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Wir von der See

VON BIANCA KÖRNER //


Ich war nie eine Sirene, keine bedrohliche Nixe, die dich in die Tiefe reißen wollte.

Auch ich habe die See rufen hören, mich von ihrer Unendlichkeit verführen lassen. Ich habe mir ein Zuhause aus Salzwasser gemacht, weiß nicht mehr, wie es ist auf festem Grund zu stehen. Strandgut ist das einzige Gut, das ich an Land je gefunden habe, und ja, das schließt auch dich mit ein. Der Sage nach ist eine Meerjungfrau nichts weiter als ein erlösungsbedürftiges Wesen. Seelenlos und verdammt. Wenn es keinen sicheren Hafen gibt, kannst du auch nirgends anlegen. Du hast dich immer mit jedem angelegt. Wie konnte ich mich nicht verlieben in deinen rauen Matrosenmund, in deine starken Seemannsfangarme. Ich bewunderte deinen Fähigkeit, Knoten zu knüpfen, die für immer hielten. Alles, was meine Hände berührte, löste sich auf. Ich bewunderte deine Abenteuergeschichten, bei schönem Wetter lag ich auf Deck und sah dir beim Schiemannsgarn Drehen zu. Wir von der See haben alle einen Hang zum Lügen, aber wer will es uns verübeln? Unsere Welt ist so groß und unberechenbar. Wenn die Angst anklopft, möchte ich sie auch lieber Klabautermann nennen. Solange sie noch da ist und ihren Schabernack treibt, ist alles in Ordnung.


Ich weiß, dass ihre Anwesenheit nur das Schiff schützen will, ich weiß, dass ich erst untergehe, wenn sie mich verlässt. Ich lernte deine Sprache, lernte das Wasser Bach nennen, egal ob es ein See oder ein Ozean ist, ich lernte deine Handlungen zu imitieren, lernte die Vitamine mit Rum zu trinken, Zucker kann, Wasser braucht nicht, lernte es groggy zu nennen statt erschöpft, ich lernte das Durchsetzen, aber nicht die Art, die ich gebraucht hätte, ich lernte nie Lee und Luv zu unterscheiden, ich war immer dir zugewandt, aber ich passte mich an, Donnerstag war jetzt Sonntag, laufen war jetzt fahren. Und es war nicht alles schlecht. Du hattest auch einen eigentümlichen Euphemismus, nanntest deinen Misserfolg beim Fischen Wasserholen, wusstest zu jeder noch so eintönigen Beschäftigung ein Lied zu singen. Aber ich hatte meine Stimme schon lange verloren, verkauft an eine alte Seehexe, die mir irgendetwas versprach und mir doch nichts gegeben hat.


Wir von der See haben alle einen Hang zum Lügen, aber wer will es uns verübeln? Oft wünschte ich mir, dass es die Kreaturen aus der Tiefe nur in deinen Geschichten gab. Als die Existenz von Riesenkraken bewiesen wurde, war es nur eine Frage der Zeit bis auch die anderen Ungeheuer nicht mehr zu leugnen seien. Aber du und ich, wir waren nicht stark genug um beide gegen sie zu kämpfen und du suchtest dir eine andere Retterin aus einem anderen Reich, in dem ich nie lernte zu atmen. Es war eine weitere Wahrheit, die nicht auszuhalten wusste, aber du und dein Matrosenmund brachtet mir keine anderen Worte mehr bei, es führte kein Rettungsseil mehr zurück auf dein Schiff. Der Klabautermann kam zu mir und sagte, dass er mich verlässt. Du bist in einem anderen Hafen, du wirst mich nicht erlösen. Ich weiß nicht, wovor ich jetzt Angst haben soll. Ich war nie eine Sirene, ich war nie eine Meerjungfrau, aber vielleicht kann ich der Schaum auf den Wellen werden. Vielleicht muss ich nicht untergehen.


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