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innerlich treiben wir es // wesentlich bunter

VON RAOUL EISELE //


Auszüge aus dem Gedichtzyklus

innerlich treiben wir es // wesentlich bunter


Spuren I.


der Mensch ist ein monströses

Wesen, wer hier von Schönheit spricht

hatte immer noch nicht verstanden, dass

wir vom Affen abstammten, dass wir

bloße Tiere waren, die in Rudeln

herumzogen, die nur ihresgleichen

ernst nahmen, sie waren einzig und allein

Wesen, die teilweise aufgehört hatten

sich mit ihren eigenen Exkrementen

zu bewerfen, doch nun drängte es immer wieder

wieder an die Oberfläche, immer weiter

an den Moment, an dem man sich und

seinesgleichen mit Kot beschmieren würde

nur um zeigen meins und meins und meins




Spuren V.


sagst morgen soll für übermorgen gelten und wie

deine Augen dabei den Boden berühren, deine

Augen immer tiefer geneigt und als würde jedes

Wort deines Satzes so unaussprechlich, so

ungefähr den Boden entlang, sich einen

Nistplatz suchen, ganz als müsste es noch

wachsen, brüten, sich brüsten mit der

Welt, die noch lange nicht das Übermorgen zu

erwarten weiß, wie viel Vergangenes steckte

doch noch ins uns, wie wenig Platz bleibt da für

morgiges und wie ich wünschte, du würdest

es mir ins Gesicht, würdest es aus voller Kehle

krächzen, wie ein Muttervogel wirst du einmal

sein, sodass auch überübermorgen deine

Worte noch ausgesprochen sind




Spuren VII.


bin ganz dünn wie deine Wimper

deine Fühler an mir, bin noch kein

Schmetterling im Bauch, eher ein ewig

sich zu entfaltender Kokon, der sich

an dein Herz gesponnen




Spuren XII.


wie es einem doch unverständlich dieses Erröten, dieses

Zittern, selbst wenn man die Wahrheit sprach, selbst, wenn

man nur aus Feigheit, mutlos, dieses winzige Flunkern über

die Lippen ließ, wenn man doch nur sagen wollte, wie sehr

man doch, wie sehr es einen traf und doch ließ es einen nicht

minder stottern, jene unaussprechlichen Worte, so als kämen sie

nicht von einem selbst, als kämen sie von jemand anderem

und als wäre alle Regung irreal, als würde man den Körper

teilen, ein Bienenschwarm, ein Nest aus Waben in winzige

Sechsecke, Hohlräume, aus denen man etwas hervorzog, so

als wäre es einem unbekannt, als wäre es eine scheinbar

unentdeckte Honigzelle, eine noch nicht aufgedeckte Topografie

der eigenen Haut, des eigenen Verstands vor dem man erschrak

man fand etwas, dass man sich selbst nie eingestehen wollte

dass man nie für möglich gehalten hatte, es waberte

nun aber war es ausgeschwärmt, nun war man entlarvt




Spuren XIV.


auf meiner Morgenmarmelade Schimmel, der

sich pelzig an das apricotfarbene Gelee

schmiegt und leuchtet, ganz bläulich und grün

und am Rande weiß, der von Tag zu Tag ein wenig

größer, runder in der Form – nur selten kratze ich seitlich

etwas ab, lasse ein pelziges Auge in der Mitte stehen

und streiche mir mein Brot mit Butter, mit

Marillenmarmelade, schraube das Glas mit seinem

grünen Deckel wieder zu und stelle es unbesorgt

in den Kühlschrank zurück und freue mich

wenn es mir morgens wieder zublinzelt aus dem Marmeladenglas




Spuren XVI.


seit sich die ersten Menschen von mir über

Face-time verabschiedeten, fällt mir die

Angst vor dem Tod nicht mehr ein

sie hatte sich in Wohlgefallen aufgelöst, heute

ist der Tod nichts weiter als das

Abschalten meines Smartphones, ein kurzes

Gedrückthalten des Ausschaltknopfs, ein

Bestätigen und schon war man Geschichte, schon

war man nichts weiter als ein schwarzer

Bildschirm, in dem man sich nicht einmal mehr spiegelte


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