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Dunst

VON JOHANNA SCHMIDT //



Vertrautes Rauschen nahm dampfend den Raum ein und tauchte ihn in schwadende Feuchtigkeit, die sich träge auf der Oberfläche des Spiegels niederschlug. Die nackten Kacheln schwitzten und das Kondenswasser lief in Rinnsalen zu Boden, während die Tropfen sich der Schwerkraft beugten und mit überraschender Geschwindigkeit in das große Meer tropften und dort still für immer versanken. //


Es war Lavendel, der sie heute auf andere Gedanken bringen sollte. Verloren tropfte sie einige Milliliter des Öls ins Wasser, das durch die Verdünnung einen violetten Schimmer erhielt. Die Finger durchschwemmten die intime Wärme, als wollten sie ihre Kälte darin verlieren, als wollten sie sich in ihr auflösen. Beim Ausziehen der Bluse hinterließen sie unbemerkt Spuren auf dem weißen Stoff, der sich gefügig an die gewohnten Bewegungen anpasste. Die Jeans zog sie gemeinsam mit der Unterwäsche und den Socken in einer Bewegung über die Knöchel. Sie stand nun nackt im Raum, im dem ihr Körper ungewohnt aufdringlich von allen Seiten beleuchtet wurde. Die Konturen waren im Spiegel als matte Schlieren zu sehen, als könnten sie jederzeit in sich zerrinnen. Sie wagte es nicht, an sich hinunterzusehen und wandte sich stattdessen der Wanne zu. Sie tauchte zuerst langsam die Zehen ins Wasser, bemerkte, dass es viel zu heiß war und stieg mit dem gesamten Fuß hinein. Kurzer Einhalt, um die Haut an die beißende Temperatur zu gewöhnen oder sie ihr auszusetzten, dieser vereinnahmenden Substanz, die schon immer Zuhause bedeutete. Nach und nach versank ihre Gestalt im Wasser und zeigte ein verzehrtes Bild der Wirklichkeit – zu spüren waren nur die kleinen Kratzer. Sie fuhr mit der einen Hand die Innenseite ihres Armes entlang, spürte die verkrusteten Rillen und überwand sich, einmal mehr die Hülle ihres Schmerzes loszureißen. Ein Stechen durchfuhr den zuckenden Körper, die Finger drückten auf die Wunde, um dem Pochen entgegenzuwirken. Das austretende Blut mischte sich unter die Wärme und kräuselte sich allmählich um ihre nackte Haut. Sie schloss die Augen und versuchte, die Schläge pro Minute festzustellen. Drei. Vier. Sein Herzschlag war immer schneller als ihrer, sie konnte sich an die genaue Frequenz aber nicht mehr erinnern. Am langsamsten war er, wenn sie, kurz vorm Einschlafen, ihren Kopf auf seiner Brust abgelegt hatte, am schnellsten dann, wenn sie erschöpft und verschwitzt in zwei Hälften gefallen waren. Sie konnte ihren Puls nun in den Ohren spüren, die vom Wasser umspült wurden und den Rhythmus ihrer Existenz trommelten. Sie dachte an gestern. Die dumpfen Schläge nahmen schon immer ihren Körper ein, sie war voll und ganz Teil davon, wenn sie in den nächtlichen Streifzügen ihre Welt verließ. Vor allem, wenn ihre Magengrube so stark vibrierte, dass die Übelkeit von chemischen Glücksgefühlen und dem Takt hunderter anderer Schatten übertrumpft wurde. Sie war eins mit der Masse und ging unbemerkt in ihr unter. Mit geschlossenen Augen ließ sie die Höhen und Tiefen des Klanges durch die Bahnen fließen, um ihre Bewegungen daran anzupassen und wie ein Fisch, wendig und elegant, durch den Strom zu schwimmen. Irgendwann gab sie sich der Hand auf ihrem Arm hin, der knisternden Bewegung über ihren feinen Härchen. An der Bar standen schon zwei leuchtende Gläser, jemand hatte bestellt. Es lief jedes Mal gleich ab. Das beschlagene Glas tauchte die Handinnenseite in schützende Feuchtigkeit, die die Unsicherheit übertrumpfte und in sich ein eigenartiges Gefühl der Zuflucht barg. Der zitronengelbe Strohhalm war am Ende noch rau von dem Schnitt, sie führte ihn trotzdem an ihren Mund, umschlang ihn und sog langsam daran, bis sich ein bitterer Geschmack über ihre Papillen legte. Sie presste kurz ihre nassen Lippen aufeinander und bemerkte, dass die scharfen Plastikzähne auch in der vergangenen Nacht wieder ihre Spuren hinterlassen hatten. Noch vor wenigen Stunden holte sie einen Eiswürfel aus dem hochprozentigen Gemisch, den sie sich langsam einverleibte, um nicht sprechen zu müssen. Er zerfloss langsam auf ihrer Zunge und bevor er sich verflüchtigen konnte, biss sie in den geschrumpften Klumpen, dessen Zerspringen ihr einen kalten Schuss in den Kopf versetzte. Erst danach hob sie den Blick auf eine schwindelerregende Höhe. Sie dachte immer, dass weiche Knie nur eine Floskel seien, doch in diesem Moment musste sie sich reflexartig an die Bar lehnen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Unscharfe Bilder, ihre Beine wölbten sich zur Musik, sie verlor ihr Bewusstsein und fiel in weiße Wäsche, die sie völlig in die vertraute Wärme einhüllte, die der Körper neben ihr ausstrahlte. Sie hörte leises Tropfen, doch war sie sich nicht sicher, woher das Geräusch kam. Sie schlug die dicke Daunendecke nach hinten, die auch nach der Bewegung noch leise raschelte. Sie fühlte sich, als klebten noch einige Federn an ihrem Körper, die eine luftig schützende Hülle um sie bildeten. Nackt ging sie in die Küche, von wo sie das Tropfen zu hören glaubte. Am Tisch ein Strauß mit blauen Nelken, die sie so noch nie gesehen hatte, daneben die Zeitung auf dem gehäkelten Tischläufer. Ob sie von heute war, konnte sie durch den Nebel nicht erkennen. Sie schlich über die kühlen, weißen Fliesen hin zum Waschbecken und drehte den Wasserhahn zur Seite, in der Hoffnung, das Tropfen nun beseitigt zu haben. Sie lehnte sich gegen die Kredenz, die unter ihrem Gewicht nachgab, führte die Teetasse zu ihrem Gesicht und fühlte den sanften Dampf der Flüssigkeit an ihrer Nasenspitze. Schon lange war es nicht mehr so ruhig gewesen, es war erst Herbst geworden. Vor dem Fenster bog der Wind die dürren Äste, die jedes Leben verloren hatten, und wirbelte gemeinsam mit den Blättern den Staub der leblosen Straße auf. Im Kamin gluckste das Feuer, darüber thronten geschmolzene Wachsreste, die ihren Duft verströmten. Noch nie war ihr eine so friedvolle Szene begegnet, es war beinahe beängstigend. Sie spürten ihren Herzschlag im Hals und der Hahn tropfte. Es war nicht in der Küche. Sie taumelte hin zum Schaukelstuhl, der in regelmäßigen Schwüngen sein Wippen beibehielt, klammerte sich an die Lehne und schaukelte im nächsten Moment im selben Tempo mit. Die sanften Geräusche verschwammen mit den Eindrücken dieser Idylle, die durch die Herbstsonne in ein warmes Licht getaucht wurde, und verwandelten die Kulisse in eine träge Masse, die sie behutsam umarmte. Sie stand auf und versank mit ihren bloßen Füßen tief im Orientteppich, der das gesamte Wohnzimmer ausfüllte. Für einen Moment ließ sie sich darin treiben und genoss die wunderbare Einigkeit. Sie näherte sich dem nächsten Raum, der sie trotz seiner Fremdheit besonders anzog. Vorsichtig schob sie die Flügeltür auf, die sie mit einem zärtlichen Ächzen empfang. Auch dieses Zimmer war in stille Friedlichkeit getaucht, die vor allem durch das regelmäßige Seufzen hervorgerufen wurde. In der Ecke stand eine Wiege, die in ihrer tiefblauen Volant-Pracht leicht nach hinten und nach vor wellte. Auf Zehenspitzen ging sie darauf zu, quer durch das Zimmer, bedacht darauf, keine der knarrenden Stellen am Boden zu betreten. Mit jedem Schritt wurde sie ruhiger, als würde sie das, was sie dort zu finden glaubte, in tiefe Seligkeit stürzen. Mit zitternden Händen streckte sie sich nach dem fülligen Stoff und wendete die Wiege so, dass ihre Augen nun direkt in das Innere blickten. Sie zog an dem Faden der Spieluhr, griff in das Bettchen und schüttelte Polster und Deckchen aus, die einsam darin gebettet waren. Eine Weile stand sie so da, den mütterlichen Blick auf die leere Wiege gerichtete, die Finger auf dem blauen Bezug, auf dem in großen Lettern ein Name gestickt war. Sie schlug ihre Arme um den noch immer nackten Körper, die Kälte der Jahreszeit gab sich jetzt doch zu bemerken. Ein letztes Mal sah sie aus dem Fenster und erkannte, dass schon wieder die ersten Flocken fielen und die Straße vom Eis bedeckt war, auf der sie die kurzen Bremsspuren erkennen konnte. Sie unterdrückte ein Würgen und wendet sich ab, zurück Richtung Schlafzimmer. Die Decke schien an Volumen verloren zu haben. Sie versenkte ihren Körper in den letzten Resten und wollte sich zur Seite wenden, um das warme Atmen neben ihr zu spüren. Doch der Körper war kalt. Sie beugte sich darüber, starrte in blasse Augen, die sich schon lange von ihr verabschiedet hatten. Sie rüttelte an dem toten Körper, drückte ihn ein paar Mal mit voller Wucht in die weiche Matratze, schlug ihm ins Gesicht und schrie tonlos in die vertrauten Züge, die alles Lebendige verloren hatten. Sie setzte an, holte Luft, legte ihren Mund auf die blauen Lippen und atmete, schluckte, spuckte, fuhr mit einem Satz hoch und versuchte hustend, den Schaum von ihrem Gesicht zu entfernen, der sich offensichtlich schon gemächlich in die Schleimhaut ihrer Augen gefressen hatte.

Lavendel war es heute, der sie glücklich machen sollte. Stattdessen leckte sie noch die Wunden und konnte an nichts anderes denken, als an das Blut, das noch immer warm und lebendig durch ihre Adern strömte, während sie zitternd und frierend in der erkalteten Wanne saß.


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