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Lebendige Ausstülpungen, die in die Atmosphäre greifen

VON HANNAH KOHN //

„Das Wahrzeichen der Intelligenz ist das Fühlhorn der Schnecke […].“ (Adorno, Horkheimer)

Ein See kann zwar ruhig in der Landschaft liegen, dabei ist er eigentlich in Bewegung. Wasser besitzt eine Oberflächenspannung die das flüssige Nass und die Luft voneinander trennt. Ein hinuntergefallenes Blatt fällt auf die Oberfläche, bleibt auf der Grenze liegen, schwimmt darauf. Ein Fische fangender Vogel stürzt sich hinab und durchdringt die Wasseroberfläche, um in die Tiefen hinab zu tauchen.

Wasseroberfläche und Haut tragen ähnliche Charakterzüge in sich. An diesen feinen Grenzen berühren sich zwei Welten. Hier kommt es zu einem immerwährenden Kontakt und Austausch. Es ist eine Trennung und gleichzeitig das verbindende Element. Haut und Wasser sind abweisend und durchlässig zugleich. Die Wasseroberfläche liegt grob gemessen horizontal auf dem See, die Haut jedoch umhüllt jede feinsten Verästelungen des Körpers. Hier geht es an Armen und Beinen, Brüsten und Mundhöhlen bergauf und bergab. Der Leib ragt durch seine Verschränkungen in die Welt und die Welt in ihn hinein. Die Haut umhüllt das psychische und physische Ich. Sie schützt einerseits das Fleisch und die Zartheit des Körpers und gleichzeitig ist sie durchzogen von einem Rezeptorennetz, die den Körper empfindsam wie ein Tor für die ihn umgebende Welt öffnet.

Über der Haut, ragt noch die Behaarung und damit eine weitere tastsensible Schicht in die Außenwelt hinaus. In dem Sitz jeder Haarwurzel sitzen viele Wahrnehmungsrezeptoren, die jede Erschütterung in Informationen verwandeln. Sie machen damit behaarte Körperregionen zu besonders sensiblen Bereichen. Durch die Körperbehaarung, durch das Fell besitzt der Körper eine Ebene, die bereits vor dem direkten Hautkontakt mit der Außenwelt in Berührung kommt. Haare stellen sozusagen eine Extremität der Sinnlichkeit dar.

Haare besitzen wir an vielen Stellen, doch die Haut und ihr Wahrnehmungsvermögen umschließt uns im Ganzen. Da das ganze Ich durch die Haut von Empfindsamkeit umgeben ist, baden wir wie Michel Serres es in dem Buch „Die fünf Sinne. Eine Philosophie der Gemenge und Gemische“ ausdrückt, vom Kopf bis zu den Füßen in den Dingen, „[…] in Licht und Schatten, in Klängen und Stille, in Düften; Wellen jeglicher Art überschwemmen und imprägnieren die Haut. Wir sind nicht auf dem Schiff, zehn Fuß vom Wasser entfernt; wir sind eingetaucht.“

Diese Tastfähigkeit ermöglicht dabei nicht nur die physische Erfassung der Umgebung, sondern lässt uns auch uns selbst spüren. Auch etwas außerhalb des Körpers zu fühlen, ein Ding ein Objekt oder eine Situation mit seiner Hand oder Körper hautnah zu spüren, besitzt immer auch etwas selbst Bezogenes. In jeder Sekunde unserer Existenz empfinden wir uns in unserem Körper. Eigentlich denken wir uns nicht selbst, sondern erfahren unser Dasein im sich Fühlen. Am Anfang aller Bewusstheit steht die Selbstberührung, über taktiles Selbstgefühl und Sensibilität entsteht Bewusstsein.

In der Entstehungsphase unseres Lebens liegen wir neun Monate in einem angenehmen körperwarmen Bad. Der Embryo schwimmt wie ein kleiner Fisch in den sich wiegenden Weiten des Urozeans, dem alles Leben abstammt. In der Ursuppe badend beginnt der Keim Wurzeln aus Armen, Wirbelsäulen, Beinen, Fingern zu bilden, die sich in immer kleinere Adern aus Nervennetz, Blutadern, Haaren aufgliedern. Er wächst in einer sumpfigen Masse aus Schleim, Muskeln, Wasser heran. Der Embryo liegt dort in der schöpferischen Unterwasserwelt der Mutter. Ich stelle mir einen Menschen vor, der in einer vollen Leere, der ruhigen Weite des Meeres; mit allem versorgt was er braucht, in einer sättigenden Weite des unterirdischen Weltalls liegt. Manchmal still, manchmal in einer, durch die Bewegung der Mutter verursachten, leichten Strömung und Brandung von Flüssigkeiten.

Der Biologe Martin Grunwald beschreibt in seinem Buch „Homo Hapticus: Warum wir ohne Tastsinn nicht leben können“. die sensorische Entwicklung des Embryos in der mütterlichen Innenwelt. Als Embryo, in einer Phase in der sich zeitgleich die inneren Organe bilden, beginnt das Baby auf Berührungsreize zu reagieren. Neben den fötalen Entwicklungsschritten spricht der Biologe von einem Stimulationsprinzip durch Berührung und Bewegung, welches jede Zelle erfahren muss, um überhaupt arbeiten zu können. Zellen benötigen Bewegung und Kontakt, um Informationen zu registrieren und sich durch Eigenbewegung an Veränderungen anzupassen.

Grunwald beschreibt außerdem wie dem Fötus ab der 17. Schwangerschaftswoche ein fünf bis sieben langer Haarflaum wächst, um so benötigte Bewegungsreize zu stillen. Man nennt es Lanugohaar, welches sich zu späterem Zeitpunkt wieder zurück entwickeln wird. Diese Haare dienen mit ihrem empfindsamen Sitz in der Haut unter anderem als Impulsintensivierungen. Frühchen, die noch mit Lanugohaar bewachsen auf die Welt kommen, benötigen zwar viel Hautnähe. Sie empfinden jedoch selbst zartes Streicheln als unangenehm.

Diese intensive Wachstumsphase scheint also ein besonders ausgeprägter und nachdrücklicher Daseinseinstieg- und abschnitt des Fühlens und Wahrnehmens zu sein, und stößt so mit einer festlichen Vitalität das Tor zur Lebendigkeit auf.

Auch nach der Geburt ist der Körperkontakt eine Existenzgrundlage für die Neugeborenen. Der Neuling muss Zuneigung erfahren. Die Eltern oder Familienmitglieder müssen sich ihm Zuneigen, er braucht mit existenzieller Notwendigkeit diesen auf ihn stoßenden, mit Liebe gefüllten Kontakt. Diese Reize sind Grundlage, um neurophysiologische und psychologische Wachstumsprozesse auszulösen. Die Konsequenz wäre die Verkümmerung im Stillstand. Grunwald erklärt, dass ein Kind ohne körperliche Zuwendung zunächst Disposition ausbildet, daraufhin die Lebensfunktionen versagen und es stirbt.

Die Reize der Welt zu spüren bedeutet Beweglichkeit, Wachstum und Lebendigkeit. Im Laufe unseres Lebens können unsere Wahrnehmungssinne nachlassen. Wir können unser Augenlicht verlieren, unser Gehör, Geschmacks- oder Geruchssinn kann uns verlassen. Wir können zwar an einzelnen Körperstellen auch im Gefühl taub werden, doch den Tastsinn verlieren wir im Ganzen während unserer Lebenszeit nicht.

Jeder lebendige Organismus ist durch seine funktionsfähigen Zellen, die auf physische Reize reagieren, auf seine Art mit Sinnlichkeit erfüllt. Es handelt sich sozusagen um lebendige Ausstülpungen, die in die Atmosphäre greifen. Körper aus Haut und Haar, Ästen, Blättern, Fühlern, Flossen, Münder, Unterwasserwelten, Geschlechts- und Ausscheidungsorganen. Die Fülle der Welt ist eine korallenartige Landschaft, die von einer Schicht aus tastsensiblen Rezeptoren überzogen ist. Zwischen den sich berührenden Häuten werden Informationen hin und hergeschickt, um Beweglichkeit und Wachstum zu ermöglichen. Leben bedeutet Sinnlichkeit. Man könnte sagen, die Organismen der Welt bilden die Behaarung die den Schädel der Erde überwuchert.

Mir erscheint es, als fungierten Bürokratie, Straßenschilder und andere Ordnungssysteme als Kamm, als mechanisches Glätteisen, um Klarheit in das Chaos der wilden Locken zu bringen. Die Bewegung der Haare, die für überlebenswichtige Sensibilität sorgen, werden gekämmt, durch Scheitel zerteilt, rasiert.

Die Verschränktheit mit der Welt glättet sich. Durch die Entwicklung von Maschinen und Technik werden zwar Arbeitsschritte erleichtert, dabei werden die Bewegungen jedoch auch vereinfacht und dadurch vermindert. Die Hand greift weniger, sie fasst weniger in die Welt. Unsere Finger gleiten nicht mehr über die Wülste der Erde. Sie gleiten über glatte Glasoberflächen.

Wälder aus sich verzweigenden Adern aus Wurzeln, Händen, Blutadern, Lungen- und Nervensystemen werden chirurgischen Behandlungen unterzogen. Der Kosmos wird kosmetisch behandelt. Falten und Schluchten werden mit Botox geglättet, Brasilianische Urwälder abgeholzt oder brazil gewaxt, Antibiotika oder Pestizide auf Felder von Darmzotten oder Getreiden gekippt.

Die Weichtiere ziehen ihre Fühler ein.





Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Frankfurt am Main 1981.

Michel Serres: Die fünf Sinne. Eine Philosophie der Gemenge und Gemische. Frankfurt am Main 1995.

Martin Grunwald: Homo Hapticus. Warum wir ohne Tastsinn nicht leben können. München 2017.

Genauere Literaturhinweise sind bei der Verfasserin erhältlich.



Auszüge aus der Diplomarbeit: Ich liege ich einer Banane, Fachbereich Freie Kunst, Burg Giebichenstein 2020.

Hannah Kohn


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