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Du und deine Halbwahrheiten

VON STEPHANIE FÖRSTER //


"Lüg mich nicht an", sagtest du. Als hättest du, gerade du, einen Anspruch auf meine Ehrlichkeit.

Ehrlichkeit ist eine Tugend. Und eine Königsdisziplin. Man kann nur einfordern (wenn man überhaupt etwas einfordern kann, ich bin da manchmal nicht so sicher), was man selbst bereit ist, zu geben. Du warst schon immer gut im Erzählen. Hast mich beim Wort genommen und den Dingen neue Namen gegeben. Ich habe dir alles geglaubt. All' das Blau, das du mir vom Himmel versprochen hattest. Dass es nicht mehr lang dauert bis wieder Sommer ist, dass wir noch unendlich viel Zeit haben, dass mir das grüne Kleid gut steht und dass am Ende nicht alles gut wird, weil jetzt schon alles genau so ist, wie es sein soll.


Es ist verdammt schwierig, zu differenzieren, was Lüge und was Wahrheit ist, wenn jemand so wahnsinnig gut darin ist. Im Lügen, meine ich. Ich weiß nicht genau, ob es an dem Klang deiner Stimme, deinen Grübchen, wenn du lachtest oder an deiner Aura lag. Du warst so wahrhaftig. Und in "wahrhaftig" steckt "wahr" und das kann am Ende doch nur "Wahrheit" bedeuten. Oder?! Ich weiß noch, als du mir ins Ohr geflüstert hast... "...no need to run and hide, it's a wonderful, wonderful life." Da war alles wonderful.


Vielleicht wäre ich besser damit gefahren, wenn deine Abgründe im Verborgenen geblieben wären. Ich meine, "was man nicht weiß, macht einen nicht heiß" - oder wie war das? Wie viel Ehrlichkeit können wir wirklich ertragen? Und wie oft muss jemand lügen, bis man ihm nicht mehr glaubt? Kommt es am Ende nur darauf an, aus welchen Beweggründen wir nicht die Wahrheit gesagt haben? Und ist Eigenschutz akzeptabel, wenn man jemand anderen dabei verletzt? Wo sind die ganzen langen Beine hin? Ich hab dich kalt erwischt. Die Sache mit den Lügen ist ja, dass wir sie oft spüren bevor sie ausgesprochen sind. Da ist so ein Gefühl. Dass etwas nicht stimmt. Irgendwo in der Magen-, schlimmstenfalls in der Herzgegend. Dort, wo es so richtig weh tut.


Lügen riechen hässlich. Vielleicht konnte ich deinen Duft auch deswegen nicht mehr ertragen. Gesagt habe ich das aber nicht. Ich habe mich weggedreht und abgewandt. Vorgeschobenes Unwohlsein. Eine Halbwahrheit. In echt - da hab ich dich irgendwann nur noch gehasst. Und gedacht, dass man Lügen mit Lügen schlägt. Waffengleichheit. Ich wusste nur nicht, dass ich einen ganzen Schrank voll davon hatte und mir die Munition nie ausgehen würde. Ich hoffe, die Balken sind inzwischen wieder gerade und dass du dazugelernt hast.


Ich glaube, das, was wir am Ende mitnehmen, wenn der Vorhang fällt, ist doch, dass es verdammt viel Mut kostet, ehrlich zu sein. Wir müssen keinen Seelenstriptease hinlegen. Nicht sofort. Nicht zwangsläufig. Wir müssen nicht alles sagen oder preis geben. Wir müssen lernen, nein zu sagen. Nicht nur zu den Lügen. Sondern auch zu dem, was wir nicht wollen. Der gnadenlosen Ehrlichkeit. Wenn du mich also irgendwann noch einmal fragen würdest, wie es mir ging, damals. Dann würde ich jetzt wohl sagen, dass ich darüber nicht sprechen will. Nicht mit dir. Nicht jetzt. Und auch niemals. Das ist keine Lüge. Das ist die Wahrheit. Vielleicht.

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