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Die Insel Lügen

VON INGO BARTSCH //


Auf der Insel Lügen gibt es kein Corona. Niemand hier war oder ist infiziert. Inzidenz: 0 auf 100.000 Lügnerinnen und Lügner. So ist das auf der Insel Lügen, und ganz Deutschland schaut mit erhobenen Augenbrauen auf dieses Eiland.


Ein paar Zahlen und Fakten zur Insel Lügen: Die Einwohnerzahl schwankt zwischen 50 und 5.000.000, je nachdem, wer gerade Auskunft gibt. Obwohl die Insel auf Googlemaps nicht zu finden ist, ist sie riesengroß, größer als Sylt, vielleicht so groß wie Sachsen-Anhalt. Historiker mutmaßen, Hitler persönlich habe einen speziellen Führerflunker auf Lügen bauen lassen, aber das kann auch einfach ein albernes Wortspiel sein. Das Bruttoinselprodukt betrug zuletzt 10 Billiarden Euro. Partnerstädte sind Schwindelfingen und Entenhausen, die beide wiederum selbst auf Lügen liegen. Die Lügner lassen sich nicht so gerne mit den Leuten vom Festland ein, sie haben sogar ihre eigene Lügenpresse.


„Es gibt keine Pandemie, und es hat nie eine gegeben“, verkündete dort zuletzt der Bürgermeister von Lügen in einer Botschaft an alle Lügnerinnen und Lügner. „Ich bin von ganzem Herzen und seit meiner Geburt ein Lügner, und wer auch immer behauptet, es gäbe Fälle von Corona in Lügen oder auch nur in der Nähe von Lügen, der sagt die Unwahrheit und der hat, liebe Lügnerinnen und Lügner, von Lügen keine Ahnung. Und als Politiker, der keiner der etablierten Mainstreamparteien angehört, stelle ich der Bundesregierung ein schlechtes Leugnis aus.“


Ja, auch hier ist die Lügner Bevölkerung besonders. Viele Wörter, die im Rest der Republik mit einem Z beginnen, fangen auf Lügen mit dem Buchstaben L an, denn L ist auf Lügen so etwas wie ein Nationalbuchstabe, auch wenn Lügen keine Nation ist. Beispielsweise sieht die Lügnerin nichts, weil es lappenduster ist. Der Lügner nimmt nicht den Zug, er reist per Lug. Auch heißt es Lugluft, in der ein oder anderen Region Lügens gar Trugluft, eine sprachliche Mutation, wie etwa auch in der Wendung „in Betrug auf“. In Betrug auf die Komplexität der Sprache liegt Lügnerisch noch vor Deutsch, man lernt diese Sprache sicher nicht trügig. Connaisseure des Lügnerischen etwa wissen, dass aus Tr nicht L werden kann; rechneten Nicht-Lügner beim Staatsbesuch des amerikanischen Präsidenten mit Donald Lump, so wurde doch ganz einfach nur Mr. President Trump empfangen, der übrigens Quartier im nobelsten Hotel auf Lügen betrog. Noch ein Beispiel für die Besonderheit der lügnerischen Sprache: Der höchste Berg auf Lügen ist nicht die Lugspitze, wie viele glauben, sondern die Trugspitze, bekannt für ihre Artenvielfalt, so etwa die äußerst unbeliebte Lecke oder die berühmten Bergliegen, die schon zu vormenschlicher Zeit – nicht Leit! – über die lackigen Felsen logen. Zugegeben, es gibt traditionalistische Logen auf Lügen, die in bestimmten Lagen liegen, und die im Truge des Beunwahrens der lügnerischen Wurzeln im Deutschen sogar bewusst die Eigenheiten Lügens leugnen und, betrogen auf das Ersetzen von Z durch L, eine Rolle rückwärts vollführen – sie bezeichnen sich dann selbst als Zügner aus Zügen und sind dabei wirklich nicht limperzich. Manch ein Lügner verleiht ihnen das nicht und streckt solchen Leitgenossen gerne mal die Lunge raus.


Lurück, pardon: Zurück zu Corona. Alle Lügnerinnen und Lügner sind überzeugte Maskenverweigerer. Das ließ sich ganz wunderbar beobachten, als sich eine große Menge Menschen aus Lügen und ihre Sympathisantinnen und Sympathisanten zu einem trünftigen Demonstrationslug in Leipzig zusammenfanden, um auf dem Festland für die Freiheit und die Grundrechte einer jeden Lügnerin und eines jeden Lügners zu marschieren. Denn noch nie hat ein Lügner oder eine Lügnerin eine Maske angelogen, und das sei, wie man so schön sagt, gut so.


Lack! Die Worte des Bürgermeisters von Lügen trafen die Regierenden in Berlin mit voller Wucht. Null Infizierte, keine Pandemie? „Fake News“, äußerte sich der Regierungssprecher verschnupft, versprach jedoch, man wolle die Sorgen der Lügnerinnen und Lügner ernst nehmen. Damit konnte sich der Lügner Bürgermeister freilich nicht zufrieden geben. Er retournierte, die Bundesregierung reagiere auf Fakten und Beweise nur mit „fauler Trauberei und Loten“, was viele Lügnerinnen und Lügner noch viel zu lahm fanden – „lahm wie eine gelähmte Bergliege“, wie es in einem Kommentar in der Neuen Schwindelfinger Leitung hieß. Die diplomatischen Beziehungen zwischen Berlin und Lügen seien „eine tickende Leitbombe“. Es sei bereits soweit, dass Lügnerinnen und Lügner in vielen deutschen Städten nicht einmal mehr Trimmer in Hotels vermietet bekämen, und wenn sie ein Flugzeug verließen, würde ausgerechnet ihr Gepäck überproportional oft vom Troll durchsucht.


Immer wieder trifft man im Bundesgebiet auf Lügnerinnen und Lügner, die keinen Mund-Nasen-Schutz tragen und sich auch nicht belehren lassen wollen; aber schließlich gibt es auf dem Festland Corona, und es kann doch nicht die Absicht der Lügnerinnen und Lügner sein, dieses Virus auf ihrer schönen Insel zu haben. Auf den freundlichen Hinweis, bitte außerhalb Lügens eine Atemschutzmaske zu tragen, strecken einem die Insulaner nicht selten die Hand entgegen und antworten in primitivster Leichensprache. Das typisch lügnerische Temperament.


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