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NUR GANZ KURZ

VON LILIAN // VERSESOFLILITH //


Nur ganz kurz, ich möchte hier wirklich nichts unterbrechen,

nur ganz kurz, ganz kurz, über meine Haare sprechen. 

Was siehst du, wenn du mich anschaust? 

Was denkst du? 

Du siehst meine Haare, bevor du mich siehst. Du siehst eine Frau, aber du siehst auch keine Frau. Du siehst Sexualität, wo keine Sexualität ist. Du siehst Haare, aber du glaubst, noch so viel mehr zu sehen. Du siehst eine Frau. Und du siehst keine Frau. 

Nur ganz kurz. 

Ganz kurz.

Meine Haare sind lang und ihr Gewicht erdrückt mich. Im Sommer kleben die Locken auf der Haut.

Im Winter am Mantel. Ich weiß nicht, wohin mit meinen Haaren. Ich weiß nur: wenn ich dir davon erzähle, gefällt dir der Gedanke. Wie ich aussah. Die Vorstellung, wie diese andere Frau gewesen sein muss. Du stellst dir vor, wie ich ganz und gar Frau bin.

Ganz kurz. 

Diese andere Frau bin nicht ich. Manchmal beschwöre ich diese Erinnerung, um anders Frau zu sein.

Frau Frau zu sein. 

Ich bin neunzehn und schneide meine Haare ab. Ein Lehrer fragt, ob ich ins Kloster gehe. Ein Kollege fragt, ob ich jetzt lesbisch bin. Sicher nicht? Die Frage wird noch öfter kommen. Viele sind überrascht – ich sehe noch immer weiblich aus. Noch immer hübsch – hübscher vielleicht? Ich finde mich schön. Vielleicht zum ersten Mal wirklich. Sicher nicht?

Ganz kurz. 

Ich mag Männer. Ich mag meine Haare. Ich mag Frauen. Ich liebe meine Haare. Ganz kurz. Ich umarme eine Freundin. Ein Bekannter grinst, sicher nicht? Ich verneine. Meine Sexualität ist keine Frisur. Meine Frisur erzählt keine Geschichte. Hier spreche ich. Nicht meine Haare. 

Nur ganz kurz.

Ich mag Männer. Ich mag meine Haare. Und ich mag Frauen. Aber ich lasse nicht gerne andere für meine Haare sprechen. Also sage ich nein. 

Ich falle aus dem Schema und ich gefalle. Ich gefalle mir. Nummer eins Anmachspruch: ein Kommentar zu meinen Haaren. Sie sind kurz. Aber nicht zu kurz. Du kannst dir noch immer vorstellen, im Halbdunkel hineinzugreifen und meinen Kopf nach hinten zu ziehen.

Ganz kurz. 

Ich rasiere meine Haare ab. Kurze Panik. Ich fühle mich nackt. Verletzlich. Dann fühle ich mich frei. Ich bin Frau. Ich bin frei, Frau zu sein. Ich fühle mich stark. Frauen kommentieren meine Haare bewundernd. Nur ein Mann kommentiert. Er fragt, ob ich lesbisch bin. Warum ich lieber ein Mann sein möchte. Ich möchte kein Mann sein. Zu kurz.

Ich habe jetzt einen Schutzschild. Ich werde unsichtbar. Ich bin frei, Frau zu sein, wie ich Frau sein möchte. Für viele Augen werde ich unsichtbar. Ich sehe mich endlich wirklich. 

Ganz kurz.

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