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My Little Dark Age

VON EMIL FADEL //


Der Sonnenuntergang fühlte sich jedes Mal ein bisschen wie Abschied an. Schon als Baby hatte er in den Abendstunden immer ganz fürchterlich weinen müssen, wenn seine Eltern ihn im Buggy über die Promenade schoben und er die Sonne am Horizont im Meer versinken sah.


Breathing in the dark, lying on its side

The ruins of the dead painted with a scar


Walther spürte, wie es ihm den Hals zuschnürte, so wie jeden Tag, wenn er an der Abendsonne vorbei nach unten fuhr. Eigentlich hasste er seinen Job nicht. Also, eigentlich schon, aber nur in einem gesunden Maße, so wie man als moderner Mensch eben seinen Job hasst. Im Grunde war es ein Job wie jeder andere, wahrscheinlich sogar weitaus besser als die meisten anderen, insofern war er sich manchmal auch gar nicht so sicher, ob er sich überhaupt beschweren konnte. Nein, der Job war es nicht und auch nicht das Gebäude, in dem er arbeitete, denn eigentlich war es ganz nett, sein Büro im 42. Stockwerk zu haben. Auch wenn er nicht, wie er es sich ganz zu Beginn ausgemalt hatte, von dort aus die ganze Stadt überblicken konnte, denn man sah rein gar nichts wenn man nach unten blickte, außer einer trüben, grauen Suppe aus Smog und Dunst, aus der vereinzelt die anderen Hochhäuser hervorstaken wie Grissini aus Stahlbeton. Dafür schien aber die Sonne ganz schön, manchmal fast ein bisschen zu schön, sodass sie in den hellen Monaten den ganzen Tag die Jalousien an den Fensterfronten herunterlassen mussten, wenn sie nicht geblendet werden wollten. Aber schön. Am Gebäude lag es insofern auch nicht wirklich, dass ihm jetzt der Atem so knapp wurde, zumindest nicht direkt. Es hatte aber auf jeden Fall mit der Sonne zu tun und mit ihrem Untergang – und mit der Tatsache, dass der Aufzug außen am Gebäude entlanglief.


And the more I straighten out, the less it wants to try

The feelings start to rot, one wink at a time


Als Walther angefangen hatte, bei StratCode zu arbeiten, hatte er es unglaublich cool und futuristisch gefunden, wie die Aufzüge durch ihre Stahlglasröhren an der Seite des Hochhauses emporschossen, das wirkte, als wären sie direkt aus einem Science-Fiction-Film entsprungen, Blade Runner, Minority Report oder so etwas in der Art. Er hatte es auch als einen sehr kuriosen Zufall empfunden, dass er ausgerechnet im 42. Stock arbeitete. Da war er natürlich nicht der Einzige, alle seine Kollegen bei StratCode hatten die Per Anhalter durch die Galaxis-Reihe von Douglas Adams ebenfalls gelesen und warfen andauernd mit dem Witz um sich. „Unser Büro ist die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens“ und „haha 42, wie random“, Walther hörte es beinahe jeden Tag. Aber für ihn hatte dieser vermeintliche Witz eigentlich eine ganz andere Bedeutung, die – so war er sich sicher, obgleich er noch nie irgendwo eine offizielle Bestätigung seiner These hatte finden können – die eigentlich vom Autor intendierte Lesart war. Im ASCII-Alphabet steht die 42 für den Asterisk, also das Sternchenzeichen. Und das hat wiederum in zahlreichen Programmiersprachen dieselbe Funktion, nämlich die einer Wildcard – also eines Platzhalters, der jeden beliebigen Wert einnehmen kann. Douglas Adams, der sehr versiert mit Computern, quasi schon ein ziemlicher Nerd war, ließ den Supercomputer „Deep Thought“ auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest also antworten: 42, sprich: *, sprich: füge hier einen beliebigen Wert ein, sprich: Der Sinn des Lebens ist das, was du für dich beschließt, dass es ist. Einfach aber gut.


Forgiving who you are, for what you stand to gain

Just know that if you hide, it doesn't go away


Bisher hatte sich Walther noch nicht getraut, irgendwem auf der Arbeit von seiner Idee zu erzählen, denn er hatte ein wenig Angst, dadurch als humorloser, altkluger Sonderling zu gelten und noch mehr isoliert zu werden, als er es ohnehin schon war. Generell konnte er nicht allzu viel mit seinen Kollegen anfangen, was aber wahrscheinlich auf Gegenseitigkeit beruhte. Sie waren fleißige Arbeiterdrohnen, die für die Firma zu existieren schienen, und die auch jenseits der Arbeit ganz versessen darauf waren, Zeit miteinander zu verbringen, auf irgendwelchen Teambuilding-Wochenenden, bei gemeinsamen Pubquiz-Abenden, oder bei den scheinbar täglich stattfindenden Geburtstagsfeiern, die traditionell nach Feierabend in den Büro-Räumlichkeiten abgehalten wurden. Unfeierlicher konnte Walther es sich nur schwerlich vorstellen. Er für seinen Teil konnte die Firma nicht leiden, die durch seine Arbeit (und die der anderen natürlich) Millionenumsätze machte und ihnen allen im Vergleich dazu einen Hungerlohn zahlte. Und ihn zog es nach Ende immer direkt nach Hause – nicht, dass es da sonderlich viel schöner gewesen wäre, seine Wohnung war klein und dunkel und er saß auch dort die meiste Zeit vor irgendwelchen Bildschirmen verschiedener Größen. Aber er hielt es abends einfach nicht mehr aus: Er konnte sich an dem Ort, an dem er sich tagein, tagaus bis zur Frustration abrackerte einfach nicht entspannen, auch nach Feierabend nicht. Aus diesem Grund verließ er das Büro seit Jahren immer pünktlich, sobald er seine Zeit abgeleistet hatte, und schaute nicht zurück.


When you get out of bed, don't end up stranded

Horrified with each stone on the stage

My little dark age


Am Anfang hatte er sich noch Mühe gegeben, zu gefallen – zu „socializen“, wie sie im Büro sagten –, aber inzwischen war ihm ziemlich egal, was seine Chefs, seine Büronachbarn oder sonst irgendwer auf der Arbeit von ihm dachten. Er hatte andere Sorgen. Der Sinn des Lebens drängte ihm sich immer wieder auf, wenn er morgens auf den silbernen Knopf mit der eingravierten 42 drückte, und dass er das war, was man daraus machte. Das konnte es doch nicht sein! Den ganzen Tag in einem Großraumbüro sitzen und irgendwelche hirnlosen Skripte für die Suchmaschinenoptimierung schreiben, für eine Firma, die wiederum von einer Firma angestellt worden wurde, von der man gar nicht wusste, was sie herstellte oder verkaufte. Und das 365 Tage im Jahr, minus die Wochenenden und eine Handvoll elendiger Urlaubstage, die man im Schnitt ohnehin überwiegend damit verbrachte, krank zu sein. Das konnte doch wirklich nicht alles sein.


Picking through the cards, knowing what's nearby

The carvings on the face say they find it hard


Erneut versuchte Walther den Kloß in seinem Hals herunterzuschlucken, doch es war ein vergebliches Unterfangen. Das war immer der schönste und zugleich schlimmste Moment des Tages, wenn er mit dem Aufzug nach unten fuhr und die Abendsonne durch die Kabine flutete. Da ergriff es ihn dann immer, das Gefühl, das ihn schon als Kind ergriffen hatte und das ihm auch jetzt noch eine warme Klammer um sein Herz spannte – so fest, dass er im ganzen Körper spürte, wie es schlug.

Er liebte diese Momente, im Lauf der Zeit hatte er sogar eine kleine Routine entwickelt, um sie so gut wie nur irgend möglich auskosten zu können: Da er das Büro zeitig verließ, war er meistens sowieso der Einzige, der nach unten fuhr und konnte somit tun und lassen, was er wollte. Schon während er im Gang auf den Aufzug wartete, zog er seine Kopfhörer auf, teils zur Vorbereitung, teil um jeden weiteren Kommunikationsversuch seiner übersozialen Kollegen und Chefs zu unterbinden – was in der Regel sogar ganz gut funktionierte. Nachdem Walther dann die Kabine betreten hatte, machte er eine seiner Playlists an – oft Elliott Smith, manchmal Schostakowitsch, aber an den meisten Tagen MGMT – und drückte den Knopf fürs Erdgeschoss. Dann lehnte er sich an die Kabinenwand neben die Tür und ließ die Abendsonne in sein Gesicht scheinen, während der Aufzug ihn sanft nach unten trug und die Musik ihn langsam ausfüllte.


And the engine's failed again, all limits of disguise

The humor's not the same, coming from denial


Das war der angenehme Part. Weniger schön – und genau das war die Ursache für den Kloß in seinem Hals – war die schleichende, aber unabwendbare Erkenntnis, dass die Momente, die er Auge in Auge mit dem im Sonnenuntergang verbringen konnte, knapp bemessen waren. So friedlich und ruhig es hier oben war, alleine in seinem gläsernen Turm mit der Musik auf den Ohren und der Wärme im Gesicht, die erbarmungslose Linearität der Zeit ließ sich auch davon nicht aushebeln und zog ihn nach unten, ins Dunkel der Stadt, wo der Smog wie eine große graue Käseglocke über allem hing und wo es nichts von dem gab, was er hier oben so sehnsüchtig in sich aufzusaugen versuchte. Dort unten war alles, was es für ihn noch zu tun gab, über den tristen Parkplatz zu stapfen, sich in sein Auto zu setzen und nach Hause zu fahren, dabei im Schnitt eine gute Stunde im Berufsverkehr festzustecken und hin und wieder noch unterwegs einzukaufen, je nachdem ob er innerlich die Kraft verspürte, sich etwas zum Abendessen zu kochen. Wenn er in seiner Wohnung angekommen war, ließ er sich meistens erst einmal eine Weile aufs Bett fallen, manchmal schlief er dann auch einfach direkt ein, an guten Tagen raffte er sich aber noch einmal auf und verbrachte den restlichen Abend mit irgendetwas. Mit was genau spielte eigentlich keine sonderlich große Rolle: Essen, Fernsehen, Alkohol, Duschen. Im Grunde, so war es ihm irgendwann klar geworden, war es völlig egal, was er an diesen einsamen Abenden tat, er zählte innerlich ja doch nur die Stunden, Minuten und Sekunden herunter, bis sein Wecker wieder klingeln würde und er einmal mehr aufstehen und auf die Arbeit fahren musste.


I grieve in stereo, the stereo sounds strange

I know that if you hide, it doesn't go away


Und seitdem ihm das klargeworden war, konnte er diese kurze Zeit der Entspannung zuhause noch weniger genießen. Er konnte gar nichts mehr genießen außer den kostbaren 56 Sekunden zwischen dem 42. Stock und dem Erdgeschoss. „Du bist doch einfach depressiv“, hatte ihm seine letzte Freundin bei der Trennung an den Kopf geworfen, und vielleicht stimmte das ja auch, aber Walther hielt es mit Mark Fisher, dem leider viel zu früh gegangenen Kulturphilosophen, der selbst an Depressionen litt und Zeit seines Lebens die These vertrat, dass diese moderne Form seelischen Leidens ein Produkt der Gesellschaft war, die die Menschen langsam aber sicher krank machte. Aber das war auch so etwas, das Walther zwar Tag für Tag durch den Kopf ging, über das er aber mit niemandem redete. Weder mit seinen Freunden, noch mit seinen Nachbarn und erst recht nicht mit seinen Kollegen, denn bei denen fühlte er sich ohnehin irgendwie deplatziert. Generell hatte er, gerade in der letzten Zeit, das Gefühl, fehl am Platz zu sein, von dem Moment an, in dem er morgens ins Auto stieg, bis zu dem Augenblick, an dem seine abendliche Aufzugfahrt unten im Schatten endete.


If you get out of bed and find me standing all alone

Open-eyed, burn the page

My little dark age


Schon oft hatte er daran gedacht – ja regelrecht davon geträumt – unten angekommen einfach in sein Auto zu steigen und davonzufahren, heraus aus dieser trüben Stadt, die alles ausgraute, und dem Sonnenuntergang entgegen. Er wusste, dass das eine sehr naive und hilflose Fantasie war, denn wahrscheinlich würde die Sonne schon längst untergegangen sein, bevor er auch nur die äußeren Ausläufer der Metropole erreicht hätte, dort wo die endlosen Häuserreihen langsam in die Einöde aus weitläufigen Einkaufs- und Dienstleistungszentren übergingen, in denen man die Freiheit hatte, alles zu tun, und in die man irgendwie doch nur fuhr, um billig zu essen oder sein Auto waschen zu lassen.

Aber so unsinnig diese Vorstellung des Entkommens auch war, die Sehnsucht war trotzdem da und sie ging auch nicht so einfach wieder weg, das war Walther inzwischen mehr als klar. Ein unbändiges Verlangen übermannte ihn in solchen Momenten von Zeit zu Zeit, der Wunsch, einfach auszusteigen und irgendwo anders noch einmal ganz von vorne anzufangen, irgendwo, wo er der sein konnte, der er war, und wo er den Sonnenuntergang länger in Frieden betrachten konnte als nur 56 Sekunden.


Giddy with delight, seeing what's to come

The image of the dead, dead ends in my mind


Ein abruptes Rucken schüttelte Walther aus seinen Gedanken. Irritiert blinzelte er in die warme Abendsonne, die sich nun quasi mit ihm auf Augenhöhe befand. Sein Körper fühlte sich mit einem Mal sonderbar schwer an und er brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass das daran lag, dass der Aufzug stand. Für die Erkenntnis, was genau das bedeutete, brauchte er noch etwas länger, und als sie dann schließlich da war, wurde der Kloß in seinem Hals noch einmal ein ganzes Stück größer, aber diesmal hatte das nichts mit dem Sonnenuntergang zu tun. Walther war zwar weder besonders anfällig für Panikattacken, noch hatte er Höhenangst, aber zig Meter vom Erdboden entfernt festzustecken, in einer solch fragilen, kleinen Glaskabine, das war dann doch keine Situation, in der er sich unbedingt befinden wollte. Nicht nur, dass ihm ganz schön mulmig zu Mute war, wenn er darüber nachdachte, wie es sich wohl anfühlen würde, gemeinsam mit ein paar Tonnen Stahl und Panzerglas aus dem 22. Stockwerk bis hinunter ins Erdgeschoss zu sausen – er bemerkte außerdem, wie ihn eine profane und irgendwie auch recht kleinliche Angst beschlich, nämlich die, dass er für mehrere Stunden hier feststecken würde – alles Freizeit, die ihm geraubt wurde und die er nicht zurückbekommen würde. Davon abgesehen hatte er auch nicht den blassesten Schimmer, wie man sich in einem solchen Fall eigentlich zu verhalten hatte. Es hatte zwar einen Info-Kurs zu diesem Thema gegeben, allgemeine Gebäudesicherheit und all das, aber da hatte er nicht wirklich aufgepasst. Nun verfluchte er sich für diese Fahrlässigkeit, während er sich nach irgendeiner Art von Notfallknopf umsah und spürte, wie ihm der Schweiß auszubrechen begann. Schließlich fand er ihn, am Ende der Knopfzeile, wo er ihn schon hunderte Male gesehen aber nie wirklich registriert hatte – direkt unter dem anderen, den er immer drückte, damit sich die Türen schneller schlossen (obgleich er sich nicht sicher war, ob das überhaupt funktionierte).

Er drückte den Knopf mit der kleinen gelben Glocke. Nichts passierte. Dann erinnerte er sich, dass man den Knopf ja länger drücken musste, fünf Sekunden oder so ähnlich, und er drückte noch einmal. Weiterhin passierte nichts. Dann verfiel Walther in eine Art panische Rage und hämmerte eine Weile auf den Knopf ein, so an die fünfzig Mal, während aus den Kopfhörern, die ihm von den Ohren gerutscht waren und mittlerweile unangenehm eng seinen verschwitzten Nacken umklammerten, immer noch MGMT ertönte.


Policemen swear to God, love's seeping from the guns

I know my friends and I would probably turn and run


Doch die Lautsprecher über der Knopfzeile blieben stumm. Ermattet hörte er mit diesen inzwischen sinnlos erscheinenden Versuchen auf und ließ sich langsam an der Kabinenwand entlang zu Boden sinken. Sein Herz schlug unsanft gegen die Innenseite seines Brustkorbs, bis in seinen Hals hinauf, und er spürte, wie das Atmen ihm schwerer fiel. Waren solche Aufzüge eigentlich luftdicht versiegelt? Und wenn ja, wie viel Luft war in so einer Kabine? Normalerweise stellte Walther sich diese Frage nie, denn der Aufzug war stets klimatisiert und luftig, aber wahrscheinlich war die zuständige Anlage mit dem Rest des Systems ausgefallen, oder vielleicht war es auch seine Einbildung, jedenfalls fühlte es sich mit einem Mal unerträglich stickig an. Er öffnete den obersten Knopf seines Hemds und versuchte, sich wieder etwas zu beruhigen, was allerdings nur mäßig gelang. An sich wusste er, wie unsinnig die Panik war, schließlich passierte es immer wieder, dass Leute im Aufzug steckenblieben, sogar einigen seiner Kollegen im Büro war das bereits passiert. Es war nichts Besonderes, nicht einmal wert, dass man sich in der Teeküche davon erzählte (was seine Kollegen natürlich nicht davon abhielt, das dennoch zu tun), oder dass man sich deswegen einen Ausgleichstag nehmen durfte oder etwas in der Art. Um ein Haar wäre Walther in einer gedanklichen Spirale versunken, wie ungerecht das eigentlich war, dass einem alles, was auf dem Hin- oder Rückweg zur Arbeit passierte, immer von der eigenen Zeit abgezogen wurde, doch dazu kam er nicht mehr, denn just in diesem Moment ertönte ein Geräusch, wie er es noch nie gehört hatte. Es war ein Klang, der den Eindruck erweckte, dass er gar nicht auf diese Welt gehörte, eine Kakophonie, die sich in Walthers Gehörgang fräste, so brutal, dass sein Puls für einen Moment auszusetzen schien – es war das Aufschreien von berstendem Metall. Instinktiv blickte er nach oben, zur Hälfte erwartend, schon die ersten Trümmer auf sich herabstürzen zu sehen. Doch soweit er es durch das Oberlicht beurteilen konnte, ragte der Wolkenkratzer immer noch genauso unbeweglich und gleichgültig in den Abendhimmel wie zuvor.


If you get out of bed, come find us heading for the bridge

Bring a stone, all the rage

My little dark age


Das Geräusch musste also einen anderen Ursprung haben. Einen Moment lang fragte sich Walter schon, ob er es sich am Ende doch nur eingebildet haben könnte, doch genau da ertönte es wieder, diesmal noch lauter und noch verzweifelter. Ein wenig klang es wie die Schreie der Schweine in einer Reportage über Schlachthöfe, die er einmal spätnachts gesehen hatte. Er hätte nie gedacht, dass Tiere überhaupt so schreien könnten.

Walther schüttelte den Kopf, um die Misstöne aus seinen Ohren und die Bilder der Reportage aus seinen Gedanken zu bekommen. Als er sich wieder aufrappelte, um einen besseren Überblick zu haben, kam es ihm noch stickiger und wärmer vor als zuvor. Für einen kurzen Augenblick war er dankbar, dass er nicht in der Mittagszeit steckengeblieben war, denn dann hätte ihn die Sonne wahrscheinlich bei lebendigem Leib gekocht. Nun beschränkte sie sich darauf, ihm träge vom Horizont aus zuzuleuchten und ihn daran zu erinnern, dass es sehr dunkel und spät am Abend sein würde, bis er nach Hause kam. Falls er überhaupt nach Hause käme, dachte Walther lakonisch und versuchte noch einmal sein Glück mit dem Notfallknopf. Doch erneut passierte nichts. Oder besser gesagt: Es passierte schon etwas, aber es war nicht das, was er sich erhofft hatte.


I grieve in stereo, the stereo sounds strange

I know that if you hide, it doesn't go away


Die ganze Kabine machte einen Ruck. Nach unten. Die Wucht, mit der sie wieder zum Stehen kam, holte Walther wieder von den Beinen. Noch während er sich gerade wieder hochzog, hatte sich die Reise nach unten schon wieder fortgesetzt, diesmal weniger abrupt, aber dafür umso unaufhaltsamer. Die Stockwerke draußen begannen, an Walther vorbeizurauschen und es dauerte eine kurze Zeit, bis ihm klar wurde, dass es das jetzt gewesen war, dass er nun sterben würde. Sonderbarerweise war da gar kein Leben, das an ihm vorbeizog, kein Best of und kein Gedanke an die, die ihm wichtig waren, da war nur die Abendsonne, eine unbändige Wehmut darüber, dass das nun seine komplette Existenz gewesen war, so belanglos und unerfüllt, sowie die triste Erkenntnis, dass er noch neun Urlaubstage hatte, die nun verfallen würden.


If you get out of bed and find me standing all alone

Open-eyed, burn the page

My little dark age


Und ebenso schnell wie der Albtraum begonnen hatte, war er auch wieder vorbei. Die Notfallsicherungen schnappten zu und brachten die Kabine innerhalb weniger Meter und unter noch ohrenbetäubenderem Getöse zum Stehen, wobei Walther einmal mehr eine unliebsame Begegnung mit dem Kabinenboden hatte.

Eine Weile traute er sich nicht, die Augen zu öffnen, aus der Angst heraus, dass er vielleicht doch gestorben war und nun als Geist auf seinen zerschmetterten Körper herabschaute. Erst als er hörte, wie die Aufzugtüren knirschend geöffnet wurden und frische, kühle Luft über seine Stirn strich, beschloss er, dass das doch entschieden zu viele Sinneseindrücke für einen Toten waren, und er schlug die Augen auf. Sein Blick fiel auf das von hellem Neonlicht bestrahlte Foyer, den rechteckigen Ausschnitt der nun offenen Aufzugtür und die untersetzte Silhouette des Pförtners, der mit einem Stemmeisen in der Hand dastand und ihn neugierig anblickte. „Alles klar bei Ihnen?“ rief er unnötig laut in die Kabine hinein, „Ich habe gesehen, wie das Ding runterkam, da haben Sie ja wirklich noch einmal Glück gehabt!“

Walther, der sich in diesem Moment alles andere als glücklich fühlte, rappelte sich mühselig auf und klopfte seine Kleidung notdürftig ab. Er fühlte sich absolut zerschunden und auf den ersten Blick schien es dem Aufzug ganz ähnlich zu gehen. Auch wenn die Notbremsung die Schwerkraft so gut es ging abgefedert hatten, so hatte die verbleibende Wucht doch noch ausgereicht, um die Stahlrahmen der Kabine zu verbiegen und ein Geflecht aus Rissen durch die Scheiben zu jagen. Walther vermied es, daran zu denken, wie es wohl ausgesehen hätte, wenn die Bremsen nicht gegriffen hätten. Als er sich soweit wieder einigermaßen vorzeigbar fühlte, drückte er sich an dem immer noch auf ihn einredenden Portier vorbei und schritt auf wackeligen Beinen durch das Foyer, in Richtung Ausgang. Sein Befreier folgte ihm auf den Fersen und hörte nicht damit auf, ihn mit Fragen zu löchern. Ob er sich irgendetwas verletzt hätte, warum er denn nicht den Notruf getätigt hätte, und ob man nicht die Polizei, die Feuerwehr, oder sonst irgendjemanden verständigen müsse. Walther nahm nicht weiter davon Notiz. Erst als er schon halb durch das Portal ins Freie geschritten war und die Frage an sein Ohr drang, wo er denn überhaupt hinwolle, blieb er stehen und drehte sich noch einmal um. In diesem Moment war er 38 Jahre alt, über ihm glitzerte die Fensterfront des Gebäudes in der Abendsonne und er wusste genau, was der Sinn des Lebens war.

„Den Sonnenuntergang anschauen“, sagte er.


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