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Glasnost


Einmal, es ist noch nicht lange her, da betrachteten Großvater und ich alte Landkarten. Er nahm dann zwei Reiszwecken, steckte mir sie, als markierte er eine Route, in das rechte, das linke Auge und sagte: Dazwischen laufen Gut und Böse zusammen. Und ich antwortete, ich schrie: „Wer bin ich? Wer bin ich? Wer bin ich?“ Aber Großvater erwiderte nichts, und als ich nach ihm tastete war er nicht da. Ich tastete nach Gegenständen, dann nach Wänden, aber da war nichts. Ich lief und ich tastete, meilenweit, der Klang meiner Schritte so laut, so unerträglich. Um mich war kein Raum, der ein Ende nahm und nichts was ihn füllte. Also setzte ich mich auf den Boden und hielt meinen Körper. Lange saß ich da, ich weiß nicht wie lange. Und ich glaubte noch, ich werde dort meinen Körper ausleben, bis ich spürte, wie sich etwas gewaltsam an mir rieb. Der Raum musste seine Wände wiedergefunden haben. Er musste sich ausgedehnt haben, und zog sich nun wieder zusammen, dachte ich noch, aber als ich die Reiszwecken aus den Augen zog, sah ich, dass da Menschen waren, um mich. Ich schätze Tausende. Und ich hörte sie schreien, und ich hörte, was sie schrien, und sie vergötterten sich, sie verteufelten sich, sie trugen Wettstreite darüber aus, wem das Leben mehr weh getan hatte. Ein paar wurden wütend, weil sie nicht gewinnen werden, und sie warfen Steine, und ein paar sammelten die Steine auf, fingen an, eine Mauer zu bauen. Immer weniger schauten nur zu, immer größer wurde die Mauer. Nach links und rechts breitete sie sich aus, bis links nur noch Mauer zu sehen war, bis rechts die ganze Landschaft von Mauer bestimmt wurde. Und die Menschen? Betrachteten ihr Werk. Ein paar versuchten noch daran hochzuklettern, ließen davon ab, entfernten sich von der Mauer, nur eine Handvoll blieb. Die, die zurückblieben, kratzten, schlugen gegen die Mauer, bissen sich die Zähne daran aus. Da waren Kinder, die nahmen die Zähne aus dem grünen Gras und spielten damit. Ich schaute nur zu, aber ich kam mir ganz seltsam dabei vor, also lief ich die Mauer entlang, nach Nord-Osten oder Süd-Westen, das weiß ich nicht mehr. Ich klopfte ab und zu an die Steine bis sich die erste Hautschicht von meinen Fingern ablöste. Die Finger bluteten. Da war eine Frau, die sah das, riss sich einen Stofffetzen aus ihrem Shirt, gab ihn mir. „Der Mensch muss seine Wut verarbeiten“, sagte sie. Ich lief an Menschenmassen vorbei, und die wüteten. Eine Weile machte ich nichts, dann schob ich mich dazwischen, wollte erst mitmachen, und als ich die Faust geballt hatte, den ersten Mann gepackt hatte, sah ich, dass sein Gesicht meins war, also ließ ich ihn fallen, erbrach und lief aus der Menschenmasse heraus, zurück zur Mauer und ich hielt mich daran fest, drehte mich nicht mehr um, zu dem Mann, der mein Gesicht trug, nicht um, zu neuen Menschenmassen, die sich auf dem Weg bildeten, lief nur an der Mauer entlang, fast bis ins Meer.

Da war ein Leuchtturm. Mein Großvater saß auf den Treppenstufen. Er hielt mir die Tür offen, als ich auf ihn zulief, und ich folgte ihm die Stufen nach oben, bis ganz nach oben, so weit, dass wir fast in den Wolken waren, aber noch genug von der Erde sehen konnten. Da war ein Tisch. Das Auge, das er im Krieg verloren hatte, lag darauf, und das Ohr, dass Oma bei der Flucht zur Hälfte abgerissen worden war. „Es findet sich alles wieder. Das Haus verliert nichts“, sagte mein Großvater. Und er bot mir den Sessel an, der gegenüber des Fensters stand. Wir sahen zu, wie die Mauer fiel. Wir sahen, was zwischen Gut und Böse zusammenlaufen konnte. Wir sahen, wie die Menschen neue Wege fanden, die beiden miteinander zu vertauschen.


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