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Vielleicht Rike

VON BENJAMIN HORRIG //



„Manchmal warte ich auf den Abend und frage mich am Abend, worauf ich eigentlich gewartet habe.“

Das Pathos dieser Bemerkung lässt sich nur mit der Schwere des Nachthimmels aufwiegen, in der meine Gedanken gerade schwimmen.

„Das klingt aber weinerlich“, sagt sie.

Stellt ihre leere Flasche weg und vergräbt die Hände in Pulli-Ärmeln. Weil wir am Strand auf Handtüchern sitzen und uns ein bisschen vom Rest entfernen wollten.

Ende des ersten Semesters. Studienfahrt. Komische Leute.

Für mich ein heikles Unternehmen. Studieren als Ausprobieren.

Für sie der grobe Entwurf einer Zukunft. Zumindest hat sie das gesagt, als wir uns vor Stunden das erste Bier teilten.

„Viel mehr, als es sollte“, sage ich und versuche dabei, ganz natürlich zu klingen.

„Aber kennst du das nicht?“

Sie sitzt neben mir und schaut in die leuchtenden Wellen unseres Lagerfeuers. Orange Flammen tanzen im Stillen zwischen Knacken und Knistern. Dahinter Wellen vom Meer ans Ufer.

Ein bisschen Sand weht mit dem Wind durch mein Gesicht. Ich reibe mir die Schläfen und rücke näher ans Feuer. Sie rückt näher ans Feuer und wir hören das Kreischen einer Möwe. Kurz darauf sehe ich Flügel herabstürzen und mit der Beute im Dunkeln verschwinden.

„Es gibt Abende, an denen ich mit nichts um mich herum etwas anfangen kann.“

Sandwind zerstreut ihre Stimme.

„Meistens gehe ich irgendwohin mit. Weil ich glaube, dabeibleiben zu müssen. Es reden ja schließlich alle davon. Ständig hört man nur, wie großartig alles ist.“

„Aber dann ist es doch wieder nur irgendeine Party.“

„Ja. Genau das.“

„Oder eine Semesterabschlussfahrt.“

Sie lächelt.

Ich denke an die Leute aus dem Studium.

Sie wollen immer mehr, mehr, mehr.

Montag ist nur nüchtern, wer den Sonntag verpasst hat.

Die Wochentage verkommen zu Zählern verlorener Zeit, bis es endlich wieder losgeht.

Die nächste Party und zwei Euro fünfzig schwere Euphorie, abgefüllt und aufgereiht zum Mitnehmen.

Dann der billige Rausch.

Alle wollen billigen Rausch.

Um sich in dieses obermegageile Wochenende zu stürzen, waren die meisten schon vor der Ankunft völlig besoffen. Drei Tage am Meer. Campingplatz mit Strandblick, eigentlich wirklich eine schöne Idee.

Bei einem der unzähligen vorbereitenden Treffen wurde mir ans Herz gelegt, bloß keine Gitarre mitzunehmen, sondern einfach die Seele baumeln zu lassen. Schließlich ginge es ja auch darum, mal etwas völlig Neues auszuprobieren. Also trug ich eine Kühltruhe anstelle des Instruments und war bereit, mich dem großen Unbekannten zu stellen. Ich hielt das für Quatsch, aber man tut eben, was man kann.

Dem Fahrer musste ich außerdem versprechen, überhaupt keine Musik anzurühren. Dazu seien die anderen da, weil sie sich da besser auskennen. Während der Hinfahrt und auf dem Zeltplatz also Schlagerhits, und kein Schwein interessierte es so richtig. Irgendwann dann jemand, der bei jedem dummen Spruch die Augen nicht verdreht hat, sondern sie nur angestrengt offenhielt.

Jemand mit diesem Blick, der sagte: Es ist billiger Rausch und immer mehr, mehr, mehr.

Ich habe sie gefragt, ob wir kurz weggehen sollen, und seitdem sind wir hier.

„Weißt du eigentlich, dass du mir das Wochenende rettest?“, hat sie gesagt.

Und seit Stunden gefällt mir die Ruhe in ihrer Stimme, das leichte Mehr zwischen ein paar Blicken.

Das zu dem leichten Wind passt und der gleichmäßig sprudelnden Nacht.

Sage ich ihr aber nicht, weil Kitsch.

Stattdessen mache ich zwei Flaschen mit dem Feuerzeug auf, weil Klischees viel besser zu vertragen sind.

„Danke.“

Wir stoßen an.

„Wie hält es eigentlich jemand wie du so lange mit zwei anderen Menschen in einer Band aus?“

Ich schaue in die leuchtenden Wellen unseres Lagerfeuers. Daneben Wellen ihrer Frage.

„Ey, ich laufe nicht rum und versuche, Menschen loszuwerden. Das wäre doch total bescheuert.“

„Tust du nicht?“

„Nein.“

„Hm.“

„Okay, ein bisschen vielleicht.“

Darauf stochere ich im brennenden Holz herum.

Man muss nämlich immer eine Geste haben, die über das Warten hinwegtäuscht.

„Vielleicht mögen wir uns einfach“, sage ich schließlich und suche nach meiner Schachtel.

„Du magst niemanden.“

„Auch wieder wahr. Was ist mit dir?“

„Ich habe keine Band.“

Sie gibt mir eine Zigarette.

„Aber du studierst mit Leuten, die du nicht leiden kannst.“

„Die meisten kenne ich ja gar nicht. Und ein paar sind in Ordnung, das reicht doch.“

„Verstehe. Wenn dir das reicht.“

Ich nehme einen Schluck.

„Ich weiß nicht, ob du das wirklich verstehst. Du hast gesagt, mit dem richtigen Maß an Selbstaufgabe sei jedes Leben schön.“

„So Zeug erzähle ich gar nicht!“

„Klar, und dabei machst du solche Armbewegungen.“

„Was denn für Bewegungen?“

Sie steht auf und wedelt mit den Armen und ich stehe auf und wir lachen, weil das so bescheuert aussieht.

„Die Leute wollen nur Krach. Alle sind immer nur voll. Wer zufrieden ist, schmeißt sich weg. Mir geht’s gut, weil ich Musik mache. Ungefähr so.“

„Verrat mir lieber mal, wie du heißt“, sage ich schnell, weil mir echt nichts Besseres einfällt.

„Was ist das denn für eine Überleitung?“

„Kein Mensch braucht Überleitungen.“

Jetzt lacht sie wieder.

„Das hat dich aber den ganzen Abend nicht interessiert.“

Als sie sich wieder hinsetzen möchte, lasse ich mich auf ihren Platz fallen.

Sie sieht mich fast ein bisschen besorgt an. Dann setzt sie sich auf mein Handtuch. Nimmt eine Zigarette. Steckt sie an.

„Rike.“

„Was?“

„Mein Name.“

„Verarschst du mich?“

„Vielleicht.“

Vielleicht-Rike lässt Rauch vor Rauch tanzen. Dazu gleichmäßiges Ozeansprudeln.

Wir schweigen und hören zu.

Die Nacht ist kühl geworden. Sie ist unglaublich klar.

Ich nehme einen Zug und lasse Rauch vor Rauch tanzen. Dazu knistert Holz als Erinnerung an den winzigen Zeitpunkt zwischen Lodern und Verglühen.

Lichtflecken huschen über Sand. Wärmeflecken in der ansonsten kalten Luft.

Dann plötzlich wabernde Gesprächsfetzen aus der Ferne. Gar nicht so fern ein weiteres Feuer. Flaschen klirren aneinander. Dumpfe Musik, die dennoch gut klingt.

Ich nehme einen Schluck und schaue zu Rike. Sehe, wie ihre Augen in der Glut suchen.

Sie zittert ein wenig.

„Alles in Ordnung?“, frage ich und fühle mich albern dabei. Meine Stimme hört sich fremdartig an. Wie eine Tonspur an der falschen Stelle.

„Klar.“

Sie drückt die Zigarette im Sand aus.

„Ich musste nur darüber nachdenken, was du gesagt hast. Das mit dem reichen.“

Ich finde meine Schachtel wieder und stecke mir die Nächste an.

„Sorry, das sollte gar nicht so ernst rüberkommen.“

„Ne, kam es auch nicht. Aber vielleicht hast du Recht.“

Aus der dumpfen Musik werden lauter Geräusche und Klänge, die über den Strand fegen, als wollten sie die anströmenden Wellen zurückdrängen. Irgendjemand zündet eine übrig gebliebene Silvesterrakete. Bunter Regen spritzt an den Nachthimmel.

Eine Zweite schießt hinterher.

Grüne Funken.

Goldbraune Funken.

Schwärze.

Dazu Applaus.

„Weißt du noch, dass ich dir erzählt habe, was ich mir alles von dem Studium erhoffe?"

„Ich weiß es noch.“

„Das kommt mir echt total albern und arrogant vor, aber ich frage mich wirklich ständig, ob es richtig ist.“

„Wieso brichst du nicht ab?“

„Und dann?“

„Dann machst du was anderes.“

Sie legt den Kopf in die Hände und sieht mich aus so einer Halbschrägen an.

Nonverbale Titulierung einer offensichtlich wenig hilfreichen Aussage.

„Es liegt gar nicht daran, oder?“

Meine Stimme kratzt, als ich das sage und ich sollte wirklich nicht pausenlos rauchen.

„Nein, das Studium selbst ist toll.“

„Aber die Leute nicht.“

„Ich habe mir irgendwie vorgestellt, in eine neue Stadt zu ziehen, müsste etwas verändern. Besser machen. Ich dachte, ich würde spannende Menschen kennenlernen, die von all den Dingen erzählen, die sie begeistern. Stattdessen sieht man überall nur die Angst davor, etwas zu verpassen.“

„Das ist doch Schwachsinn.“

„Ja, vielleicht. Aber was unterscheidet diesen Schwachsinn von deinem Bandleben?“

Stecke mir eine neue an. Gebe ihr auch eine.

„Da fühlt es sich richtig an. Das ganze andere war immer einfach nur da.“

„Ist es denn großartig? Wirklich großartig?“

„Ja.“

Vielleicht ist das eine drastische Vereinfachung. So, wie ganz gezielte Aufmerksamkeit aus einer Sache einen Punkt macht, um den herum nichts weiter existiert, macht vielleicht ganz große Hingabe aus einer Sache etwas, was sie nicht ist. Jedenfalls nicht nur.

Und vielleicht ist der Unterschied zwischen Rike und den anderen dieser Augenblick der zerfressenden Ehrlichkeit. Ehrlichkeit, die einige unter der Haut tragen und andere eben auf ihr.

Ich höre ein paar Leute laut loslachen, weil ihnen das Feuer ausgegangen ist.

Um nicht gar nichts zu tun, rennen sie jetzt ins Wasser. Kurz darauf Fluchen. Wieder Lachen.

„Aber ganz ehrlich“, sage ich, „auch das funktioniert nur mit zwei Menschen.“

Sie raucht.

Diesmal kein Lachen, sondern leises Grinsen, weil das mehr ist als bloßer Affekt.

Eine dritte Rakete schießt in den Himmel. Für einen Moment brennt der ganze Strand grün und violett.

„Du sitzt immer noch auf meinem Handtuch“, sagt sie und ich ziehe sie zu mir, weil sie Recht hat.

Nicht nur mit dem Handtuch. Der Abend, die langsam verglühende Nacht. Ein schönes Gespräch mit einem Unimenschen.

Ich zittere ein bisschen, weil es langsam wirklich kalt wird.

Und nehme sie in den Arm, weil sie friert.

Ob all das am Morgen immer noch so schön sein wird, oder doch nur der nächste Versuch nach dem letzten Versuch, das Beste daraus zu machen, weiß ich nicht.

Aber das ist ja auch nicht wichtig.

Im Moment reicht es, zu wissen, dass sie vielleicht Rike heißt.

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