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Der Gelieferte – Ein Leben in zwölf Verspätungen

VON LEO LEMKE //



Erste Verspätung // 12 Stunden // Kreißsaal

Zwischen zwei schweißnassen, fetten Schenkeln sitzt Frau Doktor Prasad und starrt in ein ihr bekanntes Gesicht. Das Baby, dessen Kopf vor ihr aus der Vagina baumelt, erinnert sie an ihren Postboten. Und ihren Essenslieferanten auch. Muss an dem Muttermal unterm linken Auge liegen, denkt sie sich. Sie tut es als einen Zufall ab und fährt mit der Entbindung fort. Die Blage hat einen halben Tag auf sich warten lassen. Nicht nur die Mutter, Vera Rosenthal, ist erleichtert, als es endlich vorbei ist.

Eben noch von Geschrei zerfetzt, ist die Atmosphäre im Kreißsaal nun ausgesprochen friedlich. Ein Putzroboter saugt Körperflüssigkeiten vom Boden auf und spielt dabei das wohltemperierte Klavier. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages fallen auf Mutter und Sohn im Krankenbett. Mit einer Fluppe im Mund lädt Frau Doktor Prasad eine DNA-Probe in die Datenbank hoch.

Während der Ladebalken langsam von links nach recht kriecht, betrachtet sie die aufwachende Stadt durch das halb geöffnete Fenster. Die Skyline aus aberwitzig hohen Wolkenkratzern hebt sich wie ein mit Leucht- und Hologrammreklame durchsetzter Scherenschnitt vor der aufgehenden Sonne ab. Vornehmlich Banken, Versicherungen, IT-Unternehmen, doch letztendlich ist es das Lieferello-Verteilerzentrum dieses Bezirks, das alle Blicke auf sich zieht. Bedrohlich orange erigiert es gen Himmel und ejakuliert selbst zu dieser Uhrzeit im Sekundentakt Fahrradkuriere auf die Straßen. Sie muss wieder an das Muttermal denken, als ein lautes Piepen sie zurück zum Computer ruft.

Anstelle eines DNA-Berichts prangt das Wort „Vertraulich“ in orangen Großbuchstaben auf dem Bildschirm. Es ist also kein Zufall. Prasad wirft einen Blick auf Vera Rosenthal, dann auf das Verteilerzentrum und fürchtet das, was kommen wird.

Zwanzig Minuten später steht ein Mann in einem orangen Anzug mit seiner Assistentin im Zimmer.

„Ich verstehe das nicht“, sagt Vera Rosenthal mit zitternder Stimme. „Sie nehmen mir meinen Nils weg?“

Der Mann im Anzug lächelt schief. „Das ist faktisch inkorrekt. Das ist nicht ihr Kind, Frau Rosenthal. Das war es auch nie. Individuen mit dem DNA-Strang des Typs KYS-762 sind laut Patentrecht Eigentum der Takeaway Federal Corporation. Wir nehmen uns, was uns sowieso schon gehört.“

Frau Rosenthal stammelt etwas vor sich hin, schaut hilfesuchend zu Frau Doktor Prasad, doch die betrachtet nur den Rauchfaden über der Zigarette, die sie aus dem Fenster hält.

Die Absätze der Lackschuhe des Mannes klackern, als er langsam aber bestimmt auf das Bett zugeht. „Frau Rosenthal, ich muss Sie nun darum bitten, mir das Kind zu übergeben.“ Er streckt die Hände aus wie ein Bettler. Seine Haut ist von fast gespenstischer Glätte. Seine Nägel frisch pedikürt. Frau Rosenthal umklammert ihren Sohn fester.

„Nein“, sagt sie. „Sie bekommen ihn nicht.“ Der Mann seufzt. „Frau Rosenthal, was denken Sie denn, wie wir uns gerade fühlen, hm? Sie sitzen da mit unserem Eigentum, mit Firmeneigentum, und wollen uns ein schlechtes Gewissen machen, weil wir es uns zurückholen. Finden Sie das nicht etwas unfair?“

„Sie bekommen ihn nicht.“

„Wir werden Sie wegen Diebstahls verklagen. Wollen Sie das?“

„Ist mir egal.“

Der Mann lacht und lässt den Blick einmal durch den Raum schweifen, um dann wieder Frau Rosenthal anzuschauen und sich ganz nah zu ihr zu beugen. Sein Atem streicht heiß über ihre halb entblößte Brust. Nur Mutter und Kind können hören, was er flüstert.

„Machen Sie sich nicht vor, Sie hätten eine Wahl. Wir wissen, wo Sie wohnen. Wir haben die Kontrolle über Ihr Essen. Jeden Tag steht einer unserer Männer in ihrer Haustür. Geben Sie uns jetzt das Kind und wir können Unschönes vermeiden, ja?“

Seine Hände drängen zwischen Mutter und Kind. Keine Gegenwehr. Er hält Nils mit beiden Armen von sich gestreckt wie einen Müllsack und übergibt ihn eilig seiner Assistentin. Beim Verlassen des Saals dreht er sich noch einmal um, richtet sich beim Sprechen die Krawatte.

„Wir erlassen Ihnen die Lieferpauschale auf Lebenszeit. Und das Chop Suey, das Sie so gerne essen, geht von jetzt an aufs Haus. Na, wie klingt das, Frau Rosenthal?“

Die starrt nur leer auf Nils in den Armen der Fremden.

„Was wird jetzt aus ihm?“

Der Mann macht ein verdutztes Gesicht. „Ist das nicht offensichtlich? Er wird Lieferbote.“

Und als Vera Rosenthal das hört, beginnt sie mit einem Mal zu schreien, als hätte man ihr soeben ihr Kind gestohlen.

Zweite Verspätung // Drei Minuten // Sporthalle

Deckenprojektoren werfen große orange Hologramme auf die Wände der Sporthalle: das Logo der Lieferello Corp., ein Hirsch mit Besteck im Geweih. Götterbote Adurag wacht über seine Schützlinge. Vor einem Hindernisparcours aus Bänken, Böcken, Recks und anderen Sportgeräten geht ein Mann in oranger Uniform drei Reihen strammstehender Kinder ab. Jedes von ihnen trägt einen großen Würfel auf dem Rücken und ist Nils wie aus dem Gesicht geschnitten. Hohe Wangenknochen, schmale Lippen, Muttermal unterm linken Auge. Als die Eingangstür quietscht und Nils verschwitzt und nach Luft schnappend in die Halle stolpert, ist es fast so, als blicke er in ein Spiegelkabinett.

„N-17-S, der Unterricht hat vor drei Minuten begonnen. Haben Sie eine Entschuldigung vorzuweisen?“, fragt der Sportlehrer zwischen den Reihen. Nils braucht ein wenig, bis er wieder zu Atem kommt.

„Ich bitte vielmals um Entschuldigung, Sir!“

„Wissen Sie, was Sie das kostet?“

„Drei Wochen meiner Mindesthaltbarkeit, Sir!“

„Und das nehmen Sie auf die leichte Schulter?“

„Nein, Sir. Zeit ist unser höchstes Gut!“

Der Lehrer mustert Nils mit zusammengekniffenen Augen.

„Wenn Sie sich so einsichtig zeigen, will ich Ihnen eine Chance geben, die Zeit wieder wettzumachen. Laufen Sie den Parcours in unter drei Minuten und wir vergessen Ihre Verspätung. Meinen Sie, Sie schaffen das?“

„Ich werde mein Bestes geben, Sir!“

„Dann kommen Sie her, N-17-S. Ich gebe Ihnen Ihre Lieferung.“

Der Lehrer fasst Nils an den Schultern und dreht ihn seinen Brüdern entgegen. 8-UN-6 schaut gleichzeitig kämpferisch und mitleidig zu ihm. Nils spürt, wie der Deckel seines Würfels abgezogen wird, hört das Kratzen des Klettverschlusses, dann schwere Schritte, die sich dorthin entfernen, wo er eben einen Berg Medizinbälle gesehen hat. Insgesamt viermal hört Nils die Schritte gehen und wiederkommen. Als der letzte Medizinball in seinem Würfel landet, kann der Achtjährige sich gerade noch so auf den Beinen halten. Mit zittrigen Knien dreht er sich dem Parcours entgegen.

„N-17-S, denken Sie noch immer, dass Sie das schaffen werden?“

„Ich werde“, ächzt Nils, „mein Bestes geben.“

„Genau das will ich hören! Was sind Sie?“

„Ein Lieferbote!“

„Und was wurden Sie?“

„Geschaffen, um zu liefern!“

Die Kinder in den Reihen wiederholen das Credo unisono. Nur der Mund von 8-UN-6 bewegt sich nicht.

„Geschaffen, um zu liefern! Geschaffen, um zu liefern!“

„Was ist, 8-UN-6? Wollen Sie direkt hinterher?“

„Mit Vergnügen, Sir!“, ruft der kleine Lieferbote und stellt sich zu Nils an die Startbahn. Die beiden Jungs grinsen einander an. Vom Chor ihrer Brüder zu unmöglichen Leistungen angestachelt, wanken sie schnaubend auf das erste Hindernis zu.

Dritte Verspätung // Anderthalb Zeilen // Kapelle

Durch die orange getönten Fenster strömt warmes Licht in die Kapelle, ergießt sich über einigen Dutzend gesenkten identischen Häuptern. Vorne in der Kanzel beendet der Pfarrer seine Predigt.

„Darum ist es an euch, die ihr unter eurem linken Auge von Adurag gezeichnet wurdet, die Menschen zu versorgen, an guten wie an schlechten Tagen. Geschaffen, um zu liefern.“

„Geschaffen, um zu liefern!“, tönen die Lieferboten zurück.

„Ich möchte euch nun bitten, eure Gesangsbücher aufzuschlagen und mit mir zum Abschluss des Gottesdienstes ‚All you deliver‘ anzustimmen.“

Eifrig blättern die Schäfchen in ihren Heftchen. Als die Orgel einsetzt, erklingen engelsgleiche Stimmen. Nils und 8-UN-6 warten ein paar Sekunden, bis sie einsteigen, bringen alle aus dem Rhythmus und verfehlen absichtlich jede Note. Sie werden sofort der Kapelle verwiesen und verlieren beide einen Monat ihrer Mindesthaltbarkeit.

Vierte Verspätung // 1,5 Minuten // Herr Schmidt

Es ist seine erste Woche im Dienst und Nils steht nervös im obersten Stock eines Altbaus. Es riecht im ganzen Treppenhaus nach Dönerpizza, doch niemand scheint sie haben zu wollen. Keine der Türen ist mit einem Namen versehen.

„Hallo? Herr Schmidt? Sind Sie da?“, ruft Nils ratlos in die Spirale des Treppengeländers hinab. „Ich bin hier unten“, hallt es wütend zurück.

Im Erdgeschoss erwartet ihn ein Mann in Bademantel und Crocs. Sein Gesicht zu einer Grimasse verzogen, als lauerte er einer Gazelle am Wasserloch auf. „Entschuldigen Sie die Verspätung“, beginnt Nils, wird jedoch barsch unterbrochen.

„Ich habe doch geschrieben: Dritter Stock, im Hinterhaus.“ Der Mann wedelt wild mit den Armen in Richtung eines Innenhofs, wobei der locker sitzende Mantel ein bisschen zu viel preisgibt. „Zweimal hab ich das geschrieben. Kannst du nicht lesen?“

Nils wirft irritiert einen Blick auf sein Handy. „Hier steht nichts von…“

„Jaja, jetzt gibt her die Pizza!“

Schmidt reißt Nils den Karton aus der Hand, der ihn völlig perplex anstarrt.

„Was guckst’n so? Willst du noch Trinkgeld, oder was? Kannste haben.“

Nils sieht die Faust zwar noch kommen – behaarte Finger, umrandet von billiger Microfaser – kann ihr jedoch nicht mehr ausweichen. Seine Nase knirscht beim Aufprall und seine Beine knicken sofort ein. Als er am Boden liegt, setzt Schmidt noch zwei Tritte in seinen Magen nach und spuckt aus, aber verfehlt Nils Kopf um Haaresbreite. Die Spucke schlägt knapp vor Nils Augen auf den kalten Boden auf. „Scheiß Nichtgeburt!“, bellt Schmidt und trottet mit seiner Dönerpizza und wallendem Bademantel in Richtung Hinterhaus. Die anderthalb Minuten Verspätung kosten Nils am Abend sechs Wochen seiner Mindesthaltbarkeit.

Vierte Verspätung // 0,5 Sekunden // Proteinbrocken

Die Kantinen der Lieferello-Verteiler sind die größten gastronomischen Lokalitäten der Stadt. Zu den Stoßzeiten trifft man hier an langen Tafeln ein Meer immer gleicher Köpfe an: tausende Lieferboten, die essen, was die Automaten an den Eingängen ausspeien. Frisch synthetisierte Proteinblöcke und Vitaminshots. Exakt auf den Bedarf eines jeden angepasst.

Irgendwo in diesem Meer sitzt Nils, kaut auf einer geschmackslosen Masse herum und starrt gedankenverloren auf den einen Tisch, an dem keine freie Platzwahl herrscht. Auf einer Empore, auf ihre Brüder hinabblickend, diniert die Elite des Verteilers. Mit besonderem Eifer, Gefügigkeit und stetem Zufrühsein haben sie sich an die Spitze geliefert. In ihren Würfeln riecht es nicht mehr nach Pizza, Pommes und Asian Cuisine, in ihren Lieferwagen stapeln sich keine Warensendungen. Die Elite liefert Dinge von Wert. Nils ertappt sich bei der Vorstellung, wie es sich anfühlen mag, zwischen ihnen zu sitzen.

„N-17-S, fang!“

Erschrocken dreht er sich um, kann jedoch nicht mehr rechtzeitig reagieren. Ein Brocken trockenen Proteins knallt ihm gegen die Stirn und hinterlässt einen geröteten Abdruck. 8-UN-6 hat ein fettes Grinsen im Gesicht.

„Guck die Trottel nicht so anhimmelnd an, die sind Teil des Systems!“

„Mach ich doch gar nicht“, sagt Nils.

„Ich hab’s doch in deinem Blick gesehen! Du tust zwar so, als wolltest du hier weg, aber insgeheim willst du da oben sitzen. Wünschst dir, du wärst einer von Götterbote Adurags Lieblingen.“

Der Lieferbote neben ihm steht auf und sucht sich, irgendwas von Blasphemie murmelnd, einen anderen Sitzplatz.

„Was? Nein! Das stimmt–“

8-UN-6 lacht auf, als er sieht wie rot Nils wird. „Ich mach doch nur Spaß!“ Dann setzt er plötzlich eine ernste Miene auf. „Versprich mir, dass du niemals einer von denen wirst, ja?“

„Niemals“, sagt Nils und kippt sich seinen orangen Vitaminshot in einem Zug in den Rachen.

Fünfte Verspätung // 8 x 15 Minuten // Louis Vater

Als Nils an die gigantischen Pforten einer Villa klopft, öffnet zu seinem Erstaunen ein kaum sieben Jahre alter Junge. Das Happy Meal knistert, als die kleinen Hände es ergreifen.

„Herr Lieferbote?“, fragt er und schaut aus großen braunen Augen zu Nils hinauf. „Magst du mit mir essen? Mein Papa ist nicht zuhause. Ich hab’ Angst allein.“

Nils schaut auf den Jungen, der in der riesigen Eingangshalle der Villa noch kleiner wirkt, als er’s sowieso schon ist, und beginnt zu überschlagen. Im schlimmsten Fall müsste er bis Ende der Schicht hierbleiben. Das wären acht verpasste Lieferungen. Eine Lieferung, die nach fünfzehn Minuten nicht eingetroffen ist, kostet ein Jahr Haltbarkeit. Dreißig bleiben ihm noch.

„Klar“, sagt er. „Kann ich machen.“

Sechste Verspätung // 2 Tage // Schlafhalle

Wann ein Lieferbote seine sechs Stunden Schlaf leistet, hängt von seinem Schichtplan ab. Die riesige Schlafhalle, in der sich hunderte von Turmbetten mit dutzenden Etagen aneinanderreihen, ist darum zu jeder Tageszeit künstlich verdunkelt. Einmal im Monat stürzt ein Lieferbote im Schlaf zu Tode.

Es ist 23:50 Uhr und Nils hört in dem Bett unter sich jemanden schluchzen. Elitelieferant 4-PF-9 umarmt in Embryonalstellung sein Kissen und starrt ins Leere. Was denn los sei, fragt Nils, hinter seiner Matratze hervorlugend. Er habe seit zwei Tagen sein Bett nicht verlassen, erklärt 4-PF-9, ohne aufzuschauen. Kraftlos sei er gewesen, alles habe sich sinnlos angefühlt und da sei er liegen geblieben. Einfach so. Seine Haltbarkeit sei vor seinen Augen im Minutentakt abgelaufen, aber es habe ihm nichts ausgemacht. Überhaupt nichts. Er hätte das nicht mehr gekonnt, diese Lieferungen ausführen. Die Fahrerei, die Blicke der Sapiens. Das war alles zu viel geworden. Doch jetzt, wo jeden Moment sein Aufruf kommen könne, da bekomme er es doch langsam mit der Angst zu tun. Diese Geschichte von den weißen Engeln, die habe ihm schon immer Angst gemacht. Was, wenn Adurag ihn jetzt nicht in seinen ewigen Wald lassen wird?

„Das ist los“, sagt 4-PF-9 und beendet damit seine Erklärung. Nils nickt und legt sich wieder auf den Rücken. Er ist bereits eingeschlafen, als die Durchsage ertönt, 4-PF-9 solle sich umgehend in der Entsorgungsstation einfinden.

Am nächsten Morgen spuckt Nils in der Kantine seinem Gegenüber eine Vitaminshot-Fontäne ins Gesicht. Da oben auf der Empore, an dem Platz, an dem vor drei Tagen noch 4-PF-9 gegessen hatte, sitzt heute, die Zähne in einen Proteinblock versenkend, 8-UN-6.

Siebte Verspätung // 10 Minuten // Café Hermes

Jeden ersten Donnerstag im Monat ist Nils um 19 Uhr im Café Hermes mit vier Brüdern vom Paketdienst verabredet. Dort ist die Einrichtung verchromt, der Kaffee scheußlich und überteuert, doch es ist das einzige Lokal im Süden der Stadt, das Lieferboten bedient.

Heute sieht es nicht so aus, als würde Nils es pünktlich schaffen. Es ist 18:30 Uhr und die letzte Lieferung des Tages besteht aus einem Schnitzel mit Kartoffelbites für eine gewisse Frau Stege. Sie ist etwa siebzig Jahre alt, zittrig und offensichtlich einsam, denn sie zieht Nils, bevor er irgendetwas erwidern kann, zu sich an den Küchentisch und redet unentwegt auf ihn ein. Erzählt von ihren Söhnen, die nie zu Besuch kommen, von ihrem Herzleiden und von der Verrohung der heutigen Jugend, die sie an ihrem Enkel beobachten könnte, wenn er sie denn irgendwann mal besuchen würde. Während sie redet, schiebt sie sich immer wieder Gabeln mit labberigem Schnitzel in den Mund oder Kartoffelbites, von denen sie die Mayonnaise zuerst ablutscht, bevor sie sie isst. Viele der Wörter, die sie dabei sagt, hört Nils nur sehr undeutlich oder mit einem saftigen Schmatzen unterlegt. Der Geruch des Schnitzels dreht ihm aus irgendeinem Grund den Magen um. Als um kurz vor sieben in der Ferne eine Sirene aufheult, fällt er ihr schließlich ins Wort.

„Frau Stege, es tut mir leid, Sie unterbrechen zu müssen, aber ich muss wirklich los. Ich bin um 19 Uhr verabredet.“

Mit großen Augen starrt sie ihn an.

„Sie können ja reden!“

„Wie bitte?“

„Naja, ich dachte, ihr Lieferboten könnt nur so Sachen sagen wie ‚Ihre Bestellung ist da‘ und ‚Entschuldigen Sie die Verspätung‘“.

„Nein, wir können so reden wie jeder Sapiens auch.“

„Hm“, macht Frau Stege daraufhin. „Kann man das auch abschalten?“

Es ist bereits 19 Uhr, als Nils auf der Straße endlich wieder im Sattel sitzt. Wenn er sich anstrengt, das weiß er aus Erfahrung, schafft er den Weg in zehn Minuten. Auch wenn sie ihn keine einzelne Sekunde seiner Mindesthaltbarkeit kosten wird, ist ihm die Verspätung äußerst unangenehm.

Während er durch die dicht befahrenen Straßenschluchten radelt, sieht er überall Brüder in orangen Uniformen aufleuchten. Radfahrend, in Hauseingängen, auf Laubengängen, an Laternen gelehnt, einen Proteinriegel verputzend. Wo sie auch sind, aus der homogenen Masse an Sapiens stechen die Lieferboten zu jeder Zeit heraus wie Zielscheiben.

Um 19:09 Uhr biegt Nils in die Trabanter Straße ein und wird von Blaulicht geblendet. Vor dem Café Hermes parken ein Streifen- und ein Krankenwagen. Menschen in blauen, weißen und roten Anzügen wuseln umher und die verchromte Inneneinrichtung des Cafés reflektiert das Licht der Sirenen in feinen Strahlen wie ein Nachtclubstroboskop. Nils legt sein Rad besorgt am Straßenrand ab und fragt, was passiert sei, wird jedoch ignoriert. Keiner der Sapiens würdigt ihn eines Blickes, nicht einmal, als er unter dem gelben Absperrband durchtaucht und den Laden betritt.

Das Café ist vollkommen verwüstet. Umgeworfene Tische, weiße Scherben in Kaffeepfützen, Einschusslöcher in den Wänden. Links, an Nils‘ Stammplatz, liegen B-02-D, 4-KW-8 und Z-77-Z regungslos in ihren Sitzen, bluten aus Mündern und Durchschusslöchern. Auf der Tischplatte vermischen sich Kaffee, Milch, Chai-Latte und Blut zu einem morbiden Kunstwerk. Das Bedürfnis zu weinen und das Bedürfnis zu kotzen heben sich in ihm gegenseitig auf.

„Wollt ihr mich verarschen?“ Ein Polizist brüllt neben den Leichen auf einen Mann in weißem Schutzanzug ein. „Ich bin vom Morddezernat! Sagen Sie mir, wie viele Tote sehen Sie hier? Hm?“

„Keine“, druckst der Mann in Weiß hervor.

„So, Sie haben also doch Augen im Kopf, wie? Das sind Lieferboten! Sie haben mich aus meinem Urlaub hierher bestellt wegen gottverdammter Sachbeschädigung!“

Achte Verspätung // Eine Nacht // 8-UN-6

Nils fällt vor Schreck fast aus dem Turmbett, als jemand ihm mitten in der Nacht ins Ohr zu flüstern beginnt.

„Pscht, N-17-S! Ich muss mit dir reden.“

8-UN-6s Gesicht wird von den Sprossen der Leiter gerahmt. Seine Augen funkeln in der künstlichen Dunkelheit.

„Du möchtest wissen, ob ich den Anschlag auf das Hermes gut überstanden habe? Dafür bist du ein paar Monate zu spät.“

„Das weiß ich doch, sonst wär ich längst gekommen. Die Funkstille tut mir leid, ehrlich!“

Nils kann hören, dass er es ernst meint, doch das ändert nicht viel an seiner Laune.

„Du bist von einem Tag auf den anderen verschwunden. Hast unseren Schwur gebrochen. Warum sollte ich auch nur ein Wort mit dir reden?“

„Hey, ich verstehe völlig, wenn du wütend bist. Hast allen Grund dazu. Aber hör mich an: Ich habe gestern ein ganz hohes Tier beliefert. Führungsriege, trägt immer einen orangen Anzug. Habe da was aufgeschnappt, was alles verändern könnte. Und weißt du was? Es hat mit dir zu tun. Ausgerechnet mit dir! Ich kann dir noch nichts Konkretes sagen, aber ich glaube du bist was Besonderes. Ich glaube, du bist der Schlüssel. Mit dir kommen wir endlich aus der Scheiße hier raus!“

Nils versucht sich einen Reim auf das zu machen, was ihm 8-UN-6 mit einem fast schon fanatischen Funkeln in den Augen zu erzählen versucht.

„Wovon redest du? Was soll mit mir sein?“

„Hör zu. Ich habe heute Nacht einen Auftrag mit sehr großzügigem Zeitfenster. Ich werde einen kleinen Abstecher bei einer Frau Doktor Prasad machen. Merk dir diesen Namen, ja? Doktor Janani Prasad. Morgen melde ich mich dann mit mehr Informationen.“

Nils ist immer noch sichtlich irritiert, doch er nickt und wiederholt leise den Namen.

„Janani Prasad.“

Er schaut 8-UN-6 hinterher, der beim Gehen fast hüpft, so aufgeregt scheint er, bis er hinter einer Reihe von Turmbetten verschwindet. Nils hört vor Aufregung seinen eigenen Herzschlag.

„Doktor Janani Prasad.“

Am nächsten Morgen ist 8-UN-6s Platz am Tisch der Elite leer. Seine Mindesthaltbarkeit ist vergangene Nacht überraschend abgelaufen.

Neunte Verspätung // 25 Jahre // Prasad

Irgendwer starrt in seiner Mittagspause ungeduldig auf die Uhr, nicht wissend, dass sein Hamburger niemals bei ihm ankommen wird. Nils hat heute nicht vor, auch nur eine der Adressen, die sein Handy ihm diktiert, aufzusuchen. Für ihn zählt nur noch ein Name: Janani Prasad.

Er versucht es erst im St.-Martha, dann im St.-Gabriel, spaziert mit seinem nach Hamburger duftenden Würfel an die Rezeption und fragt nach einer Frau Doktor Prasad. Die gibt’s dort nicht, hat er auch nicht mit gerechnet. Es überrascht ihn selbst, als er schon an der dritten Adresse, dem St.-Blandina, fündig wird.

„Frau Doktor Prasad? Die arbeitet schon ein paar Jahre nicht mehr hier. Wir haben hier zwar eine Nachlieferadresse für Post, aber die darf ich Ihnen aus Datenschutzgründen nicht rausgeben.“

Nils nickt verständnisvoll, dreht dann schnell den Monitor der Rezeptionistin um und liest die Adresse. Er muss laut auflachen. Es ist das Haus, in dem Schmidt ihm in seiner ersten Woche die Nase gebrochen hat.

Mit jedem Tritt in die Pedale spürt er seine Zeit verfließen, mit jedem Meter, den er sich seinem Ziel nähert, rückt auch sein Mindesthaltbarkeitsdatum näher. Ihm bleiben noch zwölf Jahre, als er in den Hausflur des Altbaus stürmt.

Vor dem Treppenaufgang, genau dort, wo Schmidt damals in seinem Bademantel gestanden hatte, steht nun eine wild bepackte Frau, fummelt mit einem dicken Schlüsselbund an einer Tür ohne Namensschild. Als sie ihn sieht, schreit sie auf.

„Nein! Bitte, tun Sie mir nichts! Ich werde niemandem etwas sagen! Hilfe! Er will mich umbringen! Hilfe!“

Sie lässt ihre Sachen fallen und stolpert in den Innenhof, von dem Nils damals nichts gewusst hatte. In einigen Ständern verrosten zugewachsene Fahrräder, die schon lange nicht mehr von ihren Sapiens angerührt wurden.

„Frau Doktor Prasad? Ich will Ihnen nichts tun! Bitte, haben Sie keine Angst! Ich will Sie nur etwas fragen! Rennen Sie nicht weg!“

Frau Prasad hört nicht auf ihn. Sie versucht auf dünnen Menschenbeinen ins Hinterhaus zu fliehen, doch natürlich holt Nils sie ein. Kaum ein Sapiens würde im Wettkampf gegen einen Lieferboten bestehen. Am Treppenabsatz kriegt Nils sie zu packen und bringt sein Gesicht ganz nah an ihres. Mit einem Mal fühlt sich Doktor Prasad in einen Kreißsaal zurückversetzt, an das Ende einer langen Geburt.

„Du bist Nils Rosenthal“, flüstert sie.

„Nein, ich bin Lieferbote, ich habe keinen Namen. Meine Bezeichnung ist N-17-S.“

„Du bist Nils Rosenthal“, wiederholt sie stoisch. „Du bist der Zufall, der nicht sein sollte. Der geborene Lieferbote. Als dein Freund gestern zu mir kam, wusste ich, dass es vorbei ist. Sie werden jeden einzelnen von uns holen. Dass sie dich überhaupt am Leben gelassen haben, ist ein Wunder. Du bist einer von ihnen und einer von uns, der Beweis, dass es keinen Unterschied gibt.“

Nils Schädel brummt. Er versucht die Informationen, die auf ihn einprasseln, irgendwie zu ordnen. „Ich verstehe nicht.“

„Deine Mutter“, sagt Frau Doktor Prasad da, „deine Mutter heißt Vera Rosenthal. Wenn sie nicht umgezogen ist oder geflohen – dann findest du sie an folgender Adresse…“

Zehnte Verspätung // 1 Tag // Mutter

Umgeben von einem Meer aus Abfall ragt der Plattenbau monumental empor, ein eigener Kosmos am äußersten Stadtrand. Alle paar Minuten kann man beobachten, wie Bewohner ihren Müll aus dem Fenster werfen und die Müllhalde vergrößern. Auf einem von dutzenden schmählich beleuchteten Laubengängen steht ein einzelner Lieferbote in oranger Montur. Fassungslos starrt er auf die ältere Dame vor ihm.

„Frau Rosenthal ist gestorben? Wann?“

„Gestern. Einer deiner Kollegen hat sie abgeholt.“

Am liebsten würde Nils sich über das Geländer des Laubengangs hängen und auf die Müllberge am Boden kotzen. Er stellt sich vor, wie dieses diffuse Gefühl in seiner Magengegend, dieses dunkle Unwohlsein in einem Schwall aus Magensäure und halb verdauten Proteinriegelklumpen an den Stockwerken vorbeisegelt, um dann unten mit einem feuchten Klatschen in einem ausrangierten Kühlschrank aufzuschlagen. Doch das wäre zu einfach. Zu schnell.

„Ich muss in ihre Wohnung“, sagt er.

Die Frau zuckt mit den Schultern. „Mach, was du willst.“

Die Wohnung besteht aus einem einzigen kargen Zimmer mit Kochnische und einer kleinen angrenzenden Nasszelle. Das einzige Möbelstück ist eine plattgelegene Matratze. Mit einem Schimmelfleck genau in der Mitte. In der Spüle, der Dusche und in den Ecken des Raumes stapeln sich Takeaway-Packungen. Nils würde in dem Geruch, der die Luft beschwert, gerne etwas Heimisches finden, doch er findet nur Abstoßendes. Es riecht eklig muffig nach altem Schweiß und Chop Suey. Als er sich auf die Matratze setzt, fällt ihm gleich daneben eine Packung auf, die noch zur Hälfte gefüllt ist. Ein Löffelstiel ragt aus dem erkalteten Reis zwischen Mungobohnen und Hühnchenfleisch hervor. Es ist das erste Mal, dass er eine richtige Mahlzeit isst und er behält sie nur mit großen Schwierigkeiten bei sich.

Ein paar Momente bleibt er so sitzen. Dann noch etwas länger, betrachtet den Tanz der Staubkörner im einfallenden Licht, bis seine Haltbarkeit endgültig aufgebraucht ist. Seine letzte Fahrt zum Verteiler wird ihn umgehend in die Entsorgungsstation führen.

Elfte Verspätung // Fünf Minuten // Anästhesie

Sie tragen zwar Weiß, doch an Engel erinnern sie ihn nicht. Er muss zurück an das Café Hermes denken und an die Leute in den weißen Anzügen, die auf Scherben tretend den Sachschaden seiner toten Brüder geschätzt hatten. Doch da gibt es noch eine andere Assoziation, eine abstrakte, die er in diesem Moment nicht zu greifen bekommt.

Sie injizieren ihm irgendeine Flüssigkeit, ihm und den anderen Abgelaufenen, dann rollen sie ihn auf einer Liege in die Tiefen des Zentralverteilers, von denen er nicht wusste, dass es sie gibt. Düstere Gänge ziehen an ihm vorbei, die Boten auf den anderen Liegen zeigen keinerlei Lebenszeichen mehr. Langsam wundert er sich darüber, dass die Injektion bei ihm keine Wirkung zu zeigen scheint. Als di