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Erinnerungslücken

VON LISA MÄRZ //


Beim Einschenken der ersten Tasse Tee verlieren sich deine Hände. Sie sind eifrige Schlieren, die einen Frühstücksschrein bauen. Die kleinen braunen Flecken, die deine Arme schon sprenkeln, malen Muster in die Luft wenn du dich bewegst. Wie ein kaum glühender Stock am Rande eines Lagerfeuers, mit dem man seinen Namen in die Nacht schreibt. Vielleicht suche ich auch nur nach etwas in deinen Bewegungen. Vielleicht ist da auch nichts. Der Morgenmantel ist wichtig für das Zeremoniell, obwohl du darunter schon nicht mehr deinen Pyjama trägst. Und du lachst schelmisch, als wäre das Kind unter all den Falten noch nicht verloren gegangen. Ich schlürfe meinen Earl Grey und du tadelst mich. Er ist zu süß, sage ich. Damit ich wenigstens ein bisschen süß bin, sagst du. Ich trinke das Zuckerwasser. Ich hab dich ja schließlich lieb. Du schiebst mir die Butter hin und die fein säuberlich sezierten Tomaten. Ich habe keinen Hunger so früh am Morgen. Aber ich beiße in meine Brotkruste. Ich hab dich ja schließlich lieb. Ob wir nochmal drüber reden können, frage ich. Und deine Augen füllen sich sofort mit Tränen. Da gibt es nichts zu reden. Ist ja schließlich auch nichts passiert damals. Ich fange an „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ zu singen, um die Stimmung aufzulockern. Meine Oma, meine Oma ist modern.


Beim Taschentuch über den Tisch reichen denke ich an die Tage, an denen ich nach der Schule zu dir bin. Wie du in der Küche gewerkt hast, mit der ganzen Präzision und Naturgewalt einer Dampflok. Zielgerichtet hast du die Stille der Dreizimmerwohnung durchschnitten und mit Leben gefüllt. Gesummte Schlagermelodien. Brösel mit Butter in einer Schüssel. Und Äpfel soweit ich sehen konnte. Nicht sehr weit also, ich war ja noch klein. Schau, ich zeig dir wie man den Teig richtig zieht, hast du gesagt, aber vorsichtig. Mir die dünne Membran in die Hand gedrückt. Über den Plastiküberwurf, der das bunte Tischtusch darunter immer zum schimmern bringt, haben wir gezogen. Je dünner desto besser. Aber egal wie vorsichtig, der Teig hat immer ein Loch bekommen. Ein, zwei, drei. Manchmal kreisrund, manchmal unförmig. Die Löcher sind aber dann eigentlich egal, wenn man den Strudel zusammenlegt. Aber aufpassen muss man schon.


Ich trinke weiter mein Zuckerwasser und frage dich, ob du dich an das Strudelmachen erinnerst. Ja, sagt du, die Tränen sind weg. Ob du dich an die Löcher erinnerst, frage ich. Nein. Und wenn überhaupt, dann sind solche Löcher normal, beim Teig ziehen. Der zieht sich ja nicht von allein. Aber schön war es doch, damals. Schöne Tage. Lochlos. Ein beiläufiges Wegschauen später räumst du den Tisch ab. Mein Tee ist inzwischen kalt.


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