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This too is poetry

VON EMILIA MARIE MORRISON //



Wenn ich an meine Haut denke, denke ich zuerst an all ihre Unreinheiten. Meine Narben. An die Stellen, die weh tun. Daran, dass ich manchmal gern einfach aus ihr heraus schlüpfen würde, mich häuten will, wie eine Schlange. Erst nach all den negativ belasteten Gedanken kommen die wissenschaftlichen Fakten dazu. Dass sie das größte Sinnesorgan ist und ein wahres Multitasking-Talent. Dass sie zwischen 1,5 und 4mm dünn ist und sich trotzdem manchmal noch dünner anfühlt. Dass auf ihr eklige Bakterien leben, die mir eigentlich nichts getan haben, nichts Negatives. Dass sie Schutzschild und Verbindung zur Außenwelt in einem ist. Zuletzt denke ich an Berührungen.


“Berührt werden” ist ein weit gefasster Begriff. Wer berührt dich eigentlich? Und muss das immer physisch sein? Kannst du frei entscheiden, wer dich berührt, was dich berührt, und was vielleicht sogar unter deine Haut geht? Wenn ich so darüber nachdenke, werde ich tagtäglich berührt, von ganz verschiedenen Dingen und Menschen- sowohl direkt, als auch indirekt. Angefangen bei Menschen, die in der Stadt an mir vorbeilaufen und mich streifen, über Freund*innen, die aus gutem Willen heraus die falschen (oder richtigen) Worte sagen und Partner*innen, die eine Sekunde zu lang über das Muttermal am Rücken gestrichen haben, bis hin zu Ärzt*innen, die deinen Rücken abklopfen und Yoga-Lehrer*innen, die deine Position korrigieren. Nicht jede dieser Berührungen ist gewollt und nicht jede ist ungewollt. Sie geschehen einfach im Alltag, egal ob du dich dafür entscheidest oder nicht.

Interessant ist dabei, dass Hautkontakt lebensnotwendig ist, zumindest für Neugeborene. Bei Berührungen werden bei ihnen Wachstumshormone ausgeschüttet; Streicheln, kuscheln und liebkosen bilden Vertrauen und das Gefühl von Geborgenheit, das essentiell wichtig wird für ihre Beziehungen im späteren Leben. Bei Erwachsenen hingegen ist die direkte Berührung nicht mehr lebensnotwendig, dennoch hat sie eine sehr wichtige Rolle im Anti-Stress-Systems des Körpers und dem sozialen Leben. Jede direkte Hautberührung führt zu einer Ausschüttung des Hormons Oxytocin, das antidepressiv wirkt und sogar das Immunsystem stärken kann. Ohne menschliche Berührung sind wir also erwiesenermaßen unglücklicher- warum also wird direkte Berührung oft negativ aufgenommen? Als Beispiel nehmen wir hier eine überfüllte U-Bahn. Ein Mann Mitte 40 steht neben mir und hält sich an der gleichen Stange fest. Seine Hand rutscht Zentimeter für Zentimeter weiter hinunter, bis sein kleiner Finger meinen Zeigefinger berührt. Ich kann nicht ausweichen, da direkt unter meinem kleinen Finger die nächste Hand eines Fremden liegt. Ich fühle mich in die Enge getrieben, kann nicht ausweichen und fühle mich zunehmend unwohl. Mit einer Berührung dieser Art verbinde ich keinerlei positive Emotionen, im Gegenteil, unter meiner Haut arbeiten Tausende Muskeln und ziehen sich zusammen, sodass sich meine Haare auf dem Arm aufstellen. Wäre es allerdings die Hand eines Freundes oder einer Freundin, oder sogar die Hand einer romantisch bzw. sexuell begehrten Person, wäre es kein Problem. Wo ziehen wir also die Linie? Ich denke, es geht hierbei um das Einverständnis. Um die stumme oder verbale Zustimmung zu einer Berührung deiner eigenen Haut. Denn selbst wenn du dich duschen kannst, abwaschen, abreiben, deine Haut sich ständig erneuert (das tut sie tatsächlich- nach rund 4 Wochen hast du komplett neue Haut auf dir), so bleiben doch Spuren von Berührungen, die unter die Haut gegangen sind. Die fremde Hand auf meiner spüre ich auch noch Wochen später, genauso wie die Fingerspitzen der Liebhaber*innen, die ihren Weg ganz sanft über meinen Rücken gesucht haben. Und auch das Gedicht, das ich neulich gelesen haben, schwirrt in meinem Kopf und unter meiner Haut, fließt durch meinen Körper, mit jedem Gedanken daran. Vielleicht trage ich es sogar auf der Haut.

“Berührt werden” können wir also auf verschiedene Arten und Weisen, auf positive, negative, direkte, indirekte, angenehme, unangenehme, gewollte und ungewollte Art. Manchmal können wir das selbst entscheiden und manchmal eben nicht. Haut kann nicht in die Zukunft sehen, kann dich nicht schützen vor Gefahren, die du selbst noch nicht kommen siehst. Denn wenn sie es täte - welche Gefühle, Empfindungen und Berührungen könnte sie dann noch durchlassen, ohne Gefahr zu laufen all die Positiven ebenso zu blockieren?


In der Fotoreihe habe ich versucht Berührung sichtbar zu machen. Hierfür bat ich verschiedene Menschen, mich die Stellen an ihrem Körper beschreiben und berühren zu lassen, die sonst eher versteckt bleiben, mit Scham oder gar Hass behandelt werden, die nicht oft genug berührt werden, weil man sie selbst nicht schön findet.

Die jeweiligen Zeilen suchten sich die Teilnehmer selbst von meiner Poesie-Seite auf Instagram heraus- Zeilen, die sie selbst als schön empfinden, Zeilen, die sie berühren. Und vor allem Zeilen, die sie berühren dürfen. Auch an den Stellen ihrer Haut, die sie sonst eher unberührt lassen.


Danke, dass ihr mir die Zustimmung gegeben habt, euch anfassen, berühren, beschreiben, fotografieren und ins Internet stellen zu dürfen.

Danke, dass ihr mich so oft fragt, wo es weh tut und ob ich berührt werden will.

Und danke, dass ihr mich nur dann berührt, wenn ich Ja sage.


1 Kommentar

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