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Kalte Füße

VON ISABELLE REIFF //



Hatten Sie schon mal das Glück, bei einer Geschäftsreise auf das Übernachtungsangebot eines alten Bekannten zurückgreifen zu können? Und haben Sie sich vielleicht sogar gefreut, dass sich dadurch die Gelegenheit für ein Wiedersehen bot?

Vielleicht war das geschäftliche Treffen ziemlich eintönig und es tat gut, am Abend noch ungezwungen mit Ihrem Bekannten plaudern zu können.

Vielleicht waren Sie auch ziemlich erschöpft, als Sie bei ihm ankamen und froh, sofort auf sein Sofa zu sinken. Ihr Bekannter hat Ihnen vielleicht etwas zu trinken angeboten, und Sie haben sich über seinen Vorschlag gefreut, noch einen Film zu gucken.

Ein bisschen später hat Ihr Gastgeber das Sofa für Sie ausgeklappt und Ihnen ein Federbett frisch bezogen. Er hat Ihnen sogar noch Musik angemacht, damit Sie gut schlafen, und dann hat er Ihnen eine gute Nacht gewünscht und ist nach nebenan in sein Schlafzimmer gegangen.

Sie sind fast augenblicklich eingeschlafen.

Aber mitten in der Nacht wachen Sie auf, weil sich Ihre Füße so kalt anfühlen und ins Freie ragen. Sie schlagen die Bettdecke nach unten und schlafen wieder ein.

Doch bald wachen Sie aufs Neue auf, weil es schon wieder so zugig ist an den Zehen, und noch bevor Sie Ihre Füße wieder unter die Federn stopfen, spüren Sie plötzlich etwas an Ihrer Fußsohle und zucken erschrocken zurück.

„Was kann das sein?“, fragen Sie sich schlaftrunken, und im nächsten Moment berührt etwas die andere Fußsohle. Und Sie zucken wieder zurück und bekommen aus unerfindlichen Gründen plötzlich eine Heidenangst.

Sie halten den Atem an und heben ganz vorsichtig den Kopf ein bisschen und sehen im fast dunklen Zimmer jemanden am Fußende Ihrer Lagerstatt hocken. Sie rufen den Namen Ihres Bekannten, und da sehen Sie, wie sich die Gestalt bäuchlings zu Boden wirft, wie, um sich zu verstecken.

Das versetzt Sie so richtig in Panik. Sie liegen zitternd unter der Bettdecke und wissen nicht, ob Sie träumen oder wachen.

Und plötzlich wird die Decke über Ihren Füßen vorsichtig angehoben, und jemand berührt Ihre Zehen, und Sie sind hilflos und steif vor Angst. Ihr ganzer Körper verfällt in Todesstarre. Sie fühlen sich wie ein wehrloses kleines Kind, das nichts anderes tun kann, als den Atem anzuhalten und zu hoffen, dass alles nur ein böser Traum ist, der schnell vorübergeht.

Aber es ist kein Traum, und es geht nicht schnell vorüber. Die Panik wächst von Minute zu Minute, in der die Zeit verstreicht, bevor die fremde Berührung erneut an Ihren Füßen herumtastet und Sie sich das Schlimmste ausmalen, ohne eine Vorstellung davon zu haben.

Doch dann reißen Sie sich zusammen. Ihnen fällt ein, dass alle Schalter in der Wohnung mit Sprache gesteuert werden. Sie schreien so laut Sie können: „Alexa, Licht!!“. Augenblicklich erstrahlen Decken- und Nachttischlampe, und das Zimmer ist bis in jeden Winkel ausgeleuchtet. Schon sitzen Sie aufrecht im Bett, Ihre Füße an die Brust gezogen, und Sie sehen dem, der am Fußende hockt, direkt ins Auge.

Wie sich herausstellt, ist Ihr Bekannter ein Fußfetischist mit starkem Mangel an Gelegenheit, seiner Leidenschaft zu frönen. Erst streitet er‘s ab, aber dann gibt er’s zu. Jammernd gesteht er, welch heilloses Vergnügen es ihm bereitet, fremde Zehen mit Kitzeln zu attackieren. Sie fassen es nicht und sind von diesem Geständnis so amüsiert, dass Sie einen Lachanfall bekommen und sich kaum noch einkriegen.

Er fleht Sie an, sich von ihm fesseln zu lassen, es sei schon so lange her, dass er Hand anlegen konnte. Er jammert und verspricht auch, Ihnen nicht weh zu tun.

Und weil Sie ihn gar nicht mehr ernst nehmen können und außerdem glauben, den nächtlichen Albtraum am besten zu verarbeiten, indem Sie der Angst ins Gesicht sehen, und sich zweitens verpflichtet fühlen, denn schließlich lässt Ihr Bekannter Sie in dieser superteuren Stadt gratis bei sich übernachten, sagen Sie „Okay“ und lassen sich im Schlafzimmer mit Armen und Beinen an seinem Gitterbett festzurren.

Ihr Bekannter kichert jetzt schon wie geistesgestört vor lauter Vorfreude.

Dann geht es los, und wie sich herausstellt, sind Sie furchtbar kitzelig.

Ihr Bekannter traktiert Ihre Füße mit Federn, mit Massagerollern, mit der Spülbürste und mit seiner Zunge.

Sie bäumen sich auf und schreien und kreischen und japsen und krakeelen.

Das Kitzeln ist kaum auszuhalten, aber Sie haben sich ja festbinden lassen: Es gibt kein Entrinnen.

Sie hören den Folterknecht quieken vor Freude: So empfindliche Füße sind ihm sicher noch nie untergekommen. Er piekt Ihre Fersen. Er krault Ihre Zehen. Er schrubbelt ihre Ballen. Er kribbelt an Ihren Sohlen.

Er hört nicht auf, und es dauert eine halbe Ewigkeit.

Als es anfängt, so schlimm zu prickeln und zu jucken, dass die Kitzelei zur Tortur wird und schmerzt, ist es aus: Sie machen in sein Bett.

Er winselt, aber nicht deswegen. Das Bett ist ihm scheißegal. Ihr Schachmatt gibt ihm den Rest: Er ejakuliert wie er geht und steht in seine schwarze Jeans hinein. Und das ohne Anfassen! Das soll ihm mal einer nachmachen!

Ihr Bekannter ist aber gar nicht stolz darauf. Stattdessen sinkt er auf die Knie und wimmert wie ein kleines Kind, das die Schläge seiner Mutter fürchtet. Und Sie müssen laut „Hey! Hey!“ rufen, damit er wieder zu sich kommt und Sie losbindet.

Sie stürzen aus dem nassen Bett und stopfen Ihre vollgepisste Hose in den Mülleimer im Bad, der voller Schnapsflaschen ist. Immer noch fühlen sich Ihre Füße an wie unter Strom. Sie können nicht anders und fangen an, auf der Stelle zu hüpfen und zu hopsen und Sie lachen über sich selbst und sind zugleich so aufgebracht und sehen im Spiegel, dass Ihnen die Haare buchstäblich zu Berge stehen.

Sie spüren, wie es in Ihren Fingern brizzelt.

Kurz entschlossen gehen Sie zurück ins Schlafzimmer.

Ihr Bekannter kauert noch immer wimmernd auf dem Bettvorleger.

Jetzt machen Sie ihm kurzen Prozess.

Ohne Ankündigung rammen Sie die gespannten Finger in seine Lenden, die Oberschenkel, den Bauch, die Rippen. Er kreischt auf, dann zuckt er. Er zappelt, er wackelt, er hampelt, er spreizt sämtliche Glieder in 90-Grad-Winkeln vom Körper weg: Seine Reflexe drehen durch.

Treffsicher und beweglich den in alle Richtungen hochschießenden Gliedmaßen ausweichend, stoßen Sie immer wieder aufs Neue zu. Es macht Ihnen solchen Spaß, dass Sie zu lachen anfangen wie nicht ganz gescheit.

Ihr Bekannter verkrampft sich; das macht für ihn alles noch schlimmer. Er schreit, so groß ist seine Pein.

Doch Sie kennen keine Gnade und machen weiter, bis er kaum noch Luft bekommt, und als Sie sehen, dass er sich in die Hose gemacht hat, hören Sie auf.

„Und tschüss“, sagen Sie – außer Atem.

Er winselt.

Jetzt tut er Ihnen leid.

Sie sagen noch mal „Tschüss“, etwas liebevoller, und dann: „Hat Spaß gemacht.“

Er quietscht zur Antwort.

Sie stehen unschlüssig herum. Dann gehen Sie zu seinem Kleiderschrank und sagen: „Ich leihe mir mal eine Hose von dir.“

Er liegt immer noch zusammengerollt auf dem Bettvorleger.

Sie ziehen die Hose an, die nicht passt und Scheiße aussieht.


Da geht er Ihnen an den Kragen.

„Das ist meine Lieblingshose!“, schreit er und beißt Ihnen in den Unterschenkel.

Es tut höllisch weh. Sie sehen im Geiste seine schlechten Zähne und spüren schon die Infektion.

Sie schlagen aus und treffen ihn mit ganzer Fußfläche unter dem Kinn. Sein Kopf schnackelt zurück. Er ruft „Uuufft!“

„Hast du sie noch alle?!“, zischen Sie erschrocken und empört.

Er packt Ihren Fuß und reißt daran. Sie verlieren das Gleichgewicht und donnern aufs Steißbein. Im Sturz nach hinten geben Sie ihm unabsichtlich einen Tritt ins Gesicht. Jetzt wird er richtig wütend. Brüllend schmeißt er sich auf Sie und kloppt los wie bekloppt. Sie kloppen zurück. Sein Atem riecht schlecht. Schwer ist er auch.

Ihnen reicht’s. Sie ziehen ruckartig die Knie an und treffen seine Hoden.

Er jault.

„Komm, wir hören auf!“, keuchen Sie.

„Nein!“, krächzt er und fängt an, Sie zu würgen.


Sie kommen nicht mehr dazu, diese Geschichte zu schreiben.


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