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Die Bruchbude

Ein Laden am Rand aller anderen Möglichkeiten


VON SEBASTIAN KLUGE //




Als es nicht hätte noch schlimmer kommen können, kam Rami in den Laden. Ein Großstadttiger vor dem Herrn. Irgendwo zwischen 40 und unsterblich. Gebleckte, perlweiße Zähne, die in einem perfekten Abstand zueinander in seinem braunen Gesicht herum lächeln. Seine dicken, rabenschwarzen Haare sind top toupiert. Die Augen düstere Marmormurmeln, sein filigraner Bart umspielt sein Gesicht und meißelt Ecken dort hinein. Der Hals wird von einer zierlichen Silberkette mit Totenkopfschädel beschmückt. Um seine Finger funkeln und blitzen die Ringe um die Wette. Eigentlich sieht Rami aus wie die indische Version von Bela B. Ramis Erscheinung ist Exzentrik und seine Bewegungen Kalkül, in denen eine gewisse Unterkühlung seiner Herzlichkeit mitschwingt. Seine schwarze Hose mit Bügelfalte umspielt weiter unten Wildlederstiefel, deren Muster mir bis heute ein reines Rätsel bleiben, »ist das ein Mandala?« In seiner linken Hand hält er eine Tragetasche irgendeiner schicken Modeboutique, in der die von einer Midlife-Crisis geplagte Verkäuferin, blondiert, aufgespritzte Lacklippen, aufgesetztes Dasein, jeden Tag mit perlendem Sekt beginnt. »Und für meinen liebsten Kunden«, wird sich da verarschend zugeprostet. Das sind Läden, in denen ich mein eigenes Spiegelbild im Schaufenster nicht ertrage. Das macht mich jedes Mal fuchsig, meine Innenwelt sich in deren Innenwelt widerspiegeln zu sehen. Da steht in mir etwas rigoros in Flammen. Ein Kontrast, der Zähne mit Meißel und Hammer herausbricht. Da fließt Blut um jeden Millimeter Erlösung.


Und doch, etwas Neid schwingt schon auch mit. Rami ist eine der gepflegtesten Erscheinungen, die ich kenne. Mit jeder neuen Kollektion, die seinen mageren Körper umhüllt, zieht er Aufmerksamkeit auf sich. Das kann er, das mit der Aufmerksamkeit. Heute umgibt ihn ein beiger Mantel mit Wasserfallausschnitt und Innenfutter aus Schaffell mit Toskana-Fasern, wie er mir im Laufe des Abends noch erläutern wird. »Mensch, Karsten, du musst dich dahingehend mehr bilden, sonst stehst du die nächsten zehn Jahre noch hier!« Er legt seine Einkaufstasche auf die Theke und setzt sich neben den stummen Mirko.


Bis heute weiß ich nicht, wieso jemand wie Rami seit geschlagenen fünf Monaten beinahe jeden Samstag hier runter gestiefelt kommt. Die »Bruchbude«, ein Laden am Rand der aller anderen Möglichkeiten. Unscheinbar hat sie sich in eine kleine Einbahnstraße verschanzt. Am Rande der Südstadt. Hier haben schon einige Existenzen ihren Abstieg gefeiert. Jedenfalls kommst du hier nicht her, wenn du Geld hast.

Hier herrscht kein Schnickschnack, was das Bier anbelangt. Wer hier Craftbeer bestellt, wird heraus gecraftet. »Lokales oder Warmes«, damit hol ich sie ab, die Verdutzten, die Herzerkalteten, die druffigen Nachteulen und Gesellschaftsrückständler. An meiner Theke sind mir alle gleichgültig.


Ein Blick nach draußen verrät mir heute zwei Dinge: a) Es gibt heute mächtig zu tun, weil b) die Plätze ruppefratzevoll sind. Ein Jahr, nachdem ich hier angefangen hatte, kam Chef auf die glorreiche Idee, neben der Eröffnung einer kleinen Küche den Sommer noch erfolgreicher zu gestalten. Wie ein Kind auf Ritalin bastelte er eigenhändig Tische im Hinterhof, zwischen Pfandkisten und ausrangierten Möbiliar, hämmerte, bohrte, nagelte, klebte und tackerte er vor sich hin. Seitdem stehen, vom Ordnungsamt scharf gehass-äugelt, eine präzise angeordnete Reihe an Tischen auf dem Bürgersteig. Zum Ärger der unmittelbaren Anwohner, Eltern mit Kinderwägen und Fahrradfahrern. »Soll’nse halt woanders lang laufen.«


Woanders lang ging es damals für Rami nicht. Eines Abends stand er vor unserem Eingang. Nervös rauchend, während der Regen die gesamte Stadt zu ersäufen versuchte. Wäre mir nur recht gewesen. Doch dann hatte Gina ihn zwischen dem fallenden Regen entdeckt und leicht zu lockende Kundschaft gewittert. Seitdem habe ich Rami nun jedes Wochenende hier sitzen.


»Wie immer, Rami?«

»Aber bitte doch, Karsten.«

Ein Lokales und ein Sambuca. »Ohne diese dummen Bohnen bitte und fang bloß nicht an, hier irgendwas anzuzünden.«

Während ich mich herum drehe und den Sambuca im Schrank suche, dessen Wand ein riesiger Spiegel ist, der die gesamten Thekenbreite einnimmt, höre ich Lars und Claudia, die auf der anderen Seite vom schweigsamen Mirko sitzen, darüber gackern, wo sie denn später noch aftern gehen können. Lars sitzt auf dem Barhocker wie verschüttetes Gurkenwasser: »Mja, weiß nicht, ne. Also, ne, weiß nicht.« Der Mund, aus dem diese Wortbrocken kommen, hatte mal mit 21 Informatik angefangen, wahrscheinlich mit diesem Funkeln in den Augen, wie viele Erstsemester das an sich haben. Mittlerweile an der Dreißig kratzend, mit Augenringkratern und abgekokeltem Schattenblick, ist davon nichts mehr übrig. Sein nerviges On-Off Anhängsel Claudia ist dauerhaft auf Sendung. Ich sehe sie immer mit offenem Mund dutzende Kaugummis zermalmen. Ihre blonde Frisur, eher ein blonder Topf auf ihrem Kopf, ist ein Understatement. Ihr Blick aus erfrorenem Blau ist kein Anschauen von Objekten, sondern ein Anstarren von Dingen. Claudias Berufung ist dies, das und jenes. Jedenfalls hatte sie mir das Mal, zusammen mit ihrer Nummer, gesteckt.

Und zuletzt zwischen aftern-Pärchen und indischem Bela B.-Imitat sitzt Mirko. Eine in sich zusammengefallene Existenz. Elektrofachhandelbesitzer seit über 40 Jahren, sogar mit Brief zum Meister, aber in all der Zeit zwei Azubis an den Rand des Nervenzusammenbruchs zusammengeschrien. Wenn Mirko nächstes Jahr in Rente geht, wird sein Laden »zu so einem schwulen Café mit Hafermilch gemacht, Karsten.« Mirko darf das nur sagen, weil er hier mittlerweile zum Landeninventar gehört und keiner sich an seiner garstige Art stört. »Der stirbt eh bald«, meinte Gina mal mit einem ernstgemeinten Lächeln.


Ich stelle Rami die Bestellung auf zwei Bierdeckel und mache Striche. Rami greift den Sambuca, prostet mir zu und versenkt das Gesöff in seinen Rachen. Dann zieht er das halbe Bier weg, atmet tief durch, und ext dann den Rest. »Mach mir ein Neues!«, er knallt das Glas auf den Deckel und seine Armkette, die ich vorher nicht bemerkt hatte, rasselt wie eine Klapperschlange. Er schaut mich direkt an, ich blicke zum Glas, dann zu ihm. Rami wechselt häufig die Farben. Dann wird seine Bitte zu einer Drohung. Sein teuer erkaufter Charme wird ätzend und schwerfällig. In solchen Momenten sehe ich ihn, Rami.

»Klar, hättest auch direkt Zwei bestellen können.«

»Du hast mir überhaupt nichts zu sagen, Kleiner.«

Sein Blick ist jetzt eine Herausforderung, als er seinen Kopf leicht zur Seite neigt. Eine Einladung, um sein verlogenes Spiel mitzuspielen. Ich greife zu einen der Biergläser, die vor mir stehen, packe mir mit der anderen Ramis Kragen und ramme mit meiner Rechten das Glas in sein Auge. Drehe es, bis es abbricht und Splitter in meine Hand jagen. Rami schreit auf, doch ich halte ihn am Kragen fest, verziehe keine Miene: »Du verfickter Hurensohn, was glaubst du eigentlich, wer du bist?«, sage ich, als mir unser Blut den Unterarm warm hinunterrinnt.

»Karsten?«, ich zucke aus meinem besinnlichen Tagtraum heraus. »Klar, Rami, mach ich dir.«


Ich zapfe sein Glas halb an und lasse es erst Mal stehen. Vor mir hat sich wieder eine Reihe an Getränkebons gebildet und erst jetzt bemerke ich Mikas und Dinas stechende Blicke. Ich scanne die Nachfrage und sortiere mir die Bons so, dass ich in kürzester Zeit die maximalste Kombination an Getränken abgefeiert bekomme. Zuerst immer die Kaltgetränke, dann die Heißen. Mehrere Biere, Alster, Cappuccini, Lattis und Tees später flitze ich runter in den Keller.


Zwischen jedem Finger eine Weinflasche, und unter den Oberarmen noch weitere eingeklemmt, schaukel ich hinter die Theke zurück. Dabei erspäht mein Blick die immer noch unbewegten, vollen Tabletts und eine Ader steht mir zuckend an der Schläfe vor. Eilig zapfe ich den Bieren eine neue Krone, haue auf die kleine Glocke, dass es nur so wrrrrringt und gifte Dina an, als die kommt, dass das Zeug jetzt Mal weg muss. Dina nickt. Dina nickt seit der Sache mit dem einen Tisch. Mehr bekomme ich von ihr nicht mehr. Ein Nicken, was bei Dina ja oder nein bedeuten kann. Wäre Daniel an dem Tag da gewesen, wäre das nicht passiert. Dem nicke ich seitdem nämlich auch nur noch zu. Der Typ ist ein absoluter Fehlgriff für den Laden, aber Chef und sein Vater kennen sich. »Das ist ein guter Studentenjob, da musst du gar nicht viel machen.« Und daran hält Daniel sich seit Beginn eisern.


»Karsten, ich brauch den Zacapa schnell, die wollen jetzt mit Saufen anfangen an Tisch 6.«, Mika steht mit ihrem Notizblock und einem Stift vor mir.

»Ist aus.«

»Ist aus?«

»Ja, Mika, ist aus. Das hab ich Euch am Anfang meiner Schicht feinsäuberlich aufgeschrieben und an Eure Kasse geklebt. Guck!«

Mika drückt den Rücken durch und schaut auf die Liste.

»Uppsi«, ihr Grinsen geht über ihr gesamtes Gesicht und ihre Augen blitzen auf, dass es in mir einschlägt. Wir wissen beide, dass uns das hier alles sowieso scheißegal ist. »Dann mach mir einfach irgendeinen, merken die sowieso nicht.«

»Dein Wunsch sei mir Befehl.« Ich greife irgendwo ins Regal, schütte irgendwie vier Gläser voll und stelle sie ihr aufs Tablett. »Dachte ehrlich, dass die Cocktails bestellen.«

»Wieso, sehen die so aus?«

»Jap, nach Sex on the Beach mit Augenzwinkern und ner Hand an meinem Arsch«, sie formt ihren Mund zu einem Kuss und kneift die Augen fest zu und verschwindet mit dem Tablett nach draußen.


Ich stelle den Fusel-Rum zurück ins Regal und wundere mich, dass überhaupt noch was da drin steht. Seit Chrissy den Chef hat sitzen lassen, ist irgendwas in ihm heruntergefallen und nicht mehr weggefegt worden. Hier ist fast alles aus, nicht da oder niemand weiß mehr, wo was ist. Letztens hätte ich fast allein im Laden gestanden. Chef macht wirklich alles in Eigenregie seitdem. Schichtpläne, Bestellungen, Veranstaltungsplanungen, Teammeetings, nebenher seine Kunst, die, mit der er nicht durchstartet, und sein Konsumverhalten ist mittlerweile auch auf einer anderen Bedeutungsebene unterwegs. Und am schlimmsten: er lässt niemalsda-Daniel hier arbeiten, wenn Not am Mann ist.

»Ist Gina eigentlich immer noch sauer auf dich?«, Mika steht wieder am Rand der Theke. Ich nicke nur. Als ich Mika etwas fragen will, meldet Rami sich zur Stelle. »Karsten, hast du nicht irgendwas vergessen?«, Rami sitzt mit aufrechtem Rücken zu mir hingewandt und ich schließe meine Augen. »Ach, scheiße, Rami! Dein Bier!« Während ich Ramis Bier durchziehe, fährt Rami die Auffahrt auf die Monologbahn auf und beschleunigt auf dem Redestreifen, während Mika wieder nach draußen verschwindet und mir ein paar neue Bons an die Theke gelegt hat. Eines mit einem kleinen Herzchen drauf gekritzelt. »Damit du Mal wieder lächelst«, hatte sie mal dazu gesagt.


Als ich Rami das Bier auf den Deckel setze und einen Strich hinzufüge, wärmt er die immer gleichen Geschichten auf. Davon, dass er sich einen Laden wie diesen kaufen wird, dass er amerikanische Sportwagen sammelt, wie andere Briefmarken. Damit malträtiert er mich jetzt seit Wochen. Und immer bekommt er nur ein dummes Grinsen von mir als Antwort. Ich mach dies das, jenes und überhaupt. Rami denkt echt, er wäre ne Leuchte, aber am Ende des Tunnels sehe ich jedenfalls kein Licht für ihn. Es gibt jedoch eine Geschichte, die anders war, als die vielen anderen zuvor. Vor ungefähr zwei Wochen kam Rami hier rein. Kein Lächeln, keine Extravaganz. Keine Luftküsse und schon gar kein »wie immer, Karsten«. Fast wie zusammengekauert saß er an meiner Theke, bis ich mich seiner erbarmte und fragte, was los sei. Dann begann er zu erzählen. Wie sein Vater in seinem Heimatland verstorben sei, das große Indien. Wie er es letztes Jahr nicht geschafft hatte, ihn ein letztes Mal zu besuchen. Erzählte von der Schuld, die ihn seitdem den Verstand wegfrisst. Da lag plötzlich so eine Leere in ihm, diesem Rami, den ich das erste Mal fühlen konnte. Dass er sich das erste Mal in seinem Leben wie verlassen, fast verloren fühlen würde. Er erzählte von der Angst, die er nicht mehr los wird, dass es nie mehr sein wird, wie es war. Das dieses Gefühl für immer bleiben wird und dass alles, was er sieht, nicht mehr von Bedeutung sei. Von einer Angst, die jetzt immer bleiben wird, seitdem sein größtes Vorbild nicht mehr ist. Mir nicht besser zu helfen, erzählte ich ihm dann von meiner Angst. Dass sie bis heute noch da ist, aber sie wie ein Freund geworden ist. Jemand, der da bleiben wird. Es sind manchmal die Tragödien, die uns zu Menschen machen, wollte ich ihm noch sagen, doch Rami war schneller wieder der Alte, als ich’s fassen konnte. Während Rami das Dritte bestellt, zapfe ich meine weiteren Biere durch. Drei für euch, eines für mich.

»Karsten, gefällt dir das hier eigentlich? Den ganzen Tag für andere arbeiten?«, Rami spielt mit seinem Daumen an seinen Ringen und schaut mich desinteressiert an.

»Rami, siehst du das?«, ich hebe meinen Gin Tonic und trinke die Reste. »Das, das ist Alkohol während und nicht nach der Arbeit«, und Rami gibt mir ein ichverstehe-Lächeln. Doch mein Sarkasmus ist nur eine Ausweichtaktik. Ausgewichen von der Trennung von Isabella und dem Rausschmiss aus meiner eigenen Bude. Das Wochenlange auf dem Boden schlafen bei Richard, der nur drei Tage pro Woche schläft. Vom Pfand leben. Der Barmherzigkeit Zahids, dem Küchenchef »aber nix Chefe sagen«, als er mir einen to go Behälter voll schaufelt. Die Abende bei Freunden und Bekannten, wo ich unnötig länger blieb, um beim Abendessen mitessen zu können. Dann der riesen Zoff mit Richard, der sein Pep nicht mehr gefunden hatte und mich beschuldigte, ihn schon immer beklaut zu haben. Von den Schulden, die ich über die Zeit gemacht hatte. Und das ich nur dank dieses Jobs wieder halbwegs auf die Beine gekommen war, als Chrissy bei Richard zum Einkaufen saß und sagte, dass sie jemanden wie mich gut gebrauchen könnten.


Rami erzählt jetzt von seinen Designerklamotten und dem, was er da die ganze Zeit in der Tüte hat - »Interessiert dich das gar nicht, Karsten? Du bist ein schlechter Gastgeber« und es zuckt in meiner rechten Hand. Im Laden sind uns mittlerweile geschlossen einig, dass Rami ›Arbeitslosengeld II‹ noch nicht in seinen Wortschatz aufgenommen hat und eher Euphemismen wie »Investitionen« bevorzugt. Aber woher er sich den ganzen teuren Kram dann leisten könne, hatte ich Dina gefragt. Rückgaberecht, war ihre Antwort.

Während Rami mir jetzt einen neuen Kaschmir Pullover zeigt, glüht bei mir die Zapfanlage. Es ist draußen jetzt Rambazamba angesagt. Die immer zittrige Nadel in meinem Stressbarometer zuckt in den gelben, fast dunkelorangeroten Bereich. Jetzt geht es nur noch ums pure Überleben. Tisch 6 bestellt weiter Rum, Lars brabbelt durch seinen Kinderschnurrbart irgendetwas von »könnte man ja auch noch anrufen, könnten wir anrufen, vielleicht geht da was«, während Claudia ihre eigenen Zähne zerkaut. Mirko starrt auf sein Bier, als wolle er es zum Schweben bringen und Ramis Lippen bewegen sich, aber ich höre nur noch meine eigenen Gedanken. Die kommenden zwei Stunden vergehen wie eine einzige, große Bewegung. Rami trinkt ein Bier nach dem anderen, Mirko starrt weiter Löcher in Flüssigkeiten und Lars und Claudia beginnen einen Streit, in dem jeder mit sich selbst zum anderen spricht. Mika und Dina sind nur noch Bewegungsunschärfe auf Fotografien. In der Küche ist ein einziges Fluchen und Geschrei, während mir die ersten Getränkebons auf den Boden fallen, weil die Theke nicht breit genug ist. Eis auffüllen, Küche mit Getränken ruhig stellen, Mika kurz in den Arm nehmen, weil Tisch 6 endlos gemein ist und dann zusammen lachen, was für Opfer das eigentlich sind. Gina nickt ununterbrochen allem zu, was ich zu ihr sage. Ja, nein, ja, nein. Hinter der Theke laufe ich auf die 10 Kilometer Wegstrecke zu. Bier fließt mir über die Hände, Limettensaft brennt in kleinen, aufgerissenen Stellen in der Hand. Spülen, immer das Spülen neuer Gläser, weil es keine Reserven gibt. Ich könnte ab hier die Augen schließen und alles würde funktionieren.


»Wow, das eine Arschloch hätte mir den Geldschein am liebsten in den Slip gesteckt«, Mika verdreht die Augen, steckt sich den Finger in den Hals und krächzt mir hinter die Theke. Großes Kino. Dann wieder Nicken. Ja, nein, ja, nein. Ich weiß es nicht. Lars und Claudia glühen weiterhin ordentlich vor, oder nach, bin ich mir bei denen nie sicher. Mehrere Weinflaschen pro Nase und dutzende Shots. Ob die beiden das eigentlich merken, dass sie Alkoholiker sind oder leugnen die das ebenfalls? Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Rami’s Deckel erinnert langsam an ein entstelltes Zebra und Mirko fängt nun auch langsam an zu sprechen, was mir die Arbeit nicht gerade leichter macht. »Wat bin ichn froh, wenn ich in Rente bin. Dann hat das alles endlich nen Ende.« Und bei mir hören die Bestellungen nicht auf. Ich spüle in Windeseile einige Gläser durch, bis sie dann schon wieder raus gehen. Und dann kommt auch noch, was kommen muss. Das Fass ist alle. Mir sprüht beim Zapfen die Kohlensäure den Bierschaum auf die Klamotten, über die Arme und in die Augen. Ich will morden. Schnell in den Keller, den Kopf an der Decke stoßen, die schwere Kellertür aufschließen, ins Kühlhaus, den Bierkeg ab und einen neuen wieder anschließen. Schnell aus einem Kasten ein Flaschenbier gefischt und auf ex weggeatmet. Aufstoßend stehe ich wieder oben, zapfe den Schaum aus der Leitung, bis das ganze wieder wie gewohntes Bier aussieht.


»Ich muss weiter, Karsten, was bekommst du?«

Endlich. »Schade, Rami. Hab dich doch so gern hier sitzen«, wenn ich nicht arbeite. Ich beäugel Ramis Bierdeckel, bekomme aber die Summe nicht zusammen, während jetzt die Longdrinks Bons rein kommen. »Machen wir mal wie immer heute?« »Wie immer, Karsten. Wie du magst.« Rami steht auf und zieht sich die Geldbörse aus der Gesäßtasche und legt mir zu viel Geld auf den Tresen »Stimmt so.«

Das will ich auch stark hoffen. »Danke, zu gütig, der Herr!« und dann verlässt die Extravaganz den Laden und nichts hat sich geändert. Ich schiebe mir die Scheine direkt in meine eigene Tasche. Schadensersatz. Ich mache die Longdrinks fertig und mich gleich dazu, indem ich mir ein paar Shots mit Lars und dem Stahlgebiss rein pfeife, um auf Betriebstemperatur zu bleiben. Als der Ansturm endlich keine Lust mehr hat, kommt Mika zu mir hinter die Theke und hilft ein wenig beim Aufräumen und Spülen.

»Hat Rami eigentlich Trinkgeld gegeben?«

»Ne, wieder nicht. Der gibt nie welches.«

»Ja, hab ich von den anderen auch schon gehört«

»Was ein Pisser«, ich klinke meinen Arm um Mika und drücke sie etwas an mich.

»Hast du eigentlich was von deinen Bewerbungen gehört?«, fragt Mika und mein Griff lockert sich wieder.

»Ne, bisher nicht«, nur Absagen.

»Und wie läufts momentan mit deinem Freund?«, will ich wissen, doch Mika antwortet nicht. Das hat alles oder nichts zu bedeuten und ist wohl ehrlicher als jede Antwort, die sie geben könnte. Sie löst sich aus meinem Griff.


»Muss dann mal ein paar Tische draußen abräumen, sonst nickt Dina mir am Ende der Schicht auch nur noch zu« und verschwindet lachend nach draußen. Zu meiner Elendsrunde schauend: »noch eine letzte Runde?«, ehe ich euch endlich los bin. Lars lallt, Claudia starrt mich an, als hätte ich sie eine ›impertinente Fotze‹ genannt und Mirko hält nur schweigend sein Glas über die Theke.

Ich drehe mich herum, nehme den Sambuca und fülle ihn komplett in ein riesiges Glas. Langsam, bis der letzte Tropfen aus der Flasche entweicht. Aus einer kleinen Schublade im Schrank nehme ich mir eine Streichholzpackung. Dann zünde ich die das dickflüssige Gesöff an, die Flammen beleben meine Augen. Es in meiner Hand halten, starre ich Mirko an, der nicht registriert, was hier gerade passiert und schütte ihm dann mit ruhiger Hand die brennende Flüssigkeit über den Kopf, sodass er in Nullkommanix in Flammen steht. Sein Schreien füttert die stichelnden Flammen. Lars und Claudia können nicht begreifen - nicht verarbeiten, was sich vor ihren Augen abspielt. Mirko ist ein einziges Zittern. Ein wild gewordenes Wespennest voller bewegender Farben aus Hitze und schmelzender Haut. Sein Gesicht altert in den Flammen in absoluter Geschwindigkeit, verfärbt sich, während er mit den Händen lustig umher wackelt. Wahrscheinlich brennt Mirko das erste Mal in seinem Leben für etwas. Zwischen Mensch und Flammen nehme ich kaum mehr einen Unterschied war. »Der stirbt eh bald«, sage ich zu ihm.

Nachdem ich jedem der Drei ihre Getränke nachgefüllt habe, Lars und Claudia sich jetzt wieder ein Glück und ein Elend sind und Mirko mich bemitleidend ansieht, hebe ich mein Glas und proste ihnen zu. »Cheers«, und exe mich weg.




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Angekommen

VON JONAS MIETH // In meinem Bett liegt ein Mann, der mir Fragen stellt, auf die ich keine Antworten habe.

Irgendwohin

VON SAMIRA SERVOS // Ezra schüttete eine weitere Ladung Allzweckreiniger auf das Sofa