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Mittwochmorgenblues

VON BENJAMIN HORRIG //

Ich setze mich auf. Es ist nachts. Meine Lider hängen tiefer als die Wolken vor dem Fenster, aber Regen lässt sich nicht blicken. Der ist sich zu fein. Stattdessen Wind und Blätter und ungeputzte Scheiben. Häuserfassaden ohne Geheimnis dahinter. Die große Farce einer neuen Stadt.

„Alles in Ordnung?“

Sie ist aufgewacht und schaltet die Nachttischlampe ein. Ihre Augen stechen durch das Halbdunkel.

Herbstbraun im Halbdunkel. Nachttischlampenlicht gegen ihr glattes Haar.

„Muss nur was trinken.“

„Sicher?“

„Klar. Schlaf weiter.“

Sie zögert, aber um halb fünf hält kein Zögern lange an.

Vorsichtig krieche ich aus dem Bett, um sie nicht nochmal zu wecken.

Im Mund der Geschmack von Zigaretten. Aschenbechereffekt.

Kurz darauf dann Badezimmer und Wasser im Gesicht.

Durch das Kippfenster nahe der Decke dringt ein Schwall Februarluft, und zum fernen Klang einer Sirene rede ich mir ein, dass dies das große Leben ist. Meinem gar nicht so lebendigen Spiegelbild halte ich aber nicht lange stand. Deswegen Flur.

Dort die Reste von dreißig Tagen und mittlerweile im Dispo, weil Monatsmieten. Ich weiche leeren Flaschen und dem ganzen anderen Kram aus. Schlendere an Kartons vorbei ins Wohnzimmer, wo ein paar Schlafsäcke herumliegen. Mit Leuten drin,

die ich nicht kenne.

Einer schnarcht, einer ist wach und tippt auf sein Handy.

Er nickt mir zu. Ich nicke zurück.

Das ist schon in Ordnung.

Es geht schließlich um das Gefühl, auch wenn das gerade ein bisschen beschissen ist.

Wahrscheinlich nur der Anflug vom Kater. Wodka habe ich noch nie gut vertragen.

Außerdem wollte ich es doch wissen.

Gehe weiter in die Küche und setze mich an den Tisch zu einer Schachtel Zigaretten, die auf einem Teller liegt.

„Guten Morgen“, sage ich und stecke mir eine an.

Dabei spüre ich so ein Kribbeln. Weiß nicht, wohin damit.

Meine Augen gewöhnen sich nicht an das Schummerlicht. Und das Surren der Deckenlampe ist ein leises Schlagen unbekannter Flügel.

Ich denke angestrengt darüber nach, wann ich das letzte Mal nüchtern war.

Richtig nüchtern, nicht bloß weniger betrunken. In den letzten Wochen habe ich mich von jeder Welle tragen lassen und jede Nacht eine Menge Herzen gefunden, die höher schlugen als mein eigenes. Eine Menge Augenblicke zweifelhafter Schönheit verlebt, wenn ich anstieß auf das Beste der Nacht und nicht wusste, mit wem ich dabei tanzte.

Alles ein endloser Tumult. Und trotzdem war ich immer mittendrin.

Jetzt klingen wieder Sirenen und sie schreien den Ruf der Wildnis: Weiter! Weiter! Nicht hinlegen, nicht ausruhen!

Das ist deine Stadt, dein Leben, mach was draus!

Aber die Zigarette in der Nacht schmeckt wie plumpe Realität.

Was mache ich hier eigentlich?

Ich asche auf den Teller.

„Hey.“

Der Handytyp lehnt am Türrahmen.

„Morgen“, sage ich etwas genervt.

„Bist du immer so früh wach?“

„Ne, nur heute.“

„Ich wollte mich mal bedanken, dass wir hier pennen dürfen.“

„Kein Ding.“

Er nickt wieder und verschwindet.

Mir wird klar, wie exemplarisch das war.

Auf dem Tisch sehe ich einen vollgeschriebenen Zettel und lese angestrengt:

Is it fate or just a couple of days?

Ansonsten durchgestrichene Wörter und ausradierte Zeilen.

Ist nicht leicht, da noch was zu erkennen.

Aber weil es gerade so gut passt, schreibe ich dazu:

Is it faith or just my disbelief?

Und so entstehen wahrscheinlich die meisten Songs. Zufällig nach Kettenbriefprinzip.

Ausgerechnet jetzt erinnere ich zufällig ein Gespräch, das erst ein paar Tage alt ist. Mit einer Studentin und einem Beutel voller Ideen, den wir uns zuschoben. Orte, die man in dieser und jener Stadt gesehen haben muss. Filme, nach denen das Leben nicht mehr dasselbe ist und die Versatzstücke der Beatliteratur, die doch jeder irgendwoher kennt.

Ein Gespräch über Musik und die Tentakel von Delphi. Das war wirklich schön.

„Endlich eine, die das ganze Zeug auch interessiert“, habe ich gesagt.

Und sie hat geantwortet: „Es ist spannend und schade, wenn man es verpasst.“

Kurz frage ich mich, was sie gerade wohl macht, aber dann muss ich etwas unternehmen,

denn die Übelkeit brodelt mir auf einmal bis in den Mund.

Springe auf und hänge mich übers Waschbecken.

Galgenmännchen.

Scheiße.

Sich in der eigenen Wohnung zu übergeben ist das studentische Pendant zum Nein auf der eigenen Hochzeit.

Nur viel schlimmer.

Der Geschmack von Gestern sitzt mir lauernd im Hals.

Ich huste, kriege es aber irgendwie nochmal hin. Rutsche an die Spüle gelehnt zu Boden und lege den Kopf in den Nacken.

Also doch kein Nein. Nur tief durchatmen. Dabei würde ich jetzt gerne nein sagen.

Nein zu den Partys und den Leuten, die ich kaum kenne, die Platzhalter sind für Menschen, die ich gern um mich hätte, die aber nicht da sind und nein zu den endlosen Sätzen und Gesprächen über nichts und gar nichts und überhaupt nichts, die nur Platzhalter sind für Themen und Pausenfüller bis zur nächsten Runde Schnaps zum Bier, das warm ist, weil man schon viel zu lange nur so dasteht und wartet, dass noch etwas passiert, was nie zu etwas führt, weil nie etwas passiert und niemand jemals auch nur irgendetwas davon hat, wenn er sich an einer Sache versucht, die schon im Ansatz ganz falsch ist.

Mache ich aber nicht.

Stattdessen noch eine Zigarette zum Mittwochmorgenblues dieser verschwenderischen Gedanken. Mit seinem Selbstmitleid muss man nämlich sparsam umgehen. Jedem Menschen sollte nur eine streng begrenzte Anzahl selbstmitleidiger Minuten gegönnt sein. Alles andere führt zu Lethargie und die führt immer nur zu dämlichen Rechtfertigungen.

Probleme als billige Ausrede für Unzufriedenheit zum Beispiel. Drastische Partys als erstbeste Ausrede für Einfallslosigkeit. Dagegen hilft nur die Maßregel der Vernunft. Sozusagen Kant für den Alltag.

Ich will also vernünftig sein und stehe auf. Nehme mir ein Glas Wasser und Kaugummis, zur Sicherheit.

Auf dem Flur Schritte, an der Decke noch immer Surren.

Die Uhr zeigt 5:05. Dann ein Klopfen und sie steht in der Küche.

„Du kommst wohl gar nicht wieder ins Bett.“

Reibt sich die Arme, um nicht zu frieren. Schaut müde und voller Fragen zu mir.

„Hey. Nein, vielleicht. Warte. Willst du was trinken?“

Ich nehme vorsichtig einen Schluck. Sie setzt sich an den Tisch.

„Lass mal. Du siehst fertig aus.“

„Ja, danke. Ich kann dir auch einen Kaffee machen.“

„Wir können uns auch einfach wieder hinlegen.“

Als ich darauf nur kopfschüttelnd reagiere, sieht sie sich den vollgeschriebenen Zettel an.

„Zwei Zeilen bringen dich um den Schlaf?“

Ihr Lächeln ist nicht sarkastisch. Deswegen ist diese Nacht vielleicht zynisch, weil sie es ernst meint.

„Ist nur eine Idee“, sage ich.

„Ist nicht schlecht“, sagt sie.

„Was ist eigentlich mit dem Rest deiner Band?“

„Alex und Markus sind im Ausland. Dauert noch so einen Monat.“

„Ah.“

„Und bei dir?“

„Ich bin seit ein paar Tagen mit einem Typen zusammen, den ich nur manchmal verstehe.

Das tut manchmal weh und ist eigentlich total albern, weil es für so etwas viel zu früh ist.“

Wir schweigen.

Durch den Rauch meiner Zigarette dringt ihr Schweigen wie ein verkorkster Tagbeginn.

Es ist kein Vorwurf, genau das macht es so unerträglich relevant.

„Tut mir leid“, sage ich.

Meine Stimme dringt durch den Rauch wie verhaltener Regen,

der manchmal eben doch fällt, auch wenn man gar nicht mehr damit gerechnet hat.

„Hör doch auf. Schreib lieber einen Song darüber.“

Ich gehe zu ihr.

„Ist doch wahr“, sagt sie und windet sich aus der Umarmung. Ihr Zopf streift mir durchs Gesicht.

„In deinen Texten steckt immer dieser Durst, unstillbarer Durst nach mehr. Nach dem Leben, was auch immer das heißen soll. Nach den ganz großen Abenteuern, den ganz großen Gefühlen.“

Ich nehme keinen Zug, weil das eine einfache Ausrede wäre.

„Aber wenn man dich dann erlebt, falls ich dich erlebe, was weiß denn ich, dann bist du genau wie diese Zettel:

Die Zeilen darauf sind alle gut, sie drücken so viele verschiedene Sehnsüchte aus, so viele verschiedene Seiten,

aber am Ende streichst du sie alle weg. Und übrig bleibt der Zweifel daran, ob du gerade wirklich das tust,

was du wirklich willst.“

„Ich weiß, dass ich es nicht will“, sage ich.

Meine Augen sind vom Qualm gerötet. Von Qualm und Schlaflosigkeit.

„Aber etwas anderes geht gerade nicht.“

„Schade.“

Die Fassung in ihrer Stimme schneidet durch die Ruhe dieser Nacht. Sie streicht mir die Haare aus dem Gesicht und lächelt: „Wir hätten gut sein können.“

„Hätten wir. Bestimmt.“

Wir zögern vor dem Kuss, aber heute hält kein Zögern lange an.

Und das passt so genau zu alledem, dass es mich noch nicht einmal mehr wundert.

Diesmal nimmt sie einen Stift und schreibt auf das Blatt:

Is it the truth or just your state of mind?

Ich betrachte die blaue Tinte.

Diesmal ist es kein unangenehmes Kribbeln an den Schläfen. Es fühlt sich richtig an. Vollkommen richtig.

Eine ganze Weile stehen wir so da und schauen auf den Tisch.

„Stimmt es?“, fragt sie schließlich.

„Die Zeile? Ist nicht verkehrt.“

„Nein. Das mit ihr.“

Und vielleicht liegt es daran, dass dieser Augenblick so stimmig ist. Auf eine so auflösende Art stimmig, dass ich kaum überlege, als ich ihr antworte:

„Ich habe sie auf einem Konzert kennenglernt. Richtig gut waren seitdem nur noch die Abende, an denen sie dabei war.“

Sie legt meinen Arm um sich. Atmet ein. Langsam. Und wieder aus.

„Deswegen funktioniert es nicht.“

„Ich hab’s versucht. Wirklich. Aber ich glaube, genau deswegen kann gar nichts anderes funktionieren.“

„Das ist gut.”

„Wir sind noch nicht richtig zusammen und machen Schluss, was ist daran gut?“

„Immerhin ist das, was du schreibst, dann nicht nur irgendein Mist.“

Jetzt lachen wir. Stehen dort und lachen darüber, dass etwas zu Ende geht, was noch gar nicht begonnen hat.

Bis sie auf die Uhr zeigt: „Ich sollte mal.“

„Du musst nicht gehen.“

„Schau mal raus, es wird schon hell.“

Sie hat Recht. Allmählich schält sich der Tag aus den Wolken.

„Außerdem ist es doch gerade ganz schön.“

„Auch wieder wahr“, sage ich und bilde mir ein, aus dem Wohnzimmer ein Röcheln zu hören.

Wir reden uns zu, dass etwas von dieser Nacht bleiben wird, umarmen uns und sie geht.

Einfach so. Weil es eben doch möglich ist, alles Wichtige gesagt zu haben.

Ich setze mich wieder hin und reibe mir übers Gesicht.

Aus dem Wohnzimmer dringt jetzt ganz sicher ein Röcheln. Irgendwer kotzt und irgendwer lacht.

Aber das ist im Moment überhaupt nicht wichtig.

Vor mir liegen drei Zeilen als Chronik einer Epoche. Fremdeinschätzung und Selbstoffenbarung.

Ich weiß, dass mit dem neuen Tag all das vorbei sein wird. Ein Experiment, das gelaufen ist. Der Versuch, ein Teil der Nächte zu sein, in denen viele sich das Streben abgewöhnen konnten. Aber ich möchte es mir nicht abgewöhnen, das weiß ich jetzt mehr denn je. Ich weiß, dass hinter all den Tresen und Partys kein großes Geheimnis wartet,

sondern weitere Tresen und weitere Partys.

Das tut gut. Ich genieße die erste Ruhe seit Wochen.

Angenehme Ruhe, obwohl die Geräusche aus dem Wohnzimmer immer lauter werden.

Obwohl die Sonne immer aufdringlicher wird.

Obwohl der Gedanke an Laura immer größer wird.

Eine letzte Zeile fällt mir ein und ich schreibe sie noch auf das Blatt,

ehe mir der Kopf in die Hände fällt und ich einschlafe:

Is it you or just the ‘you and me’?

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