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Tag der Vergottung

VON STEFAN EWALD //


Horner hatte gegen jede Form von Anstand verstoßen, weil er eines fast natürlichen Todes gestorben wäre, sagt Galatea und legt Zeigefinger und Daumen um den Stiel des geschliffenen Glases, versetzt es in Schräglage und dreht es.

Wir brauchen mehr Getränke,

denke ich und gehe hinüber ins Cryo-Kabinett.

Horner und ich kannten uns seit meiner fünften Dekade. Wir lernten uns bei einem seiner Konzerte kennen, damals als meine Agentin noch sagte, ich müsse endlich mehr über Kunst schreiben.

Im Cryo-Kabinett liegen die Flaschen übereinander und ich freue mich darüber, dass ich für meine Vergottung Getränke in Flaschen gefunden habe, endlich wieder. Galatea wartet, ich nehme einen Roten und beim Anheben der Flasche muss ich wieder daran denken, dass Horner nicht kommen würde; dass er mit der Maschine abgestürzt war und nur noch in Form von Asche auf den Blättern amerikanischer Mammutbäume existierte.

Natürlich,

sagt Galatea,

kann Horner nichts dafür, dass er so starb. Dennoch,

und während sie das sagt, schiebt sie ihr Glas auffordernd herüber,

ist er nicht wie alle anderen während seiner Vergottung gestorben! Ich weiß nicht, ob er sich das überhaupt leisten konnte, als Komponist, meine ich. Also ob seine künstlerische Potenz, die so groß dann doch nicht war, einen nicht synthetischen Tod jemals ausgehalten hätte! Er ist ja sogar selbst geflogen, verstehst du?

Ihre Stimme wird lauter, sie nimmt einen Schluck, den sie für gut befindet, schnalzt und stellt das Glas mit aller Achtsamkeit auf die Platte.

Es ist der Tag meiner Vergottung.

Und diesen Moment ausgerechnet mit Galatea. Sie redet zwar nun nicht mehr über Horner, dafür allerdings über meine bevorstehende Entlassung und dass sie neidisch sei. Sie freue sich für mich, ja natürlich! Sechs Jahre ist Galatea jünger als ich. Erst in einem Jahr, ab ihrem 65. Geburtstag, darf sie sich ihren eigenen Shapeshifter aussuchen.

Horner war derjenige von uns dreien, der das Prinzip der Vergottung am ehesten verstanden hatte, weil er sich nicht erst in seiner letzten Dekade mit diesem Vorgang beschäftigte, sondern sein ganzes Leben lang, wie er mir immer wieder sagte. Horners Vorstellungen vom Tod waren außerordentlich, viel außerordentlicher als meine oder Galateas. Er spürte eine besondere Verpflichtung seiner kompositorischen Arbeit gegenüber.

Es ist meine Aufgabe, diese Arbeit hier zu machen,

sagte er einige Tage bevor er starb.

Ich erfülle meine Aufgabe, wenn ich sitze und komponiere. Ich erfülle meine Aufgabe, indem ich mich hinsetze und komponiere,

sagte er.

Solange ich komponiere, ist alles in Ordnung.

Man kann doch nichts anderes tun, als die Kunst in sich selbst zu verwirklichen,

denke ich, als ich neben Galatea sitze und an Horner denke, während Galatea von ihrer erhofften Programmierung des Shiftings spricht und nach dem Roten greift.

Ich weiß,

beginnt sie,

der Shapeshifter wird die richtigen Entscheidungen für mich irgendwann treffen, aber ich habe trotzdem eine genaue Vorstellung davon, wie alles aussehen soll, verstehst du, ja. Ich sehe es genau vor mir. Das, worüber hinaus nicht Größeres gedacht werden kann.

Und dann beginnt Galatea wieder ihren alten Monolog.

Ich konnte Galatea nicht von der Programmierung erzählen, die der Shapeshifter für mich vorgesehen hatte. Auch weil ich mich auf eine gewisse Art dafür schämte, dass es der Programmierung an Extravaganz fehlte. Kein Paradies. Keine Apotheose. Der Shifter entschied, dass ich wieder an meinem ersten Roman arbeiten sollte. Horner hätte gesagt, dass ich mich fügen müsse, denn ich schrieb damals nur aus der rein moralischen Verpflichtung heraus, noch vor meinem 30. Lebensjahr einen Roman produziert haben zu müssen.

Wir alle sparten doch unsere Träume für den Shapeshifter auf, damit dieser aus ihnen den Tag der Vergottung kreieren konnte. Es waren ja auch sonst keine Fantasien mehr notwendig, und wir alle wurden angehalten so wenig Fantasie wie möglich zu verbrauchen.

Es ist die Aufgabe unserer Generation, alles aufzusparen,

denke ich. Es ging uns gut, weil wir wussten, dass das Leben noch kommen würde.

Horner hätte mir Recht gegeben.

Galatea trinkt einen weiteren Schluck aus ihrem Glas. Ihre Augen voller freudiger Erwartung.


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