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DINOSAURIERHAUT

LISA-VIKTORIA NIEDERBERGER //


Eine Seniorin in hippen, pinken Sneakers fotografiert Enten mit dem Smartphone und lacht dabei. Auf dem Bauch seines schlafenden Fraulis sitzend, ein aufmerksamer Hund. Alle Parkbänke hat er im Auge, den großen, dunkelgrünen Teich, vielleicht überhaupt das ganze Universitätsareal. Sieht er auch, dass der Mann auf der Bank neben ihnen der Postler ist? Hat er ihn vielleicht schon einmal niedergebellt, oder ist das ein Hundeklischee? Statt des gelben Arbeitshemds trägt der Postler heute obenrum nichts. Er ist ein hagerer Mann, sicher erst Mitte vierzig, obwohl er viel älter aussieht. Es ist die Schichtarbeit, die auszehrt, frühes Aufstehen und das viele Treppensteigen, vermutet Alina und versucht, nicht zu auffällig hinzusehen. Der Postler hat Stacheldraht tätowiert, der sich um den Bizeps schlängelt, den Unterarm und hinter das Schulterblatt. Alina kann sich den Postler gut vorstellen, auf einem RAVE vor 20 Jahren und jetzt sonntags am FKK-Strand am Pleschingersee, in einem Swingerclub vielleicht. Der Frühlingswind trägt einen Hauch des Aftershaves vom Postler zu ihrer Bank am Teichufer und sie hat einen Flashback zu dem Vormittag letzte Woche als er zu ihr ins Vorzimmer gekommen ist. Sie den blitzblauen Brief vom Finanzamt bekam, dessen Erhalt sie ihm mit einem Schwung ihrer schwitzigen Finger auf seinem Unterschriftenpad bestätigte. Den Brief, den Alina nicht so leicht ignorieren konnte, wie all die Mahnungen davor, weil sie der Geruch des Postlers in ihrer Wohnung tagelang an seine Existenz erinnerte, egal, wie oft sie trotz des Baustellenlärms von gegenüber alle Fenster aufriss.

Hier am Teich aber gibt es keine böse Post, vor der sich Alina fürchten muss. Keine Briefe, die Absagen für Förderungen und Heizkostenzuschüsse enthalten. Keine Rechnungen, keine zweiten und letzten Mahnungen. Der Teich ist ein Savespace geworden, jetzt wo sie die Übungen macht, versucht, ihre Tabletten langsam ausschleifen zu lassen und sich wieder ans Draußensein zu gewöhnen, wieder fit für den Arbeitsmarkt zu werden. Teichhühner gibt es: schwarzes Gefieder, rotes Gesicht, gelbe Füße. Man kann das Knie der Teichhühner erkennen, wenn man genau schaut und wenn sie gehen, bewegen sie die Hüften, wie ein T-Rex. Was da durch die im Zuge der letzten Umbauarbeiten angelegten Beete stolziert und frisch gestreute Grassamen aufpickt, ist Evolution, wie aus dem Bilderbuch.

Plötzlich Wolken statt Sonne und eine Hundertschaft an Dohlen, sie landet auf den Ästen der Birke, die mittig auf der Insel im Teich steht. Dohlen ergo graue Wächter, denkt Alina und macht eine Notiz in ihrem Ideensammelbuch. Der Postler streckt sich, holt eine Digitalkamera aus den seitlichen Taschen seiner Baggypants und fotografiert die Insel, den Vogelschwarm. Alina kann sich das Bild gut vorstellen. Graue Vögel, grauer Himmel, graues Universitätsgebäude. Nur ein Baum auf der Insel leuchtet grüner als alle anderen, so als hätte jemand nachts heimlich jedes einzelne Blatt mit neonfarbenem Textmarker bestrichen.

Alina stellt sich vor, die Speicherkarte aus der Digicam des Postlers im Sand zu vergraben, diesem Sand, den die Universität aufschütten hat lassen, um Beach-Flair zu erzeugen. So nennt es der Prospekt vom Campus der Zukunft, den Alina als Anrainerin vor ein paar Wochen im Stiegenhaus gefunden hat. Und in fünfhundert Jahren werden Archäolog*innen die Speicherkarte des Postlers finden. Wenn die Universitätsgebäude verfallen, alle Bücher darin längst verschimmelt oder von Mäusen gefressen, die Whiteboards zerbröckelt sind. Der Teich komplett verschilft. Die Halme würden sich noch immer im Wind wiegen, vielleicht sogar lauter rauschen, wenn keine Menschen mehr zuhören. Halme im Wind ohne Autobahn, ohne Flugzeuglärm, ohne Rasenmähtraktoren, ohne Smartphonelautsprecher. Außerdem würden die Bäume an der Wasserkante wild wie Mangroven gewachsen sein, und Storchennester auf dem Turm der naturwissenschaftlichen Fakultät. Die Enten, schon lange nicht mehr mit Brot gefüttert, wären nicht verhungert und verkümmert, ganz im Gegenteil, mit ihren massiven Körpern und Landeanflügen auf die Wasseroberfläche: mehr denn je die Küstenaufklärungsflugzeuge der Fauna. Die Archäolog*innen der kommenden Zeit würden hier erforschen wollen, was wir für Wissen gehalten haben, 2021; wie wir es gelehrt haben, vermittelt und angewandt, am Campus der Zukunft. Stattdessen würden sie die Speicherkarte des Postlers finden, mit seinen Fotos Rückschlüsse ziehen auf das Heute. Sich eine Zukunft auszumalen, eine Parallelwelt: ein guter Weg, das Momentane und die Sorgen auszublenden, findet Alina. Sich nicht zu fragen: Warum kommen alle meine Bewerbungen retour, soll ich lügen, über die letzten beiden Jahre? Wieso sagt einem niemand, dass Erwachsensein so teuer ist, dass nichts von dem, was wirklich hilft, die Krankenkasse zahlt?

Autolärm. Ein Pritschenwagen und Gerätschaften: Seilwinde, Kettensägen. Männer in Schutzkleidung und Helmen bereiten einen Arbeitsplatz vor. Da, wo zwischen Bibliothek und Cafeteria drei mächtige Platanen so von der Architektur bedrängt werden, dass die Mauern beinahe die Rinde berühren, heben sie ihre Werkzeuge von der Ladefläche und parken den Wagen so, dass der angrenzende Radweg nicht mehr benutzt werden kann. Absperrband wird weitläufig angebracht, rot-weiß-gestreift flattern die Enden im Wind. Eine Familie mit Kind am Laufrad wird verjagt, ein Herr mit Pudel und zwei Studenten mit dicken Büchern.

Und da sieht Alina sie: die leuchtenden, knallorangen Kreuze an den Bäumen. Das wird kein Baumschnitt, das wird eine Fällung. Wie wenn Erkenntnis ansteckend wäre, etwas Lebendiges, ein unsichtbares Wesen, das von einem Hirn zum nächsten springt, erfasst sie nun alle, die da bis eben noch auf den Sitzgelegenheiten am Ufer entspannt haben: Alina, den Postler und das Frauli, das seit dem Gepiepse des revidierenden Fahrzeugs nicht mehr schläft, sondern schaut, und vielleicht auch den Hund, der jetzt mit einem Stimmvolumen, das gewaltiger ist, als man es bei so einem Terrierkörper vermuten würde, die Arbeiter ankeift.

„Nicht auch noch da, nicht auch noch bei uns!” sagt die Dame mit den pinken Sneakers und fotografiert jetzt sich anbahnende Baumarbeit statt gründelnder Stockenten. Alina weiß: in dieser Stadt haben Bäume es schwer. Es werden Kastanien gefällt und alte Pappeln. Die Hainbuchenhecke zwischen Autobahn und Tierheim. Jetzt sieht man von der Abfahrt bis in die Käfige hinein, bis in die Futterschüsseln, den Streunerkatzen in die verpickten Augen.

Was tun müsste man, denkt Alina, steht auf und tritt von einem Bein auf das andere.

„Was tun müsste man” sagt der Postler und „In Deutschland, habe ich letztens gesehen, da sitzen Studierende und so schon jahrelang auf Bäumen. So richtig mit Baumhäusern, damit ein Wald nicht gefällt wird. Wo sind die hier?” Würde es Widerstand geben von den Menschen hier am Campus, wenn nicht alle im Distanzunterricht wären? Alina muss das hoffen, weil sie es nicht aushalten würde, wenn’s nicht so wäre. Wenn Pflanzen und Tiere leiden, leidet sie mit, ist es ein glühendes Eisen im Gehörgang, ein Nagel in die Kniescheibe, ein von innen zerfetzt werden, ein gefühltes.

Alina wünscht sich oft schöpferische Allmacht, statt Hochsensibilität: all die Teilnehmenden der studentischen Aufstände 1968 mit einem Schnipps ihrer Finger hierher: Mit Häkeltops und Schlaghosen auf die Bagger, Blumen und Peace-Zeichen überall. Bäume umarmen, statt Bäume umschneiden. Mit einem Schnipps: Daumen und Mittelfinger der linken Hand fest aufeinanderpressen und in die entgegengesetzte Richtung bewegen. Nichts passiert, aber die Männer in Sicherheitskleidung beginnen, auf Bäume und den Boden zu zeigen und zu messen, zu markieren.

Und plötzlich sieht Alina sich selbst zu, wie sie ihr Buch, ihre Wasserflasche und ihre Leuchtstifte wieder in den Rucksack stopft und rennt. Reptiliengehirn auf Vollautomatik: hat eine Bedrohung erkannt und sich für Angriff, statt Flucht entschieden. Über den Sandstrand, die Füße voran über eine Bank, sportlich wie nie. Am Pritschenwagen mit Baggern und Kettensägen, Metallmonstern und den Arbeitern vorbei. Im Sprung beide Hände um den untersten Ast einer der Platanen, die Füße gegen den weißlichen Stamm mit dem X und den Flechten und irgendwie rauf. Weiter rauf, bis in die Krone, mit einem pumpernden Herz und einem Seufzer. Den Kopf gegen den Stamm lehnen und kurz die Lider schließen, weil vor den Augen Sterne und durchsichtige Haferflocken explodieren. „Und jetzt?” schreit eine Stimme und als Alina die Augen wieder öffnet: auf den Bäumen neben ihr die anderen. Keuchend wie sie und ebenso hin und her rutschend auf den Ästen in gut drei Metern Höhe, der Postler und die Hundebesitzerin.

„Ich bin übrigens … “ will die gerade rufen, aber Alina unterbricht sie. „Nicht! Sag lieber kein Wort, von dem die auf deine Identität schließen könnten”, und meint die Polizei, die sich wie aus dem Nichts manifestiert hat. Neben den Baggern jetzt Einsatzwägen, eine Rettung, die Feuerwehr, noch mehr Absperrband. Als hätte Alina in einem Film ein paar Szenen versäumt, sind da plötzlich dutzende neue Menschen. Die Hundefrau nickt und verstummt. Ihre Wangen leuchten rot und sie hat sichtlich Angst, wirkt, als hätte man sie auf den Baum gezaubert, als wüsste sie nicht, was ihr passiert ist. Der Hund, am Fuße der Platane sitzend, blickt zu seinem Frauli nach oben, hüpft am Stamm hoch. Sie beruhigt ihn mit kleinen Keksen, die sie aus ihrer Bauchtasche zieht und nach unten wirft, bis auch einer der Polizeihunde betteln kommt. Groß sind die Polizisten alle, mit Schultern ausladend wie Biedermeierkredenzen, bullige Minotauren, und Alina könnte schwören, manchen staubt wirklich die Wut aus den Nüstern, weil sie hier Menschen auf Bäumen, statt eines prestigeträchtigen Verbrechens bekämpfen müssen.

„Holen Sie mir diese Leute da herunter!”, schreit ein Mann im Anzug und fuchtelt einem Polizisten mit Plänen vor dem Gesicht herum, das eigene knallrot. Genau, ausgedruckte Pläne, wie antiquiert, denkt Alina. In ihrer Welt gibt es offenbar noch keine Tablets, da geht Fortschritt langsamer. Und wie der Mann, der der Rektor sein muss, sagt, dass hier nächste Woche betoniert wird, und bis dahin nicht nur die Bäume wegmüssen, sondern auch die Wurzeln, für den gläsernen Korridor zwischen Bibliothek und Cafeteria, dass das die Architektur zusammenziehen wird, homogenisieren, er keine Zeit hat für Verzögerungen, schalten Alinas Synapsen seltsam und in die falsche Richtung. Der nächste Flashback überrumpelt sie komplett, reißt sie in die Panikattacke, defragmentiert sie, nur noch Fetzen und Eindrücke: die vielen Menschen im Anzug, damals im Messezentrum, das hin und hergeschoben werden beim Feueralarm. Die Angst, totgetrampelt zu werden. Das Gelähmt-sein, die Schockstarre mitten im Fluchtweg. Danach die Schuhabdrücke auf den Oberschenkeln und die ausgerissenen Strähnen. Weit weg das Knirschen von Kies, näher das Rascheln der Blätter, der Baum fängt sie auf und Alina spürt, dass der Puls wieder runter geht. Dass nicht einmal ein imaginiertes Szenario angstfrei sein kann.

Eine Polizeipsychologin steigt in der Abteilung Sozial- und Wirtschaftsgeschichte auf einen Bibliothekstisch, um den drei Baumbesetzer*innen durch die Lüftungsluke zuzurufen, dass sie gerne auf Augenhöhe mit ihnen sprechen möchte. Dass sie um Deeskalation bemüht ist und ihre Forderungen hören will. „Ge-mein-wohl-ö-ko-no-mie”, ruft der Postler, jede Silbe betonend und bevor Alina ergänzen kann, dass ein Baumschutzgesetz sowieso längst überfällig ist, schreit von unten einer, dass jetzt Schluss ist mit dem Tratschen: „Wir sind ja da nicht im Kaffeehaus!“ und kurz sieht Alina geflochtene Stuhllehnen, einen Zuckersteuer, Karamellkekse. Einer von denen mit dem Stieratem, der Einsatzleiter vermutlich, dreht eine der Polizeisirenen auf und es ist so laut, dass alle sich die Ohren zuhalten müssen, der Terrier zu jaulen beginnt, als würde man ihn Abstechen, alle flugfähigen Wesen im Teich die Flucht ergreifen. Für Alina eine schwarze Wolke, es fetzt ein gefiedertes Geschwader über ihre eingezogenen Köpfe in blanker Panik, krächzend, quakend und als es vorbei ist, haben manche der indigofarbenen Polizeiuniformen weiße Flecken.

Alina schnippt und Unterstützung kommt von allen Seiten auf den Campus, bezieht Stellung hinter den Absperrbändern: Kinder und Schilder und Erwachsene auf Lastenfahrrädern. Fahnen, Transparente, Straßenmalkreide, ein Chor: Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Bäume klaut. Und die Alten vom Wohnprojekt gegenüber mit ihren Assistierenden, sie lehnen sich an die Sitzflächen ihrer Rollatoren, prosten mit Eierlikör in Plastiksektflöten zur Platane. Die Mitarbeiterinnen des Campusbuchladens stehen mit ihren Tschick auf der Laderampe hinterm Geschäft und schauen durch ihre Smartphonekameras nach oben in den Baum. Alina fühlt sich, als würden sie hundert Menschen gleichzeitig umarmen, aber nicht erdrückend, sondern nährend und es treibt ihr die Rührung in die Augen. Der Postler heult auch und die Hundefrau scheint vor Stolz zu wachsen und ihre Höhenangst verloren zu haben.

Mehr Areal wird abgesperrt, die Motorsägen der Baumarbeiter wieder in ihren Pritschenwagen geräumt, die Bagger fahren weg. Ein neuer Einsatzwagen kommt, ganz beschäftigt sind die Polizisten wieder in hitzigem Dialog mit der Feuerwehr, der Rettung und dem Rektor. Am Dach der Bibliothek, Uniformierte in Klettergurten mit Seilwinden, mit Helmen und Handschuhen, Kommandostiefeln, wie aus einem Ballerspiel.

Weil Alina Regen liebt und Regen bei Alina für Klarheit sorgt, tröpfelt es und der Baum fühlt sich lebendiger an. Nicht mehr bloß ein Sitz, ein Aussichtsposten, ein unbequemer, sondern ein Organismus. Etwas, das lebt, sich dem Regen entgegenstreckt. Dass der Baum nicht einfach Fäuste haben kann, die Gebäude zerdreschen, wobei nein, das wäre zu unrealistisch. Alinas Finger streichen über den Stamm, sie spürt die Textur der Rinde und schaut zum ersten Mal genau hin: auf das Leuchtende, Schuppige. Den Panzer der Platane, der all die Prozesse im Inneren schützt. Dass der Baum so nach Dinosaurierhaut ausschaut. „Dir passiert nix, wenn ich das verhindern kann, dann passiert dir nix.”, flüstert Alina auf eine Flechte und hofft, dass auch ihr nix passiert. Sie denkt an Verwaltungsstrafen und U-Haft, an Becken aus Nirosta, die Trinkbrunnen und Klo gleichzeitig sind, an Gerichtsvollzieher und an das, dass Arbeitgeber*innen einwandfreien Leumund verlangen, schüttelt den Kopf über diese aufdringlichen Gedanken, was heißt intrusive auf Deutsch?

Alina hört Regen auf Dächer tropfen wie ein Musikinstrument, auf Motorhauben und Einsatzfahrzeuge, auf Schirme und Ölzeug, das sie sich auch wünscht und deswegen gleich trägt. Es rinnt auch vom Stamm, von den Zweigen das Wasser, rutschiger wird alles, der Sitz, das Festhalten. Weggespült werden, alles wegspülen lassen, ein denkbar gutes Ende, aber stattdessen auf dem Display: Eingehender Anruf Unbekannte Nummer und Alina wieder total tachykard. Muss durchatmen, Atemübungen, länger aus als ein, durch die Nase, immer durch die Nase, den Vagusnerv aktivieren.

Petrichor, der Geruch von regennassem Asphalt und das Parfum des Postlers, das plötzlich wieder ganz präsent ist, weil er sich bewegt, nach unten zu klettern beginnt. „Öffne endlich deine ungelesenen Briefe, es ist nichts so schlimm, wie man es sich vorstellt!” ruft er zu Alina nach oben und gerade, als sie ihn fragen möchte, wie er heißt, nach was er da so intensiv riecht, und ihm danken, streicht er sich den Stacheldraht von den Armen und geht geradeaus über den Teich, die Arme schwingend, als hätte er Gummibänder statt Knochen.

Alina hat auch genug, sie wünscht sich, dass der Baum lebt: aufwacht, mit seinen Wurzeln die Typen von der WEGA die gerade angekommen ist, fesselt und dann, mit ihr im Geäst, verschwindet. Nach Norden wandert, richtig rauf. An den Nutzwäldern, den borkenkäferzerfressenen Fichtenmonokulturen und Auwäldern voller Eschen mit Pilzbefall vorbei. Einen schönen Wald würde sich der Baum aussuchen: Waldmeister, Totholz, Heidelbeeren, Steinpilze, Eulen, Fledermäuse, Glühwürmchen, ein Sternenhimmel. Da würde die Platane wieder festwachsen, Alina mit ihr. Verschmelzen mit der Dinosaurierhaut, tief in den Stamm kriechen. Sich ums Kernholz winden, absorbieren lassen. Nichts mehr hören, vor allem nicht das Geräusch des nahenden Sonderkommandos und das Klicken der Karabiner. Und Forscherinnen der Zukunft würden, wenn sie in vielen Jahrhunderten mit ihren Metalldetektoren, Wärmebildkameras und geodätischen Instrumenten durch den Urwald stapfen würden, Zeugnisse ihrer Existenz finden: die oxidierten Kupfernieten von Alinas längst verrotteter Jeans, ihre Brille mit den Gläsern aus Kunststoff, die Leuchtstifte aus ihrem Rucksack. Sie würden sie als Exponate ins Museum stellen und somit Alinas Fortleben im kollektiven Menschheitsgedächtnis sichern. Sie kann beruhigt die Augen öffnen.

„Was tun müsste man” sagt der Postler und „In Deutschland, habe ich letztens gesehen, da sitzen Studierende und so schon jahrelang auf Bäumen. So richtig mit Baumhäusern, damit ein Wald nicht gefällt wird. Wenn ich könnte, würde ich das auch.” Stattdessen zieht er sein gelbes Arbeitshemd wieder an, nickt Alina zu und geht. Auf der Parkbank vergessen, seine Digitalkamera. Die Hundefrau schläft, nur ihr Terrier beobachtet, wie Alina die Kamera einschaltet und sich den Platanen zuwendet, fotografiert, wie ihre breit verzweigten, jahrzehntealten Äste von einem Kran aus mit der Motorsäge bearbeitet werden und einer nach dem anderen mit einem lauten Krachen zu Boden fällt wie abgetrennte Extremitäten. Sie fotografiert Beton und Stahl und Baumstümpfe. Dann steckt Alina die Speicherkarte in den Sand unter der Bank, und weil es sich plötzlich so anfühlt, als hätte sie hier alles Nötige getan, nimmt sie sich vor, zuhause endlich ihre Post zu öffnen.


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