Suche

Harte Schule

VON PIERRE //


Weiß noch. Da war ich gerade in die fünfte Klasse gekommen. So ein Schulwechsel geht ja immer mit schweren Traumata einher, gerade der große weg von der Grundschule. Da heißt es runter von der Polly Pocket Insel und ab zu den Haien, wenn du verstehst. Als hätte die Welt die Geduld verloren mit dem Umstand, dass du immer noch Kind bist. Von Jetzt auf Gleich ist Schluss mit Ausmalen und Klatschen und "Mimi, die Lesemaus", stattdessen Algebra und das S muss mit und Konjunktiv. Auf dem Schulhof wird jetzt nicht mehr Gummitwist gespielt, sondern gefummelt und heimlich Marlboro light geraucht und auf den Mädchenklos gibt's zwar immer noch Kunst, aber keine Diddlblätter zum Tausch mehr, wie früher.

Da schmiert stattdessen in jeder Pause eine verklatschte Siebtklässlerin mit einem Tampon impressionistische Liebeslyrik an die Wand. Guck nicht so, ist wirklich passiert. Auf meiner ersten Busfahrt zur neuen Schule hörte ich es ein paar Reihen vor mir aus einem heraus krächzen, den der Stimmbruch besonders hart rangekommen hatte:

“Du hast so viele Pickel, wenn ich dir gleich in die Fresse schlage, spritzt zuerst der Eiter raus und dann das Blut”. Hat der original so gesagt.


Auf den Sitzen hinter mir fand simultan der Expertentalk zweier angehender Hausfrauen statt, und der ging so: “Will meiner Mama nachher einen Kuchen backen, was ist nochmal der Unterschied zwischen Fett und Öl?” Einwurf von der letzten Bank: “Denk doch mal nach, Anna-Lena, bist du öl oder bist du fett?” High Five, Applaus und Standing Ovations in den hinteren Sitzreihen. Das war morgens um viertel nach Sieben, da waren die noch nichtmal richtig in Fahrt. Hat aber für einen Eindruck gereicht, und während ich tiefer und tiefer in meinen Sitz versunken bin, dämmerte mir: Jetzt beginnt er also wirklich, der sogenannte Ernst des Lebens. Mein Vater hatte mich gewarnt: Vorbei waren die Zeiten, in denen die Klassenlehrerin, die man Frau Schäfer nannte und trotzdem duzen dürfte, in Schönschrift "Kai liest auch fremde Texte flüssig" auf dem Zeugnis vermerkte und eine fleißige Biene darunterstempelte.

Von nun an würde alles, was ich tat oder nicht tat, sagte oder nicht sagte, sogar alles, was ich war oder nicht sein konnte, mein Gewicht, mein Geschlecht, mein Glaube, meine Kleidung, ob ich einen Fünfer oder ein trockenes Brötchen in der Tasche hatte, die Farbe meiner Haut und meine Art zu sprechen von ausgebildetem Fachpersonal beäugt, bemäkelt, beurteilt und schließlich in einen Code übersetzt werden, eine Hand voll Zahlen von eins bis sechs auf einem hochoffiziellen Fetzen Papier. Mit dem könnte man mich später auf dem Arbeitsmarkt zügig, halbautomatisiert und beinahe unbürokratisch zwischen Steuerklasse I und Hartz IV einsortieren, zwischen Top und Flop, Sein oder nicht Sein. Der Code würde den Tresor öffnen oder eben nicht.


Da war man fast geneigt, einen Funken Verständnis aufzubringen für die Rüpel im Omnibus.


Das Prozedere allgegenwärtiger Beurteilung kannten die ja nicht erst seit gestern, das hatte eben Spuren im weichen und noch formbaren Zerebrum des gemeinen Heranwachsenden hinterlassen: Der hatte die Dyade aus Beobachten und Bewerten in der Schule als fundamentalstes Prinzip der Erwachsenenwelt begreifen gelernt und es sich schleunigst selbst angeeignet, dass man ihn auch bloß nicht länger mit einem Kind verwechseln würde: Der Heranwachsende beobachtete also und bewertete, und zwar mit jedem neuen Achselhaar mehr. Als der Bus den Wendeplatz vor der Schule erreicht hatte, warf darum einer, er hatte die Fahrt zum Beobachten und Bewerten genutzt, der stämmigen Eugenia eine leere Dose Fanta an den blondierten Schopf. Die war gerade frisch aus Polen herübermigriert, lebte mit ihrer Familie in der Sozialwohnung über der alten Postfiliale und sprach angeblich noch kein Wort Deutsch. Fünf Minus, ganz klar. “Arschloch”, rief sie nun zur Überraschung der Schaulustigen aus und, wieder Erstaunen: “Orgasmus”.


Na, ein paar Brocken hatte sie also doch aufgeschnappt. Wer hier übrigens mit Dosen werfen durfte und wer sie an den Kopf bekam, war das Ergebnis einer von außen betrachtet völlig willkürlichen Hackordnung. Klar erkennbar aber war, dass es nur wenige gab, die gepiesackt wurden und ebenso wenige, die dafür verantwortlich waren. Der Rest der Schulgemeinschaft duckte sich irgendwo im Mittelfeld unter fliegenden Fäusten und Getränkebehältern hinweg, lachte vielleicht mal aus Höflichkeit über eine pfiffige Beleidigung oder feuerte bei einem Gerangel pflichtbewusst den Beliebteren der beiden an.

Die meiste Zeit jedoch war diese Mehrheit damit beschäftigt, nicht aufzufallen zwischen den beiden Extremen links und rechts von ihnen, den Tätern und den Opfern - Gauß'sche Normalverteilung nennt man das übrigens, wenn es nur wenige gibt, die positiv oder negativ aus der generischen Masse herausragen. Graphisch dargestellt sieht das aus wie ein Pickel und das passt, ist nämlich noch so ein Prinzip, das man in der Schule an allen Ecken und Enden zelebriert, auch im Lehrerzimmer.

Wehe, bei einer Klausur schreiben mal alle die Bestnote, oder alle vergeigen, dann kannst du dich als Lehrer aber auf ein Donnerwetter einstellen, und der Notenspiegel wird erstmal zu forensischen Spurensuche ins Labor weitergereicht. Was man in dieser Institution erschafft, was man lobt und zum Erhalt der Weltordnung beiträgt, ist eine Mehrheit aus Durchschnittlichen und Langweiligen, die Bankkaufmann werden oder Steuerfachangestellte, und nur wenige Gewinner und Verlierer, die aus der Masse herausragen, wahlweise zur Abschreckung oder zur Orientierung.


Wenige Stunden nach der markerschütternden Busfahrt zog man mich dann auch gleich zur Abschreckung heran, da fand ich mich auf dem Pausenhof umzingelt von einer Gruppe neuer Mitschülerinnen, die mich wie einen Fußball durch Tritte von einer Furie zur anderen kickten. Anlass der heiteren Bolzerei wird wohl der unverhohlene Ekel in meinem Gesicht gewesen sein, den jemand bemerkt haben musste, als ich mit geduckter Haltung an der Damenrunde vorbei geschlurft war. Es war aber auch widerlich: Eine der Mitschülerinnen hatte am Kiosk ein Stück kalte Pizza erworben, es zum Sezieren auf einer Serviette dargeboten, dann mit spitz manikürten Fingern den harten Käsepanzer vom übrigen Belag gehobelt wie ein Pflaster von der Wunde und zuletzt versiert die Champignonscheiben heruntergesammelt. Bei dieser Darbietung chirurgisch formvollendeter Ausweidung war Wegschauen quasi ausgeschlossen.

"Was gibt es da zu glotzen", wollte man dennoch verständnislos von mir wissen, und schon ging es los mit den Tritten. Inzwischen bin ich fast so weit, zu glauben, die ganze Sache könnte bloß eine harmlose Prüfung gewesen sein, eine kultische Rauferei, die manch einer als Initiierungsritual werten würde. Damals jedoch war ich bibeltreuer Christ und verstand mich weder auf heidnische Riten, noch auf Gewalt allgemein, und so führten die Tritte mit kniehohem Schuhwerk ("Nuttenstiefel", rief einer, der von außen zusah) schließlich dazu, dass ich zu heulen anfing.


Warum ich flenne, wollte eine wissen, “war doch nur Spaß”, sagte eine andere, aber sie ließen von mir ab, immerhin. “Mädchen, Mädchen!”, rief der außenstehende Schuhkenner mir entgegen und wurde mit Tritten verscheucht. “Warum du heulst, hab ich gefragt”. Na, jetzt aber besser nicht das Falsche sagen. “Immer wenn mich jemand tritt”, erfand ich also, denn ich war vielleicht eine Heulsuse aber nicht auf den Mund gefallen, “muss ich an meinen kleinen Bruder denken, der gestorben ist, als ich vier war”.

Das stimmte tatsächlich, dass mein Bruder gestorben war, dass er mir jedoch ausgerechnet immer dann einfiel, wenn die Absätze von sogenannten Nuttenstiefeln auf mich herniedergingen, war unschwer erkennbar frei erfunden. Aber die Stiefelträgerinnen waren überzeugt und traten nie wieder nach mir, denn der Tod ist noch furchteinflößender, wenn man es nur von ihm flüstern gehört hat, als er ist, wenn er wirklich mal zu Besuch kam.

An diesem Tag habe ich drei Lektionen gelernt: Erstens, dass ich auf kurz oder lang an der Sinnhaftigkeit meiner Geschichten arbeiten muss. Zweitens, dass fehlende Etikette bei Tisch kein gutes Thema für ein erstes Kennenlernen ist. Drittens, dass meine Verletzlichkeit manchmal der stärkste Panzer gegen Angriffe sein kann.


Oder? Oder nicht? Hatten mich denn nicht der Mut, meine Trauer offen zu benennen, meine offene Brust und meine Tränen vor der Gewalt der wildgewordenen Hühner bewahrt? Ich weiß es nicht. Ich würde es gerne glauben, wirklich, denn das würde vieles vereinfachen und sich außerdem zur Freude von Tanten und Verwandten bei Familientreffen vorlesen lassen wie die Sprüche in einem kitschigen Motivkalender. So einen könnte man dann allen Unterdrückten und Außenseitern da draußen schenken, und vorbei wäre das Elend in der Welt und an den Bildungseinrichtungen, Kalender sei Dank.

Januar: Zeig deinem Feind, dass du bluten kannst, dann wird dich sein Messer verschonen. Rührend, nicht wahr? Aber machen wir uns nichts vor, der Ratschlag wäre genau so nützlich wie ein Arschloch am Ellbogen. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich einfach Glück, als mein zusammenhanglos hervorgebrachter Exkurs in meine Familiengeschichte die Herzen der Tretenden um mich herum erweichte. Da musste ich einfach zufällig einen Nerv getroffen haben, so wie man manchmal zufällig im Urlaub einen alten Freund trifft.

Dass ich in den Jahren, die folgten, nicht noch einmal Opfer von Spott und Häme wurde, sondern Klassenclown, Klassensprecher und Klassenbester, lag auch nicht daran, dass ich die Angriffe durch andere Heranwachsende mit Berichten über Liebeskummer, meine überstanden Windpockeninfektion oder verstorbene Zierfische erfolgreich in empathische Zuneigung verwandelt hätte.


Man ließ mich nicht in Ruhe, weil man Mitleid mit mir hatte, sondern deshalb, weil man sich vor mir fürchtete. Über die Jahre gelang es mir nämlich, mich an das begehrtere Ende der normalverteilen Kurve zu arbeiten, indem ich andere bei Seite schubste und rücksichtslos über alle hinwegtrampelte, die nicht schnell genug den Weg frei machten. Denn, und das begriff ich bereits auf der ersten Busfahrt zur Schule, das eine Extrem brauchte stets das andere: Wer eine leere Dose Fanta werfen wollte, brauchte einen blondierten Kopf, den er damit treffen konnte. Einmal band ich ein Mädchen, das verspottet wurde, weil es an Panikattacken litt, im Bus nach Hause heimlich mit den Kordeln ihres Anoraks an den Haltegriffen fest.

Als wir alle am Ziel ausstiegen, die Rucksäcke griffen und lachten und man mir zur geglückten Missetat auf die Schulter klopfte, sah ich das Mädchen noch kurz an den Bändern zerren, die Augen weit aufgerissen, hörte ich noch kurz den raschelnden Anorakstoff reißen, hörte ich sie noch kurz hinter der sich schließenden Tür hysterische Schreie ausstoßen wie ein sterbendes Tier. Sie musste bis zur Endstation fahren, dort schnitt der Busfahrer sie los. Das war fast dreißig Kilometer entfernt, und bis zu den Ferien kam sie nicht zur Schule. Ich hatte also nicht bloß das Prinzip Beobachten und Bewerten meisterhaft verinnerlicht, ich sorgte auch dafür, dass die Beliebtheitsskurve normalverteilt blieb, mit den vielen, die man ignorierte, in der Mitte zwischen denen, die auffielen, weil sie quälten, links und denen, die auffielen, weil sie litten, rechts.


Erst eine Woche vor meinem Abschluss verschwand meine sklavische Anbiederung an dieses System ebenso wie sie gekommen war: Schnell und auf einer Busfahrt zur Schule. Auf den hinteren Sitzreihen wurde an diesem Morgen getuschelt, und zwar über Anna-Lena, was zunächst einmal nicht ungewöhnlich war. Anna-Lena war die sechstjüngste Tochter einer stadtbekannten Familie, die ihren fragwürdigen Ruhm dadurch erlangt hatte, dass alle Familienmitglieder dick waren und beide Eltern arbeitssuchend. Besprochen wurden darum täglich der vermeintliche Gestank des Mädchens und ihrer Geschwister, man überlegte lautstark, ob sie noch fetter geworden sei, welche ihrer Schwestern als nächstes "werfen" oder "kalben" würde und in welchem Discounter man mit so wenig Geld so viel Essen kaufen konnte.

Heute aber wurde es ruhig, als sie an ihrer Bushaltestelle einstieg und sich im Eiltempo zwischen zwei stehenden Achtklässlern versteckte. Der Grund dafür war allen bekannt - Wir kamen aus einer Kleinstadt, da dauerte es nicht lange, bis sich Dinge herumsprachen, vor allem, wenn es um bahnbrechende Ereignisse wie den Tod ging.


"Ey, Anna-Lena", brüllte da trotzdem mein Sitznachbar. "Woran ist deine Mutter eigentlich verreckt?" Das löste den Knoten. "Bestimmt geplatzt!", schaltete sich ein Mädchen eine Reihe weiter vorne ein. Und das war der Moment. Es war, als würde ich aufwachen. Vielleicht, weil ich mich daran erinnerte, wie der Tod meines Bruders mich irgendwann einmal geschützt hatte, als ich unverschuldet zwischen tretenden Stiefeln gelandet war. Vielleicht, weil mir aufging, dass ich all diese Jahre lang gedacht hatte, es gäbe immer und für jeden eine natürliche Grenze bei dieser Schikane, einen Punkt, an dem jemand genug Blut gespuckt hatte, und man aufhörte, auf ihn einzutreten. Gab es nicht.

Ich hatte einfach Glück gehabt und Anna-Lena hatte Pech, denn manche glaubten auch zwei Wochen vor ihrem Schulabschluss noch an das System und daran, sich ihre Position auf der Gewinnerseite durch Tritte nach unten verdienen zu müssen.


"Haltet die Fresse", hörte ich mich sagen.

Ich war aufgestanden und unter mir erstarb das Gelächter. "Das reicht jetzt. Es reicht einfach." Und um mich herum begann sich die Welt zu bewegen, unter meinen Füßen verschob sich die X-Achse und ich verschwand aus dem Extrem, versank in der grauen Masse aus angehenden Bankkaufmännern und Steuerfachangestellten und für den Bruchteil einer Sekunde konnte ich sie sehen, alle, wie sie Zeugnisse nach Hause brachten und träumten und Hoffnungen hatten, Sänger sein wollten oder Tierpfleger, und wie sie Schläge einsteckten, wenn sie versagten, wie sie sich in den Schlaf weinten und ihren Geburtstag mit echten Freunden feierten, wie sie mit der ganzen Familie vor dem Fernseher saßen, auch wenn die Familie nur eine Mutter war, und für einen Moment kannte ich ihre Namen und wusste, sie kennen meinen und ich sah die anderen hinter der grauen Masse und auch die sie hatten Namen und es waren dieselben wie unseren und dann fiel ich von der Achse und an mir vorbei zogen Karokästchen, alle zur vollkommener Gleichheit genormt, sie rasten an mir vorbei und verschwammen zu Grau und ich fiel und ich war frei.

0 Kommentare