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Ungerahmt

VON ÄNNE //




Wien, 4:35 Uhr. Mein Traum vermischt sich mit schrillen Lauten, eine verrücktgewordene Brüllaffenbande mit Haizahnfrisur jagt auf mich zu, dann sitze ich im Bett. Das Diensttelefon am Ohr. „Sonja, wir brauchen dich hier auf der Neun. Junges Mädchen. Zustand nach Suizidversuch.“


Mich übernimmt der pawlowsche Hund. Kalte nackte Füße schlüpfen in den dunkelblauen Stoffsack, Eigenmarke Klinikmode. Einige Kilo sandigen Schlaf aus den Augenrändern gewischt, hetzte ich mit 95 Schlägen pro Minute die kargen Gänge entlang.


Zieleinlauf: Intensivliege, Schläuche, flimmernde quiekende Geräte. Meine Kollegen und Kolleginnen haben ihre Arbeit bereits erledigt. Glück gehabt. Acht Meter Luft und zwei Quadratmeter Pflanzenwelt konnten diesmal „nur“ Arme, Beine und ein halber Lendenwirbel niederstrecken.


Stuhl am Bett. Ich greife nach der Hand. Glatte, weiche kühle Haut, ziemlich blass. Darunter bläulich schimmernde Venengeflechte, leicht und zurückhaltend wie die Konturen eines Laubblattes. Pulswellen wippen zart unter meinem Zeigefinger. Weiter oben am Arm, harte Stränge. So als hätte jemand Miniaturschiffstau festgeklebt. Narben an einer Stelle, die in Eigenregie gut zu erreichen ist, als zeitweises Innenlebenspiegelbild hinter Baumwollfasern unter Verschluss genommen.


Die Haut gehört Maja und ihr und mir gehört der spärliche Rest der Nacht. Zwischen beschwerlichem Heben und Senken des Brustkorbs entweichen „ein gutes Studium, langjährige Freundinnen, eine ganz „okaye“ Familie, geschiedene Eltern – schon belastend irgendwie. Verrauschte Jugend. Sex und Drogen in Zimmerlautstärke. Alles normal halt. Ein getrennter Freund – lange zusammen - erstes Mal große Liebe.“


Der nächste Thoraxunterdruck zieht die umfliegenden Aerosole in Zeitlupe ein. „Das hat es aufgerissen. Gefühle, längst vergessen. Nicht gut genug sein. Bring´ es einfach nicht. Allein gelassen. Nicht geliebt.“ Buchstabenreihen erstmalig von vibrierenden Stimmbändern aus dem Schädeldach gesogen. Vorher kein Platz dafür. „Passte nicht ins Bild. Bei den anderen war immer alles schick."


Erneut schlummert hinter Bindegewebszellen, Haarfollikeln, Tastkörperchen und freien Nervenendigungen unsichtbare Verschwiegenheit. Erneut reißt sie sorgsam Schicht um Schicht Raufasertapeten der Innenwelt ab. Erneut verhüllt die Haut Couture den Schein bis Unvermeidliches geschieht. Erneut bin ich dankbar, für verbliebenes Heben und Senken, Zwischenraumworte die stückweise Menschentum mit Realitätsfarbe bemalen. Erneut rahme ich in Gedanken Pressplatten aus Netzhautabzug und Herzensmomentum als Lehrstücke für meine Erinnerungswand.


Links oben klafft noch kurz nackte Wandverkleidung, sich verzehrend nach sperrholzrücken Berührungen, bis Wien, 4:42 Uhr, ziemlich blass mit dem bläulich schimmernden Venengeflecht, den zarten Pulswellen unter Zeigefingerobhut und Miniaturschiffstausträngen, ehrfürchtig im 50x70 Format Erfahrungsschatz wird.


Umgeben von bewegender freundlicher Gesellschaft.


- Helles, homogenes Buchenholz säumt die aufgeregt stramm pochende Blutbahn auf dem Schläfenbein. Zwei Wangenleberflecke. Rosiger Teint. Buschige Brauen und erste Stoppeln zieren den dünnen Einband, verstecken schlafraubende Besorgnis. Dortmund, 12:21 Uhr. Leon. Begnadet im männerdominerten Sport. Begehrt eben diese abseits des Spielfeldes. Bis heute. Nie was gesagt. Passte nicht ins Bild.-


- Staubkörner auf Aluminiumleichtgewichthülle. In ihrer Mitte: zusammengefallenes Äußeres ziert deutliche Schlüsselbeinumrisse. Bronzeschimmer ohne Falten und Appetit. Haut und Knochen, viel mehr ist da nicht mehr in Wengern, 14:05 Uhr. Viel mehr ist da nicht mehr von Lia. Zwölf Monate retrospektiv: Teenagerjahre in anstandsloser Verfassung, dachten die Eltern, dachten die Freunde, dachten die Anderen. Nie was gesagt. Passte nicht ins Bild. Bis heute.-


- Reste aus angekohlten Eichenfässern verbinden sich mit tiefen Gräben unter dem Wimpernkranz. 52 Jahre gereifte Epidermis ertrunken in Blau. Liebevolle Pupillen verschleiert durch einen Binnensee aus Tränen. Hoffnungsvolles Berlin, 10:13 Uhr. Ich halte die zitternden Hände, gelb wie Thomas Atem, der neben Zigarettenrauch die Ethanolüberdosen des letzten Lebens nach außen bringt. „Klar, logisch, erst nur mit den Männern das Bierchen. Aber dann, der Stress auf Arbeit und die Frau. Wusste mir nicht mehr anders zu helfen. Am Ende drei Kurze und acht Flaschen Blondes.“ Nie was gesagt. Passte nicht ins Bild. Bis heute.-


- Pappeljahresringe untermalen kleinste unscheinbare Härchen um freudlose Mundwinkel. Feine Linie, wo vorher ein Muttermal prangte. Spröde trockene blassrosa Lippen, küssen nicht mehr. Lachen nur noch affektiert. Ehe zerbrochen. Kinder zu Besuch. Im Scheinwerferlicht alte Schatten. Recklinghausen, 15:42 Uhr. Irene, eigentlich Bibliothekarin, seit Jahren taucht sie Vollzeit im modrigen Sumpf aus kreisendem Gedankenschlamm. Heute spricht sie es zum ersten Mal aus. Passte nicht ins Bild.-


- Dunkle Esche unter Druck eingefasst, um mächtige Schwielen auf breiten Handballen zu halten. Junge nordische Schale, schwer zu durchdringen. Knöchel dominant. Straff bespannt zur Faust geballt, sobald der Verdampfer wieder heiß läuft. Kontrollverlust in Hamburg, 22:17 Uhr. Robin wankt auf schwankendem Boden zwischen schwarzem Block und Anatomiehörsaal. Zwischen Vorzeige-Bruder und Nazis prügeln. Keinen zum Reden. Nie was gesagt. Passte nicht ins Bild. Bis heute.-


So oft schlummert hinter Bindegewebszellen, Haarfollikeln, Tastkörperchen und freien Nervenendigungen unsichtbare Verschwiegenheit. So oft reißt sie sorgsam Schicht um Schicht Raufasertapeten der Innenwelt ab. So oft verhüllt die Haut Couture den Schein, bis unvermeidliches geschieht. So oft bin ich dankbar, für verbliebenes Heben und Senken, Zwischenraumworte, die stückweise Menschentum mit Realitätsfarbe bemalen. So oft rahme ich in Gedanken Pressplatten aus Netzhautabzug und Herzensmomentum als Lehrstücke für meine Erinnerungswand.


Umgeben von bewegender freundlicher Gesellschaft.


Ganz unten klebt ein friesennerzgelber Post-it an der verwelkten Eichensäumung.


„Reminder: Haut ist außen. Was ist innen?

Herz, fühl genau hin. Hinter dem Schein hat jede/r Platz für Zwischenraumworte. Die wollen gesprochen und gehört werden in unserer Welt ohne Rahmen, in der alle ins Bild passen.“


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