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Pernod-Cola.

VON SARAH ARNDT //


Das erste, was einem auffiel, war der Geruch. Christiane hatte die Vorhänge ausgesucht. Hatte sie gemütlicher gestalten wollen, seine kleine Kneipe, und deswegen Stoffe gekauft, die sie in ihrer Wohnung an einer alten Nähmaschine umgenäht hatte. Damals, in ihrem ersten, guten Jahr. Seine liebe Christiane. Er hatte Dübel in die Wand gedrückt und dann hatten sie ihr gemeinsames Werk betrachtet: Die Kneipenfenster, seit jeher halb Fenster-, halb Strukturglas, nun eingefasst von festem, blauem Stoff. Er hatte sie nie gewaschen oder gar ausgewechselt, denn sie waren das, was ihm von Christiane geblieben war, und deshalb roch es hier auch jetzt noch so, als hätten sie das Rauchen in Gaststätten niemals verboten.


Seit diesem Tag vor, wie es ihm vorkam, einhundert Jahren, schloss er Tag um Tag die Kneipe auf, setzte sich auf einen der Barhocker und richtete seinen Blick auf den Ausschnitt, den ihm Strukturglas und Vorhänge noch ließen: kaum mehr als vorbeiströmende Haarschöpfe. Menschen, die ihren Weg niemals durch seine Tür fanden, weil ihre Haare gekämmt und ihre Körper frisch geduscht waren. Ihr Verstand klar genug für Drinks in Bars, in denen das Licht nicht diesig war und es störte ihn nicht, dass er nicht vom Laufpublikum lebte, sondern von jenen Menschen, die irgendwann mal angeschwemmt worden waren. Denen es an einem Platz fehlte. Einer, in dem das Licht gedämpft genug war, damit sie sich sicher fühlten. Einer, mit Vorhängen von 1999, die nach alten Lucky Strikes rochen. Ein Platz, an dem Pernod-Cola das außergewöhnlichste Getränk auf der Karte war und an dem Strukturglas sie vor den Blicken und dem Alltag bewahrte. Die Zeit wechselte sie aus, einen nach dem anderen, und vielleicht blieb das seine einzige Konstante. Er sah sie alle kommen und irgendwann verschwinden, meist dann, wenn ihre Falten zu Schluchten und ihre Zähne optional geworden waren. Es gab einen Punkt, an dem sie verstummten. Sie erzählten ihr Leben, wieder und wieder und wieder, und irgendwann hörten sie damit auf. Starrten von da an nur noch in ihre Gläser, die er aus Gewohnheit füllte und die  sie aus Gewohnheit leerten und dann dauerte es nicht mehr lang, bis wiederum ihr Platz eine Weile leer blieb und nur der Zufall dafür sorgte, dass er sich wieder füllte. 


Und es gab die Schnapsnasen, die jenseits der Zeit existierten und die etwas anderes dahinraffte, die irgendwann umfielen und dann nicht mehr aufstanden, egal ob ihre Falten schon tief genug und ihre Leben zu genüge erzählt waren. Er hatte irgendwo einmal gelesen, dass sich Nasen durch Alkoholkonsum entzündeten und zu Knollen wachsen konnten und er wusste nicht, ob das tatsächlich so stimmte, aber dann wiederum: Er sah es doch. Er sah es jeden Tag. Er konnte beobachten, wie ihre Gesichter immer röter wurden, wie die Adern unter der blass-grauen Haut aufplatzten und wie aus normalgeratenen Riechorganen unförmige Knollen wurden. Wie sie sich immer mehr entfernten von dem da draußen und immer mehr wurden wie jeder hier drinnen.


Die Tür ging auf und lenkte ihn von den vorbeieilenden Schöpfen und den eigenen Gedanken zu dem ersten Gast des Tages, zu Franz, der immer der erste und manchmal der letzte war. Franz trank Altbier und nickte ihm immer mal wieder zu. Franz kam her, seit er im Herbst letzten Jahres seine Frau an Bauchspeicheldrüsenkrebs verloren hatte und den Verlust seitdem mit Bier auszugleichen versuchte. Sie hatten ein einziges Mal geredet. Über seine Frau und die letzten Tagen und er hatte Franz eine Hand auf die Schulter gelegt und gesagt, dass sie letzten Tage die schlimmsten seien, er wüsste es, denn Christianes letzte Tage waren die längsten seines Lebens gewesen.


Franz setzte sich an den Tresen und er ging dahinter, hörte auf, sich selbst der beste Gast zu sein und schenkte von nun an einzig Bier für fremde Hände aus. Das würde so weitergehen, bis seine Geschichte auserzählt, bis er aufgestanden und dann umgefallen war und vielleicht war auch das eine Konstante. Vielleicht gehörte er dazu, hatte nur eine andere Position und war damit der, der nicht nur seine eigene Geschichte, sondern die aller ertragen musste. Zum Glück waren da noch die Schnapsnasen, denn manchmal gab es keine tragische Geschichte hinter den Gesichtern, manchmal waren sie die Geschichte selbst, war die tragische Geschichte nur ihr Griff zum nächsten Glas, das kleine Zittern, wenn sie sich setzten und der Schleier auf ihrem Blick, wenn sie Stunden später wieder aufstanden und eigentlich längst aufgehört hatten zu sein, dort draußen, hinter Strukturglas und Vorhängen.

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