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Wasser (Minidrama)

VON DOMINIK STEINER //



Figuren: Ascet, Mohn


Zeit: In naher Zukunft


Mohn ist am Ufer eines Sees. Vorsichtig testet er die Temperatur des Wassers mit den Zehenspitzen. Ascet steht an einer seichten Stelle vor einer Insel in der Mitte des Sees. Aus der Ferne sieht sie Mohns Bemühungen, sich ins Wasser zu trauen. Jetzt treffen sich ihre Blicke. Motiviert bewegt sich Mohn durch die seichten Stellen. Als er bis zu den Oberschenkeln nass ist, stößt er sich nach vorne ab. Wild kraulend nähert er sich der Stelle, an der Ascet steht. Als er Boden unter sich spürt, hört er auf zu schwimmen. Mohn steht auf. Laut schnaufend geht er auf Ascet zu, bis sie sich im flachen Wasser gegenüberstehen.

Ascet: «Du gehst ja doch mal rein.»

Mohn: «Das geht schon, wenn ich mich überwinde.»

Ascet: «Sieht schön aus, wie du dich hier drin bewegst.»

Mohn: «Bei dir ist's schöner.»

Ascet: «Ja, ich könnte ewig weiter schwimmen.»

Mohn: «Ich hab‘ mich gefragt, ob du gelächelt hast, vorhin, deshalb bin ich rein.»

Ascet: «Vorhin?»

Mohn: «Als du mir gewunken hast.»

Ascet: «Hm, weiß nicht. Beim Schwimmen vergesse ich alles.»

Mohn: «Ja, das hab ich gespürt. Das hab‘ ich in deinem Winken gespürt.»

Ascet: «Hast du auch das Gefühl, ewig weiterschwimmen zu wollen, wenn du mal drin bist?»

Mohn: «Nein, ich denk‘ schon wieder an draußen.»

Ascet: «Was gibt’s denn da?»

Mohn: «Zwei eiskalte Bier vom Kiosk. Und unsere Decke mitten in der Sonne.»

Ascet: «Lass uns noch weiter rein in den See. Ich bin grade so schön drin.»

Mohn: «Ok, aber ich brauch' kurz Pause.»

Ascet: «Du bist ja ganz schön schnell fertig.»

Mohn: «Ja. Also, ich..»

Ascet: «Hm?»

Mohn: «Ich bin nicht mehr ganz nüchtern.»

Ascet: «Zwei eiskalte Bier vom Kiosk?»

Mohn: «Ich hab' Pillen geschluckt.»

Ascet: «Ok?»

Mohn: «Ganz neues Zeug ist das. Ich wollte das unbedingt probieren.»

Ascet: «Was denn für ein Zeug?

Mohn: «Das bringt mich zurück in eine Situation, die ich kenne.»

Ascet: «Aha.»

Mohn: «Wir waren beide mal hier.»

Ascet: «Daran erinnere ich mich nicht.»

Mohn: «Das ist auch alles ganz neu. Wir waren nie gemeinsam im Wasser, aber gemeinsam hier am See.»


Ascet legt ihre Hand auf Mohns Stirn. Sie umklammert ihn fest und lauscht an seiner Haut.


Ascet: «Du fühlst dich nicht an, als wärst du auf Droge.»

Mohn: «Ja, das fühlt sich echt an.»

Ascet: «Erzähl' mir was von der Wirkung.»

Mohn: «Wir haben uns vom Wasser aus angesehen, weißt du noch? Du im See, ich auf der Decke. Du hast mir gewunken, weißt du noch?»

Ascet: «Kann sein.»

Mohn: «Ich hätte mit dir da rein gehen sollen. Das weiß ich jetzt.»

Ascet: «Hast du noch was von dem Zeug?»

Mohn: «Nein.»

Ascet: «Ich hätte auch gern was davon.»

Mohn: «Das war nur eine Dosis.»

Ascet: «Du hast also nur an dich gedacht.»

Mohn: «An uns. Ich hab' uns wieder lebendig gemacht.»

Ascet: «Eine Phantasie hast du aus mir gemacht.»

Mohn: «Ja, deshalb will ich mit dir hier raus.»

Ascet: «Wie ist es denn da draußen?»

Mohn: «Wärmer als hier.»

Ascet: «Schöner?»

Mohn: «Ja.»

Ascet: «Glaube ich dir nicht.»


Ascet lässt sich zurückfallen und stößt sich von der seichten Stelle ab. Sie schwimmt auf dem Rücken weiter zur Mitte des Sees.


Ascet: «Ich glaub' nicht, dass wir uns kennen.»

Mohn: «Warte!»


Mohn springt ins Wasser. Hastig schwimmt er Ascet nach. Er schlägt wild um sich beim Kraulen. Er hat Mühe, mit ihrem Tempo mitzuhalten. Nach etwa hundert Metern hört Ascet auf zu schwimmen. Jetzt ist es zu tief, um zu stehen. Ascet hält sich auf der Stelle schwimmend über Wasser. Leicht sieht das bei ihr aus. Mohn ist neben ihr. Er schnauft und strampelt heftig, um über Wasser zu bleiben. Ascet greift nach ihm. Sie hält ihn. Gemeinsam treiben sie durchs Wasser. Mohns Atem beruhigt sich.


Ascet: «Du?»

Mohn: «Hm?»

Ascet: «Jetzt erinnere ich mich wieder.»

Mohn: «An uns?»

Ascet: «Ich erinnere mich, dass ich dir vom Wasser aus gewunken habe.»

Mohn: «Endlich.»

Ascet: «Das hat mich erschrocken.»

Mohn: «Erschrocken?»

Ascet: «Ich wusste genau, wie du mich anschaust. Obwohl zweihundert Meter zwischen uns waren, habe ich deinen Gesichtsausdruck erkannt.»

Mohn: «Wie hab' ich denn geschaut?»

Ascet: «Ernst.»

Mohn: «Ich hab' gelächelt.»

Ascet: «Nein.»

Mohn: «Ich bin mir sicher.»

Ascet: «Ich mir auch.»

Mohn: «Ich hab‘ das Lächeln gespürt.»

Ascet: «Probier's nochmal.»

Mohn: «Jetzt?»

Ascet: «Jetzt.»

Mohn: «Ok, warte kurz, sonst wird das verkrampft.»

Ascet: «Wenn ich auf dein Lächeln warte, wird es auch verkrampft.»

Mohn: «Aber du siehst es. Wenn es da ist, siehst du es. Diesmal ohne irgendeine Entfernung.»

Ascet: «Es ist alles da. Die Erinnerung an dich ist wieder da.»

Mohn: «Ok, das ist gut. Das soll so sein. Es wirkt.»

Ascet: «Ich war dir echt sauer.»

Mohn: «So gut hat sich das noch nie angefühlt.»

Ascet: «Ich hab‘ darauf gewartet, dass du dich öffnest. Ich hab‘ wirklich drauf gewartet.»

Mohn: «Aber innerlich war das immer ein richtiges Lächeln.»

Ascet: «Ich hab‘ dir gesagt, wie schön ich das finde, zusammen im Wasser.»

Mohn: «Ich bin da, wollte ich dir sagen. Mit einem Lächeln wollte ich dir das sagen.»

Ascet: «Ich glaube, wir haben einfach nie wirklich was geteilt.»

Mohn: «Was hätte ich sonst tun sollen…Schreien?»

Ascet: «Ich frage mich, wieso du dir von allen Situationen, die du verändern kannst, ausgerechnet die hier ausgesucht hast?»

Mohn: «Ich kann nicht glauben, wie nah‘ ich da an einem echten Gefühl dran war.»

Ascet: «Jetzt bist du wieder ganz nah dran.»

Mohn: «Mir ist kalt.»

Ascet: «Wie schnell dich friert.»

Mohn: «Ich bin einfach nur nass.»

Ascet: «Bleib so.»

Mohn: «Bleibst du auch?»

Ascet: «Ja.»


Ascet umarmt Mohn fester. Gemeinsam treiben sie weiter in den See. Mit festen Fußbewegungen stößt Ascet sich ab. Die kleinen Wellen, die ihre Bewegungen auslösen, fallen lautlos hinter ihnen zusammen.