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Zwischen-Welten zwischen Laken

VON JUDITH MARLIES BARTH //



Es ist merkwürdig, in so einem Zustand zu leben, der herausgefallen scheint aus der Zeit. Moment mal, das trifft es nicht. Zeit existiert quasi nicht. Oder sie steht still, was praktisch das gleiche bedeutet. Ich hänge die Gardine an den kleinen Haken, den ich gerade mit dem Hammer in die Wand geschlagen habe, ein klein bisschen zu fest, ein klein bisschen zu laut. Nur noch drei Haken, dann sollte die Vorrichtung halten. Ich erinnere mich daran, wie Theo, Isabelle und Matthew in “Die Träumer” ein Zelt bauen. Ich habe die Latte gleich etwas höher gelegt. Ich will ein Schloss bauen für meine Tochter, in dem sie alles sein kann, weil man draußen gerade wenig sein kann. Ich erzähle Leonore, dass das kein Zelt ist, sondern ein Schloss. Das ist ja keine Lüge, oder? Das ist ja ein Zaubertrick, ein Kunstgriff eigentlich, ein Portal zur Traumwelt, das wir aufstoßen.


Leonore ist ruhig in letzter Zeit. Sie stellt auffallend wenige Fragen für ihr Alter und ihre Persönlichkeit, was daran liegen könnte, dass meine Antworten gänzlich unbefriedigend sind. Wie erklärt man einem Kind, was gerade passiert? Manchmal fragt sie nach meiner Mutter und warum sie nicht mehr vorbeikommt. Ihre Oma fehlt ihr. Sie hat sie gemalt, mit Fingerfarbe an die Wand und ich habe nicht geschimpft, weil ich eher traurig als wütend war. Manchmal skypen wir, aber unsere Gespräche bestehen hauptsächlich aus den Sätzen: “Dein Mikro ist aus, wir können dich nicht hören”, “Jetzt bist du gerade eingefroren” oder “Es rauscht ganz laut!” Ständig rauscht es, auch in unseren Köpfen. Ständig sind wir eingefroren.


Ich gehe in die Waschküche, zu dem großen Schrank, in dem irgendwo noch diese fusseligen Plüschkissen in Neonfarben liegen müssten. Sie schmerzen in den Augen. Gut, dass ich die trotzdem aufgehoben habe. Um den Boden des Schlosses auszulegen, sind sie perfekt. Ich wühle mich durch die Abteilungen, durch Ohrenputzstäbchen, Handtücher, kaputtgegangene Elektrogeräte, von denen ich dachte, ich könnte sie ja irgendwann, wenn ich mal Zeit habe, reparieren (Wann ist irgendwann eigentlich jetzt geworden?) und Kabel, die ich nicht mehr zuordnen kann. Endlich finde ich die Kissen, eingequetscht in eine Aldi-Tüte, die nicht so cool aussieht wie das von Lars Eidinger entworfene Modell. Ich versuche den Staub, der sich in den vergangenen Jahren in ihnen abgesetzt hat, aus ihnen herauszuprügeln und glaube für ein paar Sekunden, ich könnte lange, lange so weitermachen und nicht mehr aufhören. Wie in den Selbsthilfe-Büchern, in denen steht, man solle schreien für die Katharsis und über ein Feld rennen, weiter immer weiter. In Lichtenberg gibt es keine Felder.


Die Kissen riechen nach vergessenen Erinnerungen, die zu recht vergessen sind. Ich ordne sie auf dem Boden des Schlosses an, lege eine Decke drüber, die frisch gewaschen ist. Zwischen den Laken, ein Universum.


Leonore kichert, sie hat ihr Faschingskostüm an, das sie seit Februar besitzt und ständig trägt, was okay ist. Schließlich konnten wir nicht am Umzug teilnehmen. Wir warfen trotzdem mit imaginären Karamellen. Ich habe es selber genäht aus hellblauem, opaken Organza. Würde eine Erwachsene das tragen, es würde Schweiß in Bächen fließen. Ich flechte ihr die Haare zu Zöpfen und lege sie zu einer Krone um ihren Kopf. Wir haben das gleiche Haar. Dick und mittelblond. “Weizengrashaare” sagt meine Mutter immer dazu, weil die Farbe im Licht changiert zwischen goldgelben Tönen und hartem Silber.


Wir haben uns immer gern weggeträumt, Leonore und ich. Ich habe ihr den Unterschied zwischen Fantasie und Lüge nie beigebracht, weil ich ihn selbst nicht kenne. Vielleicht ist unser Spiel keine Lüge, vielleicht ist es eben das: ein Spiel. Vielleicht eher eine Flucht. Eine sinnvolle vielleicht sogar. Vielleicht ist es Theater, was wir hier machen und weder Flucht noch Lüge. Vielleicht ist es alles zusammen.


Leonore krabbelt in das Zelt und ich sage ihr: “Wir bleiben drinnen, aber die ganze Welt ist hier bei uns. Wir können alles neu erfinden. Wir können Königinnen eines Reiches sein. Wir können Schlachten schlagen gegen unrechtmäßige Herrscher und dann selbst den Thron besteigen. Wir stellen die Regeln auf.” Ich glaub, das hilft. Selber Regeln aufstellen. Das ist gut gegen das Ohnmachtsgefühl. Glaube ich. Hoffe ich. Es ist, als hätte man plötzlich Macht, aber eine, die man sich selbst verliehen hat. Es fühlt sich kurz an, als würden wir das Draußen nicht brauchen. Für einen kurzen Moment sind wir herausgelöst aus der Welt und solange wir weiterspielen, kann uns die Realität nichts anhaben.


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