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Fahrt und Nacht

VON EMIL FADEL //


Das Wasser zu meinen Füßen hatte die Farbe von Pinselwasser und roch nach einem aufregenden Cocktail aus Seetang, Fisch und Diesel. Der Wind blies mir mit kühler Gelassenheit ins Gesicht, und linderte auf diese Weise die bereits sengende Hitze der italienischen Vormittagssonne.

Ich hatte den Hafen als erster betreten, als einer der wenigen Fußgänger auf der Fähre. An mir vorbei zog nun die schier endlose Kolonne von Autos, Motorrädern und Caravans, auf zu den Hotels, Ferienhäusern und Campingplätzen Norditaliens.


Es war meine erste Reise nach Italien gewesen, die ich alleine angetreten war. Früher, als ich mit meinen Eltern gefahren war, schien mir alles leichter gefallen zu sein, es war lediglich ein Einsteigen in den Familienwagen gewesen, hin und wieder ein entnervtes Schnauben, wenn die Tauernautobahn mal wieder mit Staus verstopft war und schließlich ein Aussteigen am Zielort.


Nun, da sie nicht mehr da waren, war das Reisen – wie alles in meinem Leben – komplizierter, zeitaufwändiger und mühseliger geworden. Auch wenn mich diese Gedanken nie wirklich losließen, war es denoch schön zu reisen; irgendwie fühlte sich alles aufregender, riskanter und erwachsener an. Vor allem nachts, wenn ich durch die Straßen irgendeiner mir völlig unbekannten Stadt stiefelte, hinter jeder Ecke einen potentiellen Messerstecher erwartend, oder an der Reling einer Fähre stand, in die dunklen aufgewühlten Wassermassen unter mir starrend, dann hatte ich zum ersten Mal seit Langem das Gefühl, wirklich lebendig zu sein.


Der Hafen hingegen schien bereits seit Jahren das Zeitliche gesegnet haben: Vor mir erstreckte sich das Niemandsland eines Industriehafens, der im Zuge irgendwelcher wirtschaftlichen Umverteilungen vollkommen stillgelegt worden war. Lediglich der Linienverkehr nutzte ihn noch, mit den ausrangierten Kreuzfahrtschiffen, die nun als Fähren dienten und die meiste Zeit halbleer und tausende Tonnen Schweröl verbrennend durch die Adria zogen. Ein paar Meter entfernt konnte ich die Fährbüros ausmachen, spartanisch in einem Containerkomplex untergebracht, daneben lag der Stützpunkt der Guardia di Financia, der italienischen Zollbehörde, vor dessen Tür ein missmutiger Beamter in Grau gerade Spaghetti aus einer Thermoskanne auf einen Pappteller schüttete. Ansonsten gab es nicht wirklich etwas, das eine Erwähnung verdient hätte, lediglich gewaltige zubetonierte Flächen und endlose Reihen leerer und langsam vor sich hinrostender Container.


Ich wandte mich vom Hafenbecken ab und schulterte erneut meinen Rucksack. Nun stand ich vor der Frage, wie ich die nächste Etappe meiner Reise, die Strecke zum Bahnhof, zurücklegen wollte. Vom Personal auf der Fähre hatte ich erfahren, dass es zu Fuß ein ungefähr eineinhalbstündiger Weg wäre, eine Anstrengung, die ich nach den siebzehn Stunden Reise und mit meinem sperrigen Gepäck auf den Schultern nur sehr ungern auf mich nehmen wollte. Es sah auch nicht wirklich so aus, als gäbe es einen Shuttle-Verkehr zwischen dem Hafen und der Innenstadt, zumindest hätte es mich zutiefst überrascht, wenn in dieser Einöde plötzlich einer aufgetaucht wäre. Die wenigen anderen Fährpassagiere, die zu Fuß unterwegs waren, schienen größtenteils ebenso verwirrt wie ich zu sein: Sie standen, nun ebenfalls an Land getreten in einem kleinen Grüppchen zusammen und diskutierten lautstark auf schlechtem Englisch. Schnell war ich dazu getreten und hatte mich der allgemeinen Ratlosigkeit angeschlossen.


Es müsse, sagte gerade ein älterer Herr, dem Akzent nach Jugoslawe, doch eine Art Shuttlebus geben! Leider nein, entgegnete ihm ein junger Mann in italienischer Armeeuniform, der die Strecke offensichtlich schon des Öfteren gefahren war. Man müsse sich ein Taxi rufen, ansonsten müsse man eine knappe halbe Stunde zur nächsten Bushaltestelle laufen. Die Aussicht, im Sommer mit meinem Rucksack ein italienisches Nahverkehrsmittel zu nutzen schien mir, gelinde gedacht, unvernünftig, die anderen schienen darauf ebensowenig erpicht und so hatten wir schnell vereinbart, uns ein Taxi zu teilen. Zwei französische Austauschstudentinnen zeigten sich ebenfalls interessiert, falls das Auto denn groß genug wäre. Der Soldat tippte eine Nummer in sein Handy, wechselte ein paar schnelle Worte, von denen ich nur die Hälfte verstand und teilte uns dann mit, dass uns bald ein Wagen etwas weiter vorne am Hafen einsammeln würde.


Nachdem wir die entsprechende Stelle gefunden hatten, ließ ich meinen Rucksack mit einem Ächzen zu Boden sinken und setzte mich auf den Gehsteig daneben. Bereits die kurze Strecke hatte mich völlig erschöpft und ich verfluchte einmal mehr meine übertriebene Vorsicht. Sie hatte dazu geführt, dass ich viel zu viele Dinge für meine Reise eingepackt hatte; Dinge, die mitunter viel wogen und von denen ich gut die Hälfte bisher nicht wirklich gebraucht hatte. Immerhin hatte ich einige Zeit, um wieder zu Atem zu kommen, denn das Taxi ließ auf sich warten. Genau genommen warteten wir beinahe eineinhalb Stunden, in welchen der Asphalt um uns herum immer heißer wurde und der Soldat uns immer wieder beteuerte, dass dies relativ normal sei und dass das Taxi nun aber wirklich sicher bald kommen würde. Nach einer gefühlten Ewigkeit, als ich mich schon zu fragen begann, wie sich eigentlich ein Sonnenstich anfühlte, kam auf einmal mit ordentlichem Tempo ein weißer Fiat um die Kurve gerast und stoppte mit quietschenden Reifen vor unseren Füßen. Eigentlich hätte dies schon eine erste Gelegenheit sein können, um Besorgnis zu empfinden, aber in diesem Moment war ich einfach nur froh, endlich nicht mehr in der Mittagssonne kochen zu müssen.


Der Fahrer machte beim Aussteigen auch einen recht seltsamen Eindruck – erst spät sollte sich mir der Verdacht aufdrängen, dass er vollkommen betrunken war. Er torkelte etwas unsicher auf den Kofferraum zu und forderte uns breit lächelnd auf, unser Gepäck einzuladen. An einem Goldkettchen trug er den Namen „Giorgio“ um den Hals, wobei ich mir nicht sicher war, ob er oder ein geliebtes Familienmitglied, beispielsweise sein Enkel „Giorgio“ war.


Beim Einsteigen bemerkte ich, dass auf der rechten Seite die Türgriffe fehlten, Giorgio musste mir erst von innen öffnen. Zu meiner Linken kletterte der italienische Soldat auf die Rückbank, in diesem Moment realisierte ich, dass in dem Taxi ein Platz zu wenig war und ich versuchte, das mit den anderen zu kommunizieren. Ein Blick aus dem Seitenfenster gab mir jedoch den Blick auf die zwei Studentinnen frei, die die Situation deutlich früher als ich erkannt hatten und mir mittels Zeichensprache zu verstehen gaben, dass sie den Fußweg versuchen würden. Der Funke des Gedankens, auszusteigen und es ihnen gleichzutun, wurde direkt im Keim erstickt, da im selben Moment der alte Mann auf der anderen Seite einstieg, sodass ich nun in der Mitte eingekeilt war, unfähig, mich auch nur anzuschnallen. Ich hatte noch kurz Zeit, mich zu wundern, warum wir nun zu dritt auf der Rückbank saßen wie die Ölsardinen, während der Beifahrersitz leer blieb, da fuhr „Giorgio“ schon los.


Die ersten paar hundert Meter fuhr er spielerisch langsam, umschiffte die leeren Container und Mülltonnen wie ein Kapitän die Eisberge im Nordmeer, doch als er das Ende des Hafengeländes passiert hatte, sank sein Fuß auf dem Gaspedal unerbittlich dem Fahrzeugboden entgegen. Die erste Ampel, die wir in ihrer roten Blüte rauschend passierten, nahm ich gar nicht wahr, so eindrucksvoll war das bunte Potpourri jenseits der Windschutzscheibe, bei der zweiten presste ich meine Fingernägel in die Handflächen, jede Sekunde den Einschlag erwartend, und bei der dritten hatte ich bereits resigniert. Wir saßen mit einem lebensmüden Verrückten im Taxi. Ein Blick in das Gesicht des Soldaten verriet mir, dass dieser anscheinend dasselbe dachte.


Der junge Mann hatte vermutlich schon Einschläge von Granaten erlebt, die seine Knochen hatten erzittern lassen, er hatte Tagesmärsche in strömendem Regen zurückgelegt und vielleicht war er auch schon in einem echten Kriegsgebiet gewesen, doch nun stand in seinen Augen die blanke Angst. „Giorgio“ selbst war hingegen die Ruhe selbst. Er hatte das Radio lauter gedreht, italienischer Herzschmerz schmetterte durch den Wagen, während sein Fahrer fröhlich und falsch mitpfiff. Wir sausten währenddessen mit neunzig Stundenkilometern durch die Vorstädte, bis wir auf einmal mit abrupt vor einer Tankstelle anhielten.


Mein erster Gedanke war, dass wir nun doch noch jemanden oder etwas überfahren hatten, dann wurde die Beifahrertür aufgerissen und zusammen mit einem Schwall aus Benzingeruch und Männerparfüm stieg ein Mann ein, der sofort anfing, auf Italienisch mit „Giorgio“ zu sprechen. Es dauerte einen Moment, bis mir bewusst wurde, dass die beiden sich kannten. Anscheinend hatte unser Fahrer soeben einen alten Freund aufgesammelt. Als würde ihm seine Unhöflichkeit mit einem Schlag bewusst, drehte dieser sich plötzlich um, während „Giorgio“ weiterbrauste, und sagte irgendetwas auf Italienisch zu uns. Als er bemerkte, dass ich ihn etwas ratlos ansah, dachte er kurz nach und sagte dann in akzentschwerem Englisch: „He is best driver. You are lucky!“. Ich überlegte kurz, ob ich mir ausmalen sollte, wie die anderen Taxifahrer veranlagt waren, wenn „Giorgio“ der Beste von ihnen war, ließ es dann aber lieber bleiben und nickte freundlich. Für unseren Beifahrer schien die Angelegenheit damit geklärt, er drehte sich um und nahm das Gespräch wieder auf, in nahezu klischeehafter Weise gestikulierend. Draußen rauschte nach wie vor die Stadt vorbei, so schnell, dass ich mir nicht sicher war, ob wir sie nicht schon durchquert hatten und wieder auf der anderen Seite herausgeschossen waren.


Wir fuhren mittlerweile auf einer größeren Straße, mit zwei Spuren in jede Richtung, die aber nicht voneinander getrennt waren. Vor uns überholte ein Reisebus einen Kleintransporter, eine langwierige Prozedur, die schon einen normalen Autofahrer Geduld gekostet hätte, aber „Giorgio“ sah in dieser Situation offensichtlich nur einen Ausweg und überholte kurzerhand beide Fahrzeuge, indem er einfach auf die Gegenfahrbahn ausscherte. Mit einem Mal sahen wir uns einem Mini-Van gegenüber, der uns mit beträchtlicher Geschwindigkeit entgegenkam. Vor meinem inneren Auge sah ich kurz die Unfallstelle, das qualmende Taxi, meinen zerfetzten Rucksack, aus dem eine Unterhose hervorlugte wie ein Kind, das Verstecken spielt, und meinen eigenen, verrenkten Körper. Dann zog „Giorgio“ scharf nach rechts – ich hatte noch kurz Zeit, in das Innere des Vans zu spähen und die Passagiere auszumachen, Eine Frau und ein Junge, beide zu kalkweißem Entsetzen erstarrt – und wir waren wieder auf der richtigen Spur. Hinter uns ließen der Reisebus und der Lkw ihre Hupen ertönen, doch es klang mehr wie ein Zollen von Respekt als wie eine Warnung. Der Beifahrer drehte sich erneut um, grinste breit und sagte: „See? I say, he is best driver!“.

Nicht sicher, ob ich lachen oder weinen sollte, nickte ich erneut.


Nun, da sich das Adrenalin langsam aus meinem Blutkreislauf zurückzog und mein Körpergefühl wiederkehrte, spürte ich einen leicht unangenehmen Druck am linken Knie. Als ich hinuntersah, musste ich feststellen, dass sich eine Hand daran festklammerte, und diese Hand gehörte zu dem italienischen Soldaten. Ihm fiel sein kleiner Missgriff wohl zur selben Zeit auf, denn er zog die Hand schnell zurück, nestelte an seiner Uniform herum und wurde rot.


Ein Blick nach rechts verriet mir, dass der ältere Jugoslawe es entweder geschafft hatte, während der rasanten Fahrt einzuschlafen, oder aber verstorben war. Nach kurzer Beobachtung wurde ich beruhigt, denn wie bei einem träge in der Sonne liegenden Hund öffnete sich langsam der Mund und ein sonores Schnarchen mischte sich zu Adriano Celentanos Gesang aus dem Radio. Ich zollte dem Mann schweigend Hochachtung für diese Leistung. Gerade jetzt wurde die Fahrt noch einmal rasant, denn wir verließen die breite Straße und bogen ein in ein Gewirr aus parkenden oder anderweitig abgestellten Autos, Passanten, die ohne Vorwarnung die Straße kreuzten, und Ampeln. Erneut schluckte ich und machte mich auf das Schlimmste gefasst, doch „Giorgio“ überraschte mich aufs Neue. Mit chirurgischer Präzision manövrierte er den Fiat zwischen Lieferwägen und selbstmörderischen Schulkindern hindurch, die weder nach rechts, noch nach links und nicht einmal geradeaus schauten. Währenddessen hatte er sogar noch die Zeit, zwei jungen Frauen auf dem Bürgersteig eine verschmitzt unflätige Geste zuzuwerfen.


Um ein Haar hätte ich begonnen, die ganze Sache zu genießen, da hatten wir schon unseren Bestimmungsort erreicht, das Taxi hielt mit kreischenden Bremsen vor dem Bahnhof, mitten auf einem Zebrastreifen und ich wurde durch die plötzliche Fliehkraft mit dem Kopf nach vorne geschleudert. Glücklicherweise stoppten die Vordersitze recht unsanft meinen Flug, bevor ich mir Sorgen darüber machen konnte, wie ernsthaft eine Verletzung sein würde. Mit dem letzten Meter, den er rollte, keilte „Giorgio“ noch einem Fahrradfahrer das Hinterrad weg, sodass dieser eine unsanfte Akrobatik aufs Pflaster legte; doch niemand nahm größeren Anstoß daran, nicht einmal der Fahrradfahrer selbst, der sich aufrappelte, das obligatorische „Vaffanculo!“ in die Richtung des Taxis rief und dann weiterfuhr, als wäre nichts gewesen.


Wir stiegen alle aus, der ältere Herr streckte die Beine und verkündete ausgeschlafen dass er diese Stadt liebte. Warum er das just in diesem Moment tat, war mir schleierhaft, aber ich für meinen Teil war einfach froh, am Leben zu sein. Nachdem wir die lächerlich günstige Summe durch drei geteilt und gezahlt hatten, verabschiedeten wir uns von „Giorgio“ und seinem Bekannten, und gingen getrennte Wege. Ich schulterte erneut meinen Rucksack, betrat den Bahnhof und machte mich auf die Suche nach einem Zug, der mich in Richtung Heimat bringen würde.


Kurze Zeit später saß ich im Speisewagens des Zugs nach Udine und erholte mich bei einem Schluck Espresso. Nun waren es nicht mehr viele Etappen, bis ich wieder zu Hause sein würde, wo in jeder Ecke die Erinnerungen an meine Eltern auf mich warteten, wo sich die Probleme stapelten, vor denen ich weggelaufen war, wo es keinen Spaß mehr machte, alleine zu sein. Beinahe wäre ich in deprimierenden Gedanken versunken, doch ich schreckte hoch, als der Schaffner via Lautsprecher quäkend unsere baldige Abfahrt bekannt gab und der Zugführer durch den Speisewagen schritt, mit erhabenem Schritt und polierten Schuhen auf dem Weg nach vorne zur Lokomotive. Als er an mir vorbeiging, blinkte mich sein bronzenes Namensschildchen an, das ihn mir als „Giorgio“ vorstellte. Und mit einem Mal wehte aus der Ferne der Gesang von Adriano Celentano an mein Ohr.

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