psst, mach zu jetzt.

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