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Die Haut, in der sie wohnt

VON JUDITH MARLIES BARTH //




I


“Meine frühere Freundin war wie Marilyn, ein Mensch ohne Haut, gleichzeitig eine Maschine”, hast du gesagt und ich kaufte mir die Norman Mailer-Biografie, um herauszufinden, wie sie war, weil ich mich nicht traute, zu fragen und weil ich über alles Bescheid wissen wollte. Ich wollte die Person kennenlernen, die du warst, bevor sich unsere Wege gekreuzt haben. Ich hätte gern einen Film gesehen über dieses Leben mit all seiner Trivialität, mit kleinen, aber dramatischen Höhepunkten ab und an, sehr wohl gesetzt, mit Menschen, die schön waren, aber nicht zu schön. Eben schön genug, dass man sich noch mit ihnen identifizieren konnte. Ausgeleuchtet, aber wackelig. Du wärst ein schöner Indie-Film. Es gab nicht viel her das Buch, obwohl es poetisch war, sogar sehr, aber ich konnte sie mir nicht ganz vorstellen.

Möchte ich ihr ähneln? Ja, weil du dich offenbar einmal in sie verliebt hast. Nein, weil vor der Freundin jetzt zwei Buchstaben stehen. Ex. Ich habe das früher nicht verstanden, warum die Leute Dinge “auf Ex” trinken, meistens goldfarbene Flüssigkeiten, die am Boden kleben bleiben. Wenn sie das Glas absetzen, verziehen sie das Gesicht. Ich dachte, es hätte etwas mit Verflossenen zu tun.


II


Die Haut, in der sie wohnt, stelle ich mir durchscheinend vor, so pergamentartig, dass man alles sehen kann, was darunter geschieht, alles was sie ist und was sie ausmacht. Adern die aussehen wie Ranken und die sich um alle ihre Gliedmaßen winden. Ich hab sie mir schon so oft vorgestellt, dass ich ein sehr konkretes Bild von ihr im Kopf habe, das wahrscheinlich rein gar nichts mit ihr zu tu tun hat, aber mit dem ich jetzt lebe und irgendwie ist sie mir zu einer Begleiterin geworden im Alltag, zur einer Figur, an die ich oft denke und von der ich mich frage, was sie wohl für Bücher mag, was für Musik und ob sie manchmal tanzt, nachts allein vor ihrem Spiegel. Ob ihre Haut wohl kleine Fältchen um die Augen hat (weil du sie zum Lachen gebracht hast) oder um den Mund (weil du ihr Kummer bereitet hast). Oder ob sich ihre Augen wohl verengen, wenn sie lächelt.



III


Manchmal denke ich an den Ring, von dem du sprachst, den mit der Schlange, die aus grünlich-kalten Swarowskisteinaugen die Welt beobachtet, mit dem Körper aus Sterlingsilber der sich um ihren Mittelfinger windet. Ob sie ihn noch trägt? Obwohl du ihn ihr geschenkt hast? Vielleicht hat sie sich gehäutet, seit du weg bist. Vielleicht ist sie jetzt eine andere. Ganz sicher ist sie anders als in der Zeit, in der ihr zusammen wart. Alles verändert sich. Mir macht das Angst.



IV


Ich stelle mir vor, wir träfen uns auf einer Party, ganz zufällig, irgend so ein Künstler-Ding. wir säßen uns gegenüber auf der Samtcouch und ich würde ihr nicht sagen, dass ich ja schon alles, alles über sie weiß. Ich würde sagen: “Du siehst aus wie ein Gemälde heute Abend”, sie würde fragen: “Von wem?” und ich würde dann antworten. “Ich weiß es nicht. Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.” Im Hintergrund würde ein albernes Lied über alte Lieben laufen und ich würde immer weiter in das Sofa rutschen und mich ein bisschen auflösen im Stimmengewirr. Irgendjemand hätte angefangen “WE’RE NOT REALLY STRANGERS” zu spielen und ich würde das für ein Zeichen halten, weil ich alles für ein Zeichen halte. Ich würde am Schild meiner Bierflasche rumzupfen und die Welt wäre sehr in Ordnung.



V


Weichheit ist es, die ich mit deiner Haut verbinde und kleine Härchen, die ganz unregelmäßig gewachsen sind. Wie dahin gepustet. Du siehst ein bisschen abgewrackt aus in letzter Zeit, aber das gefällt mir. Als hätte man dir mit einem blauer Tusche unter den Augen rum gewischt. Überhaupt finde ich übermüdet überschön. Übermüdet heißt, dass man für was brennt. Oder ausgebeutet wird. Aber du wirst nicht ausgebeutet. Du brennst. Geht auch nicht anders, weil hot. Ich muss das schreiben. Manchmal kleben lose Wimpern auf deinen Wangen Ihre Anzahl erscheint mir übermäßig hoch.



VI


Vielleicht arbeitet sie in einem Museum, in einem Museum über Stadtplanung. Vielleicht entwirft sie Metropolen und ihre Zukunft. Es könnte sein, dass ihre Haare dunkel sind und aschig, dass sie sich sehr erhitzen, wenn die Sonne darauf fällt. Ich stelle sie mir vor, wie sie spazieren geht im Monbijoupark und auf einer Bank sitzt und einen Roman liest. Mir fiele wieder dieses Lied ein, ich glaube, es heißt “Der Tag beginnt” und dann fände ich es doch unpassend, weil es bald schon früher dunkel wird.



VII


Ich lege meine Hände an meine Stirn und sie sind kühl. Du hast sie oft geküsst und ihre wohl auch und darum haben wir beide uns nun vielleicht auch ein bisschen geküsst. Ich stelle mir uns zu dritt vor. Ich glaube fast, ich bin ein bisschen verliebt.



VIII


Es gibt da ein Sommerhaus, es gehört deiner Tante, da saßen oft wir in der Küche und zwischen uns stand Wein und anderes. Manchmal haben wir gestritten, aber nie ernst gemeint. Manchmal war ich eifersüchtig, weil ich dachte, das macht man so. Da hängt ein Bild von dir, das sie geschossen hat, du trägst darauf ein Leinenshirt und Shorts und dein Gesicht ist braun gebrannt. Du hältst einen Kochlöffel in der Hand und rührst in etwas Undefinierbaren auf dem Herd. So hat sie dich gesehen. Was hat sie gedacht, in dem Augenblick, als sie auf den Auslöser drückte und es kurz klickte? Was habt ihr wohl gekocht? Die Zartheit deines Lächelns auf dem Bild rührt mich, denn du siehst aus, wie jemand, der sehr glücklich ist und ich mag es, wenn du glücklich bist. Nichts mag ich lieber auf der Welt.



IX


Ich weiß nicht, wie sie heißt, ich habe ihren Namen vergessen, du hast ihn mir gesagt, aber dann ist er mir entfallen und ich habe nicht weiter gefragt. Ich kann mir einen ausdenken, aber keiner scheint passend. Letztens habe ich von einem Model gelesen, das sich einen Künstlernamen zugelegt hat, der ihm im Traum gekommen ist. Ich drehe verschiedene Silben im Kopf hin und her und bin mir sicher, es ist etwas Klassisches und dennoch Extravagantes, etwas Herbes, kein Mädchen-Mädchen-Name.


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