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Hinter der Fassade

VON HENRI HAWAS //


In mir ist es wie auf einem Schmierzettel.

Überall sind flüchtige Entwürfe, To-do-Listen, Berechnungen,

Uhrzeiten, Termine, kaum leserliche Notizen.

Zwischen all dem; Eschers unendliche Treppen.

Unmögliche Gebilde, die in sich rückläufig sind.

Eine Abwärtsspirale, die keine neuen Türen öffnet,

sondern vorherige.

Irgendwo sind die Antworten auf alle Fragen des Universums,

doch sie tauchen nie auf.

Es gibt kein oben, kein unten, und auch kein Stopp.

Ich kann nichts dagegen tun. Es ist nicht abzustellen.

Was auch immer das ist,

es hat sich hinter meiner Fassade häuslich eingerichtet.


In der Mitte von all dem: ein Karussell.

Es dreht sich und dreht sich – bleibt kurz stehen,

neue Menschen steigen ein, alte jedoch nicht aus.

Auch wenn ihnen kotzübel ist,

das Ticket gilt vorerst für unbestimmte Zeit,

bis ich vergessen habe, wo ich sie platzierte.

Frau Führt-Jansen vom Arbeitsamt,

der alte Mann, der mich im Supermarkt anschnauzte,

die Frau vom Kiosk, der ich aus Versehen,

an einem Dienstag, ein schönes Wochenende wünschte.

Ich lebe in jeden von ihnen.

In meinem Kopf werden sie alles, was sie sagten,

tausendfach wiederholen,

sich in Situationen wiederfinden, die nie stattgefunden haben,

in Räumen, in denen sie nie zuvor waren,

und Gedanken und Empfindungen zugeschrieben bekommen,

die sie nie hatten.


Schützt mich die Mauern vor außen – vor Verletzungen?,

oder bin ich gefangen da drinnen, hinter meiner Haut?

Meine Körperwahrnehmung ist gleich null.

Die Haut soll doch den Körper im Gleichgewicht halten.

Bin ich deshalb von ihr getrennt?

Dieser Aufenthalt in mir kostet meine ganze Kraft.

Die Begrenzung zu überwinden noch mehr.

Es folgen Mauern auf Mauern, wie bei einer Zwiebel.

Lohnt es sich?

Ich weiß es nicht.


Eine Flasche Wein kann das alles vernebeln,

aber nicht ordnen.

Überall verworrene Überlegungen, wirre Treppen,

Kammern, Türen usw.

Ich glaube, ich denke zu viel.


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