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Seit 23 Jahren

VON SHAMIM SHAHBAZI //


“Bist du schon aufgeregt?”, sagt Mama und klatscht. Ich nicke und werfe meine Schultüte hoch.

“Jaaaa!”

Heute gehe ich zum ersten Mal in die Schule. Meine Mama hat gesagt, ich muss mich anstrengen. Natürlich strenge ich mich an. Was denkt sie denn!

“Also, gehen wir?” Mama zupft an meinen Haaren. Ich nicke wieder und trage meine schwere Schultüte ganz alleine bis zur Schule. Mama läuft neben mir. Sie will, dass ich ihre Hand nehme, wenn wir über die Straße laufen.

“Aber ich kann nicht, Mama!”, rufe ich. “Ich brauche alle meine Hände für meine Schultüte!”

Warum sie jetzt lacht, verstehe ich nicht.

Dann sind wir da. Die Schule ist groß. Eigentlich riesig. Viele, viele Menschen stehen da. Kleine Menschen und große. So viele habe ich noch nie gesehen.

“Schau mal, da ist dein Klassenzimmer. Deine Klassenkameraden stehen schon davor, geh doch zu ihnen.”

Ich renne zu den Mädchen. “Hallo!”

Die Mädchen schauen mich an. Alle haben ein Kleid an, so wie ich. Sie haben auch Schultüten in der Hand, so wie ich.

“Hallo”, sagt eine leise. Die anderen schauen mich immer noch an.

“Ich bin Marie”, sagt sie. “Und wie heißt du?”

Ich sage meinen Namen und grinse.

Die Mädchen schauen mich immer noch an. Von oben bis unten.

Ich werde rot und schaue auf meine Füße. Ich habe extra mein Lieblingskleid angezogen, weil ich dachte, die anderen Mädchen finden mich dann bestimmt hübsch.

Vielleicht finden sie es nicht schön?

Oder vielleicht stinke ich?

Eine Glocke läutet und die Tür zum Klassenzimmer geht auf. Meine Mama winkt und ich halte mich an meiner Schultüte fest. Alle laufen rein.

Meine Mutter reißt mir das Handy aus der Hand.

“Tinder?!”, kreischt sie. “Kind, du bist erst 17!”

Dass sie meine Privatsphäre einfach null respektieren kann! Ich kann auf meinem Handy machen, was ich will.

“Gib das zurück!”, schreie ich wütend.

Sie verschränkt die Arme. “Ich verstehe ja, dass du Jungs interessant findest und so weiter. Aber… Jungs gibt es doch genug an deiner Schule! Die musst du doch nicht auf dem Handy kennenlernen!” Ihr Blick gleicht einer Mischung aus Entsetzen und Sorge.

Ich schnappe ihr das Handy aus der Hand und sie wehrt sich nicht einmal dagegen.

“Die Jungs an meiner Schule mögen mich nicht”, flüstere ich und schaue sie dabei an.

Ihr Blick wird jetzt sanfter, liebevoller.

“Mein Engel, wer dich nicht liebt, hat dich nicht verdient. Du bist so eine wundervolle, junge Frau. Sieh dich doch nur an.”

Wütend und beschämt schaue ich zu Boden. Ich hatte noch nie zuvor mit meiner Mutter über dieses Thema gesprochen.

“Es ist ja nicht so, als ob ich es nicht versucht habe. Ich habe Jakob schon drei Mal gefragt, ob wir nach der Schule was machen wollen. Aber er hat immer eine Ausrede gefunden.”

“Dann ist dieser Jakob einfach ein Idiot”, erklärt meine Mutter und drückt sanft meine Schulter. “Es gibt noch so viele andere Jungs, glaub mir. Was ist denn mit Daniel? Er war doch ein paar Mal hier zu Besuch.”

“Dani will nur mit mir befreundet sein. Ich bin nicht sein Typ, hat er mal gesagt.” Ich blicke weiter betreten zu Boden.

Alle meine Freundinnen hatten schon mal einen Freund, oder wenigstens einen Typen geküsst. Nur an mir hatte scheinbar keiner Interesse. Ich verstehe nicht, warum.

Ich bin gepflegt, ich achte auf meine Klamotten. Ich schminke mich dezent und mache Sport. Ich versuche, offen zu allen zu sein und viel zu lächeln. Das finden Jungs attraktiv, habe ich gelesen.

Meine Mutter umarmt mich fest und flüstert “Meine Süße, ich verspreche dir, eines Tages wirst du jemanden finden, der dich so liebt und schätzt, wie du bist.”

Dann verlässt sie mit einem gezwungenen Lächeln mein Zimmer.

Ich entsperre mein Handy wieder und lege mich auf mein Bett.

Eine neue Nachricht auf Tinder - von einem Matthias. Ich sehe mir sein Profil an. Ein großer, sehr trainierter Mann. Dunkelblond, braune Augen, 19 Jahre alt. Ich lächle - er sieht wirklich gut aus.

Aufgeregt öffne ich seine Nachricht und male mir schon aus, wie ich ihm ein Kompliment machen könnte.

“Hey, woher kommst du?”, steht in seiner Nachricht.

Ich schüttel grinsend den Kopf. Hat er denn nicht mein Profil angesehen?

“Rosenheim, und du?”, schreibe ich zurück. Vielleicht könnte das ja etwas werden.

Mein Handy vibriert. Es ist meine Mutter. Ich habe noch etwa zehn Minuten, bis ich los fahren muss, also nehme ich ab.

“Hallo Mama”, sage ich und stopfe mir einen Löffel Müsli in den Mund.

“Hallo meine Süße, und, bist du aufgeregt?”

Ich schlucke schnell runter und grinse dann. “Ich glaube, du mehr als ich.”

“Ja, das stimmt. Ich kann einfach nicht glauben, dass mein kleines Baby ihren ersten richtigen Job beginnt. Und dann gleich bei so einer großen, bekannten Firma!” Ich kann hören, dass meine Mutter die halbe Nacht nicht geschlafen hat.

Obwohl ich seit einem halben Jahr ausgezogen bin, fiebert sie immer noch mit mir mit, als würde alles vor ihren Augen geschehen.

“Ich hab dich lieb, Mama. Ich muss aber gleich los, endlich Geld verdienen!”

Ich lache und merke, dass sie das beruhigt.

“Ich werde an dich denken. Ruf mich heute Abend an!”

Wir verabschieden uns und ich lege auf. Dann atme ich ein paar Mal tief durch. Ich darf diesen Job auf gar keinen Fall verbocken. Es hat ohnehin schon viel zu lange gedauert, bis ich überhaupt einen bekommen habe. Ich habe bestimmt 40 Bewerbungen geschrieben.

Auf der Fahrt zur Arbeit lasse ich mein Bewerbungsgespräch Revue passieren.

“Wir sind ein internationales Unternehmen. Davon profitieren alle unsere Mitarbeiter”, hatte mein zukünftiger Chef mir gesagt.

Was er genau damit meinte, habe ich bis heute nicht verstanden. Aber ich war einfach nur froh, endlich eine Jobzusage erhalten zu haben.

Auf dem Parkplatz der Firma angekommen, atme ich noch einmal tief durch und gehe dann durch die Tür zum Empfang.

Die Dame grinst mich an. “Ah, Sie müssen…” Sie wirft einen Blick auf eine kleine Karte in ihrer Hand und zögert. “... die neue Kollegin sein!”

Sie lächelt verunsichert und drückt mir die Karte in die Hand.

“Damit kommen Sie rein und raus, wenn mal abgesperrt sein sollte. Und das Mittagessen in der Kantine können Sie sich auch darüber abrechnen lassen…”

Während sie erzählt, starre ich nur auf die Karte.

“Entschuldigung, mein Name ist falsch geschrieben”, unterbreche ich sie mit einem freundlichen Lächeln.

“Oh”, sagt sie nur und blickt auf die Karte.

“Da kommt ein ‘h’ nach dem ‘e’”, erkläre ich höflich.

Lange sieht sie die Karte mit zugekniffenen Augen an. Sie bewegt ihre Lippen, als würde sie sich den Namen selbst buchstabieren.

Dann lächelt sie mich übertrieben an. “Naja das macht nichts, die Karte funktioniert trotzdem und das ist ja die Hauptsache. Es ist ja kein Ausweis oder so.” Sie klatscht in die Hände und bevor ich etwas sagen kann, erklärt sie mir, wo meine Kollegen sitzen.

Verwirrt aber aufgeregt laufe ich mit großen Schritten zu meinem neuen Büro. Meine Karte umklammere ich fest und öffne dann vorsichtig die Tür.

Ich erblicke drei Frauen, die nah bei einander stehen und sich unterhalten. Alle ungefähr in meinem Alter, alle ähnlich gekleidet wie ich. Ich atme durch und bin erleichtert. Da passe ich bestimmt rein.

Eine dreht sich um und gibt mir die Hand, als sie auf mich zuläuft.

“Hallo, ich bin Jessica, es freut mich total, dich kennenzulernen.”

Ich sage meinen Namen und lächle selbstbewusst in die Runde.

“Oh, okay.” Eine andere Kollegin lacht unsicher. “Kann man den abkürzen?”

“Ich mag eigentlich keine Spitznamen”, erkläre ich mit einem Lächeln und stelle meine Tasche ab.

“Wir haben uns schon alle total gefreut, dich endlich persönlich zu treffen”, erklärt Jessica und klatscht in die Hände.

Mein Herz pocht etwas schneller. Auch wenn ich es nicht mag, im Mittelpunkt zu stehen, so ist die Offenheit doch eigentlich etwas Gutes… oder?

“Also, erzähl mal, wo kommst du her?”

Das ist das A.

“Naja klar, aber wo kommst du wirklich her?”

Da ist das N.

“Dann sind deine Eltern aus dem Ausland?”

Da ist das D.

Plötzlich bin ich wieder sieben Jahre alt und sitze an meinem ersten Schultag im Klassenzimmer. In genau diesem Moment spüre ich, wie meine Mitschülerinnen ihre Arme neben meinen halten, um dann “Oha, Anna, schau mal!” zu rufen. Plötzlich bin ich wieder 17 und realisiere, was ein Junge meint, wenn er sagt, er steht auf Karamell. Ich fühle wieder, wie der Stempel auf meiner Stirn brennt. “Exotisch”, steht da.

Und jetzt bin ich 23 und erlebe die Erwachsenen-Version. FSK 18 praktisch. Zumindest fühlt sich das gerade schonungsloser an, als zuvor.

“Es ist bestimmt total warm dort, oder?”

Da ist das E.

“Reist du dann oft zu deiner Familie?”

Da ist das R.

“So cool, dass du Arabisch sprichst! Hört man deinem Deutsch gar nicht an!”

Da ist das S.

Plötzlich bin ich 23 und bekomme in den ersten vier Minuten meines ersten richtigen Jobs klar gemacht, dass ich anders als der Rest bin.

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