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In Zeiten von Arsch und Friedrich

VON ANNE BÜTTNER //


Oder lieber Püree? Das könnte sie auch machen. Kartoffeln, Salz, Milch, Butter, Topf. Alles da. Fischstäbchen hätte sie bestimmt auch eingefroren. Oder falls nicht, Rouladen. "Da sind ganz sicher noch welche da." Leute ihres Alters haben immer ganz sicher noch Rouladen da.

„Nein, lass mal. Suppe ist prima. Ich mag Suppe. Wirklich“, zerstreut Miro ihre Bedenken, dass sich niemand, der Rouladen haben könnte, ernsthaft für Suppe entscheiden würde. „Na dann aber mit ordentlich Kasseler drin. Oder wenigstens ein paar Würstchen.“ Ein bisschen

Fleisch müsste da schon rein. „Sonst schmeckt das ja gar nicht“, sagt sie. Eigentlich sagt sie, dass es sonst wie Arsch und Friedrich schmeckt, meint aber dasselbe.

Dass er wirklich keinen Kasseler oder Würstchen möchte, sagt Miro. Nicht dazu und auch sonst nicht. Eigentlich sagt er „nicht braucht“, meint aber dasselbe. Murmelt noch was von fleischlos und muss ja nicht und dass es ihm auf alles andere ankommt. Auf das Gemüse und die Kartoffeln und die Brühe und die Kräuter und Pilze und den Duft und auf das Köcheln, Gluckern und Brodeln. Dass all das das Beste daran sei und Fleisch halt nicht so seins. "Seit wann das denn", fragt sie, als würde die Antwort einen Unterschied machen. Wenigstens ein, zwei Würstchen würden ja wohl und könnte er doch ... Also - die stören doch nicht. Essen, für das es maximal einen Löffel braucht, was sei das denn? Da wird doch niemand satt, geschweige denn glücklich. Das lohne ja den ganzen Aufwasch kaum. Sie würde die Würstchen einfach ganz klein schneiden. Unter all den Möhren und Kartoffeln und Pilzen und Kräutern würde man die dann ohnehin nicht mehr sehen. Und was man nicht sieht, sagt sie, das zählt auch nicht.


Auf das bisschen Fleisch wollte sie nicht auch noch verzichten müssen. Was hätte sie denn sonst noch groß? Da bliebe ja bald nichts mehr. Likörchen darf sie nicht. Die Leber. Zucker kann sie nicht. Die Werte. Den Mann gibt`s nicht mehr. Das Herz. Nikotin soll sie nicht. So generell. Bewegung soll sie, will sie aber nicht. Koffein verträgt sie, ihr Blutdruck aber nicht. Neue Anschaffungen lohnen nicht. Das Alter. Verreisen ist ihr nichts mehr, seit es die Friedel dahingerafft hat. Mit Friedel meint sie ihre langjährige Freundin und Reisebegleitung, mit „dahingerafft“ genau das. Naja. Geld sei ohnehin knapp. Mehr Familie als Rente. Und Zeit? Zeit bliebe ihr wohl, da war sich die Wissenschaft einig, auch nicht mehr ewig. Aber Zeit, sagt sie, hatte sie genug gehabt, da wolle sie, so formuliert sie es, mal nicht undankbar sein und anderen auch noch was übriglassen. Wenn sie dran wäre, wäre sie eben dran.


Wenn es nach ihr ginge, müsse das nur eben nicht unbedingt zur besten Sendezeit sein – wenn also „so eine richtig schöne, gefühlsduselige Schmonzette“ läuft, oder, noch besser, ein Western oder egal was, Hauptsache mit Gary Cooper, für den sie früher, wie sie betont, sogar ihren Fritz verlassen hätte, dabei aber grinsend in Richtung ihres Hochzeitsbildes zwinkert. Also, wenn es nicht sein muss und sie es sich aussuchen dürfte, würde sie auf genau diese Zeit doch ungern verzichten wollen. Auch nicht auf die, wenn im Quergebäude gekniffelt wird oder "Mittwochssingen mit Monika", beziehungsweise, wenn Monika verhindert ist, "Mittwochssingen ohne Monika" auf dem Programm steht. Und ihr Mittagsschläfchen muss natürlich auch sein. Zwischen 13 und 15 Uhr spielt sich nichts ab. Das hat sie auch der Ruth und der Christa gesagt, „den zwei alten Schachteln von nebenan“, wie sie feixend anfügt und sich amüsiert, weil die beiden, obwohl einige, also zwei bis drei, Jahre jünger, noch schlechter zu Rollator seien, als sie. Auf die Spaziergänge mit ihnen würde sie trotzdem nicht verzichten wollen, wenn sie die Wahl hätte. Jedenfalls nicht auf Teufel komm raus. Naja. Und wenn sie bei den Kindern oder den Kindeskindern zu Besuch ist oder jemand bei ihr – nein. Das sei ja ohnehin so selten. Also von der Zeit wollte sie nun ganz bestimmt nichts abknapsen.


Wollte sie noch nie. Schon damals nicht, als sie noch weniger davon hatte und noch mehr damit anfangen musste. Miros Damals mit ihr riecht nach perfekt angebranntem Frühstückstoast und Kakao für ihn und keinem Toast und Kaffee für sie. Danach sie: Rauchend in der noch backofenwarmen Küche, Zeitung lesend. Miro: Im Schlafanzug in der schon kohleofenwarmen Stube, Schallplatten hörend. Eigentlich nur Schallplatte. Singular. Immer dieselbe. Hoch. Runter. Vor. Zurück. 23 Minuten Spielzeit Seite A. Dann Tonabnehmer runter, Platte drehen, Nadel neu aufsetzen, 21 Minuten Spielzeit Seite B. Dann von vorn. Manchmal musste Miro sie rufen, wenn eine Seite fertiggehört war, meistens stand sie schon da. Beim ersten Mal oft mit einer Orange, die sie vom gröbsten Schrumpel befreit und mundgerecht gestückelt hatte. Beim zweiten Mal Plattedrehen tauschte sie die meist vollzähligen Orangenstücke gegen mehlige Apfelschnitze, beim dritten Mal die immer vollzähligen Apfelschnitze gegen überreife Bananenscheiben. Die tauschte sie dann nicht mehr aus. Zum einen, weil sie erstmal satt war von all den Stücken und Schnitzen, zum anderen, weil es nicht viel später schon Mittag gab.

Oft Kartoffelpüree mit Fischstäbchen. Manchmal Suppe mit Fleischeinlage. Rippchen oder Kasseler oder Würstchen oder so. Wenn schon Suppe, fand sie, dann sollte man dafür wenigstens Messer und Gabel nutzen können. Zum Nachtisch dann Pudding. Sie die Haut, Miro das Leckere.


Danach spielte sich außer einem viel zu bequemen Federbett und einem viel zu nötigen Mittagsschlaf nichts ab. Das wussten auch Arsch und Friedrich, die beiden Nachbarskinder, mit denen Miro notgedrungen die Nachmittage hinter dem Haus verbrachte, bis sie ihn endlich wieder nach drinnen rief, wo sie seine Knie vom gröbsten Schrumpel befreite oder einfach gleich ein Pflaster draufklebte. Dann sah man es nicht. Und was man nicht sieht, das zählt auch nicht, sagte sie.

War natürlich Quatsch. Natürlich zählte es. Das merkte Miro spätestens dann, wenn sie ihn nach dem Abendbrot in die Wanne steckte. Was sie nie so gemacht, immer nur so gesagt hat. Rein ist er alleine: Ein Steckling mit brennenden Knien in grünem Badewasser, bei dem sie stets genug Platz für noch mehr Wasser und noch mehr grün gelassen hatte. Denn natürlich wollte Miro mehr davon, sobald das, was nicht zählte, nicht mehr brannte. Mehr von dem, was für ihn nach Märchenwaldplatte roch, für sie einfach nur nach Latschenkiefer. Dazu der Duft ihrer guten Reife-Haut-Creme, von der sie, weil er die so mochte, Miro nach dem Baden immer einen Klecks zum Verreiben auf Nase und Stirn tippte, manchmal noch auf Wangen und Kinn.

Und weil Miro sie so mochte, ließ er sie später beim Fernsehen von seinem Eisbecher kosten. Sogar vom Schoko. Miro zuliebe hat sie probiert, ihnen beiden zuliebe nur ganz wenig. Ohne Likör schmeckte es für sie einfach nur wie Arsch und Friedrich, für ihn wie Ferien zum Löffeln. Im Gegensatz zum Eis, das Miro mühelos schaffte, bekam er, so sehr er sich auch anstrengte, das Ende des Films nie mit. Selbst bei der Olsenbande nicht. Selbst dann!


Viel zusammen machen mussten sie gar nicht damals. Miro reichte eigentlich schon, bei ihr zu sein, während sie dieselben Dinge erledigte, wie sonst, wenn er nicht bei ihr war. Oder ihr bei der Erledigung zu helfen, was dann natürlich länger dauerte: In ihrem schützenden Beisein im Keller die Kohlen in ihren Eimer (den richtigen aus Emaille) und seinen (den anders richtigen aus dem Spielzeugladen) zu schaufeln. Ihr an der Kasse hochkonzentriert den Einkauf anzureichen, mit dem von ihr bereitgehaltenen Schein zu bezahlen, das abgenickte Wechselgeld in Empfang zu nehmen und sorgsam in ihre Börse zu schütten - oder versehentlich daran vorbei und dann gemeinsam in ihre Börse zu sammeln. Ihr bei der Hausordnung zuzusehen und auf die nächste Treppenstufe zu springen, sobald sie seine Füße erreicht hatte und ihn wegschrubben wollte. Sowas. Sie beim Briefeschreiben beobachten und ihr Briefe schreiben, die hauptsächlich aus bunten Kritzeltieren, viereckigen Menschen und zu vielen Fehlern für zu wenig Worte bestanden. Oder ihr zusehen, wenn sie im Hinterhof die Wäsche aufhing, und sich dann in den aufgeleinten, duftenden Betttüchern zu verstecken. Das mochte Miro auch. Sie weniger. Wenn sie miteinander spielten, Rommé oder Mühle, dann nur solange, bis sie ihn zum Sieg geschummelt hatte. Meistens spielte er aber allein. Im Flur, weil der so schön nah an der Küche war. Das Klappern, Brutzeln, Zischen und Pfeifen bot die perfekte Klangkulisse für das von ihm entworfene Indianer-Rührgerät-Kochlöffel Zinnsoldaten-Matchbox-Buchschanzen-Szenario, um das sie herumlaufen oder darübersteigen musste, wenn sie aus der Küche kam. Und weil er sich in dem Alter nur schwer dagegen wehren konnte, malte Miro manchmal. Genau genommen kritzelte er nur möglichst schnell Buntstifte klein und Blätter möglichst schnell möglichst voll, um sich wieder mit etwas anderem beschäftigen oder ihr wieder zusehen zu können, wie sie sich mit etwas beschäftigte.


Viel mehr hat er nicht gemacht, in diesen Tagen bei ihr. Aber gar nicht viel machen bei ihr, war zu jener Zeit so viel mehr, als irgendwo anders alles zu machen. Wäre es nach Miro gegangen, hätte er damals jedes Wochenende bei ihr verbracht, die Ferien extra. Weil es aber nicht nach ihm ging, besuchte er sie eben, wann immer ihre Zeit und sein Vater es erlaubten, dem es als Einzigen unangenehm war, dass Miro so oft bei ihr war. Weil sie doch nicht mal Familie, sondern bloß Nachbarin war. Wenn auch die beste Statt-Oma-Nachbarin, die er sich für seinen Sohn nur wünschen konnte.

Je älter Miro wurde, desto seltener und, seit eine Firma die Treppenreinigung übernahm, desto kürzer wurden seine Besuche. Manchmal, wenn er, ihren sanften Protest ignorierend, ein paar Einkäufe für sie erledigte, brachte er noch Eis mit, das sie dann zusammen aßen. Eigentlich aß er seins und das meiste von ihrem, weil es ihr zu viel war. Und vor allem zu ohne Likör, den sie nicht mehr sollte. Danach saß Miro oft rauchend in ihrer Küche, Handy lesend, sie im Hausanzug in der heizungswarmen Stube vor irgendeiner viel zu lauten Schmonzette. Manchmal schaute er noch ein paar Minuten mit, bevor er sich bis zum nächsten seltenen Besuch wieder losmachte.


Irgendwann gab es selbst diese Besuche nicht mehr. Ihnen beiden war etwas dazwischengekommen: ihm Vita, ihr die überzeugende Argumentation ihrer Kinder, in deren unmittelbarer Nähe sie inzwischen lebte. Wo genau das war, wusste Miros Vater nicht und auch sonst niemand aus der Nachbarschaft. Aber das Ungenau und ein paar Suchbegriffe reichten, die Einrichtung und sie zu finden.


Gerade weil Miro wusste, wie alt sie damals schon und er selbst inzwischen war, und auch wusste, wie viele Jahre dazwischen lagen, war er überrascht, dass sie ihn quasi sofort erkannte. Und sollte Miro nur den kleinsten Zweifel gehabt haben, ob wirklich sie es war, die ihm die Tür öffnete, war der mit ihrer Frage, ob sie etwas verpasst hätte und Umarmungen inzwischen aus der Mode gekommen seien, umgehend ausgeräumt. Absolut kein Fremdeln war da zwischen ihnen. Nichts Unangenehmes und auch kein Sich-Erinnern-Wollen-Aber Nicht-Können.


"Und Pudding zum Nachtisch", fragt sie, während sie die Würstchen kleinschneidet. "Du die Haut, ich das Leckere? Zählt für Dich ja eh nicht." „Stimmt", bestätigt sie, "nur was man sehen kann, zählt auch."


Ist natürlich Quatsch. Selbst wäre das Pflaster in ihrem Nacken größer und würde den Fleck darunter komplett verdecken, wäre der noch immer zu da, zu schwarz und zu knotig, um nicht zu zählen. Vermutlich wird sie bald auf noch mehr Zeit, von der sie, wie sie sagt, ohnehin schon genug gehabt hatte, verzichten können. Auf Arsch und Friedrich sowieso. „Was hältst Du von einem Gläschen Likör nach dem Essen?“ „Ach Jungchen, ich würde ja, aber …“ „Wir machen einfach das Licht aus“, unterbricht Miro sie, „Und die Augen zu. Denn was man nicht sieht, …“ Sie lächelt. „Also abgemacht. Nach dem Essen trinken wir. Auf alle – außer Arsch und Friedrich.“



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